Made in Turkey

Auf dem Basar herrscht jetzt Stille

Von Jennifer Wiebking
 - 10:55

Zunächst sah alles danach aus, als wäre die junge Schmuckdesignerin am richtigen Ort gelandet. Sie war 2015 gerade dabei, ihr eigenes Label in Deutschland aufzubauen, und auf der Suche nach einer geeigneten Produktionsstätte. Die junge Frau kam schnell auf die Türkei, ein Land mit langer Schmucktradition. Über gute Bekannte hatte sie einen Kontakt zu einer Fertigungsstätte in Istanbul, einem Betrieb, der seit über hundert Jahren in der Hand einer Familie ist. Die Werkstatt lag außerhalb Istanbuls, einen Ableger gab es direkt in der Innenstadt. „Ich flog kurzentschlossen hin“, erzählt sie. Das war im Dezember vor zwei Jahren. Istanbul schien ein passender Ort für die Verwirklichung ihrer Ziele. „Der Austausch war sehr gut, es war klar, dass der Betrieb meine Standards übernehmen könnte, wir fingen an, Prototypen zu machen. Von der Produktionsseite aus war alles prima.“

Zeitgleich aber verschlechterte sich die Sicherheitslage in der Türkei erheblich, besonders in Istanbul. Im Januar 2016 sprengte sich ein Attentäter mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Nähe der Hagia Sophia in die Luft. Es folgten Anschläge im März, im Juni, im selben Monat auch am Flughafen. „Das waren Monate, in denen ich sehr viel Zeit dort verbracht habe“, sagt die Schmuckdesignerin. „Es war kein gutes Gefühl.“ Sie überlegte, ob Istanbul wirklich der ideale Ort wäre für die Produktionsstätte, gewissermaßen das Herzstück ihres jungen Labels, und hielt parallel Ausschau nach einer Alternative in einem EU-Land. „Aber obwohl sich die Lage zuspitzte, war ich hin- und hergerissen.“

Basar wie ausgestorben

Nach gut einem halben Jahr hatte die junge Frau schließlich schon viel Zeit und Geld in die Produktion in Istanbul investiert. „Das ist eine Beziehung, die man aufbaut. Gerade in der Türkei spielt die persönliche Ebene auch in der Geschäftskultur eine große Rolle.“ Die junge Unternehmerin versuchte die Angst vor weiteren Anschlägen zu vergessen und sich stattdessen auf die Vorteile zu konzentrieren. „Und es tat mir ja auch leid für die Menschen, deren Existenz von der Produktion abhängt. Auch sie sagten hinter vorgehaltener Hand, dass sie Angst hätten.“ Wenn sich die Gründerin im Dezember 2015 noch über den Basar drängeln musste, dann war derselbe Ort im Sommer drauf wie ausgestorben.

Mitte Juli 2016 war die Schmuckdesignerin dann wieder in Istanbul, um die ersten Prototypen entgegenzunehmen. „Ich bin am Freitagmorgen angekommen und wollte nur schnell in and out machen.“ Samstag in der Früh wollte sie schon wieder zurück in Deutschland sein. In der Werkstatt lief an dem Tag alles so gut wie immer, abends ging die Designerin direkt in ihr Hotel, das am Taksim-Platz lag. „Im Hotel hatte ich noch was gegessen, dann ging es los.“ Es war die Nacht des Putsches. Über ihr flogen Militärjets, „die Leute haben geschrien, es war eine bürgerkriegsähnliche Stimmung, und zugleich wusste niemand, was los war“. Sie blieb in ihrem Hotelzimmer, irgendwann sagte man ihr ohnehin, sie dürfe nicht mehr auf die Straße. „Niemand hatte Informationen, das deutsche Konsulat in Istanbul war nicht zu erreichen, und die deutsche Botschaft in Ankara konnte wiederum nichts über die Lage in Istanbul sagen.“ Die Designerin hing die ganze Nacht am Handy und aktualisierte alle zwei Minuten den News-Ticker. „Samstag bin ich natürlich nicht rausgekommen, Sonntag auch nicht.“ Erst Montag Morgen konnte sie fliegen. Nach zweieinhalb Tagen, die sie durchgängig im Hotel verbracht hatte, nahm sie ein Taxi zum Flughafen und flog zurück nach Hause.

Politische Klima hat sich verschärft

Für die Designerin, die anonym bleiben möchte, sollte sich das Verhältnis zum Fertigungsland Türkei durch dieses Erlebnis nachhaltig verändern. Sie hatte das Gefühl, dass sie am total falschen Ort gelandet war.

Nun hat sich dieser Ort seitdem nicht etwa zum Besseren entwickelt, das politische Klima verschärft sich zunehmend, und wenn Präsident Recep Tayyip Erdogan willkürlich Menschen festnehmen lässt, unter ihnen auch Deutsche, dann kann von Rechtsstaatlichkeit keine Rede mehr sein. Spätestens jetzt, da es zwar noch keine Reisewarnung für die Türkei gibt, das Auswärtige Amt aber seine Reisehinweise verschärft hat, da die Zukunft der Zollunion fraglich ist und Wirtschaftssanktionen möglich sind, dürften sich auch andere große wie kleine Marken die Frage stellen, ob das Land für sie noch der richtige Ort zum Produzieren ist.

Image des Produktionslandes Türkei ist beschädigt

Dieses Land, das bis vor etwas mehr als einem guten Jahr ein echtes Paradebeispiel für Fertigung war und es, wenn es um die Qualität geht, noch immer ist. Die Herstellungskosten sind erschwinglich, Sozialstandards spielen eine größere Rolle als etwa in Teilen von Südostasien und China, wenn auch leider nicht ohne traurige Ausnahmen. Die britische BBC deckte im Oktober vergangenen Jahres auf, dass in den eigentlich so sauberen türkischen Textilfabriken syrische Kinder arbeiten und Kleider nähen, die auch in Deutschland bei Zara oder Mango verkauft werden.

Das Image des Produktionslandes Türkei aber war jahrelang ein anderes. Immerhin handelte es sich damals um eine moderne Demokratie, ein Land, in dem viele gerne Urlaub machten und dessen Metropole Istanbul als so aufregend wie zukunftsweisend galt. Wo es somit auch um die Fertigung der Kleider nicht allzu schlecht bestellt sein konnte. Jetzt meiden viele Touristen das Land – und wenn schon sie Furcht haben, dort ihre Ferien zu verbringen, wie sollen dann Unternehmer wie die junge Schmuckdesignerin darauf vertrauen, dass es sich dabei noch langfristig um einen sicheren Produktionsort handelt? Einen, auf dem man seine Existenzgrundlage bauen möchte?

„Die positiven Entwicklungen haben einen spürbaren Dämpfer erhalten“, sagt Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Textil und Mode. Ein wesentliches Problem sei die zunehmende Rechtsunsicherheit. „Unternehmen planen in der Regel langfristig und benötigen ein berechenbares Marktumfeld mit verlässlichen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.“ Entsprechend kalt erwischt die Häuser die sich zuspitzende Lage.

„Die Türkei ist ein wichtiger Markt aus zwei Gründen“, sagt auch Kiran Mazumdar von der Einkaufsberatung Inverto: „Diese Kombination aus Qualität und Menge bekommt man nicht ohne weiteres.“ Zudem sind die Wege vergleichsweise kurz. „Von der Türkei aus ist man mit einem Lkw recht schnell in Deutschland.“ Zum Vergleich: Ein Container, der mit dem Schiff aus China kommt, braucht nicht mehrere Tage, sondern Wochen. Das sind die Strecken, die Bekleidung zurücklegt, nachdem die Textilproduktion vor gut einem halben Jahrhundert von Deutschland weitergezogen ist. „Es ist eine Karawane“, sagt Mazumdar von Inverto.

Deutschland investiert Milliarden

Deutschland hat im Jahr 2015 zum Beispiel laut Zahlen der Welthandelsorganisation T-Shirts im Wert von umgerechnet 3,5 Milliarden Euro importiert. 20 Prozent davon, so zeigt es Atlas Media, ein am Massachusetts Institute of Technology gegründetes Unternehmen, das große Datensätze der Welthandelsorganisation aufbereitet, kommen aus der Türkei. Das ist der zweithöchste Anteil nach Bangladesch mit 25 Prozent und noch vor China mit 10 Prozent. Insgesamt kam die Türkei 2016 auf Platz drei bei Bekleidungsimporten, nach China und Bangladesch. Bei deutschen Unternehmen ist sie entsprechend beliebt: Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass die Bekleidungsimporte aus der Türkei im Jahr 2016 bei 3,3 Milliarden Euro lagen, ein Anstieg von 1,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bekleidung kommt damit unter den Importgütern auch auf den größten Anteil überhaupt, vor Maschinen und Kraftwagenteilen.

Auch eine große Marke wie Marc O’Polo weiß das Land als Produktionsstandort zu schätzen. Bernd Keller, Mitglied des Vorstands, lobt die technischen Innovationen, die effizienten Transportzeiten sowie den zollfreien Import von Textilien nach Deutschland. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Türkei sowohl in der Entwicklung von Rohwaren als auch in der Konfektionierung stetig weiterentwickelt.“ Daher gilt: Auch wenn das politische Klima rauh ist, wenn Teile der Regierung deutschen Großunternehmen drohen und Erdogan Deutschland regelmäßig Nazi-Methoden vorwirft, so haben sich die direkten Beziehungen zwischen Produktionsstätten und deutschen Modemarken nicht zwingend verschlechtert. Im Gegenteil: „Service, Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis haben sich verbessert“, sagt Keller.

Produktionsstätten müssen sich mehr Mühe geben

Es deutet also viel darauf hin, dass die Betreiber der Produktionsstätten gezwungen sind, sich mehr Mühe mit den Kunden aus dem Ausland zu geben. Für die Großen gibt es zwar kaum Alternativen. „H&M zum Beispiel hat 2000 Lieferanten“, sagt Kiran Mazumdar von Inverto. „Etwa 300 davon in der Türkei. Man kann nicht mal eben 300 Lieferanten austauschen.“ Anders aber sieht es mit kleineren Händlern aus, die auch auf dem Istanbuler Basar Dependancen haben.

Josephine Gaede, die in Berlin zusammen mit ihrer Mutter das Interior-Label Edition Etc. betreibt und dafür oft in der Türkei unterwegs ist, sieht, wie sich deren Situation verändert hat. „Wenn man vor drei Jahren auf Goldschmiede, Antiquitätenhändler oder Seidenhersteller zukam, haben sie einem allenfalls das Gefühl gegeben, dass man Glück habe, dass sie heute was für einen tun wollten, denn morgen sei das bestimmt anders.“ Damals hätten die Händler sich aussuchen können, wen sie bedienten. Als Gaede eine Woche vor dem Referendum vor Ort war, sei die Stimmung eine ganz andere gewesen. „Vierzig Kissenbezüge innerhalb von zwei Tagen waren kein Problem. Mit etlichen Abnahmemöglichkeiten für uns. Es ist schon bemerkenswert, welche Demut dort eingekehrt ist.“

Handwerker wollen auswandern

Denn gerade Eigentümer kleinerer Labels, die einerseits wendig, andererseits aber auch abhängig von einer einzigen Produktion sind, suchen jetzt eher nach Alternativen. So wie eben die allermeisten Menschen privat die Türkei als Ferienziel meiden. Portugal etwa profitiert davon, auch als Produktionsland. „Die Hersteller dort sagen, dass sie gerade ausgezeichnet zu tun haben“, erzählt Gaede. Die Türkei würde die Unternehmerin aktuell noch nicht meiden, aber auch sie, die außerdem Gründerin der Marke „Das Cape Mädchen“ ist, überlegt sich, eine zusätzliche Bekleidungslinie bald in Portugal fertigen zu lassen.

Die deutsche Schmuckdesignerin, die damals die Putschnacht in Istanbul verbracht hatte und sich daraufhin entschloss, einen anderen Weg zu gehen, wurde ebenfalls in P0rtugal fündig. Portugal war ihr Plan B, der, wie sich herausstellte, Gold wert war. „Die Nacht damals hat mir gezeigt, dass die Türkei kein Rechtsstaat ist. Man kann weder persönlich noch geschäftlich darauf vertrauen, dass es dort rechtens zugeht“, sagt sie. Wenn Erdogan sich zum Beispiel morgen dafür entscheiden würde, keine Geschäfte mehr mit deutschen Herstellern zuzulassen, bedeutete das auch das Ende ihrer Marke. „Oder wenn man auf einmal nichts mehr ein- und ausführen dürfte.“ Die Designerin erzählt, den Leuten im Produktionsbetrieb sei es geradezu peinlich gewesen, dass ihre Auftraggeberin diese Situation so hautnah mitbekommen habe. „Auch die Handwerker sagten, dass sie am liebsten auswandern würden, dass das Leben so nicht auf lange Sicht auszuhalten sei.“

Schmerzgrenze noch nicht erreicht

Und selbst eine Marke wie Marc O’Polo, im Vergleich zu jungen Labels ein Textilriese und ein Label, das aktuell die Vorzüge der Türkei noch zu schätzen weiß, hat bereits die Hindernisse identifiziert, die mit der veränderten politischen Situation in naher Zukunft auftauchen könnten: verschärfte Import- und Exportregeln und damit verbunden erschwerte Produktionsbedingungen sowie Einreisebeschränkungen durch Reisewarnungen. „Ein Verzicht auf die Türkei als Produktionsland würde bei uns zu qualitativen und wirtschaftlichen Defiziten führen“, sagt Bernd Keller. „Aus diesem Grund haben wir uns bereits mit alternativen Produktionsländern abgesichert.“

Die Schmerzgrenze liege aber, meint der Handelsexperte Kiran Mazumdar, trotzdem sehr hoch. „Die Stückzahlen, die Qualität, die Geschwindigkeit für 14 Kollektionen pro Jahr lassen sich nicht einfach so aus Bangladesch beziehen.“ Den Herstellern bleibe derzeit nichts anderes übrig, als die Situation auszuhalten. Aber: „Die Unternehmen werden die Entwicklung sehr genau beobachten, denn Unsicherheit ist Gift in der Beschaffung. Sicher ist, dass sich Textilhandelsunternehmen schon jetzt aktiv um andere Lieferantenmärkte kümmern.“

Die deutsche Schmuckdesignerin konnte damals zügiger Nägel mit Köpfen machen und nach ihren Erlebnissen in der Nacht des Putsches von der Türkei als Produktionsort Abstand nehmen. Trotzdem musste sie noch einmal dorthin fliegen. Die Prototypen waren schon in Auftrag gegeben. „Ich musste sie ja bezahlen. Und sie einfach nicht abzuholen, hätte einen Riesenverlust bedeutet.“ Also flog sie morgens hin, abends zurück, in der Filiale in der Nähe des Basars lagen die Stücke bereit. „Ich hatte richtig Panik, habe alle verabschiedet, die Sachen genommen und bin dann direkt zurück zum Flughafen gefahren.“ Seitdem ist sie nie wieder dort gewesen.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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