Mode & Design
Volants, Blümchen, Rosa

Die Rüschen sind zurück!

Von Sabine Spieler
© dpa, F.A.S.

Und dann trug auch Herzogin Kate Rüschen. Der Anlass war die Gartenparty zu Ehren des 91. Geburtstags von Queen Elizabeth II., organisiert vom britischen Botschafter in Berlin während des Deutschland-Besuches von Prinz William und seiner Familie. Die Herzogin von Cambridge entschied sich an dem Abend für ein rotes Kleid mit Carmen-Ausschnitt der Marke Alexander McQueen. Das Modell bot anschließend reichlich Diskussionsstoff: Kate sehe aus wie das Tänzerinnen-Emoji von Apple. Was genau ein Flamenco-Kleid auf einer Gartenparty mit britisch-deutscher Färbung zu suchen habe. Und ob das Rot nicht sowieso seltsam sei, weder kräftig noch zart.

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Dabei hätte zumindest ein Detail des Kleides nicht besser zum modischen Gefühl unserer Zeit passen können. Das Modell war am Dekolletee, in der Taille und am Saum mit kleinen Rüschen versehen. Damit ist die Herzogin in bester Gesellschaft. Nicht in jener, deren Mitglieder eine Einladung zum Fest in der britischen Botschaft in Berlin erhalten haben. Wer stattdessen in diesen Tagen aufmerksam durch Deutschlands Fußgängerzonen läuft, wird feststellen, dass fast jede zweite Frau ein Oberteil oder ein Kleid trägt, das an irgendeiner Stelle mit Rüschen oder Volants verziert ist.

Die Teile sind mal längsgestreift mit Aussparungen an den Schultern und Riesenvolants bis knapp über die Ellenbogen, mal mit angenähtem Flatterrand am Saum, mal vom Hals bis zum Knöchel komplett gerüscht. Es ist das Detail des Sommers 2017, nicht nur bei Gucci, sondern ebenso bei Zara und H&M, bei Peek & Cloppenburg.

Bluse mit Vogel-Print und Shorts mit kleinen Rüschen von Stella Jean (Fun Two Three Modestrecke Magazin, Februar 2016 )
© © Horst Diekgerdes, F.A.S.

Damit meldet sich ein Thema zurück, das lange von der Bildfläche verschwunden war und bis zum vergangenen Sommer im selben miefigen Topf landete wie Rüschengardinen und allzu üppige Tischdecken. Selbst Großmütter und Großtanten boykottierten den Stoff mit Schwung zugunsten von klaren Linien und so wenig Überwurf wie möglich. Pomp schien nicht mehr aktuell. Oder geradezu bedrohlich, denn es erinnerte auch an längst vergangene Zeiten.

Dass ausgerechnet jetzt Frauen ihre Liebe für das Thema Rüschen neu entdecken, mag einem somit auf den ersten Blick seltsam erscheinen. Mit einem modernen Frauenbild hat die Rüsche ungefähr so viel gemein wie Michelle Obama mit Melania Trump. Die Rüsche, das ist auch das Detail an Schürzen aus fester Baumwolle, mit der sich in dieser Form nie Herren an den Herd stellten. Ganze Generationen von Frauen verbrachten hingegen so viel Zeit in Rüschenschürzen, dass es vielleicht besser wäre, dem verzierten Stoff ein für allemal Nimmerwiedersehen zu sagen.

Es geht nicht um Befeuerung des Genderklischees

Andererseits liegt der Reiz eben auch in der Ironisierung eines so bedeutungsschweren Teils. Frauen tragen jetzt so unbekümmert Rüschen wie die Farbe Rosa, ein weiterer Modetrend dieses Sommers. Am besten in Kombination mit Rot. Oder Blumenmuster. Dabei geht es aber nicht um die Befeuerung von Genderklischees, sondern um Ausdruck. Eine alte Regel besagt, dass in schwierigen Zeiten die Mode expressiver wird. Trendforscherin Li Edelkoort bekräftigt diese These. Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 biete die Mode eine Flucht aus der Realität, indem sie Geschichten erzähle. „Darum sind Marken wie Valentino so erfolgreich mit ihren traumhaften Märchenkleidern.“

Zuletzt waren Rüschen vor einigen Jahrzehnten angesagt: Petra Schürmann und Artur Brauner auf dem 16. Mathäser-Filmball am 17.01.1974 in München.
© dpa, F.A.S.

In den vergangenen 16 Jahren hat sich die Welt nicht gerade zum Besseren verändert, also darf die Mode umso ausdrucksstärker sein. Sie ist gemustert, farbenfroh und detailliert, so dass ihre Besitzerinnen darin auch auf Bildern in den sozialen Netzwerken mit Sicherheit auffallen. Das Outfit als Grundlage für Likes, Kommentare, neue Follower.

Es ist also schwer, nicht zumindest ein bisschen Spaß an Rüschen und Volants zu haben, sie für einen unkonventionellen Stilmix herbeizuziehen, der in der Mode ohnehin längst eingezogen ist und alle Freiheiten zulässt. Wer heute noch im Komplett-Look von Kopf bis Fuß aus dem Haus geht, ist so richtungweisend wie Dieter Bohlen in der Unterhaltungsindustrie. Stattdessen trägt man Turnschuhe zum Kleid, Fellpantoffeln zum Blazer, die Rüschenbluse zur Jeans. Maximale Brüche sind der neue Fashion-Code. Was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, wird zum Gradmesser für guten Geschmack. Insofern ist es kein Wunder, dass sich jetzt gerade junge Frauen für den Trend begeistern, die mit Jeans und Turnschuhen aufgewachsen sind.

Rüschen extrem: Schauspielerin Cate Blanchett im Oktober 2016 bei einem Gala-Dinner in London
© INTERTOPICS/Empics/Doug Peters, F.A.S.

Zu verdanken hat man den Trend übrigens vornehmlich Miuccia Prada, ehemals einer großen Feministin, die schon den Weg für Tapetenmuster und Nylontaschen in der Mode ebnete und jetzt aktuell für Zara die Kopiervorlage für Sandalen mit Marabu-Federn liefert. Sie hat die Rüschenbluse als Erste gezeigt, für ihre Zweitlinie Miu Miu. Zur blau-weiß gestreiften Baumwollbluse mit üppigen Rüschen über der Brust kombiniert sie den kleinkarierten Bleistiftrock. Das Gingham-Muster, es ist ein weiteres Detail von anno dazumal, mit dem Frauen jetzt unbefangen herumlaufen, selbst wenn sie nicht in Bayern leben und das dort dank Horst Seehofer existierende Betreuungsgeld beantragen.

Männer und Frauen schmückten sich mit Rüschen

Alessandro Michele, der als Kreativ-Direktor von Gucci mit seinem bunt zusammengewürfelten Flohmarkt-Chic die Umsätze des Unternehmens in die Höhe schnellen ließ, bietet die exzentrische Variante mit bunt bedruckten Seidenblumen-Rüschenkleidern und opulenten Rüschenärmeln in metallischen Tönen. Bei Designern wie Diane von Fürstenberg oder Chloé findet man den Rüschen-Reigen als kommerziell bis romantische Variante in Form von gemusterten Jersey-Kleidern und weichen Seiden-Volants.

In der Kostümgeschichte tauchten Rüschen übrigens erstmals in der Bekleidung der Renaissance auf, als Besatz an Halsausschnitten und Kragen. Männer wie Frauen schmückten sich damit – und blieben dabei. Die berüschte Halskrause sollte sich als Requisite von Würdenträgern etablieren. Ihre letzte große Zeit hatten Rüschen dann an den Säumen von Hemden in den siebziger Jahren.

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Doch so angesagt die Rüschenbluse jetzt auch wieder sein mag und es, das zeigen die Kollektionen für das kommende Frühjahr, auch erst einmal bleiben wird, das Detail ist für seine Interessentinnen eine Herausforderung. Damit sie nicht zu wuchtig rüberkommt, gilt grundsätzlich die Faustregel: Je flacher der Volant, desto weniger trägt er auf. Ausladende oder eng gekräuselte Rüschen im Brustbereich sollten nur schlanke Frauen tragen. Bei großem Brustumfang besser fließende Volants. Für Einsteigerinnen eignen sich Rüschen als Ärmeldetail.

Selbst so sorgt eine Rüschenbluse schon für Aufmerksamkeit. Mit weiteren Accessoires sollte umso sparsamer umgegangen werden. Im Zweifel eher große Ohrringe oder markanten Lippenstift tragen als eine Kette zwischen dem Rüschengewusel, das für sich schon eine Art Schmuck ist. So hielt es auch die Herzogin von Cambridge vor zwei Wochen beim Empfang in der britischen Botschaft in Berlin. Sie trug zum roten Kleid mit Rüschen ihren Verlobungsring, klar, sowie schmale rote Ohrringe. Musste man nicht weiter diskutieren. Sah einfach gut aus.

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In diesem Sommer zieren Rüschen und Volants Blusen, Tops und Kleider. Muss man alarmiert sein?
Quelle: F.A.S.
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