Anzeige

Italienische Mode

Herr Zegna nimmt Maß

Von Stephan Finsterbusch
 - 22:22
Ermenegildo Zegna beim Interview in Frankfurt Bild: Helmut Fricke, F.A.Z.

Eine gute Idee, ein robuster Plan und die Entschlossenheit, ihn wirklich durchzuziehen. Ermenegildo Zegna pflegt klare Ansagen zu machen. Gerade war er in China, jetzt ist er in Deutschland, gleich geht es weiter nach Italien, Frankreich, Amerika und wieder zurück. Immer auf dem Sprung, immer auf den Spuren des nächsten Trends. „Timing“, sagt er, „ist in der Mode alles. Timing und Disziplin. Ohne die geht gar nichts.“ Das vergangene Jahr war hart, dieses Jahr wird besser. „Wir wachsen wieder.“ Die Wende ist geschafft und Zegna wieder im Aufwind.

Anzeige

Seit ziemlich genau zwanzig Jahre steht er nun an der Spitze der Firma seiner Familie. Sein Großvater hatte sie als Weberei vor mehr als hundert Jahren gegründet. Dessen Söhne bauten sie aus. Sie boten neben feinem Tuch erstmals auch Anzüge an. Sie machten aus ihrem Namen eine Marke. Heute ist sie milliardenschwer und in der dritten Generation. Sie hat ihre eigene Farm und ihre eigenen Schafe, betreibt Spinnereien, Webereien, Schneidereien und Nähereien, hat Hunderte Läden, einen florierenden Online-Auftritt und ist auf allen wichtigen Märkten der Welt vertreten. Robert de Niro wirbt für sie, Robert Downey und Kevin Costner tragen ihre Anzüge.

Zegna liefert alles aus einer Hand. „Vom Schaf bis zum Shop“, wird der amtierende Chef des Hauses am Ende eines anderthalbstündigen Gesprächs sagen. So könne er sicher sein, dass er die Qualität liefere, die seine Kunden wollen, erwarten und auch bezahlen. Ob Sportliches oder Formelles, ob zeitlos schicker Stil oder vom Zeitgeist getriebener Trends. Ein maßgeschneidertes Stück aus dem Hause Ermenegildo Zegna kann rasch mehr als 5000 Euro kosten. Mode für die Gutbetuchten.

Zegna sitzt am Frühstückstisch eines Frankfurter Hotels. Leichter brauner Anzug, schwarze Schuhe, dunkelblaues Einstecktuch und eine passende Krawatte aus roher Seide. Unter dem Knoten ist mit goldenem Garn ein kleines Schaf gestickt. Das Zeichen der Merino-Farmer in Australien. Am Abend vorher trug er die rote Krawatte mit der Mohair-Ziege. Zegna selbst hat Tausende Tiere. Er macht seine Wolle selbst. Vor ihm stehen ein großes Glas Wasser und ein kleine Tasse Kaffee. Ein Schluck, dann legt er los: „Mein Vater“, sagt er, „hatte diesen Hang zu Deutschland. Er las Kant und Goethe und schickte mich mit siebzehn in ein Camp nach Bayern. Ich sollte Land und Leute kennenlernen, spreche die Sprache auch immer noch ein wenig und bekam damals eine gute Portion Disziplin verpasst.“ Jeden Morgen musste er durch einen See schwimmen. Große Runde, eiskaltes Wasser. „Erst war es schwer, dann gewöhnt man sich daran, und schließlich will man es nicht missen.“ Es härtet ab. „Heute hilft mir das“, sagt er.

Anzeige

Seine Tage sind voller Termine. Er arbeitet sie ab. Punkt für Punkt. Wie am Fließband. Hochkonzentriert, kaum eine Pause. „Verglichen mit dem, was vor zwanzig Jahren war, ist das Business völlig anders geworden.“ Schneller. Härter. Unerbittlicher. Mode ist ein Milliardengeschäft und Erfolg eine Frage der richtigen Mischung aus Verstand und Gespür. „Man darf sich davon in seinen Entscheidungen nicht verunsichern lassen. Man muss sich einen Missgriff rasch eingestehen, um ihn umgehend zu korrigieren.“ Als Zegna vor etwa zwei Jahren merkte, dass mit dem Sprung der Firma über die Umsatzhürde von einer Milliarde Euro sein Geschäft zu rasch gewachsen, der Dresscode der Business-Community mit Anzug, Schlips und Kragen nicht mehr das alleinige Maß der Dinge und die Stammkundschaft in ihren Ansprüchen lockerer und legerer geworden war, warf er das Steuer herum. Neue Schnitte, neue Stoffe und vor allem ein neues Marketing. „Wir sind Gott sei Dank nicht an der Börse, sind eine private Company und kontrollieren alle Anteile.“ Das lasse ihn frei entscheiden.

„Doch wir leben in Zeiten von Innovationen, die alles erschüttern“, sagt er. Und das bringt Zwänge mit sich. Das Internet, die Digitalisierung, die Globalisierung. Die Welt sei in Bewegung, der nächste Trend nur einen Mausklick entfernt. „Mein Vater hatte in den sechziger Jahren nach langem Experimentieren einen unglaublichen Stoff entwickelt. Er nannte ihn Centoventi Miglia, Hundertzwanzig Meilen.“ Das Garn sei so fein gewesen, dass man mit nur einem Kilogramm der Wolle einen Faden vom Zegna-Hauptsitz im piemontesischen Städtchen Trivero nach Mailand auslegen konnte – und das sind genau hundertzwanzig Kilometer. Der Stoff galt als Sensation. Er war faktisch der Startschuss der Branche im Rennen um superfeine, superteure Anzugstoffe. Heute, sagt Zegna, müssen sich die Firma quasi ständig neu erfinden.

Zegna erfindet gerade seine Firma neu

Seine Kunden sind gut situiert, stilbewusst, geschäftstüchtig und weltgewandt. Egal ob Europäer, Chinesen oder Amerikaner. Die neue globale Mittelschicht hat ganz eigene Ansprüche. „Wir haben mit Techmerino ein Material entwickelt, das dem entgegenkommt.“ Ein wasserdichter, atmungsaktiver Stoff. Gemacht aus der Wolle von Merino-Schafen und einem ordentlichen Schuss Hightech. Er knittert nicht, er verzieht sich nicht, er ist in jeder Waschmaschine waschbar. „Mit Schleudergang“, sagt Zegna und lacht. „Sie können ihn rausholen, über Nacht trocknen lassen und am nächsten Morgen wieder anziehen. Bügelfrei.“ Daraus lässt Zegna Anzüge, Jacken, Hosen, Geschäfts- und Freizeitkleidung machen. Die ganze Palette, das volle Programm. Klassische und moderne Schnitte, sanfte Linien und scharfe Silhouetten, Anzüge in der klassischen italienischen Bauart: soft und sanft. Mit Alessandro Sartori holte er sich vor anderthalb Jahren einen Kreativchef, mit dem er sich, wie er sagt, „blind versteht“. Zegna erfindet gerade seine Firma neu, Sartori liefert Schnittmuster dazu.

Wie Zegna ist er ein Kind des Piemont, wie Zegna verbrachte er seine Lehrjahre in Trivero. Während Zegna in London und Boston die Lehre der Wirtschaft studierte, lernte Sartori in Mailand die Kunst des Designs. Er baute für die Zegnas eine sportliche Modelinie auf und ging dann eigene Wege. Zegna machte die Firma seiner Familie, Sartori die Marke Berluti groß. Vor zwei Jahren trafen sie sich wieder. Bei einer teuren Flasche Wein schlossen sie vor zwei Jahren einen neuen Pakt. Heute sind sie wieder ein Team. Der eine macht die Mode, der andere das Geschäft, der eine hat die Ideen, der andere den Plan.

Quelle: F.A.Z.
Stephan Finsterbusch
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKevin CostnerDeutschlandItalienErmenegildo Zegna

Anzeige