Möbel aus einem Guss

Vom bunten Plastikeimer zum Designobjekt

Von Tobias Piller, Rom
 - 12:42
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Vor 50 Jahren produzierte Kartell noch bunte Eimer und Schalen für die Küche. Heute hat die Firma auf der größten Messe für Designmöbel der Welt in Mailand einen der großen Stände und in der Branche eine beneidenswerte Ertragskraft. Das Unternehmen mit Sitz wenige Kilometer südlich von Mailand, neben der Autobahn nach Genua, stellt selbst nach den etwas reduzierten italienischen Maßstäben nur einen sehr kleinen Mittelständler dar. Doch auf der Messe sind auf den 1100 Quadratmetern von Kartell elf der bekanntesten Designer zu finden, von Philippe Starck bis Patricia Urquiola.

Dass ein immer noch relativ kleines Unternehmen mit einem Jahresumsatz in der Größenordnung von 114 Millionen Euro und 100 Mitarbeitern mit solchen Weltstars zusammenarbeiten und zudem den Weltmarkt bedienen kann, ist aus der Sicht des Inhabers Claudio Luti nur in der Umgebung von Mailand möglich: "Mailand bietet Inspiration für Kreativität", sagt Luti dieser Zeitung. Und im Cluster der Möbelindustrie in der Umgebung könne er viele kleine spezialisierte Unternehmen finden, die wichtige Aufgaben als Zulieferer übernähmen, aber auch bereit seien, Absatzrisiken für neue Produkte mitzutragen.

Stardesigner, neue Materialien und industrielle Fertigungsmethoden hat der heute 69 Jahre alte Claudio Luti zu einer Erfolgsformel kombiniert, nachdem er 1988 das Unternehmen seinem Schwiegervater Claudio Castelli abkaufte. Der war Chemieingenieur und hatte 1949 das Unternehmen mit einem Phantasienamen gegründet. Zunächst produzierte er Haushaltsutensilien oder Lampen aus Plastik, die immer von namhaften italienischen Designern gestaltet waren und auch in New Yorker Ausstellungen als Inbegriff italienischen Geschmacks gezeigt wurden. In den achtziger Jahren hatte Kartell jedoch zunächst seine Dynamik verloren. Die brachte dann Luti mit, der sich elf Jahre lang als Geschäftsführer bei Versace in dem damals noch jungen Modehaus um Wachstum und Gewinn gekümmert hatte. Der Zugang zur Mailänder Welt von Mode und Design war für Luti damit selbstverständlich, denn er gehörte selbst dazu.

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Designobjekte aus einem Guss und zu bezahlbaren Preisen

Die zündende Idee für den Neustart von Kartell waren Stühle aus einem neuen Polycarbonat, die nicht so verkratzen wie Plastik aus früheren Zeiten. Diese Stühle entstehen mit einem industriellen Produktionsverfahren, oft in einem einzigen Arbeitsschritt, und sind damit zu Designobjekten mit bezahlbarem Preis geworden. Zugleich hatte Luti die Möglichkeit, mit dem neuen Material durchsichtige Stühle zu lancieren. Die passen in jede Umgebung, oder sie können mit ihren Formen opulente Barockmöbel nachahmen und trotzdem modern bleiben wie das transparente Erfolgsprodukt "Louis Ghost". Für die Kombination von Design und industriellen Fertigungsmethoden braucht Luti erfahrene Designer - ein Grund mehr, gleich mit großen Namen wie Philippe Starck zu beginnen. Die inzwischen gesammelten Erfahrungen verkörpert aus der Sicht von Luti der Vergleich zwischen den ersten Stühlen von 2001 mit einem Gewicht von drei Kilogramm und dem bisher größten Produkt, einer dreisitzigen Couch mit 30 Kilogramm, die weiter aus einem Guss besteht.

Die Möbelmesse in Mailand war für Luti seither immer die Gelegenheit, mit neuen Formen und Farben zu experimentieren. Er plant den Messeauftritt gleichzeitig mit seinen neuen Produkten, um einen Auftritt aus einem Guss zu kreieren. Für 2016 bekamen elf Stardesigner jeweils eine eigene Insel mit Neuheiten und Klassikern. Anderswo könnte ein Blick zurück als Zeichen von Stillstand gedeutet werden, doch gerade in diesem Jahr zeigen Luti und Kartell auf der Messe und im Zentrum von Mailand die Vielfalt neuer Entwicklungsrichtungen für das Designunternehmen mit dem schnöden Material Kunststoff: An unterschiedlichen Orten gibt es Badartikel, die Ausstattung für den festlichen Esstisch, Lampen, Zimmerdüfte, Schaukelpferde für Kinder, daneben große Installationen in der Modestraße Via della Spiga, bei Eataly oder im teuren Delikatessentempel "Peck".

Im Notfall kann man den Stuhl auf den Kompost werfen

Zugleich zeigt Agnelli-Erbe Lapo Elkann im Kaufhaus "Rinascente", dass man mit seinen Folien nicht nur Autos dekorieren kann, sondern Stoff- und Farbmuster auch auf die Stühle von Kartell auftragen kann. Mit dem Designer Antonio Citterio wurde ein neuer Stuhl aus Naturfasern entwickelt, der im Notfall auch auf den Kompost geworfen werden könnte. Zudem hat Kartell sein früher eher kleines Verkaufsnetz auf 130 eigene Geschäfte und 250 Markenstützpunkte in größeren Geschäften ausgebaut. Nun beginnt das Unternehmen zudem, seine Produkte über das Internet zu verkaufen und gewerbliche Objekte auszustatten.

Mit diesen Voraussetzungen sei es leicht, große Sprünge im Umsatz anzustreben, sagt Claudio Luti. Doch er gibt sich vorsichtig, denn neue Produkte bedeuten für Kartell regelmäßig große Investitionen in Gussformen, die sich nur mit großen Stückzahlen und jahrelanger Produktlaufzeit rechnen. "Mehr als der Umsatz interessiert mich der Ertrag", sagt Claudio Luti daher. Tatsächlich konnte er auch in Krisenzeiten der italienischen Möbelbranche immer satte Gewinne vorweisen. Zuletzt hat er mit 114 Millionen Euro Umsatz ein Betriebsergebnis von 35 Millionen Euro und einen Nettogewinn von rund 20 Millionen Euro erwirtschaftet. Das sind Margen, die eher edlen Luxusmarken ähneln als denjenigen der zuletzt krisengeschüttelten italienischen Möbelbranche.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Piller, Tobias (tp.)
Tobias Piller
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.
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