Tattookunst

Spiel mit dem Schicksal

Von Tilman Allert
 - 11:56
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An den Anblick von Tattoos im öffentlichen Raum haben wir uns längst gewöhnt. Die tätowierte Schulterpartie einer Präsidentengattin wäre heute nicht einmal mehr eine Meldung wert. Die eigene Einzigartigkeit wird millionenfach hervorgehoben. Das Tattoo ist aus dem ursprünglichen Kontext von ritueller Beschwörung und bekräftigter Zugehörigkeit gelöst. Es kombiniert heute die Idee des flüchtigen Eindrucks mit dessen Gegenteil, das Situative mit der dauerhaften Gestalt, vergleichbar dem Schmuck oder der Schminke. Der demonstrative Auftritt wirkt umso stärker, weil es im unerschöpflichen Angebot von Botschaften und Ornamenten und im Hinblick auf Körperteil, Farbe, Form und Inhalt keine normativen Schranken mehr zu geben scheint.

Es ist wenig aufschlussreich, darauf hinzuweisen, dass mit dem Tattoo das Zeitalter des Narzissmus endgültig angebrochen sei. In der Moderne komme es darauf an, „Unterschiedsempfindlichkeit“ zu erregen, so schrieb schon vor mehr als 100 Jahren der Soziologe Georg Simmel. Die Stilanforderungen des großstädtischen Lebens verführten zu tendenziösen Wunderlichkeiten, zu Extravaganzen des Apartseins, der Caprice, des Pretiösen, „deren Sinn gar nicht mehr in den Inhalten solchen Benehmens, sondern nur in seiner Form des Andersseins, des Sich-Heraushebens und dadurch Bemerklich-Werdens liegt“.

Sich herauszuheben mag eine Rolle spielen. Aber welche Motive und Ideen veranlassen Menschen, sich in einer schmerzhaften Prozedur die Haut markieren zu lassen? Handlungsmotive sind in der Regel überdeterminiert. Viel spricht dafür, dass die Bereitschaft, sich tätowieren zu lassen, in ihren seelischen Grundlagen einem komplexen Ensemble von Ideen folgt, die nicht zwingend bewusst sein müssen. Zweifellos wird ein Selbstbezug wirksam. Das Tattoo gibt dem Wunsch Ausdruck, eine empfundene Gesichtslosigkeit zu überwinden. Wer zu einer schmerzhaften Manipulation am eigenen Körper vom Ohrring bis zum Piercing bereit ist, voraussetzungsvoller und folgenreicher als beim Accessoire, wer sich nicht einmal um eine mögliche Gesundheitsgefährdung oder eine möglicherweise eingeschränkte Atmungsfunktion der Haut Gedanken macht, sorgt sich um einen Anerkennungsverlust. Im Tattoo versieht man sich mit einem Schutz in der Begegnung. Alle Magie lebt von der Übermacht der Wünsche.

Das Tattoo hat also die Funktion, bestimmte Ereignisse und Erfahrungen dem Vergessen und der Zufälligkeit zu entziehen. Schmuck abstrahiert von der Vergänglichkeit, er transzendiert die Zeitlichkeit der Existenz. Wem huldigt das Tattoo, wer ist der Zauberer, und wer soll verzaubert werden? Nicht in erster Linie ein Gegenüber, sondern das eigene Selbst, genauer: das eigene Selbst in Situationen, die der autonomen Handlungskontrolle entzogen sind.

Trend aus Amerika
Klangwellen-Tattoos gehen unter die Haut und ins Ohr
© reuters, reuters

Das lässt sich an drei Beispielen veranschaulichen. Beginnen wir mit den Avantgardisten des Tätowierens, der Prominenz des internationalen Fußballs. In der Opulenz ihrer Tattoos scheinen sie sich berufs- oder auch nur mannschaftstypisch überbieten zu wollen, aber jenseits der Konkurrenz unter peers zeigt sich, worum es geht. Das Tattoo suggeriert, dass man gegen einen möglichen Verlust gewappnet ist. Die artistische Virtuosität, das Leistungspotenzial des Spielers wird im Wettkampf notorisch durch zwei unkontrollierbare und unvermeidbare Situationen herausgefordert, eine mögliche Verletzung und die Zufälligkeit des Ballverlaufs. Das in die Haut gestochene Zeichen beschwört gegen die Erfahrung möglichen Scheiterns die Kontinuität des leiblichen Vermögens. Gegen erfahrene und traumatisierende Verletzungen, sei es durch den Gegner, sei es durch den Zufall, insistiert das Tattoo gleichsam auf Stolz und Zuversicht – eine Sinnzuschreibung, die im übrigen an den ethnologischen Befund anschließt, demzufolge man in den Ursprungsregionen des Tattoos das schicksalhafte Überwältigtwerden durch Widerfahrnisse mit magischen Praktiken zu bannen versuchte.

Das großflächige Ornament findet nicht nur bei Prominenten aus dem Sport Anklang. Verbreitet ist es bei Angehörigen von Berufsgruppen – das ist die zweite Dimension des Motivs der Schicksalskontrolle –, deren Tätigkeitsprofil wenig Spielraum lässt, kommunikativ Besonderheit zu artikulieren. Im Versteck der verwandelten Haut gelingt es, sich einem möglichen Ansehensverlust zu entziehen. Das Tattoo schützt vor dem meritokratischen Vergleich mit anderen, gegenüber denen man sich chancenlos glaubt.

Die dritte Gruppe zeigt eine Vorliebe nicht für opulente Großflächigkeit, sondern für rätselhafte Kürzel, verschlüsselte Identitäten. Man bildet das eigene Sternzeichen oder geometrische Figuren auf der Haut ab, angedeutete kapriziöse Chiffren, in denen die innere Realität der Person als hoch ausdeutungsfähig erscheint. Eine Selbstverzauberung mit Hilfe der Abstraktion, motiviert durch den Wunsch, sich selbst als ein Rebus zu entwerfen und den Anspruch auf Rätselhaftigkeit zeichenhaft zu kultivieren. Hierbei deutet das Tattoo ein Versprechen an und versieht das Selbst mit einem Geheimnis. Man überlässt sich dieser Signatur der Zauberhaftigkeit und insofern Einzigartigkeit in der Hoffnung darauf, dass das Gegenüber dem Rätsel auf die Spur kommen möge.

Unschwer ist zu erkennen, auf welche Erfahrungen damit angespielt wird – nämlich auf kommunikative Situationen mit hohem Zufallspotential, dem ersten Eindruck und der offenen Zukunft beim ersten Kennenlernen. Das Tattoo übernimmt als gleichsam erstarrte Koketterie die Funktion, kommunikative Ambivalenz zu erzeugen und zugleich zu überwinden, sich zu verrätseln und gerade darin auf sich aufmerksam zu machen.

Gemeinsam ist diesen Beispielen der Impuls, die Situation magisch zu kontrollieren. Die geistige Dimension des Tätowierens wird von einem Schicksalsglauben bestimmt, der nicht im Widerspruch steht zum demonstrativen Individualismus, sondern der gerade die hohe Wertschätzung des individuellen Vermögens, des Engagements und der Initiative in den Horizont der Vorherbestimmtheit und damit in die Nähe des Tragischen rückt.

Rückkehr des magischen Denkens

Von den Körpern der Fußballspieler bis zu den zarten hieroglyphischen Andeutungen an Hals oder Handgelenk lässt sich somit eine Linie ziehen: Die Erfahrung oder die Antizipation, ausgeliefert zu sein, lässt das magische Denken zurückkehren. Man kämpft gegen das Schicksal, ergibt sich dem Schicksal oder spielt sogar damit – es ist, animistisch variiert, eine Praxis des Beschwörens.

Tattoos sind Träger eines „unheimlichen Gefühls, dass das ganz Notwendige unseres Lebens doch noch irgendwie ein Zufälliges sei“ (Georg Simmel), und künden nicht vom Ende aller Zeiten. Es scheint nicht abwegig zu vermuten, dass ihre Verbreitung in dem Maße zunimmt, in dem das Erzählen zugunsten der Bilder abnimmt. Wird das historische Denken entwertet und büßen die Religionen als die großen Narrative des Trostes und der Zuversicht ihre Überzeugungskraft ein, wird kosmischen Kausalitäten mehr Glauben geschenkt, als man dies angesichts des Rationalitätsverständnisses der Moderne erwarten würde.

Die Sinnstruktur des Tattoos lässt verschiedene Lesarten zu. Es imponiert als Chiffre einer Klugheit, die der Schicksalhaftigkeit des Lebens Respekt zollt. Komplexer als ein Talisman, ähnelt es einem Schrein, den man mit sich trägt, als ein gegen das Vergessen in die Haut eingebrannter Schwur auf Kontinuität. Entzauberung, so lässt sich der harmlosen Alltagserscheinung entnehmen, bedeutet nicht etwa einen universalen Vorgang der Rationalisierung der Lebensformen. Entzauberung bedeutet auch nicht, dass ein unheilvoller Gesamtzusammenhang unaufhaltsam voranschreitet. Vielmehr setzt sie überraschende Interdependenzen von Vernunft und Schicksal frei. Die Magie kehrt zurück. Im Streit mit Glaube und Wissen gewinnt sie an Boden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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