Comeback der Kapuzenpullover

Früher oll, jetzt toll

Von Sabine Spieler
 - 21:04

Model Lena Gercke genießt im roten Sweatshirt eine Portion Kaiserschmarrn in Kitzbühel. Hollywood-Star Diane Kruger postet in Hamburg ein Selfie im St.-Pauli-Kapuzensweat auf Instagram. Céline Dion trägt in Paris ein Modell mit der Aufschrift „Titanic“ samt Konterfeis von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio. Ex-„Instyle“-Chefredakteurin Annette Weber macht gleich ein Business daraus: Sie zeigt sich nicht nur im Kapuzenpullover in Weihnachtsrot, sondern verkauft ihn direkt auf ihrem Online-Portal Glamometer.

Der Kapuzenpullover, viele Jahre mag er so aufregend gewesen sein wie die Musik von Helene Fischer. Jetzt ist er nicht nur für die Bilder auf Instagram eine beliebte Requisite. So modern und angesagt nennt man ihn deshalb auch Hoodie oder Statement-Sweat. Letzteres erklärt sich auch, weil seine Besitzer damit gerne noch Botschaften wie „But First, Love“ oder „Yes is more“ über den Slogan auf Brust oder Rücken senden.

Inspiration von der Straße

Wer jetzt mit dem Gedanken spielt, ein kuscheliges Sweat für gemütliche Abende zu Hause auf der Coach zu kaufen, kann das gerne tun. Richtig cool ist man allerdings, wenn man den Hoodie im Stilbruch mit einem femininen Teil kombiniert, etwa zum Rock, über einem Kleid oder anstelle der Bluse unter dem Blazer. Das Unperfekte wird zum neuen Statussymbol. Perfekte Ästhetik ist hingegen ein Auslaufmodell. Ein Stuttgarter Café mag seine Gäste seit einiger Zeit ermahnen, doch bitte nicht in Jogginghose zu erscheinen. Im Netz sorgte die Aktion in der vergangenen Woche für Furore. Und klar, gut möglich, dass in dem Aufzug wirklich immer mehr Gäste erscheinen. Die Mode macht es ja vor. Jetzt auch mit dem Kapuzenpullover.

Schon länger lassen sich nämlich die großen Designer von der Straße inspirieren. Marken wie Offwhite oder Vetements stehen für diese neue Generation, die Mode mit ihrem unkonventionellen Denken aufmischen. „Wir nehmen die ikonischsten Marken der jeweiligen Produktkategorien und bringen sie zusammen, um die perfekte Garderobe zu kreieren. Das ist die einzige und alleinige Idee.“ So erklärte Vetements-Gründer und Designer Demna Gvasalia kürzlich in einem Interview mit der amerikanischen „Vogue“ sein Arbeitsprinzip.

Soziale Medien bewirken anderen Umgang mit Mode

Der aus Georgien stammende Deutsche, der auch für die französische Traditionsmarke Balenciaga verantwortlich zeichnet, integriert scheinbar Banales in seine Kollektion. Gvasalia ist mehr Stylist als Designer. Er kooperiert mit anderen Marken, indem er deren Klassiker umarbeitet: Regenmäntel von Mackintosh, Jeans von Levi’s, Jogginganzüge von Juicy Couture oder eben Sweatshirts und Jogginghosen von Champion. Die Anzüge wurden von Vetements entworfen, von Champion produziert und dann für hohe dreistellige Beträgt verkauft.

Mit seiner Idee, Versatzstücke der Alltagskultur und damit wesentliche Bausteine der Streetkultur zu nehmen, hat Demna Gvasalia die Mode revolutioniert. „Es geht heute vor allem darum, die Poesie der Straße zu nutzen“, sagt Christel Wickerath, Mitglied des Trendboards vom Deutschen Mode-Institut. Mit dem Einfluss der sozialen Medien, der Art und Weise, wie dort Trends und Looks zusammengestellt werden, entsteht ein neuer Umgang mit Mode. Wer heute im perfekt aufeinander abgestimmten Total-Look von Kopf bis Fuß aus dem Haus geht, ist damit ungefähr so richtungsweisend wie der ewige Dieter Bohlen in der Unterhaltungsbranche.

Wer Brüche wagt, beweist Stilgefühl

Aber dass das Sweat jetzt wieder so groß rauskommt, hat auch etwas mit dem Comeback der achtziger Jahre zu tun. Jener Zeit, als dieses Teil – bunt bedruckt und übergroß – Hand in Hand mit der Leggings ein glückliches Leben führte. Jetzt soll die Mode also auch mal wieder ein bisschen besser drauf sein. Witziger als der Minimalismus, der lange Zeit unser Bild von Schönem prägte, mit seinem Grau, seinem Beige, seinem Greige, ist sie so allemal. Diese Entwicklung ist auch dem eklektischen Flohmarkt-Chic von Gucci-Designer Alessandro Michele geschuldet. Seine wilde Mixtur aus Farbe, Muster, Dekoration, Sportlichem, Weiblichem hat den gesamten Modemarkt revolutioniert. Er hat Fellpantoffeln zum Sommerkleid und Nerd-Brillen zum Brokat-Anzug mit überbordender Stickerei kombiniert. Er hat Männer mit Schluppenblusen und Blumenhosen über den Laufsteg geschickt. Und es gibt kein Zeichen dafür, dass er damit in naher Zukunft aufhören wird.

Diese extremen Stilbrüche färben ab. Wer heute Turnschuhe zum Hosenanzug oder Jogginghose zur Seidenbluse trägt, beweist Stilgefühl. Je wilder, desto besser ist die Maxime, und das Sweat spielt dabei eine Hauptrolle. Es ist somit auch mehr als ein Kleidungsstück, das zufällig in die Mode zurückgefunden hat. Es ist zum Status-Kauf geworden, und es gilt sogar als abendtauglich, etwa wenn man es zum Seidenkleid trägt. Ja, auch das geht in Zeiten, da die Mode mit den Referenzen jongliert. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass es den ehemals ollen, jetzt tollen Kapuzenpulli längst auch mit Pailletten-Ärmeln gibt, mit Rüschendetails, Samtbändern oder Perlenstickerei. Könnte ein Teil für Silvester sein.

Quelle: F.A.S.
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