Meine Wahl - Teil 5

Die ewige Eintagsfliege

Von Marlene Grunert
 - 09:51

Herr Lauterbach, wie sind Sie zur Fliege gekommen?

Bis 1988 habe ich nie eine Fliege getragen. Dann kam ich nach San Antonio in Texas und war in der Unfallchirurgie tätig. Dort mussten Ärzte und Studenten entweder Krawatte, Fliege oder Lederamulett tragen. Das Amulett sah nach New Age aus, und die Krawatten hingen ständig in den Wunden der Patienten. So kam ich aus Verlegenheit zur Fliege. Mit der politischen Laufbahn hatte das nichts zu tun. Ich bin ja erst 2005 in den Bundestag gewählt worden.

Welche Fliegen sind Ihnen am liebsten?

Anfangs habe ich noch bunte und modische Fliegen getragen, davon bin ich aber abgekommen. Nur im Wahlkampf trage ich eine rote Fliege, um mich meiner Partei zugehörig zu erklären. Da hat die Fliege Symbolkraft. Ansonsten ziehe ich dezente Fliegen vor - dunkle, nicht schwarz, aber auch nicht glänzend. Fliegen müssen bescheiden und matt sein. Glanzfliegen haben etwas Prätentiöses. Für mich ist die Fliege ein praktisches Accessoire, aber sie ist nichts, was ich nutzen würde, um Stil zu produzieren.

Warum tragen Männer kaum noch Fliegen?

Erklären kann ich mir das gut, denn es wird ja auch immer weniger Krawatte getragen. Die Fliege ist ja noch etwas altmodischer. Man würde also meinen, dass der altmodischste Teil der Herrenbekleidung zuerst weicht. Das macht mir aber nichts aus. Wenn man hier und da eine altmodische Position hat oder ein altmodisches Accessoire trägt, muss das nicht falsch sein. Ich bin gerne altmodisch.

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Inwiefern sind Ihre Positionen altmodisch?

Ich höre immer wieder, dass es nicht mehr auf Umverteilung ankommt, dass das altes Denken aus der Zeit des Klassenkampfes ist. Ich habe selbst noch bei dem Rechtsphilosophen John Rawls studiert. Er hat Gerechtigkeit immer stark unter dem Aspekt der Verteilung betrachtet. Heute ist es dagegen modern zu sagen: Über diese Verteilungsfragen kommen wir hinweg. Es kommt nur darauf an, dass wir uns auf Chancengleichheit konzentrieren, also Hilfe zur Selbsthilfe. Ich glaube aber, dass die altmodischen Gedanken der gerechten Verteilung der Lasten nach wie vor richtig sind. Gleiches gilt für die Unterstützung von Armen durch die Reichen. Das steht für mich nicht im Widerspruch zu einer modernen Weltsicht.

In unserer modernen Welt hat Donald Trump der Krawatte zu neuer Prominenz verholfen. Schon mal überlegt, das Accessoire zu wechseln?

Eine dezente Krawatte schmückt ebenfalls. Und dass bei Trump alles Übergröße haben muss, um mit seinem aufgeblasenen Ego mithalten zu können, ist nicht weiter überraschend. Ich glaube aber nicht, dass er der Krawattenindustrie damit einen Gefallen tut.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Grunert, Marlene
Marlene Grunert
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