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Rechte am Design

Wer hat’s erfunden?

Von Katharina Pfannkuch
 - 12:25

Dass ein Unternehmen dem anderen vorwirft, einen seiner Entwürfe kopiert zu haben, ist nichts Ungewöhnliches in der Mode. Schnappschüsse von Outfits auf den Laufstegen landen innerhalb von Sekunden in sozialen Netzwerken, wenig später sind oft ganz ähnliche Kleider und Accessoires in den Filialen der Discounter oder in den Kollektionen der Konkurrenz zu sehen. Plagiatsvorwürfe von sich zu weisen, gehört daher fast schon zum Standardrepertoire der PR-Abteilungen großer Marken. Dass ein Unternehmen auf solche Beschuldigungen seinerseits mit dem Vorwurf des Ideenklaus reagiert, das geschieht schon seltener. Entstammt die so umstrittene Idee auch noch der Tradition eines anderen Kulturkreises als jenem des ursprünglichen Anklägers, wird es richtig kompliziert.

Das 2013 gegründete Label Cult Gaia aus Los Angeles wirft der ebenfalls amerikanischen Marke Steve Madden vor, sein bekanntestes Produkt kopiert zu haben, nämlich eine halbmondförmige Handtasche aus schmalen Bambus-Streben. Steve Madden hält dagegen, Cult Gaia habe deren Design gar nicht selbst erfunden, sondern aus der japanischen Kultur übernommen. Cult Gaia fordert dennoch Schadenersatz. Junges Start-up-Label gegen etablierte Marke, Plagiatsvorwürfe und kulturelle Aneignung, große Stückzahlen und noch größere Umsätze: Nahezu alle Reizthemen der Modewelt stecken in diesem Streit um eine der am meisten getragenen Taschen des Sommers.

Dabei begann alles so schön, so leichtfüßig und so erfolgsverheißend. Auf Instagram, in den Straßen von Los Angeles bis Lüneburg, in den Händen von stilbildenden Pop-Diven wie Beyoncé und Rihanna war sie vergangenes Frühjahr zu sehen, die Ark Bag von Cult Gaia. Mit luftdurchlässigen Streben aus Bambus und der halbrunden Form erinnert sie an Körbe und Taschen aus Bast, erscheint aber nicht so leger, als käme man gerade vom Strandausflug. Ihr kleines Format, die kurzen Henkel und ihre symmetrische Form machen die Tasche abendtauglich, glitzernden Partykleidern verleiht sie bodenständige Gelassenheit und allzu verspielt-flatternden Sommerkleidern klare Struktur.

Die günstige Tasche war monatelang ausverkauft

Sie bietet genug Platz für große Portemonnaies und Handys, aber auch schmale Haarnadeln sind in ihr sicher aufgehoben. In der naturbelassenen Version passt sie zu jedem noch so extravagant gemusterten Sommerkleid. Für eine It-Bag, als die sie schnell galt, ist die Ark Bag auch noch ein echtes Schnäppchen: Um die 100 Euro kostet die kleine, circa 300 Euro die etwas größere Variante. Die Wartelisten explodierten, monatelang war die Tasche ausverkauft. Jasmin Larian, Gründerin von Cult Gaia, selbst so schön wie ein Model und stets in durchdachtem, aber unaufgeregtem Stil erscheinend, hatte ganz offensichtlich einen modischen Nerv getroffen.

Ihre Bambustasche mutet wie eine zeitgenössische Variante des legendären Strohkorbs an, den Jane Birkin in den sechziger und siebziger Jahren sogar zum Pelzmantel souverän trug. Es handelte sich um einen unprätentiösen Klassiker mit Historie und Funktion, einen portugiesischen runden Fischerkorb mit Deckel. Diese selbstbewusste Nonchalance greift auch die Ark Bag auf, die stark an japanische Picknicktaschen aus den vierziger Jahren erinnert. Das wirkt sehr unabhängig, ein bisschen verspielt – und dank der unübersehbaren Reminiszenz an die Kultur Japans auch sehr kosmopolitisch. Ausgerechnet Letzteres erweist sich nun als Problem für Cult Gaia.

Rechte auf das Design kann Larian nämlich nicht anmelden. Das United States Patent and Trademark Office, das Patentamt der Vereinigten Staaten, lehnte ihren Antrag bereits vergangenes Jahr ab. Die Begründung: Diese Art von Tasche sei schon seit Jahrzehnten in Umlauf, das Cult-Gaia-Modell übernehme eine bereits bestehende Idee. Die Menschen wüssten, dass es sich ursprünglich um ein japanisches Design handelt. Tatsächlich ist in Online-Shops – von spezialisierten Vintage-Plattformen bis hin zu Amazon und Ebay – unter dem Stichwort „Bambustasche“ meist von Japan, mindestens aber von Asien die Rede, wenn die Originalität betont werden soll. Deutsche Modemagazine geben Tipps, wo man die beste Alternative zum Cult-Gaia-Modell findet, offline wird man in Flughafenshops auf Ibiza, in Strandboutiquen auf Phuket und sogar im Asia-Shop um die Ecke fündig. Und das nicht erst, seit die Ark Bag auf dem Markt ist.

The Cupola Bag in Ash Multi

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Deren Schutz wäre auch in Deutschland rechtlich kaum möglich. „Ein eingetragenes Designrecht beziehungsweise das europäische Gemeinschaftsgeschmacksmusterrecht schützt zwei- oder dreidimensionale Erscheinungsformen, die neu sind und ,Eigenart‘ aufweisen“, sagt Julia Maris, Fachanwältin für gewerblichen Rechtsschutz in Oberhausen. „Dabei muss sich der Gesamteindruck bei einem informierten Benutzer von dem bereits Vorbekannten unterscheiden. Neu ist ein Design, wenn zum Zeitpunkt der Registrierung noch kein identisches Muster oder nur ein in wesentlichen Merkmalen abweichendes Design veröffentlicht, ausgestellt oder auf andere Weise veröffentlicht worden ist“, erklärt die Rechtsanwältin, zu deren Schwerpunkten unter anderem Markenrecht, Designschutz und Patentrecht gehören. Das Design der Ark Bag erfülle die Voraussetzung der Neuheit nicht.

Mit Vorwürfen anderer Marken kennt man sich bei Steve Madden aus

Die deutsche und die amerikanische Argumentation ähneln sich also. Auf sie beruft sich auch Steve Madden, eines der größten Labels, die eigene Versionen der Bambustasche verkaufen. Steve Maddens BShipper ähnelt der Ark Bag und deren Vorläufern sehr. Larian forderte das Unternehmen im Februar auf, das Modell nicht mehr zu verkaufen. Mit Vorwürfen anderer Marken kennt man sich bei Steve Madden aus, auch Balenciaga und Valentino verklagten das Unternehmen schon. Auf Cult Gaias Forderung reagierte Steve Madden scharf: Wie das Patentamt bereits festgestellt habe, sei das Design gar nicht von Larian selbst, ihr Vorwurf also haltlos, und Cult Gaia solle die entstandenen Kosten übernehmen. Die Replik kam im Mai in Form einer Schadenersatzforderung an Steve Madden in Höhe von 15 Millionen Dollar. Cult Gaia habe Jahre investiert, um die Bambustasche zum eigenen Merkmal zu machen.

Die Grenzen zwischen Nachahmung und Inspiration sind in der Modewelt oft fließend und können durchaus im Auge des Betrachters liegen. „Selten wird etwas ganz neu erfunden. Vielmehr werden frühere Formen und Stile immer wieder neu aufgegriffen“, weiß auch Julia Maris. Aus rechtlicher Sicht sei zwischen der identischen Übernahme und Neuinterpretationen, etwa durch die Aufnahme traditioneller Elemente in einem anderen Erzeugnis, zu unterscheiden. Bei einer reinen Übernahme wären die Schutzrechte aus dem Designrecht und dem Gemeinschaftsgeschmacksmusterrecht verwehrt.

Traditionelle Elemente anderer Kulturen tauchen in der Arbeit nahezu jedes Designers früher oder später auf. Paul Poiret, einer der ersten hauptberuflichen Modeschöpfer überhaupt, kombinierte schon Anfang des 20. Jahrhunderts indische Turbane zu arabischen Haremshosen. Jean-Paul Gaultier ließ sich in den achtziger Jahren von afrikanischer Kleidung inspirieren, John Galliano schwelgte mit seinen Entwürfen in opulenten Vorstellungen von einem – laut eigener Aussage – höchst unrealistischen China. Schwierig wird es, wenn solche Elemente als eigener Geniestreich oder als pittoreske Kostümierung dargestellt werden, wie etwa der heftig kritisierte Federschmuck zu knappen Dessous bei Victoria’s Secret 2012. Die Frage „Ist das ein Original?“ führt im Fall der Bambustasche zur fast philosophischen Überlegung darüber, was in der globalisierten Marktwirtschaft eigentlich als Original gilt: das Design selbst? Oder doch eher die richtige Verkaufsstrategie? Kritiker von Cult Gaia werfen dem Label vor, sich mit dem Kampf um die Ark Bag die Idee eines anderen Kulturkreises aneignen zu wollen.

Die Lust zum Stilbruch

Wie elegant man durch den Parcours zwischen kulturellen Einflüssen, den Ideen anderer und eigener Marken- und Imagebildung tänzeln kann, beweist ein anderes kleines Label. Bonjour Coco heißt es und wurde 2015 in Portugal von Coco Heavy gegründet. Heavy, bekennender Fan von Jane Birkin und des von ihr geprägten, unangestrengten Stils, ließ 2017 jene Strohkörbe wiederaufleben, in denen Birkin einst ihre ganz persönliche It-Bag fand. Die Schauspielerin und Sängerin erstand ihre Körbe vor Jahrzehnten in einem kleinen Fischerdorf an der Algarve. Dort werden die Körbe noch immer ganz traditionell in Handarbeit von älteren Herren hergestellt; drei Tage dauert es, bis ein Korb fertig ist. Und genau dort lässt auch Bonjour Coco produzieren. Geschichte, Tradition und gerade der Gedanke, die Idee und das Handwerk anderer zu bewahren, sind bei dem Label elementarer Teil des Produkts.

Strohkörbe und Bambustaschen sind nicht die einzigen ursprünglich auf Funktionalität getrimmten und später zu It-Bags stilisierten Taschen. Auch Netzbeutel, Ikea-Taschen und Jutebeutel liefen den klassischen Vertretern schon den Rang ab. Das mag am Überdruss durch immer neue Taschen von Luxuslabels liegen, an der Lust zum Stilbruch oder auch einfach daran, dass sich diesen Trends auch mit wenig Geld folgen lässt. Die schlichten Formen und naturbelassenen Materialien passen auch noch perfekt zum Stil der Pariserinnen und der Skandinavierinnen, die sich seit einigen Jahren einen Wettstreit in Sachen anmutiger Entspanntheit liefern, die frau mit Hilfe unzähliger Ratgeber von Garance Doré bis Pernille Teisbæk kopieren kann.

Die Plastiktüte, einer der jüngsten Taschentrends, mutet seltsam antagonistisch zum Bewusstsein für Nachhaltigkeit an, die auch die Mode erobert. Bambus, das charakteristische Material der Ark Bag und all ihrer Vorgänger und Nachfolger, passt dazu schon besser. Die Pflanze wächst in über 1000 Sorten, von zarten Halmen bis zu kräftigen Ästen, wirft jedes Jahr neue Wurzeln und wächst auch ohne Hilfe von Pestiziden enorm schnell. Kein Wunder also, dass sie so vielseitig angewendet wird. Möbel, ganze Gebäude aus Bambus gibt es, auch als Dämm-Material ist die Pflanze beliebt, und dank ihrer stabilen Flexibilität lassen sich aus ihr auch Taschen und Körbe herstellen. Letztere gelten in Japan als Kunstform, der nicht nur das Metropolitan Museum of Art schon eine ganze Ausstellung widmete.

Mit dem noch offenen Streit um die Ark Bag rückt nun nicht nur das Material Bambus, sondern auch Cult Gaia noch stärker in den öffentlichen Fokus. Für das noch junge Unternehmen, das nach dem großen ersten Erfolg nachlegen muss, ist das gar nicht so schlecht. Schließlich ist es dem Label schon jetzt gelungen, sich pünktlich zum Sommer in die Schlagzeilen zu bringen und auf seine anderen Produkte aufmerksam zu machen. Fließende Kleider aus Leinen und Viskose zum Beispiel und runde Taschen aus Bast. Es muss ja nicht immer Bambus sein.

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Quelle: F.A.S.
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