Prêt-à-parler

Martin Margiela versteckt sich weiter und lässt Puppen für sich sprechen

Von Birte Carolin Sebastian
 - 10:54

Trotz seiner Ausstellung im Palais Galliera bleibt Martin Margiela unsichtbar. Per Mail lässt er wissen, dass er weiter schweigt. Alexandre Samson, Kurator des Pariser Modemuseums, könne alles erläutern. Zwei Monate zuvor, bei einem zufälligen Treffen in Brüssel, bin ich einem umwerfend charmanten Mann begegnet, der gut aussieht, viel jünger als 60 Jahre (inzwischen ist er 61 Jahre alt). Martin Margiela, der Jeans, einen beigefarbenen Rollkragenpullover und Boots trägt, ist so lebhaft wie gelassen, so neugierig wie entspannt. Diese wichtige Ausstellung, die ihn zurück bringt ins Herz der Mode, freut ihn sehr. Viel mehr bekommt man aus dem großen Unbekannten der Mode aber nicht heraus.

Martin Margiela behält ein einmal funktionierendes Konzept einfach bei. Bis zuletzt ließ er seine Arbeiten für sich sprechen. In der Ausstellung begegnet man ihm also gewissermaßen persönlich. Seine Präsenz ist allgegenwärtig, auch und gerade in der Abwesenheit. Der Preis, den er bezahlen muss, um sich seine Freiheit in der Anonymität zu erhalten, um sein eigenes Werk auf seine eigene Art zu interpretieren, ist nicht allzu hoch.

Man sieht das auch an der anderen Ausstellung zu seinem Werk, „Margiela, les années Hermès“, die gerade im Musée des Arts décoratifs stattfindet, keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Kaat Debo, die Direktorin des Modemuseums in Antwerpen, wo die Ausstellung zuerst gezeigt wurde, erzählt, wie minutiös Margiela selbst auch daran mitgearbeitet habe: „Jedes einzelne Wort hat er immer wieder korrigiert, verworfen und kontrolliert, in einer unermüdlichen Akribie.“

Vielleicht ist das seine Reaktion auf den Dokumentarfilm „We Margiela“ der Niederländerin Menna Laura Meijer, der von vielen als unglücklich, wenn nicht missglückt aufgefasst wird. Man konnte darin den Eindruck bekommen, Margiela selbst habe sich zwar im Haus aufgehalten, sei aber mehr damit beschäftigt gewesen, nicht in Erscheinung zu treten, als mit der Mode, die von den Mitarbeitern allein entworfen worden sei.

Er wählte alle Stücke selbst aus

Diese Auffassung zu korrigieren und zugleich an seinem Nachruhm zu arbeiten sind somit zwei wichtige Motive für die Arbeit im Palais Galliera. Das verleiht der Ausstellung eine besondere Bedeutung. Erst in den frühen Morgenstunden des Eröffnungstages hat er sich aus dem Museum gestohlen - nachdem er den weißen Teppich, der zu den Stufen des Palais hinaufführt und an seine erste Modenschau erinnert, selbst ausgerollt hat.

Manche der ausgestellten Stücke hat man noch nie außerhalb seiner Modenschauen gesehen. Man kann es als Glücksfall bezeichnen, dass das Palais Galliera schon 1990 angefangen hat, Margiela zu sammeln. Seine erste Museums-Ausstellung fand 1991 sogar hier statt als eine Gruppenshow zusammen mit Jean-Paul Gaultier und Vivienne Westwood.

Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

Nun also ist erstmals systematisch Rückschau angesagt. Das muss ein seltsames Gefühl für einen Designer sein, der durch das System gezwungen ist, dauernd nach vorne zu schauen. Mehr als die Hälfte der Teile stammen aus der Sammlung Galliera. Für weitere Stücke musste das Museums-Team bei Maison Margiela anfragen. Die Marke gehört seit 2002 (und seit 2005 zu 100 Prozent) zur Holding „Only The Brave“ des Diesel-Gründers Renzo Rosso. Martin Margiela verließ 2009 sein eigenes Haus, ohne ein eigenes Teil mitzunehmen.

Zu den Leihgaben der Marke kommen unzählige Leihgaben von Privatpersonen hinzu, vor allem natürlich von Mitgliedern der „Margiela-Familie“ wie seinem ersten Model Kristina de Coninck oder der langjährigen Margiela-Fotografin Marina Faust. Auch dadurch kommt diese Ausstellung ihm am nächsten, näher als die durchaus gelungenen Retrospektiven im Modemuseum Antwerpen (2008), im Haus der Kunst in München (2009) oder im Museum Boijmans van Beuningen (1997), als Margiela Bakterien in die von ihm entworfenen Kleidungsstücke injizieren ließ. Der entscheidende Unterschied: Er hat alle Stücke, die hier gezeigt werden, selbst ausgewählt. Man wandelt, wenn man so will, durch seine Autobiographie. Manche Teile scheint er ausgewählt zu haben als Kommentar zu dem Dokumentarfilm, zu ehemaligen Verbündeten oder ehemaligen Mitarbeitern, die ihn heute teilweise skrupellos kopieren, ohne ihm damit eine Referenz zu erweisen. Und die damit sogar viel Geld verdienen. Er selbst hat erst Geld verdient, als er von 1997 bis 2003 nebenbei für das Haus Hermès arbeitete.

Ein wichtiges Thema sind Perücken und Haare in den unterschiedlichsten Formen, die in einem aus sechs Perücken bestehenden Teil als Hommage an Sonia Rykiel zu kulminieren scheinen. Die Gesichter seiner Models hat er immer wieder hinter Strümpfen und Stoffen versteckt. Das hat sicher nicht nur damit zu tun, dass er Schnitte und Silhouetten besonders hervorheben wollte. Auch sein Interesse am Surrealismus spielt hinein.

Vorliebe für Übergrößen

Der Tabi-Schuh mit separatem Fach für den großen Zeh steht gleich in der ersten Vitrine - als hätte er den Frauen von Anfang an eine neue und sichere Basis geben wollen. In den großen Fußstapfen der Tabis verlieren sich längst auch Vetements und John Galliano, der Nachfolger von Margiela bei Maison Margiela. Überhaupt die Accessoires, die wie dezente Interventionen wirken: Ringe aus einer Art Schnürsenkel, Hautbemalungen, ungewöhnliche Make-ups wie um die Augen gemalte Sonnenbrillen, über die jeweils echte Sonnenbrillen gesetzt wurden, die dann ein Trompe-l'oeil-Gefühl beim Betrachter hervorrufen, wenn die Models die echten Sonnenbrillen in die Haare hochschieben, die gemalte Sonnenbrille aber weiter das Auge umspielt. Solche Man-Ray-Fortsetzungen lassen erahnen, dass Martin Margiela als Maler ausgebildet wurde, bevor er mit Mode überhaupt in Berührung kam.

Vieles ist hochaktuell: seine Vorliebe für Übergrößen zum Beispiel oder sein Faible für starke Frauen. Junge Models haben ihn noch nie interessiert, es geht ihm tatsächlich um Frauen. Und so geht es in einem fort: Man staunt über den greifbaren Zeitgeist, über das Feuerwerk an Ideen, über die Art, Geschichten zu einer Kollektion zu erzählen, bevor das „Storytelling“ im Marketing überhaupt erfunden war.

Mode um der Mode willen interessiert ihn nicht. Seine Saisons kann man nicht an Jahresangaben festmachen. In Brüssel hat er zu seiner inszenierten Abwesenheit gesagt, dass es ihm nicht darum gehe, geheimnisvoll zu erscheinen, dass er aber eine Distanz zur Modewelt empfinde. Mode mache uns alle zu Opfern, der Rhythmus des Marktes sei geradezu unmenschlich. Er habe davon nicht mehr Teil sein wollen. Er wollte sich daraus befreien und will es bis jetzt. Viele scheint das zu berühren. In der Ausstellung herrscht eine beinahe andächtige Stimmung, ganz ohne den üblichen Fashion-Hype, ohne nervöses Fotografieren, sogar fast ohne Influencer.

„Margiela/Galliera, 1989-2009“, Palais Galliera, Paris, bis zum 15. Juli 2018.

„Margiela, les années Hermès“, Musée des Arts décoratifs, Paris, bis zum 2. September 2018

Die digitale F.A.Z. PLUS
Die digitale F.A.Z. PLUS

Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

Mehr erfahren
Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenParisBrüssel-ReisenAntwerpenBrüssel