Personalisierte High Heels

Wo drückt der Schuh?

Von Jennifer Wiebking
 - 17:26
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Schuhe berühren die Straße. Mit Schuhen steht man gelegentlich im Dreck. Schuhe können so schmerzen, dass sie ihrer Besitzerin den Tag vermiesen. Und trotzdem können Schuhe auch zu Tränen rühren. Für gewöhnlich sind es nicht dieselben, mit denen man im Dreck steht, aber zum Beispiel diese hier: ein Paar, das mit der Spitze des Hochzeitskleides bezogen ist, in dem einst die Großmutter der Braut heiratete. Ein Paar, in das die Designerin Hochzeitsdatum und Namen derjenigen prägte, für die die Schuhe gedacht waren. „Eine Münze, die sie als Kind gefunden hatte und die seitdem ihr Glücksbringer war, haben wir auch noch in einer Sohle untergebracht“, sagt Maxine Wille, die dieses Unikat für eine enge Freundin als Hochzeitsgeschenk gefertigt hatte. Als die Schuhe fertig waren, flossen die Tränen.

Maxine Wille ist Deutsche. Sie kommt aus Frankfurt und unterhält seit vergangenem Jahr in London ihr Label Maxine Shoes. Nicht alle Paare sind so aufwendig wie dieses eine für ihre Freundin. Aber neben einer festen Kollektion bietet Wille auch Unikate an – personalisierte Modelle. Auch Meghan Markle sagte am Samstag vor einer Woche nicht in irgendwelchen Designerschuhen ja. Es waren Modelle vom florentinischen Schuhmacher Edgardo Osorio, besser bekannt unter seinem Markennamen Aquazzura. Die Schuhe waren mit weißem Satin bezogen und mit hautfarbenem Netzstoff verziert. Die Sohle hatte Osorio hellblau gefärbt. Für das gewisse Blau im Outfit. Die Blumenkinder trugen ebenfalls Aquazzura: weiße Lederschuhe mit ihren Initialen und dem Hochzeitsdatum.

Verschiedene Fußformen

Natürlich ist das Personalisieren von Produkten nicht gerade etwas Neues. In Zeiten, da es gewiss mehr Angebot als Nachfrage nach Luxusgütern gibt, da junge Marken sich mit diesem Service Aufmerksamkeit erhoffen, kommen auch Normalsterbliche an solche Teile. Die Initialen sind schnell geprägt, auf Kofferanhänger, Reisetaschen, auf so gut wie alles aus Leder. Handtaschen lassen sich im Netz zudem so konfigurieren wie ein neues Auto. Es gibt personalisierte Saft-Diäten, und selbst mit einer individuell angerührten Hautcreme ist nicht mehr nur jene gemeint, die der Hautarzt gegen Ausschlag verschreibt, sondern auch das Gesichtsserum einer angesagten Pariser Marke.

Aber in kaum einem Bereich dürften Kunden von personalisiertem Service in der Form profitieren wie bei Schuhen. Denn ob ein Produkt zum Körper passt, entscheidet sich auf Zehn-Zentimeter-Absätzen recht schnell. Und verschiedene Fußformen gibt es genug. Es gibt sogenannte ägyptische Füße, mit einem großen Zeh, der länger ist als der zweite Zeh. Römische Füße mit großem und zweitem Zeh, die gleich lang sind. Griechische Füße mit einem zweiten Zeh, der länger ist als der große. Es gibt Hohlfüße, Plattfüße, Spreizfüße, Knick- und Senkfüße und Hammerzehen. Manche Füße sind breit und kurz, andere lang und schmal. Oder wieder anders.

Länger im Schrank als ein Kleid

Hohe Schuhe sind auf keinen Fall sonderlich gesund. Schon gar nicht für Menschen, die Probleme mit den Füßen haben. High Heels können langfristige Schäden verursachen, und man sollte sie nicht ständig tragen. Macht auch Maxine Wille nicht. „Im Alltag trage ich meistens Sneakers.“ Wenn sie einer Kundin ein Paar Schuhe personalisiert, misst sie aus, bevor es ans Design geht. Denn ein Paar in der richtigen Größe kann ja jeder kaufen.

Ihr Service, der nicht umsonst ist, sondern gut ein paar hundert Euro extra kostet, hat sich so vor allem unter Frauen herumgesprochen, die kurz vor ihrer Hochzeit stehen. „Ein Kleid kann man nie wieder anziehen“, sagt Wille. „Bei Schuhen ist das anders. Sie sind auch noch etwas für ein Jubiläum.“ In diesem Sommer fertigt sie für eine Braut zum Beispiel einen Absatz aus Rosen und Steinbesatz aus dem 3D-Drucker.

Wichtiger als das Design sei trotzdem die Konstruktion. Das musste Maxine Wille auch erst lernen. Nach dem Abitur in Frankfurt hatte sie Modedesign in London und Paris studiert und anschließend bei Marc Jacobs in New York einen Job bekommen. Etwas mehr als zwei Jahre blieb sie dort, dann hatte sie genug gelernt – und gearbeitet. „Sieben Tage die Woche, immer bis in die Nacht. Man hat kein Leben und keine Freunde. Es stellt sich bei so einem Job immer die Frage, wann es Sinn macht zu gehen.“

„Das kann nicht jeder“

Maxine Wille, die heute 26 Jahre alt ist, zog zurück nach London und belegte dort, in Vorbereitung auf die Selbständigkeit, Seminare, um ihre eigenen Zahlen später überhaupt verstehen zu können. Ein Schuh wurde daraus trotzdem noch nicht. Dafür ging sie nach Florenz und lernte Konstruktion. „Die Höhen, die Winkel. In Italien ist das Fertigen von Schuhen heute noch ein Diplom. Das kann nicht jeder, das muss man wirklich lernen.“ In Italien fand Maxine Wille auch ihre Produktion: „Ich habe mich in Portugal umgeschaut, aber man kann es nicht vergleichen mit den Marken.“ Der Schuhregion in Mittelitalien. Dort hat sie nun auch ihre Fabrik gefunden. „Sie produzieren auch für Prada.“ Auf den Kontakt stieß sie auf einer Ledermesse. „Das Material versuche ich eh selbst zu beziehen, denn über die Fabrik wäre es viel teurer. Und wenn man dann einen Termin hat und nebenan hört, dass da jemand auch Schuhe produziert, ist man schon einen Schritt weiter.“

Als Nächstes braucht es Stylisten von Stars, die ihre junge Marke bekannter machen könnten. „Ich versuche, so viele wie möglich kennenzulernen. Das gelingt mir auch ganz gut. Nur ist das bei Schuhen auf Fotos immer so eine Sache.“ Wenn ein Star am Ende wirklich Maxine Shoes trägt, darüber aber ein langes Kleid fällt oder die Füße anschließend auf den Fotos abgeschnitten werden, hat sie nicht viel davon.

Auch deshalb arbeitet Maxine Wille mit ihren Personalisierungen nah am Leben der Kundin, an den Nicht-Berühmtheiten. „Eine Dame Anfang sechzig, die sich bei mir neulich einen klassischen pinkfarbenen Schuh bestellen wollte, meinte, neun Zentimeter schaffe sie nicht mehr. Das war auch kein Problem. Sie hat das Modell jetzt mit Sechseinhalb-Zentimeter-Absätzen.“

Bei der Royal Wedding war auch irgendwann am Abend Schluss mit High Heels. Zu später Stunde hatten die Duchess und der Duke of Sussex für Alternativen gesorgt. Flache bestickte Schlappen für alle Frauen unter den 200 Gästen. Zwar kein Unikat, aber trotzdem ein netter Service.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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