Osteuropa-Design

Möbel nach Vorschrift

Von Anja Martin
 - 17:04
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Seit die Möbel der Jahrhundertmitte wieder allgegenwärtig sind, begegnet man auch ihren Designern auf Schritt und Tritt – Eames, Bertoia, Wegner, Jacobsen, Nelson, Aalto, Ponti und Prouvé scheinen fast schon zum Bekanntenkreis zu gehören. Ohne nachzudenken wird Alvar Aalto mit Doppel-A geschrieben, Jean Prouvé mit Accent aigu und Ray und Charles Eames tauchen eigentlich nur gemeinsam auf. Das gilt erst recht für ihre Werke: Wenn die Begriffe Barcelona oder Aluminium Chair, Tulpenstuhl oder Ei fallen, hat fast jeder Designfan ein Bild im Kopf.

Bei der Breite des Mid-Century-Sortiments fällt kaum auf, dass der Blick nur Richtung Westen und Norden geht, vielleicht noch nach Süden. Selbst die Standardwerke zur Epoche zeigen keinen Entwurf aus dem Ostblock. Das Design zwischen Zweitem Weltkrieg und der Wende scheint verschluckt – verborgen hinterm dem Eisernen Vorhang. Bis heute. War das denn alles so unansehnlich? Gab es da keine talentierten Kreativen? Entstanden dort keine Designklassiker?

In Berlin-Neukölln sitzt der Pole Michael Szarko, 32 Jahre, Seitenscheitel, perfektes Deutsch, in einem Sessel im Stil der Fünfziger. Auch um ihn herum einzelne Möbelstücke, die auf die Mitte des Jahrhunderts verweisen: Sessel, Stühle, ein Couchtisch. Schlicht, klare Linien, irgendwie skandinavisch? Im ersten Moment vertraut, bei genauerem Hinschauen aber doch unbekannt. Tatsächlich kommen diese Möbel aus dem Osten. Seit Jahren in Deutschland lebend, fiel dem Event-Manager Szarko auf, dass hierzulande keiner etwas mit polnischem Design anfangen kann. Dabei beginnt Polen nicht einmal achtzig Kilometer hinter Berlin. Gemeinsam mit einem Schulfreund aus Stettin gründete er das deutsch-polnische Unternehmen Politura, eine Manufaktur für die Designklassiker ihrer Heimat. Anfangs kauften Michael Szarko und Przybyrad Paszyn nur Vintage-Möbel an und arbeiteten sie auf. Heute produzieren sie selbst, fertigen Reeditionen in Lizenz.

Möbelrecherche über alle Kanäle

Grund für diese Entwicklung war vor allem Neugier: zuerst die der anderen, dann die eigene. Immer mehr Interessierte kamen in ihren Berliner Showroom, fragten, woher die einzelnen Stücke kamen, wer sie entworfen hat. Aber sogar sie als Polen wussten es nicht. Möbel ohne Namen, ohne Designer, ohne Geschichte? „Das hat uns selbst genervt – und motiviert“, sagt Szarko. Die Politura-Gründer machten es sich zur Aufgabe, das zuzuordnen, was man „noch bei Oma auf dem Dachboden findet“. Sie begannen zu recherchieren, über alle Kanäle: Internet, Bekanntenkreis, Institutionen, Bibliotheken, Staatsarchive, Zeitzeugen. Sie reisten durchs ganze Land, sprachen mit Leuten, die etwas wussten, jemanden kannten, der etwas wusste. So lernten sie nach und nach die Menschen hinter den Möbeln kennen, trafen die Designer oder deren Familien.

Der entscheidende Unterschied zwischen dem Mid-Century des Westens und des Ostens ist die Anonymität des Designs. Wenn überhaupt, ist bekannt, welcher Betrieb ein Möbelstück produziert, nicht aber, wer es entworfen hatte. Schließlich ging es hinter dem Eisernen Vorhang weniger um den Einzelnen als um die Gemeinschaft. In der Regel gab es auch keine Modellnamen, nur Nummern und sowieso keine Marken. Die Unterlagen zu den einzelnen Möbelstücken, die weiterhelfen könnten, wurden zwar einst sorgsam aufbewahrt, doch nach der Wende schnell vernichtet.

Während der Suche ergab sich ein neues Ziel: nicht nur die Designer ausfindig zu machen, sondern auch vergessene Entwürfe auf den Markt bringen. „Mit dem Stuhl von Professor Homa fing eigentlich alles an“, erinnert sich Michael Szarko. Er meint einen antilopenhaften Holzstuhl mit schmaler, hoher Lehne, der hinten im Showroom auf einem Podest steht. Elegant, ein wenig hochnäsig fast, gebogen und gestreckt zugleich. Ein stolzer Stuhl. Irgendwie unbeugsam.

Seit den sechziger Jahren gab es ihn nur als Prototyp, der die meiste Zeit, mit dem Stempel „Nicht zugelassen“ versehen, im Lager einer Möbelfabrik stand. Denn es durfte in der Volksrepublik nur produziert werden, was eine zentrale Kommission der Möbelindustrie abgenickt hatte. Das Gremium aus Fachleuten und Parteimitgliedern befand aber, dieser Stuhl sei zu ausgefallen für die sozialistische Gesellschaft. Zu fein: kein Arbeiterstuhl. Zu kompliziert: nicht billig herzustellen. Ohnehin nicht massentauglich. An ein Argument erinnerte sich Edmund Homa besonders gut: Sitzt ein Soldat oder Offizier auf diesem Stuhl, könnten beim Aufstehen seine Knöpfe an den Streben der Rückenlehne hängenbleiben. Homa war entsetzt, aber hilflos.

German Design Award für die Neuauflage eines 50 Jahre alten Stuhls

Die Politura-Gründer suchten und fanden den fast neunzig Jahre alten Edmund Homa eigentlich wegen ein paar Sesseln, die sie bei einer Wohnungsauflösung erstanden hatten. Sie wollten wissen, ob sie tatsächlich von ihm stammten. Beim ersten Anruf winkte er ab: „Das ist doch alles so lange her, wer will das denn noch wissen.“ Dann gab es doch ein Treffen bei Danzig, und er zeigte auch den Prototypen des abgelehnten Stuhls, den er einem Tischler hatte abkaufen können, der ihn nach der Wende gerettet hatte. Michael Szarko und Przybyrad Paszyn scherten sich nicht um Offiziersjackenknöpfe, sie waren einfach nur begeistert. So wurde der vergessene Stuhl mit der Nummer H106 fast fünfzig Jahre später zum ersten Mal produziert – und für den German Design Award 2017 nominiert.

Fast kein polnischer Designer hatte Zeichnungen seiner Entwürfe zu Hause, Prototypen sowieso nicht. Es gehörte ohnehin alles dem Staat. Das bedeutet aber auch, dass nicht produzierte Entwürfe nur selten im Nachhinein gerettet werden konnten, denn nach der Wende wurden die zentrale Kommission der Möbelindustrie und viele Möbelfabriken geschlossen und die Archive und Lager geleert.

Janusz Różański, auch ein Designer, von dem Politura Reeditionen herausgibt, hatte zum Glück – weil er einmal beim Bodenlegen zu Hause nichts anderes hatte – Kopien seiner Zeichnungen benutzt, um das Linoleum zu unterlegen. Seine Familie fand sie Jahrzehnte später nach einem Wasserrohrbruch und staunte. Er hatte es völlig vergessen. So ging unter anderem ein Couchtisch von ihm in Serie, der in der Zeit des Kommunismus nie produziert wurde, aber nun einen Designpreis in Polen gewonnen hat.

Etwas über Möbel und den Kommunismus gelernt

„Während dieser Suche haben wir viel über das System gelernt“, sagt Michael Szarko. „Warum Dinge nicht in Serie gegangen sind. Warum nicht so viel entstanden ist. Warum wir massenweise gleiche oder ähnliche Möbelstücke haben.“ Die Möbelfabriken hatten eigene Designabteilungen, die laufend Entwürfe produzierten, schon allein, um ihr Soll zu erfüllen. „Sie mussten zeichnen, zeichnen, zeichnen, egal ob es umgesetzt wurde – so haben es uns die Designer erzählt.“ Einige Ideen wurden mit den Technikern durchgesprochen, der Leitung vorgestellt und schließlich als Prototypen der Kommission der Vereinigung der Möbelindustrie präsentiert. Dort saßen Fachleute, aber auch Vertreter der Partei und entschieden, ob und wo die Möbel produziert werden durften.

Selbst das hieß noch nicht, dass sie auf den Markt kamen, denn auf Messen wählten die Vertreter der zentralen Einkaufskommission zwei Mal im Jahr aus, was sie in den staatlichen Möbelhäusern sehen wollten. Und folgten darin nicht nur ihrem Geschmack, sondern auch den von der Partei beschlossenen Plänen. Denn was das Land für seine Wohn- und Schlafzimmer brauchte, glaubte man ganz oben am besten zu wissen. Hatten Modelle dieses System erfolgreich durchlaufen und herrschte kein Mangel an Material, wurden sie auch dann noch produziert, „wenn die Leute längst satt waren“, erzählten Zeitzeugen. Das Ergebnis: „Polen war voll mit nur zwei Sesselmodellen.“ Weder der Staat noch die Möbelfabriken hatten Grund, etwas Neues zu probieren. Die Leute kauften ja trotzdem, wenn auch mit weniger Lust.

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Nach der Wende wollten viele Polen ihre Möbel schnell loswerden. Zu stark erinnerten sie die Menschen an Kommunismus und Mangelwirtschaft. Viele Mid-Century-Originale des Ostens wanderten daher einfach auf den Müll. „Doch das Bewahrenwollen kommt immer mehr“, beobachtet Michael Szarko. Obwohl das Interesse an der Arbeit von Politura im eigenen Land groß ist, verkaufen sie fast ausschließlich in Deutschland. Das mag auch an den Preisen zwischen 300 und 3000 Euro liegen, die in kleinen Stückzahlen produzierte Möbel kosten müssen. Entwickelt wird in einer eigenen Manufaktur in Posen, produziert bei Handwerkern in der Gegend. Fünf Reeditionen polnischer Klassiker oder solcher, die es hätten werden können, bietet Politura inzwischen an. Weitere sollen schon bald folgen. Denn polnisches Mid-Century-Design kann man eben nicht vergessen.

Vielleicht sollte man sich schon mal die Schreibweise von polnischen Namen wie Janusz Różański einprägen, um sich nicht schon morgen zu blamieren. Mit den Aaltos, Prouvés und Bertoias hat es schließlich auch geklappt.

Quelle: F.A.S.
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