Sexismus auf dem roten Teppich

Baby, du siehst großartig aus

Von Jennifer Wiebking
 - 17:56

Bei den Screen Actors Guild Awards in Los Angeles am Sonntag vor zwei Wochen schien dann alles wie immer. Margot Robbie trug ein Kleid von Miu Miu, blasspink mit Strass und Federn, Reese Witherspoon eine Robe in Grün mit herabgesetzten Ärmeln, die ihre Schultern besonders betonten. Kristen Bell trug J. Mendel, fuchsiafarben. Und so weiter. Im Gespräch mit dem Branchenorgan der Mode, „Women’s Wear Daily“, schwärmte die Schauspielerin Laura Dern vom roten Teppich aus freiwillig von ihrem Kleid. Dior Couture, sie sei ein großer Fan der Designerin Maria Grazia Chiuri. Was für ein Privileg es sei, heute ihr Kleid tragen zu dürfen. Natalia Dyer, ebenfalls in Dior, sah das genauso. Wie sehr sie das Kleid liebe, besonders die aufgestickten und aufgemalten astrologischen Symbole. Ach ja, Astrologie, ohnehin ein faszinierendes Thema, erklärte Natalia Dyer bei der Gelegenheit. Sie sei übrigens Steinbock.

Alles also wie immer? Wie immer belanglos? Hat Hollywood dieser Tage nicht eigentlich Wichtigeres zu besprechen? Sollte diese Award-Saison, die Anfang Januar mit den Golden Globes begonnen hat, nicht anders sein? Das versprachen ja zumindest die flammenden Reden an jenem Abend des 7. Januar. Die Kleider in der Einheitsfarbe Schwarz. Die Aktivistinnen, die als Begleitung der Schauspielerinnen kamen. Nicht erst seit in den Vereinigten Staaten etliche Schauspielerinnen die schweren Vorwürfe gegen Harvey Weinstein erhoben haben, nicht erst seit „Me too“ ein Thema ist, aber seitdem besonders, stellt sich schließlich auch die Frage: wie umgehen mit dem Auftritt auf dem roten Teppich? Zeichnet sich dort nicht ein furchtbar veraltetes Frauenbild ab? Schauspieler, die Smoking tragen, die alle gleich aussehen, und im Smalltalk Anekdoten über ihren neuen Film erzählen. Schauspielerinnen, die wiederum schöne Kleider tragen, vornehmlich Prinzessinnenkleider, und darüber ausgefragt werden, über ihr Sportprogramm, ihren Ernährungsplan, wie sie es eigentlich schaffen, so toll auszusehen.

Von Gleichberechtigung noch keine Rede

Die deutsche Schauspielerin Anna Brüggemann schrieb dazu jetzt einen offenen Brief. „Die Gleichberechtigung ist auf dem roten Teppich noch nicht angekommen“, steht darin. Das Frauen- und auch Männerbild erinnere sie an jenes der fünfziger Jahre. Brüggemann kam dazu auf den Hashtag #nobodysdoll, mit dem es nun in diese Berlinale gehen soll.

Wie es laufen könnte, ob sich überhaupt etwas ändert, sieht man dieser Tage schon in den Vereinigten Staaten, wo gerade eine Preisverleihung auf die nächste folgt, Veranstaltungen, die erst mal nicht so viel mit dem wahren Leben zu tun haben. Eine Branche, deren Größen sich untereinander Preise verleihen, und die ganze Welt nimmt teil. Geht das noch, wenn das Ganze nicht mehr maximal glamourös ist? Es ist das Konzept dieser Phantasie-Welt. Ist die Zeit reif für Frauen, die in dieser großen Nummer nicht die Rolle der Puppe einnehmen? Die, wenn sie mögen, Jeans und T-Shirt tragen?

Der Mode werden Frauen wie Puppen und der makellose Auftritt jedenfalls bislang ganz gut gepasst haben. Wenn Modehäuser einer Schauspielerin oder einem Schauspieler etwas zum Anziehen leihen, dann kaum, weil es sich bei diesen Organisationen um gemeinnützige Stiftungen handelt, die berühmten Menschen etwas Gutes tun wollen. In der Regel haben die Marken mit jenen, die sie ausstatten, jahrelange Verträge geschlossen, es fließt viel Geld in der Erwartung, dass er oder sie dann doch, bitte schön, im Gespräch mit den Medien mal das Kleid oder den Anzug thematisiert. Für die Mode ist das seit langem ein wichtiges Geschäft. Die Chancen sind einfach zu groß. So ein Auftritt kann den Wert einer Marke vielfach steigern, anders als das jemals mit einem guten Laufsteg-Moment, einem Anzeigenmotiv zu machen wäre.

„Wie echte Frauen gerne aussehen.“

Ein Kleid an einem Star kann über Nacht um die Welt gehen und entsprechend verstanden werden. Mit dieser Phantasie-Welt – große Show, großer Glamour – sind schließlich besonders viele Menschen vertraut. Darum soll es ja bei so einem Auftritt auf dem roten Teppich auch gehen – für alle Beteiligten: in kurzer Zeit möglichst viele erreichen. Auf die Frage, inwiefern sich ein Make-up für so einen Red-Carpet-Anlass besonders auszeichne, sagte die Star-Visagistin Charlotte Tilbury dem F.A.Z.-Magazin im vergangenen Herbst: „Es ist so, wie echte Frauen gerne aussehen.“ Gerne aussehen wollen.

Nach gängigen Schönheitsidealen ist das bislang noch: perfekt. Immerhin, und das ist tatsächlich ein Fortschritt, gibt es mittlerweile ein paar mehr Definitionen von „perfekt“. Männer mögen zu den wichtigen Anlässen nur die Auswahl zwischen dem einen und dem anderen Smoking haben. Frauen hingegen können nicht nur zu Kleidern greifen, die tiefere und weniger tiefe Ausschnitte haben, mit Ärmeln versehen oder trägerlos sind, mit oder ohne hohe Schlitze, sondern zumindest auch zu Hosen, wie sie zum Beispiel Angelina Jolie schon 2001 zu den Oscars trug. Eine Schauspielerin riskiert auch längst keinen Verriss mehr, wenn sie im Einteiler kommt, siehe Julia Roberts anlässlich der SAG-Awards im Jahr 2015 oder Lady Gaga zu den Oscars 2016. Sicher ist das keine Red-Carpet-Revolution. Flache Schuhe sind zum Beispiel als Option längst überfällig. Auf den Laufstegen verzichten schon jetzt immer mehr Designer zur Inszenierung ihrer Entwürfe auf High Heels. Und auch Meghan Markle trug neulich zu einem offiziellen Termin Jeans und Stiefeletten, für eine Prinzessin oder eine, die es werden will, eigentlich ein großes No-go.

Die Tücken des roten Teppichs

Klar, Meghan Markle spielt trotzdem ihre Rolle, winkt brav, lässt sich von Prinz Harry sanft beim Arm nehmen, als wolle er ihr den Weg zeigen und sie zugleich beschützen. So wie eben jeder, der irgendwas darstellt, zumindest zum Teil in seiner Rolle bleiben wird und das auch über seine Kleidung zeigt. Vielleicht kann einem Kleidung, in der man sich wohlfühlt, in solchen Situationen sogar helfen. Als Anwalt oder Anwältin, als Lehrer oder Lehrerin, als Braut oder Bräutigam, als movie star, männlich, weiblich.

Selbstverständlich bleibt die Frage Who are you wearing? trotzdem absurd. So wie überhaupt die Tatsache, dass da jemand über einen roten Teppich läuft, von allen Seiten fotografiert und angeschrien wird, bitte hier lächeln, bitte dort hinschauen.

Dabei soll der rote Teppich der Legende nach tatsächlich mal eine echte Funktion gehabt haben. Als Wegweiser für die Stars vom Auto bis zum Eingang in den frühen Oscar-Jahren. Je mehr sich die Prominenten-Kultur etablieren konnte, umso wichtiger wurde er als Ort, um dort ein Autogramm zu bekommen, einen Star zu sehen. Die erste Oscar-Preisträgerin in der Kategorie Beste Schauspielerin war übrigens Janet Gaynor, 1929 – und sie war nicht aufgestylt. Dass sie gewinnen würde, hatte man ihr schon zuvor zugetragen, aber weil sie mitten in Dreharbeiten steckte und ihre Arbeitstage um 5 Uhr morgens begannen, fehlte die Zeit. „Ich wollte erwachsen und kultiviert aussehen“, sagte sie später in einem Interview. „Hätte ich geahnt, was aus der Veranstaltung werden würde, wäre ich sicher überwältigter gewesen.“ Die erste Schauspielerin, die sich dann ausstatten ließ, hieß Audrey Hepburn, 1954, von Hubert de Givenchy. Es dauerte weitere 41 Jahre, bis die legendäre Entertainerin Joan Rivers auf die Frage kam: Who are you wearing? Zu dem Zeitpunkt setzte der Auftritt auf dem roten Teppich schon ein tagelanges Schönheitsregime voraus. „Die anderen Reporter sagten, so eine Frage würden sie nicht stellen“, erzählte Rivers mal „Vanity Fair“. „Sie würden die Schauspielerinnen nach ihrer politischen Haltung fragen. Aber das wollen Schauspieler in diesem Moment doch gar nicht hören. Sie sind aufgeregt. Sie haben drei Tage lang nicht gegessen. Ihre Haare werden von Extensions zusammengehalten. Man kann ihnen in diesem Moment keine schwierigen Fragen stellen.“

High-Heel-Pflicht bleibt bestehen

Lassen wir das jetzt hier mal so stehen. Immerhin wird auf die Frage, wer denn für das Kleid verantwortlich sei, bei dieser Gelegenheit nun keine Schauspielerin mehr Marchesa antworten müssen. Denn die Noch-Ehefrau von Harvey Weinstein unterhält ja bis heute zufällig ein Label für Abendkleider, das für den Film-Mogul seit Bestehen 2004 nur ein weiteres Mittel war, um die Schauspielerinnen, die in seinen Filmen auftraten, unter Druck zu setzen: Marchesa habe jede mal auf dem roten Teppich tragen müssen, im Rahmen der Promo-Tour für die Filme. Felicity Huffman und Sienna Miller haben bestätigt, dass sie dazu gezwungen wurden. Als wären sie, schlimmer als seine Puppen, seine Marionetten. Seit dem Sturz von Weinstein zeigte sich jedenfalls keine einzige Schauspielerin mehr bei einem offiziellen Anlass in einem Kleid dieses Labels. Stattdessen tragen sie jetzt mal alle Schwarz oder, wie bei den Grammys in New York am vergangenen Sonntag, weiße Rosen. Protestfarben und Symbole, um auf die Machtverhältnisse im Showgeschäft aufmerksam zu machen. Nichts Großes, kein Red-Carpet-Boykott. Denn wenn es nur um die Ehrung untereinander gehen würde, könnten sie ja auch die Hintertür nehmen.

Deshalb ist spannender als die Frage, ob es eine Aktion zu den Oscars geben wird, auch jene, wie man im Mai in Cannes mit der Frage des überholten Rollenbildes auf dem roten Teppich umgehen wird, anlässlich der Filmfestspiele. Dort, wo noch immer High-Heel-Pflicht herrscht. In jenem Land, in dem sich in einem offenen Brief hundert Frauen gegen „Me too“ ausgesprochen haben.

Schauspielerinnen wirken wie Puppen

Wie Puppen kamen die Schauspielerinnen aber auch am Sonntagabend vor zwei Wochen, anlässlich der SAG-Awards nicht rüber. Sie mögen ihr Sprüchlein zum Designer aufgesagt haben, wie Natalia Dyer und Laura Dern. Wobei auch das ganz ernst gemeint sein kann, schließlich ist Maria Grazia Chiuri bei Dior eine der wenigen Designerinnen, die sich des Missstands der benachteiligten Frauen auch in der Mode annimmt – sofern das mit Luxusmode geht. Diese Schauspielerinnen mögen also ein bisschen über Astrologie parliert haben, aber dazwischen unterbrachen sie sich gegenseitig, lachten miteinander. Sie schreiten in dieser absurden Situation nicht mehr nur den roten Teppich hinunter und lächeln. Sie machen das jetzt zusammen. Nicole Kidman feiert in dieser Award-Saison ihre Freundschaft mit Reese Witherspoon direkt an Ort und Stelle. Vor den Kameras.

Oder Susan Sarandon und Geena Davis, auch bekannt als „Thelma & Louise“ in dem gleichnamigen Film. Als Davis bei den SAG-Awards gerade im Gespräch mit „Women’s Wear Daily“ war, kam Sarandon um die Ecke, mit Sonnenbrille à la Louise. „Baby, bitte komm, unterbrich mich. Du siehst großartig aus“, rief Davis. „So do you, doll!“, antwortete Sarandon: „Ich habe deinen Film gesehen. Du warst phantastisch.“

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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