Erbe Yves Saint Laurents

Couture Future

Von Bettina Wohlfarth
 - 11:55
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Die Schatzkammern sind mit schweren Türen gesichert. Nur zehn Angestellte haben hier Zutritt. Bevor man die Schwelle überschreitet, muss man Kittel und Schuhhüllen überziehen, um die wertvollen Archivalien vor Mikroben und Motten zu schützen. Brummende Maschinen sorgen für eine immer gleiche Temperatur von 18 Grad und eine niedrige Luftfeuchtigkeit. Wenn Simon Freschard an den großen Rädern dreht, bewegen sich die stählernen Magazinschränke zur Seite, und man kann geradewegs in die Geschichte der Mode schauen.

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Dem Modeschöpfer Yves Saint Laurent werden zwei Museen gewidmet: Ein exklusiver Besuch in Paris

Das Archiv der hochempfindlichen Haute-Couture-Modelle von Yves Saint Laurent lässt nichts mehr vom vornehmen Charme eines Ankleidesalons erahnen. Die klinische Stimmung ist weit entfernt von der flirrenden Spannung einer Modenschau. Aber wenn Simon Freschard, einer der Hüter dieses gigantischen Erbes, die wundervollen Tages- und Abendkleider, die Kostüme, Mäntel, Capes oder Hochzeitskleider aus den riesigen Stahlschränken herausholt, dann erschrickt man fast, wie gegenwärtig hier die sechziger und siebziger Jahre plötzlich sind.

Die Schriftstellerin Franoise Sagan, die in den fünfziger Jahren mit ihrem Roman „Bonjour Tristesse“ berühmt wurde, sagte einmal: „Ein Kleid hat nur Sinn, wenn ein Mann Lust hat, es auszuziehen.“ Natürlich schwebte ihr dabei „une petite Saint Laurent“ vor, wie die Pariserinnen ein Kleid des Designers nannten, bei dem Sagan für ihr ziemlich ausschweifendes Leben schon Kleider bestellte, bevor Catherine Deneuve zur Muse des übersensiblen Modeschöpfers wurde.

Archiv Yves Saint Laurent
In der Altkleidersammlung
© F.A.Z., Johannes Krenzer, F.A.Z., Johannes Krenzer

Catherine Deneuve trug dann das Mondrian-Kleid von 1965 mit femininer Verve. Ein Jahr später trug sie den androgynen Smoking mit selbstsicherer Verführungslust - Yves Saint Laurent hatte eine Hose zum Höhepunkt der weiblichen Garderobe gemacht. Indem der Couturier die veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft nicht nur begleitete, sondern sie auch provozierte, schrieb er ein Kapitel Kulturgeschichte mit. Gleichzeitig leitete er gemeinsam mit seinem Lebens- und Geschäftspartner Pierre Berge eine Revolution in der Modebranche ein, als er die Pret-a-porter-Linie Rive Gauche gegen die Herrschaft der Couture stellte.

Das Herzstück im eleganten Stadtpalais

Seit 1974 ist der Sitz des Modehauses an der Avenue Marceau, Nummer 5. Es ist eines der eleganten Stadtpalais, die für das Viertel zwischen Trocadero und Champs-Elysees typisch sind. Bis zum Januar 2002, dem 81. und letzten Defilee, wurde in diesen Räumen die Saint-Laurent-Couture geschneidert. Hier lagen die Nähateliers und Anprobesalons, die immer größer werdenden Archivräume, vor allem aber das nervöse Zentrum und kreative Herzstück eines jeden Couture-Hauses: das Studio, in dem vom ersten zeichnerischen Entwurf bis zum letzten Accessoire die Kollektionen geschaffen wurden.

Seit 2004 ist das ehemalige Modehaus nun Sitz der „Fondation Pierre Berge - Yves Saint Laurent“. Die Stiftung soll das künstlerische Erbe des Modeschöpfers erhalten und verbreiten. Sie organisiert in den eigenen Räumen thematische Ausstellungen, vergibt Leihgaben an Museen in aller Welt und arbeitet mit ihnen zusammen, zur Zeit mit dem Seattle Art Museum für die Schau „Yves Saint Laurent: The Perfection of Style“ (bis zum 8. Januar 2017). Außerdem baut die Stiftung gerade zwei neue Museen: In Marrakesch ist eine permanente Ausstellung mit etwa 50 bis 60 Couture-Kleidern geplant. In Paris werden thematisch in die Tiefe gehende Wechselausstellungen stattfinden.

5000 Modelle plus 15.000 Accessoires

Das Archiv an der Avenue Marceau, auf das die Stiftung für ihre Ausstellungen zurückgreifen kann, ist immens. Von den etwa 12.000 Modellen, die Yves Saint Laurent in 40 Jahren für die Haute Couture entworfen hat, sind immerhin 5000 Modelle in der Sammlung vertreten. Hinzu kommen 15.000 Accessoires, von Hüten über Schmuck bis hin zu Schuhen, alles nach Jahren und nach Kollektionen geordnet. Sobald man an die geöffneten Schränke herantritt, koloriert die Vorstellungskraft die archivarische Wirklichkeit.

Wie Phantome der Zeit- und Modegeschichte, von den schönen Mannequin-Körpern verlassen, hängen die Roben an ihren Bügeln, die speziell für jedes einzelne Stück gefertigt werden. Es sind wattegepolsterte Krücken gegen die Vergänglichkeit. Unter besten Lagerungsbedingungen, die hier sicherlich herrschen, kann man Haute-Couture-Kleider 100 bis 200 Jahre und hoffentlich noch länger erhalten. Die Hände in weißen Baumwollhandschuhen, darf man wirklich einmal über zwei herrliche Mondrian-Kleider streifen oder ein samtenes Hochzeitskostüm hervorziehen, auf das eine Collage mit „Love me for ever“ aufgestickt ist - und auf dem Rücken steht „or never“.

Jedes Kleidungsstück ein fragiles Kunstwerk

Jedes neue Rollregal eröffnet eine Epoche. Da hängen die golden bestickten Jacken der „chinesischen“ Kollektion von 1977, da die langen Abendkleider der „spanischen“ Kollektion von 1995, die von Yves Saint Laurents imaginären Reisen in ferne Welten erzählen. Jedes Kleidungsstück ist ein fragiles Kunstwerk. Mehrere bestickte Modelle liegen, vorsichtig verpackt, in Schubladen, für eine Hängung sind sie zu schwer: Beim Aufziehen kommen dicht mit Perlen und Pailletten besetzte Kostümjacken zum Vorschein. Goldgelbe Sonnenblumen, violettblaue Iris - sie stammen aus der von Van Gogh inspirierten Kollektion (1988) und galten damals als die teuersten Stickereien.

Im Archiv hängen zumeist Prototypen, also Modelle, die auf den Defilees gezeigt wurden und somit als ursprüngliche Saint-Laurent-Kreationen gelten können. Auch sämtliche Accessoires wurden auf den Modenschauen getragen. Schon seit Jahrzehnten wird die Sammlung durch Ankäufe ergänzt. Die Dokumentation jedes einzelnen Stücks ist erhalten. So lässt sich die Geschichte jedes Kleidungsstückes vollständig rekonstruieren. Welches Mannequin hat es getragen? Wie viele Stunden Arbeit stecken darin? Wie viel kostete seine Herstellung? Welcher Kundin wurde es verkauft? Zu welchem Preis?

Sämtliche originalen Zeichnungen sind vorhanden, außerdem die Modellbeschreibung aus dem Atelier mit allen Angaben zur Umsetzung eines gezeichneten Entwurfs: Stoffe, Farben, Knöpfe, Accessoires, Fabrikanten. Die Line-up-Zeichnungen jeder Kollektion, die Kundenbücher, Pressemappen, Videos und unzählige Fotos vervollständigen die Sammlung. Aus diesem Bestand werden in Zukunft in den beiden Saint-Laurent-Museen die Ausstellungen bestückt.

Leben und Werk des Modeschöpfers zum Auftakt

Das Haus an der Avenue Marceau ist gerade im Umbau. Die bestehenden Museumsräume werden vergrößert für die Neueröffnung im Oktober nächsten Jahres. Die erste Ausstellung wird in einer Retrospektive Leben und Werk des Modeschöpfers nachzeichnen. Bislang war das legendäre Studio für Besucher nicht zugänglich. Nun wird es in den Museums-Parcours einbezogen.

Dort steht der Schreibtisch, an dem Yves Saint Laurent ein Leben lang gearbeitet hat: eine Glasplatte auf zwei schlichten Holzböcken. Darauf liegen die Utensilien, Souvenirs und Talismane, die Saint Laurent immer umgeben haben: seine Blei- und Farbstifte, eine tönerne Hand als Briefbeschwerer, ein rotes Herz, Christian Diors Spazierstock und ein Moujik aus Porzellan, eine dieser französischen Bulldoggen, die Saint Laurent so liebte.

Große Ankündigung schon mit neun

In diesem Studio, mit den Stoffrollen, Kleiderständern, Büchern, Fotos und vor allem dem übergroßen Spiegel, gingen die engsten Mitarbeiter von Yves Saint Laurent und Pierre Berge ein und aus. Hier fand das „Ballet des Toiles“ statt, die erste Vorführung der zunächst aus Leinwand gearbeiteten Modelle, die der Modeschöpfer daraufhin prüfte, ob seine Zeichnungen perfekt umgesetzt wurden. Schließlich wurde hier auch letzte Hand an die fertigen Defilee-Modelle gelegt.

Yves Saint Laurent ist der erste Modeschöpfer, der zu Lebzeiten in Museen einging. Zunächst wurde er als Fashion-Ikone der siebziger Jahre mit einer Porträtserie von Andy Warhol bedacht, die es auch im Pariser Museum zu sehen geben wird. Dann wurden einige seiner Couture-Modelle zum ersten Mal 1983 als schon historisch gewordene Stücke im Metropolitan Museum of Art in New York ausgestellt.

„Eines Tages wird mein Name in flammenden Buchstaben an den Champs-Elysees stehen“, hatte der neunjährige Yves erklärt. Als junger Mann bereitete er sich mit unzähligen Zeichnungen und Kostümierungen auf sein großes Ziel vor. Aber sein Talent allein hätte das Mode-Imperium mit dem verschlungenen Monogramm YSL, das dann tatsächlich ganz in der Nähe der Champs-Elysees prangen sollte, nicht erschaffen können. Pierre Berge gehört untrennbar dazu. Ohne seinen dynamischen Optimismus und das betriebswirtschaftliche Geschick hätte der labile, nervöse und melancholische Yves Saint Laurent dem Druck der Modewelt nicht standhalten können.

Ein rotes M für Museum

Schon früh waren sich beide bewusst, dass ihre Kreationen dereinst in ein Museum gehören würden. Von 1962 an wurden im ersten Couture-Atelier an der Rue Spontini sämtliche zeichnerischen Entwürfe, Dokumente und ausgewählte Modelle aufgehoben. Mit der emblematischen Ballet-Russes-Kollektion von 1976 kennzeichnet Yves Saint Laurent systematisch alle Entwürfe, die er für wichtig hält, mit einem roten M für Museum. Die entsprechenden Defilee-Prototypen wurden dann für die Nachwelt archiviert und nicht verkauft.

In den frühen Neunzigern, nachdem Yves Saint Laurent seine Hommage-Kollektionen für verehrte Künstler wie Matisse, Picasso und Van Gogh entworfen hatte, zeichnete Pierre Berge ein klares Bild der Zukunft. Eine Stiftung solle ihre beiden Namen vereinen und das künstlerische Erbe Saint Laurents erhalten. Alles was sie besaßen, sollte in diese Stiftung eingehen. Mit der zielbewussten Klarheit, mit der Berge aus dem kleinen Couture-Atelier an der Rue Spontini ein internationales Unternehmen schuf, leitete er nach dem letzten Defilee im Januar 2002 die Umwandlung des Modehauses in eine private Stiftung ein.

2009, ein Jahr nach dem Tod Yves Saint Laurents, verkaufte Pierre Bergé in einer spektakulären Auktion die grandiose Kunstsammlung, die das Paar zusammengestellt hatte. Bis 2017 wird nun die wertvolle Bibliothek in insgesamt sechs Auktionen versteigert. Die Erfolge mit Couture, Prêt-à-porter, Parfums und Kosmetik hatten die Sammlungen ermöglicht - jetzt ist es der Erlös aus ihrer Versteigerung, der das langfristige Fortleben der komplett privat finanzierten Stiftung mit ihren beiden Museen sichert.

Als Laurence Benaïm, die Biografin Yves Saint Laurents, den Modedesigner nach seiner Abschiedsschau im Jahr 2002 um eine letzte Botschaft „an die Frauen“ bat, erklärte er: „Als erstes möchte ich ihnen sagen, dass sie auf ihre Verführungskraft zählen sollen. Aber ich glaube, mein Dialog mit ihnen ist nicht zu Ende. Mein Leben ist eine Liebesgeschichte mit der Frau. Es bleibt zu hoffen, dass diese Geschichte nicht aufhört.“ In Paris und Marrakesch wird sie nun weitergehen.

Das Museum in Marrakesch

Yves Saint Laurents und Pierre Bergés erste Reise nach Marrakesch im Jahr 1966 muss wie ein coup de foudre auf den Modeschöpfer gewirkt haben. Beide entschieden sich sofort, dort ein Haus zu kaufen. Es war der Anfang einer lebenslangen Geschichte, die sich nun mit der Museumseröffnung fortsetzt. Hier entstanden in intensiven kreativen Phasen sämtliche Entwürfe der jeweils kommenden Kollektion. Sicherlich nahm Yves Saint Laurent die Ähnlichkeit zur Atmosphäre seiner Kindheit wahr. Denn der Junge, der 1936 geboren wurde, wuchs in einer großbürgerlichen Familie in Oran auf, im damals französischen Algerien. Die sinnlichen Eindrücke aus Marrakesch, der Überschwang von Ornamenten, Farben und Düften, wurden in vielen seiner Kreationen spürbar.

Im Jahr 1980 kauften Pierre Bergé und Yves Saint Laurent den Jardin Majorelle, einen botanischen Garten, der von dem Maler Jacques Majorelle (1886 – 1962) angelegt worden war und dem nun der Verfall drohte. Sie restaurierten den Garten und die Villa mit dem Atelier. Das gesamte Anwesen ist seither öffentlich zugänglich und Teil der Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent. Gleich nebenan wird am 14. Oktober 2017 das Musée Yves Saint Laurent Marrakech (mYSLm) eröffnet, ausschließlich durch die Gelder der Stiftung finanziert.

Das Gebäude mit einer Fläche von 4000 Quadratmetern fügt sich mit erdigen Farben und Materialien harmonisch in seine Umgebung ein. 150 Kleider sind samt ihrer Dokumentation schon in die neuen Archive des Museums überführt worden, um die künftige Dauerausstellung von jeweils 50 bis 60 Modellen zu bestücken und anhand der reichhaltigen Dokumentation ihre Geschichte zu erzählen. In einem weiteren Saal werden wechselnde Ausstellungen organisiert; die Eröffnungsschau ist dem Maler Jacques Majorelle gewidmet. Das mYSLm versteht sich als Kulturzentrum – mit einem Auditorium, einer Bibliothek, einer Boutique und einem Café-Restaurant.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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