Smartphone-Hüllen

Hülle in Fülle

Von Elena Witzeck
 - 12:08

Die Zeit der Socken ist natürlich vorbei. Früher, als es noch keine Smartphones gab und Handys unförmige Kästen waren, auf deren Displays nur in abgedunkelten Räumen etwas zu erkennen war, gingen Jugendliche dazu über, ihre für den ersten Urlaub ohne Eltern gekauften Geräte in Ermangelung kreativer Alternativen in bunten Socken zu verstauen. Besonders umsorgte Teenager erhielten von ihren Müttern selbstgenähte Stofftäschchen, die den Socken verdächtig ähnlich sahen. Keine Zwölfjährige würde so ein Säckchen heute noch eines Blickes würdigen.

Über die Jahre haben sich die Nutzer von Handyhüllen in drei Lager gespalten: die Traditionalisten, denen ein schwarzes Lederetui genügt; die Sendungsbewussten, die eine Message transportieren wollen; und solche, für die das Handy ein treuer Begleiter mit Ohren, Fellbommel-Schwänzen und Katzenaugen ist. Anhänger der letzten Gruppe sind auch von Einhörner-Herden, Glitzersteinchen und Flamingo-Hälsen zu begeistern. Sie kaufen ihre Hüllen gewöhnlich in Schmuckläden und stellen sie ohne Scham auf dem Schreibtisch zur Schau. Sind sie männlich und setzen vorwiegend farbliche Akzente, werden sie als „Stylomylos“ bezeichnet, ein nicht ganz vorurteilsfreier Begriff. Die Gruppe der Sendungsbewussten dagegen kauft Handyhüllen, die ihre Stimmung in Schriftzügen widerspiegeln („Danke für nichts“), ihren Charakter („Hallo, ich bin seltsam“) oder ihre Vorzüge andeuten („King“).

Individualismus wird immer wichtiger

Aber die Zeiten ändern sich – auch solche Designs sind nicht mehr der letzte Schrei. Fragt man Handyverkäufer, erzählen sie vom großen Run auf Selfie Straps: schmale Gummibänder, die sich auf der Rückseite von Smartphones anbringen lassen. Sie erleichtern die professionelle Eigenfotografie und sind ein Mittel gegen die Häufung chronischer Nackenverspannungen. Ansonsten werden die Trends auf Youtube gesetzt - von „Kind of Rosy“ zum Beispiel, die schon mehr als 900.000 Mal gezeigt hat, wie sie Handyhüllen mit Motiven von Chanel bis Nutella eigenhändig aus Kartonpapier bastelt.

Überhaupt wird Individualismus immer wichtiger. Wer bei seinem Smartphone zumindest äußerlich Wert auf eine persönliche Note legt, kann sich seine Hülle auch ohne Bastelworkshops selbst gestalten. Bei Anbietern wie PrintPlanet oder DeinDesign lassen sich Urlaubsfotos, überzeugende Selfie-Strap-Motive, der Lieblings-Fußballklub und Haustier-Porträts auf den Handyschutz drucken. Die Möglichkeiten sind fast grenzenlos.

Für die Zukunft des E-Commerce gibt es aber längst schon eine neue Idee: Der Anbieter My-Handy-Design setzt auf merkwürdige Hüllenmotive, die aus populären Suchbegriffen automatisch generiert sind, und verkauft sie über Amazon. Abbildungen von medizinischen Geräten, eingewachsenen Fußnägeln und Babypillen-Packungen erfreuen sich in den Bewertungen größter Beliebtheit. Das ist also wohl die Zukunft des Handyhüllen-Konsums: unzählige Vorlagen für neue Motive, deren Produktion erst nach der Bestellung veranlasst wird, und die den seltsamsten Vorlieben Rechnung tragen. Da machen sich die zu Urzeiten aus praktischen Gründen entstandenen Handysocken auf einmal gar nicht mehr so schlecht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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