Thomas Mann

Wie Anleitungen zum Nachschneidern

Von Katharina Pfannkuch
 - 21:14
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Es gibt Namen, die sofort Bilder und Stimmungen heraufbeschwören. Tadzio ist so ein Name. Wer ihn hört oder liest, erinnert sich sofort an die wehmütige Sehnsucht, die fatalistische Melancholie und an das peinlich berührte und zugleich aufregende Gefühl, der eigenen Schwärmerei überführt worden zu sein – eben an all die Höhen und Tiefen, die Gustav von Aschenbach angesichts des schönen Tadzio erlebt. Unschuldig spielt er am Strand der von Unheil bedrohten Lagunenstadt Venedig, lässt sich nach dem Bad von seiner Mutter und der Gouvernante in wärmende Handtücher hüllen, blickt tagsüber versonnen aufs Meer und abends im Hotel schüchtern und gleichsam neugierig in die Augen seines stillen Bewunderers. Tadzio, das ist, auch dank der kongenialen Verfilmung von Luchino Visconti aus dem Jahre 1971, der schöne Junge im Matrosenanzug.

Er trägt ein „englisches Matrosenkostüm“, als Gustav von Aschenbach ihn zum ersten Mal erblickt. Kunstvoll verarbeitet, verleiht es „mit seinen Schnüren, Maschen und Stickereien der zarten Gestalt etwas Reiches und Verwöhntes“. Seit Königin Victoria 1846 ihren Sohn Edward im englischen Matrosenanzug porträtieren ließ, galt der als trend- und gleichsam traditionsbewusstes must have für Kinder aus gutem Hause. Die deutsche Variante bahnte sich später dank der Begeisterung für die Marine unter Kaiser Wilhelm II. ihren Weg in hiesige Kleiderschränke. Tadzio ist stets im maritimen Stil gekleidet: In blaue und weiße Leinen- und Wollkleider mit roten Details gewandet, spaziert er durch das Hotel, das der Professor einfach nicht verlassen kann, und durch die Novelle, die der Leser einfach nicht vergessen kann.

In allen Romanen wird die Kleidung detailliert beschrieben

Thomas Mann schwelgt geradezu in Präzision, wenn er bis zum kleinsten Knopf nicht nur die Garderobe von Tadzio, sondern auch die seiner Familie vor dem lesenden Auge sichtbar macht. Von den schieferfarbenen, „gewollt unkleidsamen“ und nüchternen Kleidern der Schwestern bis zum üppigen Perlenschmuck, den Tadzios Mutter zu ihren ansonsten betont schlichten, grauen Ensembles trägt, sind die Beschreibungen so detailliert, dass man die einzelnen Kleidungsstücke nachschneidern könnte.

Das ist nicht nur in „Der Tod in Venedig“ so. In nahezu all seinen Romanen und Erzählungen widmet sich Thomas Mann – der selbst stets im Anzug und mit Krawatte geschrieben haben soll – mit einer solchen Ausführlichkeit der Kleidung, den Accessoires und dem Erscheinungsbild seiner Protagonisten, dass es umso mehr überrascht, darüber nur wenig in der Literaturwissenschaft zu finden. Eine Figur gehört zu den wenigen erforschten Ausnahmen, wenn es um Thomas Mann und die Mode geht. In ihrem Buch „Der Dandy als Grenzgänger in der Moderne“ bezeichnet Anne Kristin Tietenberg sie als „die Dandy-Figur der deutschsprachigen Literatur überhaupt“. Diese Figur weiß die Wirkung von Kleidung und entsprechender Attitüde für sich zu nutzen wie kein anderer: Felix Krull.

Mode als Statussymbol

Seine Kindheit verbringt er im noch wohlsituierten Elternhaus und trägt bei besonderen Anlässen ganz standesgemäß Matrosenanzug. Wenn er seinem Patenonkel Modell für dessen Gemälde steht, schlüpft er begeistert von einer Kostümierung in die nächste und streift mit der Kleidung auch unterschiedliche Identitäten und den jeweiligen Habitus über.

Später ermöglicht diese Fähigkeit dem Sohn aus mittlerweile verarmtem Hause seine rasante Karriere vom Liftboy, der im geliehenen Anzug seinen Dienst in einem Pariser Luxushotel tut, zum wohlhabenden Marquis de Venosta, in dessen Identität und Garderobe er auf Reisen geht.

Bei einem Schaufensterbummel in Frankfurt sieht Felix Krull in all den Pelzen, Gamaschen, Hausjacken, Krawatten, Manschettenhemden, Hüten und Handschuhen aus kostspieligen Materialien und in den aktuellsten Schnitten viel mehr als nur schöne Kleidung und Accessoires. All die Luxusgüter, die für „die Garderobe der Großen und Reichen“ unerlässlich sind, befriedigen „die Bedürfnisse einer hohen und entschiedenen Lebensführung“ – und genau eine solche strebt er, der sogar seinen vom Vater geerbten Wintermantel verpfänden musste, an. Mode verkauft Träume, weckt Bedürfnisse, verheißt Status. Das ist nichts Neues, aber nur selten wurde dieses Phänomen so deutlich, so nachvollziehbar, so unterhaltsam und so wenig belehrend wie von Thomas Mann in „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ beschrieben.

Die Elite weiß sich zu kleiden

Als er später zu Geld kommt und sich eine standesgemäße Garderobe für sein zunächst heimliches „etwas höheres Leben“ zulegt, mietet Felix Krull extra eine kleine Wohnung an, um dort Smoking, Abendmantel, Zylinder und Lackschuhe unterzubringen. Hier verwandelt er sich abends in den Gentleman, den seine Umwelt in ihm sieht, der ihm selbst aber ebenso fremd bleibt wie der Kellner, den er tagsüber mimt: „Verkleidet also war ich in jedem Fall.“ Seine Arbeitskleidung, der Frack, der sich nur in Details vom Aufzug der feinen Gäste unterscheidet, lässt ihn über die Vertauschbarkeit gesellschaftlicher Rollen nachdenken. Gegenüber dem Marquis, dessen Identität er sich später wie ein Kostüm überstreift, fällt dann aber der entscheidende Satz: „Der Mann macht das Kleid.“ Ein sündhaft teures Kleid oder ein Anzug vom feinsten Herrenausstatter bleiben ohne das entsprechende Auftreten nur Staffage.

Wie zeitgemäß solche Überlegungen sind, zeigte zuletzt die im Wahlkampf aufgeworfene Frage, ob Kinder aus bildungsfernen und weniger wohlhabenden Familien es nach ganz oben schaffen können. In dieser Debatte führt kein Weg am Begriff der Elite vorbei – die sich natürlich nicht nur durch teure und der Situation angemessene Kleidung, sondern auch durch Habitus und Souveränität definiert. Diese Souveränität äußert sich nicht nur, aber auch in dem vermeintlich oberflächlichen Wissen, was man zu welchem Anlass und zu welcher Tageszeit trägt. Braune oder schwarze Schuhe? Frack oder Smoking?

Wo liegt der Unterschied zwischen Smoking und Jackett?

Spitzzüngige Antworten auf Fragen wie diese hat aus dem Effeff ein Geschwisterpaar parat, das Felix Krull auf der Durchreise in Frankfurt aus der Ferne bewundert und das die Leser in einer anderen Mann-Erzählung aus nächster Nähe kennenlernen: Siegmund und Sieglinde aus „Wälsungenblut“, die äußerlich so vollkommen und innerlich so verloren wirkenden Zwillinge, die einander weit mehr zugetan sind, als Moral und Gesetz es erlauben.

Beim gemeinsamen Essen mit dem Verlobten seiner Schwester berichtet Siegmund „in ironisch gerührtem Tone von der gewinnenden Einfalt“ eines seiner Bekannten, der den Unterschied zwischen Smoking und Jackett nicht kenne. Sein Bruder erzählt von einem „noch beweglicheren Fall von Unverdorbenheit“, nämlich einem Bekannten, der doch tatsächlich im Smoking zum Fünf-Uhr-Tee erschien. Der zukünftige Schwager der Brüder, von schlichterer Herkunft, lacht umso lauter, als er sich insgeheim ertappt fühlt. Schließlich trug er selbst schon Smoking zum Tee.

Wenn der Schlafrock zum Symbol wird

Dass sich die Zwillinge so intensiv mit ihrem Äußeren befassen, liegt auch daran, dass niemand von ihnen erwartet, mit etwas anderem als ihrer gewinnenden und fast schon pedantisch gepflegten Optik zu überzeugen. Hätte es damals schon Plattformen wie Instagram gegeben, wäre vor allem Siegmund prädestiniert für den Status eines „Influencers“ gewesen. Sorgfalt und Stilbewusstsein enden bei ihm auch keineswegs an der Oberfläche: Zu Hause trägt er jene wattierten Hausjacken, seidenen Strümpfe und Saffian-Pantoffeln, die Felix Krull so andächtig in den Schaufenstern bewundert. Luxuriöse „Loungewear“ war eben schon damals gefragt.

Das sieht auch ein Familienmitglied der „Buddenbrooks“ so: Die auf Status und das Ansehen so bedachte Antonie Buddenbrook, besser bekannt als Tony, schwärmt in besonderem Maße nicht etwa für aufwendige Roben und kostbaren Schmuck, sondern für Schlafröcke. Diese „schmiegsamen und zarten Kleidungsstücke, bei deren Herstellung mehr Geschmack, Raffinement und Phantasie entfaltet werden kann, als bei einer Balltoilette“ darf sie in ihrem Elternhaus nicht tragen, also werden sie für Tony zum Symbol des Lebens als verheiratete Frau. Jedes Mal, wenn sie in ein neues Leben an der Seite eines Mannes aufbricht, bestellt sie euphorisch eine neue Kollektion davon. Sogar als sie ihre frisch verheiratete Tochter in deren neues Zuhause begleitet, darf die obligatorische Bestellung an Schlafröcken, diesmal für Mutter und Tochter, nicht fehlen.

Keine teure Mode für Männer?

Die Modeindustrie beherrscht es bis heute meisterhaft, stets neue Gründe zu suggerieren, sich neu einzukleiden. Hochzeit, Umzug, Urlaub, Abitur, ja sogar der Schulanfang werden gekonnt zum Anlass für ausführliche Shopping-Touren stilisiert. Was es nicht vor Ort gibt, kann rund um die Uhr bestellt werden. Das war schon zu Zeiten der Buddenbrooks üblich. Da eine Stadt wie Lübeck nicht immer die neuesten Trends bot, ließ Tony ihre Schlafröcke zuweilen auch aus der Metropole Hamburg liefern.

Auf die dortige Schneiderkunst vertraut auch ihr Bruder Thomas. Seine „feinen und neumodischen Kleidungsstücke“ – derer er Unmengen besitzt, schließlich wechselt er bis zu zweimal täglich seine Garderobe – bezieht er allesamt aus Hamburg. Die Lübecker betrachten ihn mit Argwohn: Zum zukünftigen Oberhaupt der traditionsreichen Kaufmannsfamilie wollen Modebewusstsein und Eitelkeit nicht recht passen. Männer in hohen Positionen mit einem Faible für kostspielige Kleidung kennen das. Gerhard Schröder erntete nicht nur einmal Kritik für seine Auftritte in Brioni-Anzügen. Daran änderte auch nichts, dass er auf Maßanfertigungen verzichtete und den feinen Zwirn „nur“ von der Stange kaufte.

Der Matrosenanzug taucht immer wieder auf

Thomas Buddenbrook zeigt sich von den Reaktionen seiner Umwelt unbeeindruckt. Zumindest äußerlich. Dass er, als die Geschäfte langsam schlechter laufen, nur noch alle zwei Tage das Hemd wechselt und sich der eigenen Eitelkeit schämt, lässt er niemanden erahnen. Sein Ankleidezimmer wird zum Rückzugsort, dort legt er seine Kostümierung für die Rolle an, die er für den Rest der Welt spielt.

Auch für seinen Sohn. Der stets kränkelnde, aber künstlerisch hochbegabte Hanno stößt bei der bis auf seine Mutter gänzlich unmusikalischen Großfamilie im wahrsten Sinne des Wortes auf taube Ohren. Auch von dem unverstandenen und früh verstorbenen Hanno hat sich ein Bild eingebrannt. Es mag nicht ganz so präsent sein wie das von Tadzio, aber ein Detail eint die beiden Jungen. Denn als Hanno beim Privatkonzert auf dem Flügel eine Eigenkomposition spielt und dabei einen seltenen Moment von Glück erlebt, obwohl seine Virtuosität am familiären Publikum völlig vorüberzieht, trägt er – natürlich – einen Matrosenanzug. Ganz standesgemäß und mit einem Hauch Melancholie.

Quelle: F.A.S.
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