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Marc Jacobs

Schon wieder weiter

Von Alfons Kaiser
 - 18:15
Marc Jacobs kennt keine Geschäftszahlen... Bild: Matthias Lüdecke / FAZ, F.A.Z.

Am Ende wird er ein Geheimnis lüften. Wer das Zeichensystem dieses Mannes entschlüsseln möchte, wer etwas verstehen möchte von seinem Werk, obwohl das eigentlich unmöglich ist bei einem solchem Über-Künstler - der wird mit bunten Streuseln belohnt. Andererseits sollte man vorsichtig sein: All die Bedeutung, die man ihm zuschreibt, könnte flugs im Loch eines Schmalzgebäckkringels verschwinden.

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Zunächst aber ist sein Programm ganz einfach: „I am happy today.“ Und das bei dem Stress. In Paris, bei Louis Vuitton, arbeiten seine Leute an den Zwischenkollektionen. In New York, bei „Marc Jacobs“, bereiten seine Designer die Kollektion für Frühjahr 2012 vor. In Cannes, bei den Filmfestspielen, laufen gerade Uma Thurman und Léa Seydoux in seinen Entwürfen über den Teppich. Und in Berlin sieht sich Marc Jacobs bei schönster Sonne und schwülster Hitze die Entwürfe von Modeschülern an: Dieser Mann hat Nerven.

Denn eigentlich hat er das gar nicht nötig. Seit fast drei Jahrzehnten in der Mode, seit fast anderthalb Jahrzehnten als Chefdesigner beim größten Luxusmodehaus der Welt, neben Miuccia Prada der wichtigste Modemacher unserer Zeit, ganz nebenbei auch noch durch Kokain, Heroin und Alkohol gegangen, ein lebender Mythos von gerade 48 Jahren. Jetzt sitzt er hier, Soho House, Ecke Torstraße und Prenzlauer Allee, im Fenster der Fernsehturm, draußen Berlin, vier Stockwerke tiefer fünf Modeschüler. Und zündet sich ein Zigarettchen an. „You mind?“

Er hat die amerikanischen Sätze drauf: „Ich bin dankbar, hier mitmachen zu dürfen. Normalerweise mache ich das nicht. Ich bin sehr beeindruckt von dem, was ich gesehen habe. Ich glaube nicht gerade an Preise, aber sie schaden sicher nicht.“ Worte, wie geschaffen für das Programmheft des Wettbewerbs „Designer for tomorrow“, den „Peek & Cloppenburg“ wieder ausgeschrieben hat. Der Nachwuchspreis wird zur Modewoche Anfang Juli vergeben. Das Düsseldorfer Unternehmen hat ihn als Schirmherrn gewonnen. Gerade hat er sich die fünf besten Kollektionen angeschaut. „Es gibt so viele Dinge, die man ausdrücken möchte, wenn man jung ist. Man möchte alles in eine Sache stecken.“ Da ist es dann schon nicht mehr ganz klar, ob er über die Studenten redet - oder über sich selbst.

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Berlin führt ihn an seine Anfänge zurück

Vielleicht ist er deshalb hier: Berlin führt ihn an seine Anfänge zurück, als er, nach dem frühen Tod des Vaters und wegen der Unfähigkeit seiner Mutter, bei seiner Großmutter in New York aufwuchs. „Ich habe Mode schon immer geliebt. Schon mit neun Jahren bin ich gerne shoppen gegangen. Während die anderen Jungs Sport trieben oder Platten kauften, habe ich Back-to-school-Sachen gekauft, T-Shirts, Sweatshirts.“ Mode schien ihm spannend, unterhaltsam, menschennah. „Ich war wie ein Voyeur, saß im Park und guckte mir die Looks der Leute an.“

Auch Marc Jacobs, so meint Marc Jacobs, musste entdeckt werden. Robert Duffy, schon damals an der Seventh Avenue, also in der Textilbranche, entdeckte ihn an der Modeschule, half ihm bei der Gründung von „Marc Jacobs“ (1986), krempelte mit ihm Perry Ellis um (bevor sie 1992 wegen der Grunge-Kollektion rausgeworfen wurden), handelte mit ihm den Vertrag mit Bernard Arnault bei Louis Vuitton aus (1997), trieb die Expansion der eigenen Marke weiter mit Zweitlinie, Herrenkollektion, Parfums, Accessoires und Buchläden („Bookmarc“). Was kann noch kommen? Ein Marc-Jacobs-Fanshop? So weit will er sich dann doch nicht selbst kommerzialisieren. „Wenn jemand etwas von mir haben will, kann er meine Kleidung kaufen.“

Louis Vuitton hat er gemeinsam mit Arnault und anderen vervierfacht - der LVMH-Konzernumsatz lag 1996 bei umgerechnet 4,7 Milliarden Euro, 2010 bei 20,32 Milliarden Euro, und die Marke Louis Vuitton hat einen großen Anteil daran. Seiner eigenen Marke geht’s auch gut: „Aber wir handeln sehr instinktiv, nicht wie ein richtiges Unternehmen. Ich glaube, eine bestimmte Energie zieht Leute an.“ Das reicht ihm. Wie viel Prozent seines Unternehmens Louis Vuitton hält? „Ach, so was weiß ich alles nicht.“ Jedenfalls habe man „sehr gute Beziehungen“.

Mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche. Wird der Druck nicht größer mit jedem Produkt, jedem Erfolg? „Er war schon immer hoch. Denn man will besser werden, ich jedenfalls. Wenn ich mich auf meinem Lorbeer ausruhen würde, dann würde ich den Druck vielleicht nicht so spüren. Aber ich will noch mehr Leuten gefallen.“

Die fatale Spirale wachsender Ansprüche

Irgendwann jedenfalls, so meint er, werde man „weniger intensiv“. Glauben kann man ihm das nicht. Er war schon im Sportstudio heute morgen, dann jeweils eine halbe Stunde für jeden der jungen Designer, dann die Interviews, Hunderte Bilder, heute Abend noch ein Besuch im Kunst-Bunker von Christian Boros samt Dinner oben auf dem Dach, das Smartphone blinkt, der Assistent wartet, die Pressefrauen schauen auf die Uhr - aber Marc Jacobs, schwarze Boots, schwarzer Rock, schwarzes Hemd, schwarze Haare, graumelierter Bart und goldene Rolex, ist voll präsent, unternehmenslustig, lebenshungrig. Alles an ihm spricht, die Hände, die Zigarette, die Tätowierungen. Aber zu diesem Zeichensystem, das auch die Bilderwelt seiner Mode erklärt, wie gesagt, später mehr.

Andere schaffen das alles nicht. Warum Spitzen-Modemacher sich selbst töten wie Alexander McQueen, im Suff Unsinn erzählen wie John Galliano, in Depressionen verfallen wie Christophe Decarnin? Zu diesen Fällen möchte Marc Jacobs nichts sagen. Aber die fatale Spirale wachsender Ansprüche kennt er: „Ich möchte immer noch mehr machen, nicht weniger. Manchmal geht’s, weil die Energie fließt. Manchmal kann man machen, was man will, und es läuft nicht. Druck und Stress erlegt man sich selbst auf. Ich kämpfe mehr mit mir selbst als mit anderen. Wir wollen besser sein als früher – nicht besser als andere. Aber Mode ist nicht die einzige Branche, in der es Druck gibt. Ich wäre zum Beispiel ungern Chirurg: Die Verantwortung für ein Menschenleben zu haben!“

Indirekt und somit diskret kommt er doch noch auf John Galliano zu sprechen: „Ich habe genug Freunde, die mich unterstützen. Wenn man alleine und isoliert ist – dann könnte der Druck zu stark werden.“ Und wie ist er selbst vor vier Jahren dem Druck und den Drogen entkommen? Wenn es nicht weiter gehe, dann müsse man eben etwas anderes ausprobieren, in diesem Fall den Entzug. „Ich habe“, sagt er mit europäisiert ironischem Blick auf diese amerikanischen Hobbys, „einen Hang zu Neuerfindung und Self-Improvement.“ Zur Zeit aber sei er fit und glücklich.

Glücklich bei Louis Vuitton

Trotzdem: Was hat er noch vor in Zukunft? „Ich weiß nicht mal, was ich morgen machen werde.“ Endlich Chanel übernehmen? „Karl Lagerfeld wird nie sterben. Der wird uns alle überleben. Außerdem bin ich glücklich bei Louis Vuitton. Und ich würde es hassen, in Lagerfelds Fußtapfen bei Chanel treten zu müssen. Ich glaube, Alber Elbaz wäre ein wunderbarer Designer für Chanel.“ Und wer wird als Ersatz für John Galliano zu Dior gehen? „Keine Ahnung. Das weiß, glaube ich, noch nicht einmal Monsieur Arnault. Mir geht’s sowieso besser, wenn ich nicht so viel weiß und mich nur um meine Arbeit kümmere.“

Das Geheimnis. Er hat nicht 28 oder 29 Tattoos, wie manche schreiben. Marc Jacobs ist schon wieder weiter: „33 sind es.“ Das letzte? „Ein Donut am rechten Ellenbogen, aus dem letzten Jahr.“ Er schiebt den engen schwarzen Ärmel hoch, ein Klick, und schon ist der Ärmel wieder unten. Bekommt er nun freie Schmalzgebäckkringel bei Dunkin’ Donuts? „Nein, nein, es ist kein Dunkin’ Donut!“ Darauf legt er schon Wert: „Es ist einfach nur ein Donut.“ Mit Streuseln. Dekor muss sein. Weitere Tätowierungen werden kommen. „Ich weiß nur noch nicht, welche.“

Quelle: F.A.Z.
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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