Online-Möbelkauf

Einrichtung aus dem Netz

Von Christine Scharrenbroch
 - 09:01

Die bekannteste deutsche Möbelmarke kommt aus Stadtlohn. In der kleinen Stadt im westlichen Münsterland fertigt das Familienunternehmen Hülsta hochwertige Schränke, Betten, Kommoden und Regale. Verkauft werden die Möbel bei großen Ketten wie Höffner, Lutz und Porta sowie mittelständisch geführten Einrichtungsgeschäften. „Unsere Marken leben von einer guten Präsenz im Handel“, sagt Geschäftsführer Heiner Goossens. Über das Internet offeriert der Markenhersteller seine Möbel nicht - und steht damit nicht allein. Viele deutsche Produzenten seien skeptisch gegenüber dem neuen Vertriebsweg, sagt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Die Produkte würden als zu komplex für den Online-Handel betrachtet, auch gehe es um Rücksichtnahme gegenüber dem stationären Fachhandel.

Als einer der wenigen in der Branche recht umtriebig in Sachen Online-Vertrieb sind die Rauch Möbelwerke. Die Schlafzimmermöbel für den Massenmarkt, die das Familienunternehmen aus Freudenberg am Main wie am Fließband herstellt, werden auch an Online-Händler wie Amazon oder Home24 geliefert. „Für uns ist das ein zusätzlicher Vertriebskanal“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Michael Stiehl, selbst wenn der Online-Umsatzanteil noch relativ klein sei.

Mausklick statt Probesitzen

Immer häufiger richten die Kunden ihr Zuhause per Mausklick ein. Galten früher nur Wohnaccessoires als online-geeignet, werden inzwischen auch Schränke, Betten und sogar Küchen im Netz geordert. Auch ist es offenbar nicht mehr für alle ein Muss, ein Sofa oder einen Sessel vor dem Kauf Probe zu sitzen. Die Bereitschaft, Polstermöbel online zu bestellen, steige stetig, berichtet Wilhelm Josten. Im Online-Shop seiner Kölner Wohnaccessoires-Kette Butlers bietet er seit zwei Jahren auch Möbel an - und verzeichnet hier zweistellige Wachstumsraten. Über die Homepage können sich die Kunden neuerdings live aus den beiden Möbel-Showrooms in Berlin und Köln beraten lassen.

Der Vertrieb von Möbeln über das Internet wächst rasant. Auf 40 Prozent schätzt das Institut für Handelsforschung (IfH) das Umsatzplus im Möbel-Online-Handel im vergangenen Jahr. Das Potential gilt als „enorm“. Von „einem der spannendsten Internetsegmente“ spricht Marco Atzberger vom EHI Retail Institute. Der Online-Anteil am Möbelumsatz (rund 31 Milliarden Euro) wird seiner Ansicht nach rasch von 6 Prozent (2012) auf bis zu einem Fünftel klettern. Zukünftig werde der Online-Kauf von Möbeln genauso alltäglich sein wie heute der von Schuhen oder Kleidung, gaben 60 Prozent der Befragten in einer IfH-Studie an.

Auch Immobilienmakler steigen ein

Auf dem virtuellen Möbelmarkt tummelt sich eine ganze Reihe von Händlern. Auf 180 Anbieter, darunter der sich als führend betrachtende Otto-Konzern, kam die Fachzeitschrift „Möbelkultur“ zuletzt in einer Übersicht. Selbst ein Immobilienmakler versucht sich auf diesem Feld. Seit gut einer Woche offeriert Engel & Völkers aus Hamburg in einem Online-Shop Couchtische aus Eichenholz, handverzierte Sessel und Vintage-Holzlaternen. „Die Produkte vervollständigen die Immobilie und machen sie zu einem Zuhause“, beschreibt Vorstandschef Christian Völkers die neueste Geschäftsidee. Als seine Lieblingsstücke präsentiert er eine Antikkommode (1399 Euro) und einen Barocksessel (499 Euro). Das mit rund 100 Artikeln recht überschaubare Angebot soll noch ausgebaut werden.

Als größter unter den reinen Online-Möbelhändlern gilt Home24, eine der vielen Internetaktivitäten der unter anderem durch Zalando bekannten Samwer-Brüder. Das Berliner Unternehmen, an dem sich auch der Kölner Handelskonzern Rewe beteiligt hat, bietet 70000 Artikel an und hat im vergangenen Jahr etwas mehr als 100 Millionen Euro umgesetzt. Die Hälfte des Umsatzes werde durch Großmöbel wie Betten und Polstermöbel erwirtschaftet, heißt es. Die Lieferung ist kostenfrei, die Möbel können innerhalb von 30 Tagen wieder zurückgegeben werden. Dass Home24 noch nicht profitabel arbeitet, wird unumwunden eingeräumt. Wachstum gehe momentan vor Profitabilität.

Noch ein zweites Eisen haben die Samwer-Brüder mit Westwing aus München im Feuer. Bei dem 2011 gegründeten Shopping-Club für ausgefallene Wohnaccessoires, der seinen Umsatz 2013 mit 110 Millionen Euro fast verdreifacht hat, sind sie ebenfalls investiert. Immer mehr Bestellungen gehen bei dem in zehn Ländern tätigen Online-Händler von mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets ein. Ein Drittel aller Aufträge wird schon auf diese Weise erteilt.

Stationäre Möbelhändler unter Zugzwang

Mit einer eigenen Kollektion vom Wettbewerb absetzen will sich Fashion for Home, wie Home24 in Berlin ansässig. Designer entwerfen für das vor vier Jahren gegründete Start-up die Möbelstücke, die dann von Partnern in Auftragsarbeit produziert werden. Seine Bekanntheit steigern will Fashion for Home durch Showrooms. Nach Berlin, Hamburg, Düsseldorf und München ist am Samstag auch eine Filiale in Wien eröffnet worden, Mitte März soll ein Showroom in der Frankfurter Zeilgalerie folgen.

Durch das Vorpreschen der Online-Spezialisten geraten die stationären Möbelhändler, die sich des Themas nur zögerlich annehmen, unter Zugzwang. „Es gibt immer mehr Kunden, die sich im klassischen Möbelhaus beraten lassen, um dann über den oft preiswerteren Vertriebsweg Versandhandel einzukaufen“, sagt VDM-Hauptgeschäftsführer Dirk-Uwe Klaas. Während Porta, Roller und Poco-Domäne schon seit einiger Zeit Online-Shops unterhalten, verkaufen die XXX-Lutz-Gruppe aus Österreich und Segmüller aus Bayern ihre Möbel erst seit einigen Monaten über das Internet. Gar keinen Online-Handel betreibt die Höffner-Gruppe aus Berlin, die Nummer zwei am Markt.

Große und schwere Möbel übers Internet

Große Ambitionen im Online-Handel hegt Ikea, der Marktführer im hiesigen Möbelmarkt. Bis 2020 wollen die Schweden in Deutschland ein Zehntel ihres Umsatzes im Netz erzielen statt bislang 2 Prozent. Momentan sind 7300 Artikel online erhältlich, in Zukunft soll das komplette Ikea-Sortiment im Online-Shop zu finden sein. Die Lieferung durch eine Spedition kostet bei Online-Bestellung 59 Euro.

„Immer mehr Menschen nutzen inzwischen auch beim Möbelkauf die Möglichkeit, online zu bestellen“, stellt Deutschland-Geschäftsführer Peter Betzel fest. Allerdings gebe es ein klares Zusammenspiel zwischen dem Angebot der Filialen und dem Online-Handel. „Im Einzugsbereich unserer Einrichtungshäuser wird das Online-Angebot am stärksten genutzt.“ Per Internet bestellt werden Ikea zufolge vor allem große und schwere Artikel wie Kleiderschränke, Sofas und Küchen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Scharrenbroch, Christine
Christine Scharrenbroch
Freie Autorin im Wirtschaftsteil.
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