MAE

Von ESTELLE MARANDON, Fotos AMIRA FRITZ

10.10.2018 · Sie ist Halb-Chinesin und Halb-Kanadierin, sie hat blaue Haare und vier Kakadus: Die Mode, die in diesem Herbst keine Grenzen kennt, kann Mae Lapres gut tragen.

D ie meisten würden mit einer Plastiktasche auf dem Kopf vermutlich keine so gute Figur machen. Mae Lapres trägt dazu eine Kombination aus schwarzen Trainingsshorts, Tennissocken bis zum Knie, weißen Plateau-Turnschuhen und einer goldenen Tweed-Jacke - und schafft es, darin nicht nur elegant, sondern auch glaubhaft auszusehen. Vermutlich liegt es daran, dass ihr persönlicher Stil gar nicht so weit von diesem wilden Look entfernt ist, den sie heute im Studio trägt, für das Shooting dieser Modestrecke.

Das 26 Jahre alte Model ist eine unverbesserliche Exzentrikerin. Die kobaltblauen Haare, ihr Markenzeichen, färbt sie sich selbst, ihre poppigen Castelbajac-Blazer und bunten Hippie-Tuniken kauft sie in Second-Hand-Läden. Auch vor hellgrauen Kontaktlinsen würde sie keinen Halt machen, wenn ihre Agentin sie ihr nicht verboten hätte. „Ich liebe die Dinger“, sagt sie und lacht. „Früher hatte ich so große Ohrlöcher, dass ich mir Zigaretten durchstecken konnte, aber auch das fanden die nicht so gut.“

Sweatshirt und „Pantashoes“ – Einteiler aus Hose und Schuhen von Balenciaga

Mae Lapres' extravagantes Aussehen ist nicht ihr einziger Spleen. Zum Shooting ins Studio Rouchon im Pariser Vorort Saint-Denis ist sie in Begleitung ihrer beiden weißen Kakadus gekommen. Kiki und Cesar sitzen ihr beim Shooting auf der Schulter und zupfen mit dem Schnabel an der Kleidung. In ihrem Apartment in Asnières-sur-Seine lebt sie außerdem mit dem Cavalier-King-Charles-Spaniel namens Oliver zusammen sowie mit zwei weiteren Kakadus, Nelson und Katyuska. Tiere sind ihre Leidenschaft, ihnen zuliebe verzichtet sie sogar auf Urlaub. „Meine Eltern übernehmen sie schon jedes Mal, wenn ich beruflich unterwegs bin, mehr kann ich ihnen nicht zumuten.“

Lederjacke von Dior, Hemd von Figaret Paris, Jeans von Levi's, Tiara von Burma, Ohrringe von Thomas Sabo, Schleife von Cinabre, Poncho von El Paso Booty, Armband von Galerie Argiles, Ringe von Cartier, Strümpfe von Falke, Sandalen von Birkenstock
Rock und Hose von Michael Kors Collection, Tuch und Tasche von Hermès, Schuhe von Versace
Jacke von Tomboy by Filles A Papa, Rock und Hose von Michael Kors Collection, Tuch und Tasche von Hermès, Schuhe von Versace
Jacke und Schal von Manish Arora, Hose von Akris, Kappe von Maison Michel, Tasche von Adidas Y-3, Schuhe von Adidas x Alexander Wang

Die gebürtige Pariserin, die im sechsten Arrondissement in Saint-Germain-des-Près aufwuchs, ist ein Paradiesvogel, seit sie denken kann. Daran konnte auch ihr bourgeoises Umfeld nichts ändern. Im Gegenteil. „In meiner Klasse trugen sie alle Balenciaga-Taschen und die neuesten Designer-Klamotten. Ich komme nicht aus einer armen Familie, mein Vater ist Anwalt, trotzdem konnte ich mir so etwas nicht leisten. Also habe ich angefangen, Vintage zu tragen.“

Um ihren Kleiderschrank aufzumotzen, mussten die Blusen ihrer Mutter mit breiten Schulterpolstern herhalten. Die Sonnenbrille ihrer Großmutter aus den achtziger Jahren funktionierte sie zur Lesebrille um. Darüber machten sich die blasierten Klassenkameraden ihrer katholischen Privatschule lustig. Bis der Look auf einmal modern wurde und jeder sie fragte, woher sie ihre Sachen habe.

Jacke und Gürtel von Versace, Top und Hose von Bottega Veneta, Sonnenbrille von McQ Eyewear, Schal von Galerie Argiles
Ringe aus Silber mit großen Steinen von Burma

Mae Lapres ist es gewohnt, anders zu sein. Ihr Vater ist Kanadier, ihre Mutter Chinesin. Zu Hause wurde vor allem Chinesisch gesprochen, gegessen wurde mit Stäbchen. Salat aß sie am liebsten genussvoll mit den Händen. „Ich erinnere mich, dass ich in der Grundschule einmal von einer Freundin in ihr Landhaus eingeladen wurde und nicht wusste, wie man ein Steak richtig schneidet. Ihr Vater musste mir das erst einmal beibringen.“

Jacke von Tomboy by Filles A Papa, Tuch und Tasche von Hermès, Brosche von Shourouk
Jacke und Leggings von Junya Watanabe, Mütze Vintage, Ringe von Burma, Tasche von Jacquemus
Fußballtrikot von Adidas, Ärmel aus einer Netzstrumpfhose zurechtgeschnitten von Wolford, Hose von Desigual Couture, Ketten von Harpo und Césarée, Ringe von Cartier
Weste von Prada, Hemd von Polo Ralph Lauren, Ring aus Weißgold mit Turmalin, Topas und Diamanten sowie Ring aus Weißgold mit Smaragden und Diamanten von Chopard

Auch sprachlich hatte sie Nachholbedarf. Ihr Französisch war schlechter als das der anderen Kinder, als sie in die Grundschule kam. Vor allem das Zählen fiel ihr schwer. Heute spricht sie drei Sprachen fließend und ist stolz auf ihre Multikulti-Herkunft. So sei sie weltoffen und nicht so borniert. Für ihre Modelkarriere aber sei ihr exotisches Aussehen zunächst ein Hindernis gewesen. „Asiatische Models waren zu dieser Zeit nicht besonders gefragt, ganz anders als heute.“

Tweedjacke und Tasche von Chanel, Seidenhemd von Paule Ka, Shorts von Adidas x Alexander Wang, Turban aus einer Tasche von Tati, Ohrringe von Chanel Vintage, Ringe von Giorgio Armani, Taschen von Tati, Strümpfe in Blau von Falke und Strümpfe in Weiß von Adidas, Turnschuhe von Junya Watanabe
Pullover und Rock von Calvin Klein, Baskenmütze (unter den Tüchern getragen) von Maison Michel, Tücher von Eric Bompard, Brosche von Shourouk, Ohrringe und Halskette von Burma
Jacke aus Baumwolle, Hemd aus Spitze und Hose aus technischem Jersey von Gucci, Ohrring von Shourouk, Kette von Césarée, Rucksack von Eastpak, Ringe von Cartier, Strümpfe von Happy Socks
Pullover und Top von Louis Vuitton, Hut von El Paso Booty, Halskette (auf dem Hut getragen) von Harpo, Turban aus Strumpfhosen (unter dem Hut) von Wolford, Schal von Essentiel Antwerp, Stiefel von Paule Ka

Bei der Schau von Gucci in Arles im Mai war sie auch dabei. Dass sie ihren Weg gemacht hat, schreibt sie ihrer unkomplizierten Persönlichkeit zu. Viele Französinnen können in der Hinsicht von ihr lernen. „Aber in China sehen die Leute mich wahrscheinlich ganz anders. Wenn man dort angerempelt wird, ist es einem vollkommen egal. Wenn mir das passiert, kann ich nicht anders, als zu fluchen. In der Hinsicht bin ich eine typische Pariserin.“

Mantel von Max Mara, Pullover von Fendi, Rock von Stella Jean, Kappe von New Era

Fotografie Amira Fritz
Styling Stephanie Brissay
Model Mae Lapres (Public Image) mit den Vögeln Kiki und Cesar
Haare Olivier Lebrun (Call My Agent)
Make-up Arzu Kücük (Call My Agent)
Foto-Assistenz Corinna Schulte und James Fonteneau
Styling-Assistenz Margaux Pelleray und Pierre Bourgeois
Fotografiert am 16. Mai im Studio Rouchon in Paris.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin