Max-Mara-Chefin Laura Lusuardi

Die Frau und der Mantel

Von Jennifer Wiebking
 - 11:22
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Ein einziger Mantel kann vielen Frauen stehen. Großen, kleinen, dicken, dünnen. Jahrzehnte können dazwischenliegen, der Mantel bleibt. Er kleidet drinnen wie draußen, im Frühjahr, im Herbst, im Winter. Hat Laura Lusuardi alles schon erlebt. Kaum ein Mensch auf der Welt wird einem einzigen Kleidungsstück in seinem Leben so viel Zeit gewidmet haben wie Laura Lusuardi diesem Mantel. Dabei hat sie ihn gar nicht entworfen. Sie dokumentiert trotzdem weiter, in München, New York, Mailand.

An diesem späten Nachmittag sitzt Laura Lusuardi in der Bibliothek der Modemarke Max Mara in Reggio Emilia, der beschaulichen Hauptstadt der italienischen Provinz Emilia Romagna. Sie beugt sich über ein selbstgebundenes Buch und blättert von einer Seite zur nächsten. Auf jeder Seite ist ein von ihr selbst gemachtes Foto zu sehen. Stets ist es der gleiche Mantel, Kennzeichnungsnummer 101801, die Max-Mara-Ikone. Auf den Bildern tragen diese Ikone Frauen, die über die Straße hetzen, die mit schweren Taschen auf dem Weg in einen Laden sind, die Richtung Gate am Flughafen eilen oder bei einem Event drinnen stehen, im Warmen.

Wenn Laura Lusuardi ihnen begegnet, zückt sie ihr Mobiltelefon und tippt auf Fotoaufnahme. Sie lässt es bei zwei Apps bewenden: Instagram und Whatsapp. Pinterest sei ihr wichtig, sagt sie, aber ohne Kamerafunktion geht gar nichts. „Man muss schnell sein“, sagt Laura Lusuardi. „Ich will jede fotografieren, die ich sehe. Die hier zum Beispiel, die rennt vor mir weg, eine Frau auf einem Vintage-Markt in Moskau.“ Manchmal merken die Frauen im Mantel, dass sie abgelichtet werden, oft gehen sie einfach weiter. Laura Lusuardi muss nicht nachfragen, einen Max-Mara-Mantel erkennt sie von weitem. „Ich bin nicht die einzige, die das kann“, sagt sie. Typisch Laura Lusuardi, so bescheiden. Sie war schließlich bei seiner Geburt dabei, damals, im Jahr 1981.

Es passt schon, dass man diese Frau in der Bibliothek des Hauses trifft, dass sie zunächst einmal die Bücher-Sammlung zeigen will, Tausende Werke und 350 verschiedene Magazin-Titel, die sie hier archivieren. Auf dieser Grundlage hat sich Lusuardi in früheren Jahrzehnten an ihr Thema herangetastet, daran, was die deutsche Frau ausmacht, die chinesische, die amerikanische. Denn Laura Lusuardi ist mehr als eine Modechefin von Max Mara. Sie ist die Mutter der Mäntel und hütet das Erbe der Mode. Das geht selbst hier, an diesem Ort, über dessen Hügel und Felder die Sonne im Spätherbst ein goldenes Licht wirft, der vor allem berühmt ist für Parmesankäse, für Balsamicoessig, für Parmaschinken - und erst dann für Kamelhaarmäntel.

Laura Lusuardi kann an diesem malerischen Ort auf eine lange Karriere zurückblicken, wobei es für sie noch keinen Anlass zur Rückschau gibt. Seit 53 Jahren, seit 1964, ist sie bei Max Mara tätig. In der flüchtigen Mode, in der Designer so schnell das Haus wechseln wie Fußballprofis den Verein, ist das eine halbe Ewigkeit. Keiner kennt eine einzige Marke besser. Nicht mal Karl Lagerfeld, der erst ein Jahr später, 1965, zu Fendi kam.

Noch heute nimmt sie ihren Job ernst - und lichtet jeden Max-Mara-Mantel ab. „Hier: die italienische Journalistin Tiziana Cardini, hier Carine Roitfeld.“ Da klingelt schon wieder ihr Handy, auf dem Display erscheint der Name Fede, ihre Tochter. Sie hebt ab, sagt zwei Sätze, legt wieder auf, und weiter. In dem Moment stoßen die Perlen ihrer Ohrringe an die dicke Kette, die sie aus China hat (überhaupt ist sie eine große Schatzsucherin). Dazu trägt sie ein graues Kostüm und graue Loafer.

Mit Stil die Karriereleiter hinauf

Es war die Art, wie sie sich kleidete, die ihr bei Max Mara zu einer Chance verhalf, damals in den Sechzigern. Seit 1911 führte ihr Vater in Reggio Emilia eine Stoffhandlung. Zu Beginn der fünfziger Jahre wurde daraus eine Schneiderei, und zum Ende des Jahrzehnts war er ein guter Kunde eines gewissen Achille Maramotti, der 1951 die Marke Max Mara gegründet hatte - benannt nach einem stilvollen Bewohner der Stadt namens Max und der Kurzform des Nachnamens Maramotti.

Laura Lusuardi wuchs mit Mode auf. Als es im Alter von 18 Jahren, 1964, um einen Job ging, stellten sich Vater und Tochter gemeinsam bei Maramotti vor. „Ich war sehr schüchtern und total ahnungslos“, sagt Lusuardi. „Aber zugleich hatte ich eine große Leidenschaft für Mode. Signore Maramotti hat das gesehen.“ Er verschaffte dem Mädchen eine Anstellung als Assistentin der Schnittmacher. „Es galt zuzuschauen und zuzuhören.“ Und Kaffee zu machen. „So wie damals in der Schneiderei meines Vaters.“ Es war zugleich das Jahr, in dem Achille Maramotti eine jüngere Linie lancierte. Der Name: Pop. „Ich war das Mädchen, das sich genau so angezogen hat.“ Ihr Look war Teil ihres Glücks. Als aus Pop 1969 Sportmax wurde, stieg Lusuardi auf zur Chefdesignerin.

Ihr Stil und ihre Art passten ins Bild. Es sei Maramotti immer wichtig gewesen, dass seine Mitarbeiter offen sind. „Ich war schon damals weniger Designerin als Koordinatorin.“ Sie kannte also nach den paar Jahren nicht nur die Kundin und die Marke, sie hatte auch die Fähigkeit erworben, sich nicht aufzuspielen. „Ich konnte mit kreativen und mit Zahlenmenschen umgehen.“ Samstags half sie trotzdem weiter im Laden ihres Vaters aus. „Dort habe ich dann Max Mara verkauft“, erzählt sie und lacht.

Hätte sie sich jemals vorstellen können, im Familienbetrieb einzusteigen? „No! Bei Max Mara konnte ich mehr lernen.“ Und erfahren. Es war ja auch die Zeit der großen Umbrüche. „Die gesellschaftlichen Brüche haben meinen Job sehr verändert.“ Weil die Jugend zunehmend wichtiger wurde, kam es ja überhaupt erst zu Maramottis Initiativen für diese Zielgruppe. „1964 hat er auch seinen ersten Laden eröffnet, denn er wünschte sich den direkten Kontakt zu seinen Kunden.“ Das Geschäft legte er in seinem Heimatort an die Via Emilia, eine der alten Straßen aus der Zeit der Römer, die über 300 Kilometer von Piacenza bis nach Rimini reicht.

Achille Maramotti und die Schneidertochter Lusuardi hatten also einen ähnlichen Hintergrund. Die Mutter des Firmengründers hatte seit den dreißiger Jahren eine Schule für Schnittmacher geleitet, die Schwester brachte während des Kriegs ein Buch heraus, Anleitungen für Second-Hand-Mode. Es war die Zeit, als die Menschen noch zum Schneider gingen. Nach seinem Jurastudium wollte Maramotti Neues erfinden. Fortan sollten die Kunden ihre Kleider von der Stange kaufen. Der spanische Modeschöpfer Cristóbal Balenciaga war für ihn eine große Inspiration, die obere Mittelschicht seine Zielgruppe. Laura Lusuardi war die Frau, auf die er sich bei seinem Vorhaben verlassen konnte. Und die nächste Generation der Maramottis, die Söhne Luigi und Ignazio und die Tochter Ludovica, kümmern sich heute darum, dass das Familienunternehmen in globalisierten Zeiten Schritt hält.

Endlich koreanische Kleidung suchen

In diesen Wochen zum Beispiel präsentiert sich die Marke mit einer Ausstellung in Seoul - in Südkorea scheint das Interesse an Kamelhaarmänteln auch schon geweckt zu sein. Zur Ausstellung nimmt man sich nun noch einmal die vergangenen 66 Jahre der Marke vor. Laura Lusuardi freut sich auf die Reise, nicht nur wegen der Ehre. „So kann ich endlich mal nach traditionell koreanischen Kleidungsstücken suchen.“

Ihre große Leidenschaft, in vielen Ländern besondere Kleidungsstücke aufzustöbern und zu kaufen, hat Max Mara schließlich in Reggio Emilia ein dreistöckiges Archiv beschert, mit gut 20.000 Kleidungsstücken. In den Siebzigern ging die Jagd nach Originalen los, nach Seemanns-Strick aus Kopenhagen oder Jagduniformen aus Großbritannien. Lusuardi musste das alles erleben. Und kaufen. Und studieren. Und weiter reisen. Am Tag nach dem ersten Gespräch empfängt sie im Archiv, an einem mit Leder bezogenen Tisch, dessen Löcher noch an die Zeit erinnern, als sie hier Mäntel zurechtschnitten. Es ist noch vor neun Uhr, aber sie ist hellwach, obwohl es gestern beim Abendessen spät wurde. „Ich reise immer noch, und dann kaufe ich auch“, sagt sie, im Hintergrund ein meterhohes Regal mit Stoffproben, karmesinrotem Leinen, weißer Seide. Farbsystemanbieter hat man hier nicht nötig: „Pantone ist bei uns verboten. Wer eine Farbe sucht, bedient sich am Stoff.“ Wenn die Designer ein Streifenmuster brauchen, finden sie hier Dutzende. Die Hüterin der Mode aus anderen Zeiten hat alles zusammengestellt.

Fast drei Viertel der Vintage-Stücke hat sie auf ihren Reisen gesammelt, auf Märkten oder bei Fachhändlern. Als sie vor ein paar Jahren in Peking war, traf sie eine junge Frau, die sie in ihre Wohnung einlud. „Sie wohnte in nur einem Zimmer in einem riesigen grauen Gebäude. Auf dem Tisch lagen wunderbare alte chinesische Kleidungsstücke, die eigentlich in ein Museum gehören“, erinnert sich Lusuardi. „Es waren ihre Schätze.“ Den Gebäudekomplex verließ sie mit zehn Stücken. Im Laufe ihrer Karriere kaufte sie Kleider von Yves Saint Laurent, von Balenciaga, von vielen weiteren Marken. Oft fand sie erst später, bei der Recherche in den alten Magazinen im Archiv, heraus, um was es sich eigentlich handelte. Nach dem Tod von Coco Chanel erhielt Laura Lusuardi noch vor der Versteigerung Zugang zur Garderobe der Modemacherin. „Wir kauften einen Mantel, für den sich Mademoiselle Chanel von Militärparkas hatte inspirieren lassen.“

Wenn sie durch die Gänge des Archivs streift, dann zieht auch das eigene Leben an ihr vorbei. Zum Beispiel die mehr als 30 Jahre, die sie mit Anne-Marie Beretta zusammengearbeitet hat, der Designerin, die auf den berühmten Kamelhaarmantel kam. Oder die Zeit mit Carine Roitfeld, die, damals noch Chefredakteurin der französischen „Vogue“, nebenbei beratend für Max Mara tätig war und dem Haus angeblich einen Balenciaga-Mantel zur Vorlage weitergab. Die vielen Kleidungsstücke stehen auch dafür, wie sich die Mode verändert hat.

Nicht Alter, sondern der Stil bestimmt

Laura Lusuardi muss es wissen: Was ist der größte Wandel, den die Mode in ihrer Zeit erlebt hat? „Die Sache mit dem Alter“, sagt sie, ohne zu zögern. „Früher machte man Mode am Alter fest, jetzt am Stil. Eine 40 Jahre alte Frau galt in den Sechzigern als alt, in den Neunzigern schon als jung.“ Laura Lusuardi selbst war ihrer Zeit voraus. „Ich war schon 40, als mein zweites Kind, meine Tochter, zur Welt kam“, sagt sie. „Und die Stoffe und Tragbarkeit haben sich verändert. Auch unsere Mäntel sind jetzt viel leichter und trotzdem warm.“

Achille Maramotti dachte in Fragen der Mitarbeitersuche langfristig. Die Nachkommen des Unternehmers, der zu einem der reichsten Italiener wurde und 2005 starb, scheinen keinen Grund zu sehen, die Strategie zu ändern. Chefdesigner Ian Griffiths fing auch schon 1987 an und zeichnet bis heute verantwortlich. Trotzdem ist er niemand, der sich nach den Schauen in Mailand vor dem Publikum verbeugt. Hat auch Laura Lusuardi nie gemacht. Die Marke soll für sich stehen. In der selbstverliebten Modeszene ist auch das eine Ausnahme.

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Natürlich sagt Laura Lusuardi, wenn ihr etwas nicht passt, sie ist schließlich Italienerin. Aber sie denkt vor allem ans Unternehmen, nicht an sich selbst. Mit dieser Haltung hat sie bei Max Mara ihr berufliches Glück gefunden. In den siebziger Jahren stand Sportmax zum ersten Mal auf dem Plan der Mailänder Modewoche. „Von den 44 Marken, die dort gezeigt haben, gibt es nur noch drei: Armani, Versace und uns.“ Und sie. Als Jean-Charles de Castelbajac von 1975 an fünf Jahre lang als Designer für die Marke tätig war, entwarf er die eine Hälfte, die kreative. Sie die andere, die verkäufliche. Zuvor arbeitete sie mit Karl Lagerfeld zusammen. „Man musste eine Beziehung zu diesen Persönlichkeiten aufbauen.“ Nähe stellt sie auch mit einer Geste her: Sie hakt sich gerne beim Gegenüber unter.

Trotzdem wusste sie immer, was sie will. Früher stellte der Vater nach Dienstschluss Fragen. Aus Sicht eines Händlers müsste Max Mara doch dieses oder jenes anders machen. Jetzt wiederholt sich die Geschichte. „Meine Tochter arbeitet nun auch für Max Mara, erst im Flagship-Store in Paris, dann in London, jetzt leitet sie das Geschäft in Rom.“ Und nun stellt sie die Fragen. „Ein echtes Flashback. Aber sie mag Mode so gerne wie ich, sie weiß sich anzuziehen, ihr Stil ist typisch Max Mara.“ Wie könnte es anders sein? „Ich sollte es nicht sagen, aber das macht mich glücklich.“

Denkt sie nach 53 Jahren in der Firma eigentlich irgendwann mal daran aufzuhören? „Das ist ja mein Leben. Ich habe hier mehr Zeit verbracht als zu Hause“, sagt sie auf dem Weg in die Kaffeepause, denn nach dem langen Reden braucht sie einen Espresso. „Vielleicht höre ich irgendwann auf, in einem Monat, in ein paar Jahren. Wer weiß.“ So lange hakt sich Laura Lusuardi unter und macht einfach weiter.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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