Phoebe Philo bei Céline

Das seid doch ihr

Von Jennifer Wiebking
 - 17:38
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Zum Debüt damals sollen manche Moderedakteurinnen den Tränen nah gewesen sein. Andere Frauen im Publikum sortierten schon mal ihre Wunschlisten für das kommende Frühjahr neu. Und alle erhoben sich nach der Schau, zur standing ovation. Natürlich, auch ein paar Männern wird die Mode gefallen haben, die da auf dem Laufsteg im Oktober 2009 zu sehen war, die so gar nichts mit den gerade angesagten Fetzen von Balmain oder den futuristischen Entwürfen von Balenciaga zu tun hatte. Um diese zwei Marken ging es zu der Zeit bis dato vornehmlich. Fasziniert von Céline aber waren die Frauen.

Dass man hier so klar zwischen den Geschlechtern trennen muss, hat nichts mit veralteten Klischees zu tun. Es geht nicht um Mode, die angeblich nur Frauensache ist. Es liegt vielmehr daran, dass Phoebe Philo damals im Jahr 2009, zur ersten Schau für Céline, diesen Frauen aus der Seele sprach, die direkt dort im Publikum saßen. Oder jenen, die sich anschließend durch die Bilder auf Style.com klickten. Phoebe Philo stellte ihnen mit dieser ersten Serie Kleider, die weniger eine Kollektion war, sondern eher eine ultimative Garderobe, gewissermaßen einen Spiegel auf. Mit den Hosen und Röcken aus Jute, den auf Hochglanz polierten Lederhemden, den dicken Keilabsätzen. Als wollte sie sagen: Seht her, das seid doch ihr. Nur besser angezogen.

Es war damals der Anfang ihres konsequent frauenfreundlichen Konzeptes, mit dem sie die Mode der vergangenen zehn Jahre so stark geprägt hat wie kein anderer Designer. Man muss jetzt in der Vergangenheit sprechen, denn kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember, verkündete das Haus, dass Phoebe Philo zurücktreten wird. Klar, knapp zehn Jahre sind in der Mode eine Ewigkeit, da kann man mal den Job wechseln. Viel hatte die 45 Jahre alte Britin ihrem Stil auch nicht mehr hinzuzufügen. Aber da seit vergangenem Sonntag bekannt ist, dass ihr Nachfolger Hedi Slimane heißen wird, ist auch nicht davon auszugehen, dass der Stil, den sie bei Céline geprägt hat, überhaupt noch lange existiert.

Jener, mit dem erst einmal keine Frau wegen ihres Alters ausgeschlossen wird, mit dem es für jede eine Mode-Lösung gibt – vorausgesetzt, das Geld spielt keine so große Rolle. „Unter Phoebe Philo war es eine Ansammlung von wahnsinnig schönen Einzelteilen für Frauen, die es in der Form nicht mehr geben wird“, sagt auch Andreas Murkudis, der Céline in seinem gleichnamigen Store in Berlin als einer der wenigen Händler in Deutschland verkauft, an Frauen von 18 bis 68. Wenn Phoebe Philo 2015 Joan Didion, damals 80 Jahre alt, eine Riesen-Sonnenbrille aufsetzte und sie für die Frühjahrskampagne fotografierte, dann war das natürlich ein Marketing-Kniff, aber zugleich ein bisschen mehr. Die amerikanische Schriftstellerin stand ja auch für eine Altersgruppe, die sich von Céline durchaus angesprochen fühlen konnte.

Sexy, düster und superschmal

Mit dem Designerwechsel bei Céline, das ist schon jetzt sicher, geht auch eine Ära zu Ende. Denn dass Hedi Slimane kein Problem damit hat, Kontrolle zu übernehmen, das zeigen nicht nur seine Titel. Er ist jetzt dreimal Chef: Kreativdirektor sowie zugleich der erste künstlerische und Image-Direktor des Hauses. Neben Damenmode wird er künftig auch für Herren entwerfen, er soll Couture und Parfums lancieren. Hedi Slimanes Kontrolle ist spätestens legendär, seit er 2012 bei Yves Saint Laurent den Markennamen um ein Wort verkürzt hat, um den Vornamen des Gründers. Was wird er jetzt bei Céline machen? Mit seiner Mode – sexy, düster, superschmal – Kunden ignorieren, die jenseits der dreißig sind? Mindestens den Apostroph im Namen streichen? Das Logo ändern?

Das hatte Phoebe Philo neu entwickelt, als sie damals anfing. Die Chefs des Luxuskonzerns LVMH und Eigentümer von Céline hatten zuvor ein Jahr lang versucht, an die Designerin heranzukommen. Sie hatte schon einmal die Mode geprägt, bei Chloé, als Nachfolgerin von Stella McCartney – und auf ihrem Höhepunkt, nach der Geburt ihrer ersten Tochter Maya, sich dazu entschlossen, zurückzutreten. Die Familie wohnte in London, das Atelier war in Paris. Kinder statt einer Karriere in der Mode, das war damals Anfang des Jahrtausends in der Szene eine neuere Idee. Phoebe Philo zog sich zurück, bekam noch ein Kind, einen Jungen, Marlowe, dann rief LVMH an. Sie willigte schließlich ein, aber nur unter der Voraussetzung, von einem Atelier in London aus zu arbeiten.

Das Haus, das sie übernahm, hatte so gut wie keine Geschichte. Gegründet wurde es von Céline Vipiana im Jahr 1945, und es war ursprünglich eine Marke für Kinderschuhe, die mit der Zeit Richtung Damenmode expandierte. 1997 kam Michael Kors als Chefdesigner, das half sieben Jahre lang. Anschließend dümpelte Céline weiter vor sich hin. Für Phoebe Philo war es die Chance, die Marke radikal zu ihrer eigenen zu machen. Ihre Art zu leben, mit Familie, mit Beruf, das zeigte sich auch in den Stücken, die eben in erster Linie für die Körper von Frauen gedacht waren und erst dann auch auf dem Laufsteg stimmig sein sollten. Die Schauen waren trotzdem stets eines der großen Highlights während der Pariser Modewoche und die Samples für die Stylisten begehrt. Als Phoebe Philo im Jahr 2012 ihr drittes Kind erwartete, verzichtete sie auf eine Schau. Aufmerksamkeit hatte sie mit ihrer Mode ohnehin, so konsequent modern, wie die Kleider waren.

Am Anfang mögen sie minimalistischer gewesen sein, die Konzentration lag auf guten Stoffen, auf Pullovern, Hosen; Hauptsache war, dass sie richtig saßen, also nicht überkorrekt waren. Dann kamen auch Muster dazu und Accessoires, die den Look prägten: Die Vans-artigen Slip-Ons, die Trio-Umhängetaschen, die weder zu groß noch zu klein waren. Als sie einen Schlappen mit zwei Riemen und dickem Fußbett, wenn auch mit Pelz gefüttert, entwarf, sorgte das für ein Comeback der Birkenstock-Sandalen. Ein Hype, der sich bis heute hält. „Céline hat es clever gemacht“, sagt auch Andreas Murkudis im Hinblick auf die Verkaufsstrategie. „Man durfte als Kunde nie so viel kaufen, wie man eigentlich wollte.“ Die Taschen waren besonders beliebt, aber nur ein gewisser Anteil vom Gesamtvolumen der Händler durfte aus Handtaschen bestehen, etwa 12 bis 15 Prozent. So hielt sie die Aufmerksamkeit jahrelang.

Es gibt jetzt also für viele Kundinnen einen weiteren Grund, in der Vergangenheit zu leben. Es erinnert an die Zeit, als Jil Sander ihr Haus zum ersten Mal verlassen hat, jene Designerin, die ähnlich direkt von Frau zu Frauen gesprochen hat. Phoebe Philo hat das weitergedreht: Die Mode ist jetzt überhaupt mehr Céline – mit Einzelteilen, von denen ein paar wenige reichen, sofern es die richtigen sind. Tagesgarderobe spielt eine größere Rolle, für die Zeit, wenn Frauen Stücke brauchen, die ihre Art zu leben perfekt reflektiert. „Ich schätze Hedi Slimane als Allroundkünstler“, sagt Andreas Murkudis. „Aber ich finde es bedenklich, jemanden anzustellen, der mit Sicherheit alles ignoriert, was zuvor wichtig war. Er wird in Los Angeles arbeiten, und das Produkt wird somit noch teurer.“

In dieser Woche war Andreas Murkudis noch einmal im Showroom von Céline in Paris. Die Stimmung? „Sie sind alle ganz professionell, aber viele werden bald nicht mehr da sein.“ Wenn Hedi Slimane erst mal angefangen hat. Im März zeigt Phoebe Philo ihre letzte Schau. Vielleicht geht sie anschließend zu Burberry, wo sie jetzt, da Christopher Bailey die Marke verlässt, dringend Hilfe brauchen könnten. Oder irgendwann zu Chanel. Céline, wie es ist, wird dann Geschichte sein. Es ist ein gutes Kapitel der Modegeschichte.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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