Denim in der Mode

Spezialist der Gegenwart

Von Elisabeth Wagner
 - 06:30
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Eine junge Italienerin überquert an einem Sommermorgen Mitte der achtziger Jahre die Piazza San Marco in Florenz. Sie trägt Levi’s 501, ein weites, weißes Hemd, dazu einen breiten, geflochtenen Gürtel. Wahrscheinlich ist sie auf dem Weg zur Arbeit oder zur Uni, sie hat es eilig. Dass sie in einem fashion moment mitspielt, ist ihr also vermutlich nicht bewusst. Wir sind zu dritt, ihr staunendes Publikum. Drei deutsche Rucksacktouristinnen, seit ein paar Wochen mit der Schule fertig und auf einem Railway-Ticket durch Europa unterwegs. Auch wir tragen Jeans, und wir kennen diese Hemden, die wir unseren Vätern aus den Kleiderschränken stehlen. Erklären können wir uns den Unterschied nicht. Als hätte die Italienerin, deren Look jetzt wieder sehr verstanden wird, ihrer Jeans magische Tricks beigebracht. Für das, wozu ein paar Jeans fähig sind, liebte sie ja auch Yves Saint Laurent eifersüchtig. „Sie haben Ausdruck, Bescheidenheit, Sexappeal, Einfachheit – all das, was ich mir von meinen Kleidern erhoffe.“ Diese Widmung prägte der französische Modeschöpfer im Gespräch mit dem „New York Magazine“ im Jahr 1983. Das Gewöhnliche wird raffiniert, das Einfache geheimnisvoll. Wenn er über die Jeans sprach, dann sprach Yves Saint Laurent offensichtlich über Eleganz.

Es ist keine Übertreibung, die Jeans und den Stoff, aus dem sie gemacht sind, zu den großen Rätseln der Mode zu zählen. Zu den Protagonisten und Grenzgängern, die sich mit so vielen Geschichten und Widersprüchen verbinden, dass es unmöglich ist, sie auch nur annähernd zu erfassen.

Mit dem Zeitgeist verknüpft

Denim. Das führt ans linke Seine-Ufer und nach Saint-Tropez. Es führt zu den Männern in die Türkei, deren Lungengewebe beim Bleichen von Jeans mit Sandstrahlgeräten unwiederbringlich zerstört wurde, und hat zu tun mit einer Angestellten der Berliner Caritas, die einem Obdachlosen eine frisch gewaschene Jeans durch den Spalt einer Badezimmertür reicht. Mit einem Lehrer, der seine Jeans akkurat mit einer Bügelfalte versieht, was seine Schüler wundert.

Es ist deutlich: Verglichen mit Denims Lebenserfahrungen wirkt die Frage nach dem Trend zunächst ein bisschen kleinlich. Sollte man auf Patchwork setzen oder lieber, wie es aktuell oft passiert, auf Denim in Pastell? Trends kommen und gehen. Denim aber ist, spätestens seit Claire McCardell in den Vierzigern das Charcoal Denim Dress entwarf, keine Sekunde aus dem Bewusstsein der Mode verschwunden. Dieser Stoff, der ursprünglich vom Lande kommt, von harter körperlicher Arbeit, hat sich wieder und wieder mit dem Zeitgeist verknüpft. Ein Spezialist für Gegenwart ist er auf diese Weise geworden, und insofern sind seine Trends – wenn man Trends als Aussagen über die Gegenwart versteht – in jedem Fall von Belang. Wenn selbst eine an Mode wenig interessierte Freundin ihre Jeansjacke aus der hintersten Ecke ihres Schrankes hervorholt, muss es Gründe haben. Jahrelang hat sie keine Jeans getragen, warum jetzt?

Denim verzeiht eigentlich alles

Die britischen Anthropologen Daniel Miller und Sophie Woodward würden raten, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Denim sei direkt mit den Konflikten und Sehnsüchten der Menschen verknüpft. Er sei ein philosophisch begabter Vermittler im postmodernen Spannungsfeld der Identität und wie kein anderes item der Garderobe fähig, den Druck der Selbstinszenierung zu lindern. So hatten es die Forscher in ihrem 2007 gestarteten „Global Denim Project“ verkündet und Denim als einen Beschützer charakterisiert. Er nimmt das Ich in Obhut, wenn es sich morgens für einen Bleistiftrock mit Pulli entscheidet und vor dem Spiegel unsicher wird. Wenn es müde ist von der sozialen Rolle, die es spielen zu müssen glaubt. Das Ich kann sich auf Denim verlassen. Es kann in Boyfriend-Jeans über ungeklärte Beziehungsverhältnisse nachdenken, sich nach überstandener Operation für den Nachhauseweg wappnen. Denim ist da. Geduldig, und außer fettigen Haaren eigentlich alles verzeihend.

Auf Hochzeiten und Beerdigungen ist er allerdings nicht gern gesehen. Unfähig wie er ist, einen Schwur zu leisten oder offiziell zu werden. Seine Sache ist der Alltag, sind die Pausen darin. Der Besuch im Kino, die pizzaverschmierten Hände, die Renovierung der Wohnung, deren Spuren Denim umstandslos verzeiht. Insbesondere, wenn die Mode die Renovierungsszene nachstellt und ein Kostüm aus dem Hause Oscar de la Renta vorbeischickt.

Das Ensemble besteht aus einem knöchellangen, geschlitzten Jeansrock plus kurzem, passenden Jäckchen und scheint sich zwischen Malerarbeiten und Cocktailparty nicht recht entscheiden zu können. Wohin geht man in dieser Aufmachung? Ist man dem Alltag davongelaufen, oder bringt man ihn mit? Mit Denim bleibt die Frage wunderbarerweise offen.

„Die beste Erfindung seit der venezianischen Gondel“

Ein Mensch sieht am schönsten aus, wenn es ihm am wenigsten nützt. Von dieser alten Faustregel, wonach jeder krampfhafte Versuch zu gefallen unbedingt scheitern muss, ist es bis zum Denim nicht weit. Sogar jemand in einem Raw-Denim-Look von Tom Ford tut noch so, als sei die eigene Wirkung nichts, was ihn ernsthaft beschäftigt. Knappes Bustier, tailliertes Jackett und perfekt auf den Hüftknochen sitzende Boyfriend-Jeans. Die Schneiderkunst behandelt Denim wie einen Freund.

Stilbildend hat es die „Empress of Fashion“, hat es Diana Vreeland mit mehreren Fotostrecken vorgemacht. Sie liebte Denim („die beste Erfindung seit der venezianischen Gondel“), wie man etwas liebt, das man zugleich bewundert. Wie Herman Melvilles „Moby Dick“, wie Rennpferde im gestreckten Galopp und das Surfen auf dem Wasser, das Mrs. Vreeland zu ihrem eigenen Bedauern nicht beherrschte. Für Denim hatte sie jemanden wie Lauren Hutton im Auge oder den 24 Jahre alten Fotografen David Bailey, der die Kühnheit besaß, 1962 das Büro der neuen Chefredakteurin der „Vogue“ in Jeans und Pullover zu betreten.

Dieser Effekt ist längst passé. Denim hat nichts Neues, geschweige denn Skandalöses mehr, nichts, was annähernd die herzinfarktnahe Stimmung erahnen ließe, in die ein Teenager im Deutschland der späten fünfziger Jahre seinen Vater versetzen konnte, indem er es wagte, in weißem T-Shirt und ausgefranster Jeans das Haus zu verlassen.

Mittlerweile müsste er sich Thong-Jeans anziehen, ein mit Denim-Rest-Fasern um Hüfte und Fesseln gebasteltes Gespenst, was ihm wohl eher belustigte als wirklich herausgeforderte Blicke einbringen würde. Nein, die Mittel der Provokation sind erschöpft, und Denim beschäftigt die Phantasie nicht mehr auf den Nervenbahnen des Generationen- oder Autoritätskonflikts. Was nicht heißt, dass er beliebig wird.

Der Meister des Alltags spielt und verwandelt

Im Gegenteil. In seinen besten Momenten beweist der Meister des Alltags seine Fähigkeit zur Gedankenarbeit und zum Raffinement. Er spielt, zitiert, verwandelt. Bei dem Label Y/Project etwa sieht man Shorts mit asymmetrischen Knopfanleitungen und chirurgenmessergenauen Auslassungen. Bei Études eine verstärkte Jacke, die so tut, als hätte sie ein Mieder des 19. Jahrhunderts um. Sarah Burton (Alexander McQueen) hat ein Kostüm (ebenfalls aus dekonstruiertem Denim) kreiert, das mit dem Charme des Rokoko flirtet, und Antonio Marras integriert, mit beinahe schneidiger Akkuratesse, Blumenapplikationen und Motive der siebziger Jahre.

Von den Aspekten einer sexy-sportlichen Casualness ist diese Mode weit entfernt. Eine kleidsame Nachdenklichkeit und Ruhe ist zu spüren. Die fließende Silhouette einer Mantel-Hose-Kombination des chinesischen Designers Sean Suen wäre ein weiteres Beispiel. Ebenso wie die aktuell stark vertretene „Rigid Jeans“ und das Hemd in Dark Denim, die beide alles sind, nur nicht laut.

Wenn es nicht so absurd weltfremd klingen würde, ließe sich an eine Tai-Chi-Übung denken, an einen Strandspaziergang, und ja, an jene schöne Italienerin, die zu einer Zeit über die Piazza San Marco ging, als kein Handyklingeln sie erreichen konnte. Und tatsächlich, in gewisser Weise geschieht genau das. Für die Trendforscher äußert sich im Denim ein heimlicher Wunsch nach analoger Erfahrung. Sie vermuten in ihm den Talisman einer fast schon für überwunden gehaltenen Welt. Es wäre Denims Meisterstück in Ironie. Denn während wir das Smartphone fest umklammern, würde der wohlplazierte Riss über seinem Knie auf einen Wunsch nach Lebendigkeit deuten, den uns die digitale Welt nicht erfüllen kann. Zuzutrauen wäre es Denim, diesem lakonischen Romantiker, allemal. Dass er unsere Wünsche, unsere Ängste mittlerweile besser kennt als wir selbst.

Quelle: F.A.S.
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