Treffen der High-End-Marken

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Von Alfons Kaiser, Berlin
 - 15:44
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Schon zum Riesling-Sekt vorneweg perlen die ersten Erkenntnisse: So gut der Sekt, so bescheiden die Gäste. Die deutsche Luxusbranche, die sich am Donnerstagabend zum „Meisterkreis“ im Hotel Adlon trifft, will zum Beispiel mit Luxus nicht viel zu tun haben. Florian Kohler von der Büttenpapierfabrik Gmund sagt: „Ich habe Schwierigkeiten mit dem Wort Luxus.“ Karl Schulze vom Pianobauer C. Bechstein spricht lieber von Qualität. Markus Benz von der Möbelmarke Walter Knoll meint: „Es geht um Polsterer und Näher, nicht um Luxus.“ Und einer der Gäste erklärt gut gelaunt, warum die Skepsis so tief sitzt: „Luxus verbinden die Deutschen mit champagnertrinkenden Russen in Saint-Tropez.“ Dem wahren Luxus aus Deutschland ist also schon das Wort Luxus zu billig.

„Wir haben uns lange unter Wert verkauft“

Clemens Pflanz, der mit dem 2011 gegründeten „Meisterkreis“ der diskreten Branche ein Forum gibt und zum zweitägigen Treffen nach Berlin geladen hat, spricht denn auch lieber von der „High-End-Branche“. Das ungelenke Wort passt zu allen hier, zu Porsche, Rolex, Leica, Meissen oder Brenner’s Park Hotel. Da treffen sich: Winzer wie Ernst Loosen, der 600 000 Meilen im Jahr fliegt, um seinen Wein in alle Welt zu verkaufen; Leder-Fachleute wie Andreas Mann, der für Comtesse 5000-Euro-Taschen in Tokio verkauft; Möbelmacher wie Wolfgang Kettnaker, der von russischen Händlern berichtet, die nur deutsche Produkte führen: „Wir haben uns lange unter Wert verkauft. Das ändert sich gerade.“

Und wenn Galerist Gerd Harry Lybke launig über Preispolitik referiert (“Ich sammle nicht Kunst, ich sammle Geld“), dann lädt ihn Erik Schweickert, FDP-Abgeordneter und Professor für Weinwirtschaft, sogleich an die Universität Geisenheim ein, wo der umtriebige Galerist zu Studenten des Seminars „Preisbildung bei Weinen“ reden soll. Ob es da auch um die Erdener Treppchen Riesling Auslese vom Weingut Dr. Loosen gehen wird?

Der „Meisterkreis-Index“ weist nach oben

Die Zeiten könnten nicht besser sein für eine lockere Verbindung so verschiedener Charaktere. Denn die Luxusbranche hat nicht einmal Luxusprobleme. Wegen der globalen Orientierung macht ihr die Krise in Südeuropa kaum zu schaffen. Just am Donnerstag legten Ferragamo, Hermès und Porsche Design Rekordzahlen vor. Guido Zimmermann von Montblanc berichtet, in diesem Jahr werde Deutschland erstmals Frankreich als größten Markt für die Schreibgeräte-, Uhren- und Lederwarenmarke übertreffen. Und nach den Worten von Thorsten Lind von Global Blue hat auch das Tax-Free-Shopping in Deutschland stark zugenommen: in Frankfurt, München und Berlin allein im vergangenen Jahr um mehr als 30 Prozent, vor allem dank all der Chinesen, die Qualitätsware mitnehmen möchten.

Der erstmals veröffentlichte „Meisterkreis-Index“ weist ebenfalls nach oben. Bei 81 Prozent der von Roland Berger befragten Geschäftsführer von 80 Unternehmen blickt man auf eine „gute“ bis „sehr gute“ Umsatzentwicklung im zweiten Halbjahr 2012 zurück. Alle rechnen mit einem Umsatzwachstum im ersten Halbjahr 2013. Pflanz führt die gute Lage auf mehrere Faktoren zurück: Die Deutschen seien offener für teure Produkte, das Angebot werde ausgeweitet, mehr Touristen kauften hier ein, und auch das Online-Shopping belebe das Geschäft. Darauf einen Kiedrich Turmberg Riesling vom Weingut Robert Weil!

Keine Angst vor der Globalisierung

Die Begeisterung über das Wachstum dämpft beim Dinner nur Guido Westerwelle. Der Außenminister meint weltmännisch, dass die Europäer bald nur noch sieben Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, dass der Papst aus Argentinien ein Symbol sei für die politische Kontinentalverschiebung und dass die Entwicklungsländer aus seiner Jugend heute Mitglieder der G20 seien: „Es ist kein Naturgesetz, dass wir in der ersten Liga spielen.“ China-Kenner Klaus Heine ergänzt, das Land wandle sich gerade von der „Low-End-Produktion“ zur „High-End-Kreativität“. Allein 2010 gingen 80 000 Absolventen von chinesischen Kunsthochschulen ab! Das muss man erst mal schlucken. Warum nicht mit einem Neuenahrer Sonnenberg Spätburgunder vom Weingut Meyer-Näkel?

Nicht dass die mehr als 50 „Meisterkreis“-Mitglieder Angst hätten vor der Globalisierung. Pflanz bemüht sich auch um Austausch mit ähnlichen Vereinigungen wie Altagamma (Italien), Walpole British Luxury (Großbritannien), Circulo Fortuny (Spanien) und Comité Colbert (Frankreich). Dabei kann der Meister des Meisterkreises einen beachtlichen Erfolg verkünden: Das Comité Colbert wird mit rund 60 Chefs der wichtigsten französischen Luxusmarken am 26. und 27. Juni in Berlin seine Jahresversammlung abhalten. Darauf an der Bar des Hotel Adlon ein Pils! Diesen Luxus sollte man sich dann doch mal gönnen.

Quelle: F.A.S.
Alfons Kaiser- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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