Mein Stück Stoff

von KATHARINA MÜLLER-GÜLDEMEISTER (Text und Fotos)

26.09.2017 · Mit dem Kopftuch verbinden viele Menschen Rückwärtsgewandtheit und Unterdrückung. Dabei tragen junge Musliminnen ihren Hijab heute kunstvoll und selbstbewusst. Sechs von ihnen erzählen, warum sie ihren Kopf bedecken – und welche Erfahrungen sie damit gemacht haben.

Nadia Sadé Itani

24 Jahre, BWL-Studentin, Modebloggerin, geboren in Saarbrücken, ihre Eltern kommen aus Palästina.

D as weibliche Geschlecht gilt ja als das schönere Geschlecht. Die Sache mit dem Kopftuch ist, dass wir nicht auf unsere Schönheit reduziert werden sollen. Nur ist es leider so, dass man oft auf das Kopftuch reduziert wird. Vielen scheint es zu signalisieren, dass wir unter uns bleiben wollen. Aber nein! Ihr könnt uns alles fragen, was ihr wissen wollt! Eines vorweg, weil wir das oft hören: Wir duschen nicht mit dem Kopftuch, und es muss uns auch niemand retten. Es gibt Mädchen, die unterdrückt werden, aber die Mehrheit ist es nicht. Ich trage das Kopftuch aus freiem Willen. Es würde auch sonst nicht zählen, denn im Glauben darf es keinen Zwang geben.

Für Mode interessiere ich mich seit der zehnten Klasse. Ich trage gerne eine Mischung aus sportlich, lässig, elegant und contemporary. Für mich ist Mode und Glaube kein Widerspruch. Musliminnen sollen ihre Reize bedecken, aber man muss nicht unbedingt Haut oder Haare zeigen, um schön zu sein. Es kommt immer darauf an, was man ausstrahlt.

Leider können Musliminnen viele Klamotten nicht anziehen, weil sie zu kurz oder zu eng sind. Viele Oberteile gehen gerade nur bis zum Bauchnabel. Man kann natürlich was Langes drunterziehen, aber wenn es heiß ist, versuche ich, layering zu vermeiden. Man muss erfinderisch sein und zum Beispiel in der Männerabteilung suchen, weil die Sachen lockerer fallen.

Zum Glück entdecken inzwischen mehr Läden modest fashion für sich. In Malaysia, Amerika und England ist man da schon viel weiter als in Deutschland. Modest fashion ist keine religiöse Stilrichtung, aber wir können sie mit unserem Glauben vereinbaren. Oft werde ich auf der Straße gefragt, woher ich ein bestimmtes Teil habe. Auch deshalb habe ich angefangen zu bloggen. Und weil sich viele muslimische Mädchen in Sachen Mode verloren gefühlt haben.

Mittlerweile geht es mir beim Bloggen zu sehr ums Geld. Ich mache jetzt lieber Videos, um zu zeigen: Junge Musliminnen sind nicht so anders, wie viele denken. Wir haben die gleichen Sorgen, gehen gerne shoppen und lieben Selfies. Auch wenn wir Hijab tragen, sind wir ganz normale Mädels.

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Vielen scheint es zu signalisieren, dass wir unter uns bleiben wollen. Aber nein! Ihr könnt uns alles fragen, was ihr wissen wollt!
Nadia Sadé Itani

Meriem Lebdiri

30 Jahre, Modedesignerin, geboren in Algerien, aufgewachsen in Germersheim.

A ls ich sechs Jahre alt war, bin ich mit meinen Eltern von Algerien nach Deutschland gezogen. Mit elf habe ich angefangen, Kopftuch und lange Kleidung zu tragen. Ich habe mir viel anhören müssen, auch von Lehrern. Als ich einmal auf eine Frage nicht antworten konnte, weil ich gequatscht hatte, sagte einer: „Das ist das klassische Beispiel, wie das Kopftuch das Gehirn einer Frau verschließt.“ Das war für viele eine Erlaubnis, mich zu mobben. Auf dem Schulhof wurde ich bald „Tischtuch“ gerufen. Vorher war ich das Musterbeispiel für Integration gewesen.

Das alles hat mich nicht davon abgehalten, Kopftuch zu tragen, aber ich habe mich zurückgezogen. Mit zwölf Jahren fing ich an, Skizzenblöcke vollzumalen, mit Mode, die es nicht gab. Ich wollte mich wieder ausdrücken können wie früher. Für mich ist Mode ein Gefühl, das man auf dem Körper trägt.

Ich zeichnete Schlaghosen, die höher und an den Oberschenkeln weiter geschnitten waren, und Wickelröcke, bei denen man die Beine nicht sieht. Also die gleichen Trends, nur für mich optimiert. Meine Mutter hat die Entwürfe nachgenäht. Diese Klamotten haben mir mein Selbstbewusstsein zurückgegeben, ich habe mich wieder zugehörig gefühlt.

Nach der Schule habe ich eine Modedesign-Ausbildung gemacht und mit meinem Label Mizaan angefangen. Das heißt auf Arabisch Balance. Ich entwerfe modest fashion, eine Stilrichtung, die viele Einflüsse kombiniert: Orient, Okzident, Trends, Tradition. Das Kopftuch ist kein Hauptbestandteil davon, es ist eine Ergänzung. Modestfashion kann von allen getragen werden, die längere Kleidung schön finden.

Ich freue mich, dass die Stilrichtung dabei ist, Mainstream zu werden. Die Fashion Weeks in New York und London haben sich schon geöffnet. In Deutschland ist man da leider zögerlich. Oft wird nicht verstanden, dass modest fashion keine religiöse Bewegung ist, sondern eine Mode für alle Frauen, die sich fragen: Was zeige ich? Und was zeige ich nicht?


Auf dem Schulhof wurde ich bald „Tischtuch“ gerufen. Vorher war ich das Musterbeispiel für Integration gewesen.
Meriem Lebdiri

Noha Wahba

16 Jahre, Schülerin, lebt in Kairo und besucht ihre Brüder in Berlin.

J ede Frau legt das Kopftuch ein bisschen anders an. Ich habe mir Tutorials auf Youtube angeschaut und eine Art perfektioniert, die zu meinem Gesicht passt. Ich besitze ungefähr 50 Kopftücher in allen möglichen Farben und stimme sie auf mein Outfit ab. Ich habe mich vor drei Jahren entschlossen, ein Kopftuch anzulegen. Etwa 20 Prozent meiner Freundinnen tragen Kopftuch und die Hälfte der Frauen in meiner Familie. Ich mache es nicht, weil ich denke, dass ich es muss, sondern weil ich denke, dass es mir Türen öffnet. Ich glaube, dass Gott mir nichts aufträgt, das mir nicht in vielerlei Hinsicht auch zugute-kommt - zum Beispiel dass Leute mehr auf den Charakter achten, wenn es nicht nur ums Aussehen geht.

Das Kopftuch gibt mir inneren Frieden, und ich möchte nicht, dass dieses Gefühl verlorengeht. Außerdem zeige ich damit, dass ich Muslimin bin. Und ich hoffe, dass ich die Sichtweise auf den Islam verbessern kann, wenn ich ein gutes Beispiel bin. Der Islam hat durch den Terrorismus sehr gelitten. Jede Gemeinschaft hat leider auch ihre schlechten Menschen.


Das Kopftuch gibt mir inneren Frieden, und ich möchte nicht, dass dieses Gefühl verlorengeht.
Noha Wahba

Achlas Nabha

38 Jahre, Friseurin und Kopftuch-Stylistin, aufgewachsen in Ostfriesland, ihre Eltern stammen aus dem Libanon.

E s macht mich glücklich, mich unterschiedlich kleiden zu können und meinen Charakter zu zeigen. Ich trage alles: von ganz gläubig, wenn ich in die Moschee gehe, bis ausgeflippt, wenn ich ausgehe. Und wenn ich nicht will, dass mein Glaube auffällt, trage ich meine Pulloverkapuze.

Ich bin in Ostfriesland aufgewachsen und war weit und breit die einzige Ausländerin. Ich wurde „die Indianerin“ genannt, manchmal auch „die Chinesin“. Meine Eltern wollten, dass ich Kopftuch trage, und ich wollte ihnen ja auch gefallen. Aber ich war nur optisch muslimisch. Ich bin gerne Rad gefahren, damit mein Kopftuch nach hinten rutscht, und in der Schule hat mein Pony rausgeguckt.

Als ich 16 Jahre alt war, wollten meine Eltern, dass ich mich verlobe. Ich wurde einem Mann im Libanon versprochen. Damit er herkommen konnte, brauchte ich einen festen Aufenthaltsstatus und fing eine Friseurlehre an. Mein Verlobter erlaubte mir, das Kopftuch abzulegen, und meine Eltern haben sich nicht mehr eingemischt.

Das war eine Befreiung. Schon im ersten Ausbildungsjahr wurde ich für meine Leistungen mit Gold ausgezeichnet. Da waren auch meine Eltern stolz und mussten zugeben, dass ich das mit Kopftuch nicht erreicht hätte. Dann habe ich geheiratet, einen anderen Mann als meinen Verlobten, und der wollte, dass ich das Kopftuch wieder trage. Er war nur nach außen religiös und hat nie gebetet. Als ich 24 Jahre alt war, ist meine Mutter sehr krank geworden. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hat sie gefragt, ob ich das Kopftuch wieder anlege. Ich habe es ihr zuliebe gemacht.

Ich habe keine schöne Ehe gehabt. Aber irgendwann habe ich mir nichts mehr gefallen lassen. In dieser Zeit habe ich ein Buch über den Islam gelesen, das mich so fasziniert hat, dass ich mit 28 Jahren angefangen habe, den Koran zu lesen und zu beten. Der Islam gibt mir Kraft. Ich habe Zufriedenheit für mich gefunden.

Als meine Tochter neun Jahre alt war, wollte sie auch Kopftuch tragen. Ich fand das nicht gut. Sie war doch mein kleines Mädchen, und ich wollte nicht, dass sie so aufwächst wie ich. Aber sie wollte es von Herzen, und ich wollte es ihr auch nicht verbieten. Es macht sie glücklich, es zu tragen.


Dann habe ich geheiratet, (...) und er wollte, dass ich das Kopftuch wieder trage. Er war nur nach außen religiös und hat nie gebetet.
Achlas Nabha

Emine Günes

21 Jahre, Schülerin, aufgewachsen in Deutschland, ihre Eltern stammen aus der Türkei.

W enn du deinen Körper betonst, hat das Kopftuch keinen Sinn. Dann ist es haram, also verboten. Das Oberteil muss bis kurz unter die Knie gehen, die Hose darf nicht zu eng sein. Wenn man nur weite, lange Sachen anzieht, fällt das aber mehr auf. Durch den Terrorismus hat die Islamophobie in Europa zugenommen. Ich ziehe mich deswegen oft bunt und modern an und trage auch mal Leggings unter dem langen Oberteil. Für mich müssen die Farben aber auch zu den Jahreszeiten passen. Im Herbst und Winter ziehe ich eher Grau, Schwarz, Braun und Dunkelgrün an, im Sommer oft Lila, Mint oder Orange.

Am liebsten trage ich Chiffon. Der ist leicht und kühl, und man kriegt ihn leicht in Form. Früher hat man das Kopftuch in der Türkei unter dem Kinn zusammengeknotet. Seit einigen Jahren tragen es viele lang und aufgetürmt und stecken es an der Stirn ab, so dass man das bone, das Untertuch, sieht. Das gehört nicht zur Religion, es ist einfach ein Style.

Mit dem Kopftuch habe ich mit zwölf Jahren angefangen. Meine Eltern fanden das zu früh. Sie hatten Angst, dass ich keine Freunde mehr haben würde. Ein Problem wurde es aber erst, als ich einen Ausbildungsplatz gesucht habe. Ich wollte Medizinfachangestellte werden und habe mich überall beworben. Immer wurde ich gefragt, ob ich das Kopftuch während der Arbeitszeit ausziehen würde. Aber es ist kein Spielzeug, das ich einfach zur Seite lege. Ich will einen Job, den ich so machen kann, wie ich bin. Bald fange ich an, Pädagogik zu studieren, denn studieren mit Kopftuch geht.

Es schockiert mich, dass das Kopftuch-Verbot so ein Thema in Deutschland ist. Eigentlich hat man hier ja Meinungsfreiheit. Ich akzeptiere doch auch Leute, die halb nackt rumlaufen, bunte Haare haben oder voller Piercings sind.


Immer wurde ich gefragt, ob ich das Kopftuch während der Arbeitszeit ausziehen würde. Aber es ist kein Spielzeug, das ich einfach zur Seite lege.
Emine Günes

Heidi Brot

26 Jahre, Physikstudentin und Mitglied beim Verein „Jung, muslimisch, aktiv“, aufgewachsen in Deutschland, ihre Eltern sind Kurden.

I ch trage mein Kopftuch mit Stolz, aber ich will es nicht betonen, es wird schon so oft thematisiert. Hätte ich Gottes Segen, ich würde es sofort ablegen. Auch Muslime haben Schweißdrüsen, und ich habe viele negative Erfahrungen gemacht. Aber es ist ein religiöses Gebot und kein politisches Statement. Im Koran steht, dass Damen ein Gewand überwerfen und ihre Scham bewahren sollen. Religion ist nun mal das Schönste und Heiligste für mich. Und wenn man das Wohlgefallen des Herrn spürt, wird die Bürde auch leichter.

Ich war 22, als ich das Kopftuch angelegt habe. Es hat mich Überwindung gekostet, und ich habe viel Kraft bei Gott erbeten. Es ist, als würdest du mit einem Schild rumlaufen, auf dem steht: Ich mag den und den. Man fühlt sich verletzlich und macht sich angreifbar. Mein Vater hat gesagt: „Herzlichen Glückwunsch, du hast deine Karriere aufgegeben.“ Und so war es auch. Zwei Jahre war ich auf Jobsuche. Das war frustrierend. Ich war immer ein produktiver Teil der Gesellschaft, spreche sieben Sprachen, bin gut ausgebildet. Mir wurde gesagt: „Wenn Sie das Kopftuch abnehmen, wären wir auf Augenhöhe.“ Deutschland verliert dadurch Fachkräfte.

Mittlerweile jobbe ich bei der Bahn an der Theke. Manchmal sagen Kunden zu mir: „Oh nee, nicht Sie!“ Und eine Kollegin guckt mich nicht mal an. Das tut weh. Man wird mit Fremdprojektionen überflutet. Dabei ist es doch nur ein Stück Stoff!

Ich habe das Gefühl, ich bin ein Fremdkörper, dabei bin ich Deutsche. Wir leben in einem säkularen Staat, der Minderheiten schützen will und Raum bietet, Religion frei auszuleben. Aber das wird nicht gelebt. Es gilt: Entweder ihr assimiliert euch, oder ihr gehört nicht hierher.

Der Atheismus ist so stark geworden wie eine Religion. Die Idee der Religion aber wird von vielen nicht mehr verstanden. Ich muss mich erklären, warum ich religiös bin. Nur ganz selten denke ich, jemand hat mich als Heidi, die Person, wahrgenommen, oder meine Leistung. Und wenn meine Leistung wahrgenommen wird, dann ist es die Leistung der Kopftuchträgerin.


Mein Vater hat gesagt: „Herzlichen Glückwunsch, du hast deine Karriere aufgegeben.“ Und so war es auch. Zwei Jahre war ich auf Jobsuche.
Heidi Brot

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin