Porträt Josh Wood

Natürlich blond

Von Jennifer Wiebking
 - 14:15
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Man trifft ihn zum Tee. Josh Wood sitzt auf einem tiefen Sessel in einem Café in Soho. Er gießt sich Milch in die Tasse, nimmt von den Kanapees mit Lachs und Meerrettich, bestreicht einen Scone mit Marmelade und greift zum Schluss dieser feierlichen kleinen Szene auch zu den bunten glasierten Kuchen, die hier den passenden Namen tragen: fancy cakes. Es ist die Tee-Zeremonie der Briten, und Josh Wood ist Brite - einer der vielen Kreativen, die schnell über sich hinauswachsen, die weiter in London bleiben, aber trotzdem auf der ganzen Welt an spannenden Projekten beteiligt sind. Die britische Hauptstadt scheint solche Kreative besonders oft hervorzubringen, häufiger als viele andere Städte der Welt. In den sechziger Jahren ging es los, mit Musikern wie den Beatles, mit Models wie Twiggy, Modedesignern wie Mary Quant und einem Friseur wie Vidal Sassoon. Er war übrigens Josh Woods Lehrmeister. Aber dazu später.

Das Image der Briten, in Sachen Einfallsreichtum ganz vorne dabei sein zu wollen, hält sich bis heute. Josh Wood ist ein schönes Beispiel dafür. Er ist Haarkolorist, einer der besten und somit auch einer der teuersten. Zu den Modewochen, sagt er, sei er mittlerweile mehr in Mailand als in London tätig. „Sie haben hier kein furchtbar großes Budget.“ Und er sagt, Gastlichkeit sei doch längst mehr als eine Tasse Kaffee. Wood arbeitet mit verschiedenen Floristen und mit Künstlern zusammen. Der frisch gepresste Saft, den er serviert, soll den Haaren zu mehr Glanz verhelfen. Treue Stammkunden bekommen einen eigenen Schlüssel zu seinem sogenannten Atelier in Notting Hill, das wirklich eher ein Atelier als ein Salon ist. Dank diesem Ort und diesem Mann bleiben Frauen wie Elle Macpherson, Kylie Minogue oder Sam Taylor-Johnson blond.

Wobei der Kolorist der Stars nicht nur an diesem Ort arbeitet. Wohl genauso oft ist Wood unterwegs. Auch in China will man nicht so gerne graue Haare sehen. Oder in Südamerika. Josh Wood reist im Namen der Haarfarbe um die Welt. Nebenbei ist er auch noch Kreativ-Direktor für Farben von Redken, das macht es nicht einfacher. „Vergangene Woche sagte ich zu einem meiner Mitarbeiter: Geh nach Hause und hol Deinen Pass, Du fliegst heute Abend nach New York.“ Ein Spontan-Termin.

Alles macht er nicht mit

Josh Wood musste an dem Abend auch nach New York fliegen, aber er quetschte noch eine Kundin in Boston dazwischen. „Als ich dann später in New York meine Arbeit beendet hatte und mich eigentlich auf zu Hause freute, sagte jemand, ich könne jetzt nicht fliegen, Coach wolle noch Farbe.“ Es war gerade New Yorker Modewoche, und er musste mal wieder einer Marke beispringen.

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Wood ist fast immer ohne Koffer unterwegs. Entweder nimmt sein Team alles mit, oder er schickt das Gepäck vor, oder er lässt die Notfallausrüstung gleich in den Häusern seiner Kunden. Er ist ja eh regelmäßig da.

Wer diese Hausbesuche bekommt, will er nicht sagen. „Es sind nicht unbedingt bekannte Personen, sondern solche, die nicht in London wohnen, die nicht einfach ein Visum bekommen und reisen können.“ Vorhersehbar seien seine Termine schon. „Im Dezember zum Beispiel bin ich immer auf St. Barth oder in St. Moritz. Oder im Sommer: Südfrankreich, Sardinien. Ich sage Ihnen: Das Schlimmste sind für mich die Boote. Wenn ich irgendwo ankomme, um auf einem dieser Boote einen Termin wahrzunehmen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Boot schon wieder weiter ist. Dann fange ich an, dem Boot hinterher zu reisen. Nach Sardinien weiter über Italien nach Kroatien.“

Es klingt wie das glamouröse Pendant zu einer Reise mit der Deutschen Bahn, wenn es mal nicht so gut läuft und man von Frankfurt nach Hamburg über Köln fahren muss. Die Kundinnen seien oft Russinnen, Inderinnen und Chinesen, Männer und Frauen. „In China ist es normal, dass sich auch Männer die Haare färben lassen. Für mich ein doppelter Markt.“ Josh Wood lächelt. Der Unsicherheit seiner Kunden, für die er um den Erdball fliegt, begegnet er mit großer Freundlichkeit, mit Wärme.

Aber alles macht er nicht mit. Zwei Tage vor Weihnachten sollte er noch mal in St. Moritz vorbeischauen. Wood flog also nach Zürich, die Koffer waren nicht da. Er zögerte keine Minute und saß im selben Flieger zurück nach London. Auf die Koffer warten und riskieren, alleine in Zürich Weihnachten zu feiern? „Einsam, nur für mich, Weihnachts-Kracker aufreißen?“ Sich die Knallbonbons entgehen lassen, mit denen Briten traditionell die Festtage begehen? Nicht einmal Strähnchen sind das wert. Eine arme Dame wird in den Schweizer Bergen also mit grauem Haaransatz gefeiert haben.

Immerhin montags, dienstags und mittwochs versucht er meistens, in London zu bleiben. Bis zu 15 Kunden schafft er dann am Tag. Wenn es gut läuft, hat er morgens schon ein Workout hinter sich, um 6.30 Uhr, spätestens um sieben Uhr. Wood bricht ein Stück eines fancy cakes mit Schachbrettmuster in Gelb und Pink ab. Er kann sich das erlauben.

„Ich war da, um den Boden zu fegen.“

“Psycle, hier an der Regent Street, ich bin besessen.“ Also von seinem Workout. Es ist die Londoner Variante von Soul Cycle aus Amerika, eine besonders intensive Spinning-Stunde. „Ich trinke nicht, ich gehe kaum feiern. Dieses Gruppenerlebnis einer Cycle-Stunde ist meine Art von Nachtclub.“ Oder er liegt um 6.30 Uhr auf einer Yoga-Matte. Davor ist er schon mit dem Hund rausgegangen. Sein Partner ist Lehrer in East London. Privat bleibt er auf dem Boden - anders, als man das angesichts seiner Kunden und seiner Aufträge vermuten würde.

So wuchs er auch auf. Zum Friseurhandwerk kam er jedenfalls nicht, weil er schon als kleiner Junge an den Haaren von Schwestern oder Nachbarinnen herumexperimentiert hätte. „Ich habe die Haare von anderen Leuten niemals angefasst.“ Wood brauchte vielmehr Geld, und eine Freundin empfahl ihm den Salon in seiner Heimatstadt Barnsley, in Nordengland, man verdiene dort zehn Pfund die Stunde. Es begann simpel. „Ich war da, um den Boden zu fegen.“ Nach einer Weile ließ man ihn doch an die Haare, und er hatte Großes damit vor. Aber Barnsley ist eine Stadt, die früher vornehmlich vom Kohlebergbau lebte. Dort verstand man Woods Haar-Konzepte nicht so recht. Schnell wurde er gefeuert.

Aber da war er schon angefixt vom Dasein als Friseur. „Ich sah es als Karriere, nicht als Job.“ Er bewarb sich in einem Vidal-Sassoon-Salon in Leeds. Dort merkte man schnell, dass Wood Haare schneiden kann, aber dass es ihm eigentlich um Farbe ging. Man schickte ihn nach London, in den Salon an der South Molton Street, ins Zentrum der Vidal-Sassoon-Welt, an die Seite des Meisters. Wood kam mit 20 Pfund in der Tasche an. „Gut, es waren die frühen Neunziger. 20 Pfund brachten einen damals weiter als heute. Aber diese Welt fühlte sich für mich trotzdem erst einmal sehr fremd an.“ Er wird nicht lange gebraucht haben, um sich an sie zu gewöhnen. Über einen Freund lernte er David Bowie kennen, bei einem Abendessen. „Natürlich wusste ich, wer er war und interessierte mich für Musik, aber die Promi-Kultur ging weitgehend an mir vorbei.“ Bei dem Abendessen einer Freundin sprachen Bowie und Wood über eine Ausstellung. „Er sagte, die würde er gerne sehen, und ich sagte: Komm einfach mit mir.“ Das war 1995. Und weil er auch Bowies Frau Iman schon kannte, war die Freundschaft zwischen dem Friseur und dem Musiker besiegelt.

Dann bat Bowie ihn, mit auf Tournee zu gehen, um direkt mit ihm arbeiten zu können. Die roten Haare, die er auf dem Cover seines Albums „Earthling“ trägt, sind von Josh Wood gefärbt. „Damals war das nichts Außergewöhnliches für mich“, sagt Wood. Ein Freund schickte ihm vor kurzem ein Video von seiner Geburtstagsparty aus dieser Zeit, in einem Londoner Club. „David Bowie singt für mich 'Happy Birthday'. Das hatte ich total vergessen. Aber vielleicht bin ich auch deshalb mit Prominenten recht erfolgreich: Ich behandle sie wie jeden anderen auch. Bei uns im Salon sitzt Mrs. Smith neben Dido.“

Wood arbeitete damals oft in New York, wo man das Thema Körperpflege schon auf ein anderes Niveau gebracht hatte. „In Europa galt es lange als notwendiges Übel. Wer besuchte früher schon einen Salon? In der Nachkriegszeit tat das meine Großmutter, die sich dort einmal die Woche die Haare machen ließ.“ In den frühen Neunzigern, in New York, sah er dann wieder Frauen, die ähnlich regelmäßig zum Friseur gingen, um sich die Haare föhnen zu lassen. „Plötzlich galt das als etwas furchtbar Glamouröses. Wenn es früher schlechter Stil gewesen wäre, zu oft und zu lange beim Friseur zu sitzen, dann ist heute jeder zweite Laden in London ein Nagelstudio oder eine Blowdry-Bar“ - ein Laden also, in dem man sich die Haare vernünftig in Form föhnen lässt.

Auch Wood trägt Grau

Im Jahr 1999 eröffnete Wood seinen ersten Salon in London, Real Hair. Das Thema zog. Glätteisen von GHD wurden zu Schätzen der Frauen, Stilvorbild war Rachel aus „Friends“. „In den vergangenen Jahren hat der Wunsch nach besonderen Frisuren noch mal zugenommen“, sagt Wood. „Das muss auch an den sozialen Medien liegen.“ Mit seiner Farbe passt er in eine zunehmend auf Bilder reduzierte Welt. Wood sagt, viele seiner Kunden seien nun offen dafür, über besondere Farben nachzudenken. „Haare in Pink oder Platinblond sind heute Smalltalk-Themen.“ Und es seien auch keine Trends mehr, sondern Farben, an die sich Frauen allen Ernstes herantrauten. „Als ich anfing, und eine Frau ließ sich zum ersten Mal auf Farbe ein, behielt sie die oft den Rest ihres Lebens.“

Grau sei zudem zu einer echten Bewegung geworden, nicht weil es das Alter will, sondern weil man sich das Grau eigens so färben lässt. Auch Wood trägt so ein Grau. Gerade ist er 50 Jahre alt geworden. „Manchmal kann es sogar aufwändiger sein, als die Haare braun zu färben.“

Auch auf den Laufstegen ist die Idee angekommen, dass man die Haarfarbe wie ein Accessoire trägt. Entsprechend hat Josh Wood während der Schauenwochen zu tun. So war er mit den legendären Dreadlocks in Pink bei Marc Jacobs vor anderthalb Jahren beschäftigt, die wunderschön aussahen, aber das Thema der kulturellen Aneignung maßgeblich mit anstießen. Oder bei Versace vor einem Jahr: Die Models sollten Strähnen in Orange, Blau, Rot tragen, falsche Haarteile, die sie kurz vor der Schau in die natürlichen Haare klebten. Die ganze Nacht war Wood mit seinem Team am Färben. „Donatella kam ständig rein und sagte: knalliger, knalliger.“

Vor allem für Frauen sind Farben gerade so wichtig. Aber die Fachleute, die diese Looks erdenken und erschaffen, die Frauen dazu bringen, sie zu tragen, sind, let's face it, meistens Männer. Noch immer. „Es ändert sich“, sagt Josh Wood und nippt noch einmal an der Teetasse.

Josh Wood hat keine Eile, es ist ein Samstag, und er spricht einfach zu gerne über Haare. „Zu Zeiten meiner Großmutter waren es sogar vornehmlich Frauen. Das änderte sich dann in den Siebzigern.“ Ausgerechnet: Die Geschichte des Friseurhandwerks verläuft antizyklisch zur Emanzipation der Frauen. „Und schwule Männer haben das Geschäft dann maßgeblich verändert. Sie sind Männer, aber zugleich nette Freundinnen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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