Schusssicher

Von David Klaubert
Foto: Reuters

27.09.2017 · Der kolumbianische Unternehmer Miguel Caballero über schussfeste Kleidung, Marktlücken der Sicherheit und die Probleme mit panzerbrechender Munition.

Señor Caballero, auf wie viele Menschen haben Sie schon geschossen?
Auf ungefähr 650. Seit drei Jahren haben wir ein Register, in dem wir die Unterschriften sammeln. Darin stehen etwa 250 Namen. Für die 22 Jahre davor haben wir nichts Schriftliches. In meiner Zählung komme ich aber auf mehr als 600.

Und welches war das schlimmste Mal?
Das erste. Ich schoss auf meinen damaligen Geschäftspartner, einen Kommilitonen von der Universität. Wir hatten noch viel zu wenig Ahnung. Er hatte danach Hämatome, die 20 Tage blieben.

Warum haben Sie das gemacht?
Ein kolumbianischer Fernsehsender hatte uns darum gebeten. Damit wir in die Nachrichten kamen, mussten wir eine Live-Vorführung an einem Menschen machen. Außerdem mussten wir zeigen, dass man der Qualität eines kolumbianischen Produkts vertrauen konnte, nicht nur den importierten.

Miguel Caballero demonstriert die Qualität seines Produkts gern am lebenden Objekt. Video: Miguel Caballero Company

Ihr Freund trug damals eine selbstgeschneiderte schussfeste Jacke. Wie kam es dazu?
Anfang der neunziger Jahre herrschte in Kolumbien Chaos. Drogenkartelle, Paramilitärs, Guerrilla. Es war eine feindliche Umgebung. Eine meiner Kommilitoninnen hatte Leibwächter. Und mir fiel auf, dass die Männer ihre gepanzerten Westen immer im Kofferraum ließen. Sie waren ihnen zu schwer. Ich fragte, warum sie nicht wenigstens kugelsichere Klamotten trugen. Sie antworteten: „Das gibt es nicht.“

Und Sie hatten Ihre Marktlücke entdeckt.
Ich machte das zu meinem Abschlussprojekt für die Universität. Seit ich zwölf war, hatte ich mit meinem Vater bei Arturo Calle gearbeitet, einer Kette von Kaufhäusern für Herrenmode. Er war Teilhaber, und ich verkaufte in den Filialen, so dass ich da schon einen ersten Kontakt mit der Modewelt hatte. Später kaufte ich selbst Leder und Stoffe auf und ließ daraus Jacketts und Jacken schneidern. So kam ich zu der Idee, eine kugelsichere Lederjacke zu entwerfen. Da war ich 24 Jahre alt.

Und woher kam die Panzerung?
Mein Kommilitone arbeitete in einer Firma, die Luxuslimousinen panzerte. Wir nahmen das Material für die Autos. Die Lederjacke wog am Ende 7,8 Kilogramm.

Fanden Sie nach dem Schuss im Fernsehen auch einen Käufer?
Das war einfach. Ich verkaufte die Jacke an meinen damaligen Schwiegervater, der ein sehr bekannter Unternehmer war. Die zweite Jacke kaufte ein Schweizer Banker. Und so wuchs das Projekt sehr schnell.

Inzwischen hat Ihr Unternehmen Miguel Caballero rund 300 Angestellte und eine ganze Kollektion schusssicherer Kleidung. Welches Stück verkauft sich am besten?

Das ist ein Unterhemd, auf das wir auch ein Patent haben. Es wiegt 800 Gramm – während eine kugelsichere Polizeiweste drei Kilogramm wiegt. Es ist aus thermoregulierendem Material, flexibel, diskret. Und das wichtigste: Niemand bemerkt, wenn Sie es tragen.

Wie viel kostet so ein Unterhemd?
Bei Amazon bekommst du es für 1600 Dollar.

Ein schusssicheres Unterhemd aus Caballeros Produktion kostet 1600 Dollar. Foto: Miguel Caballero

Und vor welchen Waffen schützt es?
Schusswaffen lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Langwaffen, dazu gehören AK-47, Galil und andere Gewehre. Und Kurzwaffen: Revolver, Pistolen, Maschinenpistolen. Das Unterhemd ist auf den Schutz vor Kurzwaffen ausgelegt.

Gibt es auch Schutz vor Langwaffen?
Ja, aber dann sind Sie in einer völlig anderen Gewichtsklasse. Da brauchen Sie Lösungen aus der Welt des Militärs.

Wer kauft schussfeste Unterhemden?
Geschäftsmänner, Politiker, Präsidenten.

Es heißt, Barack Obama habe bei seiner Amtseinführung einen kugelsicheren Anzug aus Ihrer Produktion getragen.
Viele Präsidenten tragen unsere Kleidung. Manche dürfen wir erwähnen, manche nicht.

Es heißt, Barack Obama habe bei seiner Amtseinführung einen kugelsicheren Anzug aus Caballeros Produktion getragen. Foto: Picture Alliance

In früheren Interviews haben Sie sehr offen über Ihre Kunden gesprochen: den kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe, den ehemaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, dessen rote Hemden Sie kugelsicher machten. Und das heutige spanische Königspaar, das Ihre Steppwesten trug. Warum sind Sie nun so zurückhaltend?
Weil wir Ärger bekamen. Wir müssen heute oft Schweige-Erklärungen unterzeichnen. Wenn wir die brechen, müssen wir hohe Strafen zahlen. Andere Kunden dürfen wir aber noch immer erwähnen: die Präsidenten aus Uruguay, Paraguay, Peru, Guatemala, El Salvador. Und auch die Präsidenten von Kenia und Nigeria.

Wie viel kostet so ein maßgeschneiderter Anzug?
Ein kugelsicheres Jackett kommt etwa auf 7000 Dollar.

Stimmt es, dass Sie für Steven Seagal schusssichere Kimonos geschneidert haben?
Ja, das war eine Kollektion, die wir für ihn entworfen haben.

Und schusssichere Soutanen?
Ja. Und wir haben auch eine Bibel gepanzert.

Eine Bibel?
In Kolumbien hatten vor einigen Jahren satanische Sekten den Priestern in den Dörfern den Krieg erklärt. Deshalb produzierten wir schusssichere Soutanen. Und die Bibel, damit sie sich schützen konnten, während sie daraus vorlasen.

In Caballeros Sortiment befinden sich nicht nur diese schusssicheren Jacken, sondern auch ausgefallene Artikel wie gepanzerte Bibeln und Soutanen. Foto: Polaris/laif

Verkaufen Sie eigentlich an jeden? Auch an Verbrecher?
Wir haben Verkaufskontrollen, um zu verhindern, dass unsere Produkte bei Kriminellen landen. Wir machen einen Abgleich mit der „Clinton-Liste“, in der Personen aufgeführt werden, die mit dem Drogenhandel in Verbindung stehen.

Wie groß ist Ihr jährlicher Umsatz inzwischen?
Wir sind bei etwa 22 Millionen Dollar.

Woran liegt es, dass Ihr Geschäft Jahr für Jahr wächst? Wird die Welt gefährlicher oder werden die Menschen ängstlicher?
Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, ob der Planet Erde gefährlicher wird. Wir verkaufen allerdings am meisten in Ländern, in denen kein Krieg herrscht. Die Menschen dort investieren besonders viel in Schutz und Prävention.

In welche Länder verkaufen Sie denn Ihre schusssichere Kleidung?
Wir haben einen eigenen Vertrieb in Mexiko, Guatemala und Peru. Außerdem Handelspartner in rund 30 Ländern.

Die schusssichere Kleidung ist aus sehr widerständigen Fasern gefertigt. Sie absorbieren die Energie einer Kugel und bremsen sie ab. Video: Miguel Caballero Company

Wo wächst der Markt am schnellsten?
Im Mittleren Osten ist die Nachfrage groß: Irak, Libanon, Saudi-Arabien. Und in Lateinamerika vor allem Mexiko, schon wegen der Größe des Marktes.

Brasilien?
In Brasilien dürfen wir nicht verkaufen, weil es Importbeschränkungen für Produkte zur Selbstverteidigung gibt. Kugelsichere Klamotten werden dort als Waffen angesehen.

Und in Europa?
Wir haben einen autorisierten Händler in Deutschland und einen Partner in Spanien.

Haben Sie spezielle Produkte für die jeweiligen Märkte?
Wir haben Gewänder für den arabischen Markt, Kimonos für den asiatischen, Tuniken für den afrikanischen, indische Kurtas und traditionelle Hindu-Kleidung. Wir passen uns jedem Markt an.

Der Verkauf in den Vereinigten Staaten soll ziemlich schleppend laufen. Wieso?
Das ist eine kulturelle Frage. In den Vereinigten Staaten wird gerade in unserer Branche sehr stark auf amerikanische Produkte vertraut. Wenn auf unseren Produkten nicht „Made in Colombia“, sondern „Made in USA“ stünde, wären wir schon viel weiter. Deshalb denken wir auch darüber nach, in den nächsten Jahren dort Produktionsstätten aufzubauen.

  • Schusssichere Kleidungsstücke aus Cabarellos Produktion Foto: Miguel Caballero
  • Die Panzerung sieht man den Jacken, Westen und Hemden nicht an. Foto: Miguel Caballero
  • Speziell für den amerikanischen Markt wurde vor ein paar Jahren eine Kinderkollektion entworfen: MCKid. Foto: Miguel Caballero
  • Schusssichere Rucksäcke aus der MCKid Kollektion Foto: Miguel Caballero

Speziell für den amerikanischen Markt haben Sie vor ein paar Jahren eine Kinderkollektion entworfen: MCKid.
Das war vor drei, vier Jahren, als es eine Reihe von Amokläufen an Schulen gab. Wir haben auf die Nachfrage reagiert – unter anderem mit einem gepanzerten Schulranzen, der wie ein Schutzschild funktioniert. Wir haben rund 300 Stück davon verkauft. Im Lauf der Zeit haben die amerikanischen Schulen allerdings Schutzmaßnahmen getroffen, Einlasskontrollen und die Überwachung des Umfeldes, so dass die Zahl der Zwischenfälle mit bewaffneten Kindern drastisch zurückgegangen ist. Heute verkaufen wir das kaum noch.

Aus welchen Materialien besteht Ihre Panzerkleidung?
Es sind immer zwei unterschiedliche Teile: das Kleidungsstück an sich, der Träger oder Überzug sozusagen. Und die kugelsicheren Platten.

Und aus was bestehen die?
Aus einer Mischung von Nylon, Polyester und Aramiden. Wir verwenden kein Kevlar, sondern unsere eigenen Entwicklungen, um das Gewicht möglichst gering zu halten.

Und diese Kunststoffe können eine Pistolenkugel aufhalten?
Das sind sehr widerstandsfähige Fasern. Sie absorbieren die Energie einer Kugel und bremsen sie ab. Das ist wie bei einem Baseball-Handschuh, der einen Ball fängt. Er reduziert die Energie auf ein Minimum und stoppt ihn.

Angenommen, ich trage Ihr kugelsicheres Unterhemd und werde angeschossen. Kann ich es weiter benutzen, oder brauche ich dann ein neues?
Sie könnten es weiter tragen. Unsere Klamotten können sechs Schüsse vorne und sechs hinten abfangen. Aber wir verkaufen keinen Superman-Umhang. Deshalb empfehlen wir, ein neues zu kaufen.

Caballeros Kleidungsstücke sind auf den Schutz vor Kurzwaffen ausgelegt; einen Todesfall gab es bisher nicht. Foto: AFP

Reparieren geht nicht?
Nein.

Geben Sie eine Garantie?
Wir haben eine Versicherung über 20 Millionen Dollar.

In welchen Fällen wird die ausbezahlt?
Im Todesfall. Aber das ist noch nie passiert.

Wie lange gilt die Garantie?
Fünf Jahre.

Warum gerade fünf?
Da gibt es zwei Variablen. Erstens die Haltbarkeit des ballistischen Materials. Und zweitens die geschätzte Entwicklungszeit neuer Munition.

Das heißt, Sie liefern sich ein ständiges Wettrennen mit den Herstellern von Munition?
Ja.

Weil sich die Herstellung von Munition fortlaufend ändert, verbessert auch Cabarello seine Produkte ständig. Foto: Luca Zanetti/laif

Welche Entwicklung war in den vergangenen Jahren die schwierigste für Sie?
In den Vereinigten Staaten und in Lateinamerika wird vor allem Nato-Standard- Munition verwendet. Problematisch wird es, wenn Munition aus Bulgarien oder Russland ins Spiel kommt, denn die ist oft panzerbrechend. Das ist dann schnell eine andere Liga. Dafür müssen wir die Panzerung verstärken. Vor allem für Mittelamerika machen wir das regelmäßig.

In Ihrer Heimat Kolumbien hat die Regierung nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs einen Friedensvertrag mit der Farc-Guerrilla geschlossen. Schlecht fürs Geschäft?
Ich könnte nicht sagen, dass der Friedensvertrag schlecht fürs Geschäft ist. Denn was gut ist fürs Land, ist auch gut für mich. Wenn ich allerdings ausschließlich vom kolumbianischen Markt abhängen würde, wäre ich bankrott. Zum Glück haben wir von Anfang an viel exportiert.

Tragen Sie selbst auch schusssichere Kleidung?
Wenn es nötig ist. Wenn ich in gefährlichen Gegenden unterwegs bin, zum Beispiel in Venezuela. Ansonsten reichen mein gepanzertes Auto und meine Leibwächter.

Obwohl sich Ihre Produkte inzwischen so gut verkaufen, schießen Sie noch immer auf Menschen – auf Angestellte, auf Journalisten, auf potentielle Kunden. Warum?
Angefangen hat das, wie gesagt, als Maßnahme, um zu beweisen, dass auch kolumbianische Produkte etwas taugen. Dann hat sich das zu einem kulturellen Ding entwickelt. Im Lonely Planet stand: Wer sich als Tourist in Kolumbien eine Kugel einfangen will, der sollte in der Firma von Miguel Caballero vorbeischauen. Da kamen ganze Busse mit Touristen! Aber wir nehmen das sehr ernst und machen es mit der notwendigen Sicherheit und Verantwortung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin