Virgil Abloh

Den Trend zum Freund

Von Alfons Kaiser
 - 20:32
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Wahrscheinlich begann das alles mit dem Skateboarden. Der kleine Virgil, Sohn von Einwanderern aus Ghana, wuchs in einem Vorort von Chicago auf. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, fuhr er nicht nur durch Straßen und Parks – sondern geradewegs hinein in eine globale Jugendkultur aus sportlichen, musikalischen, modischen und verhaltenstechnischen Codes. Denn das Skateboarden erfanden Surfer und Drop-Outs. Und die pflegen keinen Freizeitspaß, sondern eine Lebenseinstellung.

Wenn man wissen will, wie Virgil Abloh zu einem der wichtigsten Modedesigner der vergangenen Jahre werden konnte, zum einflussreichen Einflüsterer von Kanye West, zum erfolgreichen Unternehmer mit seinem Label Off-White, dann sollte man sich das mit der Lebenseinstellung schon mal merken, als erste Lektion.

Hinzu kamen seltsame clashes of culture. In den Musikvideos sah er, dass coole Jungs in New York Polo Ralph Lauren trugen – und er ging in den nächsten Eckladen, um sich ähnlich einzukleiden, aber billiger. So eklektisch hielt er es auch mit der Musik. Vielleicht bringt es nur ein Junge aus zwei Kulturen fertig, Hip-Hop zu lieben und gleichzeitig Guns N' Roses. „Eine ziemliche Mischung“, sagt er im Rückblick und muss selbst darüber lachen. „Menschen sind entweder so oder so. Ich bin beides.“

Eine ziemliche Mischung also.

Lektion zwei.

Sollte man einen Beruf daraus machen, Platten aufzulegen oder zu skateboarden? Nicht, wenn man in der „Ersten Welt“ Sohn eines Einwanderers aus der „Dritten Welt“ ist: „Mein Dad hat meinen Studiengang ausgesucht“, sagt Abloh und kann das bis heute nicht schlimm finden. Die Meinung des Vaters: „Mein Sohn soll etwas Richtiges lernen.“ Virgil Abloh machte also 2002, mit 22 Jahren, einen Bachelor als Bauingenieur an der University of Wisconsin-Madison und studierte dann Architektur am Illinois Institute of Technology. „Das hilft mir noch heute", sagt er. „Als Architekt arbeite ich an Lösungen, basierend auf dem, was ich sehe. Es sind zwei Seiten des Gehirns: wie man etwas macht und wie man es ästhetisch macht. Das praktische Denken ist wichtig: Wie baut man ein Gebäude? Dann aber die Frage: Wie sieht das Gebäude aus? Und schließlich: Muss man das Haus überhaupt bauen? Bis hin zu der Prämisse: Was ist eigentlich ein Gebäude? Und am Ende kann man den Kreis schließen: Wie baut man etwas, ohne dass es dann auch steht?“

Lektion drei.

Handfestes lernen und trotzdem beide Gehirnhälften nutzen! Die Baukunst wird mit erkenntnistheoretischem Fundament sogar noch besser.

In Chicago wurde die moderne Architektur gewissermaßen erfunden. Als Virgil Abloh dort studierte, vollendete Rem Koolhaas das McCormick Tribune Campus Center, sein erstes Gebäude auf amerikanischem Boden. „Wie ein solches konzeptuelles Gebäude entsteht, das hat mich wirklich weitergebracht", sagt Abloh. „Ich wusste nicht, was Kunst war“, sagt er dann, ohne danach gefragt worden zu sein. „Ich dachte, Kunst sei nur für Reiche, Dekoration. Ich dachte, Kunst macht man aus Spaß. Aber gegen Ende des Studiums saß ich im Kurs Kunstgeschichte und entdeckte die Renaissance. Das hat alles geändert.“

Man muss auch einen Mythos aufbauen: Die Moderne hat mich geprägt, die Renaissance hat mich verändert – so etwas klingt gut, sehr gut. Also:

Lektion vier.

Er merkte, dass Rem Koolhaas mit Miuccia Prada zusammenarbeitet. „Wow“, dachte er, „man kann ein Architekt sein und für Prada arbeiten!“ Das muss etwas gelöst haben in ihm. Seine Heimat ist seitdem zwischen den Welten. „Ich bin Fashion und Non-Fashion, ich bin Kunst und Nicht-Kunst.“ Off-White, der Name seines Labels, das er 2013 gründete, soll das ausdrücken: „Es ist zwischen Schwarz und Weiß.“ So hält er es auch in der Zusammenarbeit mit Kanye West: „Wir machen einfach, mit viel Gedankenfreiheit. Wir wollen nicht nur in unserer Disziplin steckenbleiben.“

Ein wichtiges Mittel der Selbstvergewisserung ist für ihn die Ironie. „Ironie ist modern. Ich mag Gegensätze. Gegensätze sind real. Auf Distanz zu bleiben ist zeitgemäß. Aneignung ist ein Werkzeug.“ Kein Wunder, dass er sich erst dann richtig anerkannt fühlt, wenn seine Arbeit kopiert wird.

Lektion fünf.

Bedeutungsoffen distanziert bleiben!

„Jeder wird klassifiziert“, sagt Virgil Abloh. „Aber ich bin heute das, morgen das. Etwas zu erschaffen bedeutet Freiheit. Ich mag die Offenheit von jungen Leuten. Ich kommuniziere mit Menschen, die noch nie einen Designer gesehen haben.“ Und wie alt sind seine Kunden? „Sie sind jung. Und sie sind alt. Es gibt keine Frage, die mich aus dem Dazwischen holen würde.“ Er erzählt von einer Mail, die ihm Sarah Jessica Parker geschrieben hat, sehr lang, sehr gefühlvoll. „Persönliche Geschichten, wie sie Off-White trägt. Und dass ihr Sohn auch die Marke trägt. Ein Haushalt, zwei Generationen, beide tragen Off-White. Chic und Street. Das ist mein Erfolg. Einen Fuß habe ich in der alten Welt, einen in der neuen.“

Lektion sechs.

Alterlos erscheinen und alle bedienen.

In seiner Schau in Florenz im Juni für Männer- und Frauenmode führten die Models Produkte von etwa acht Kooperationen mit anderen Marken vor. Und mit wem würde er am liebsten zusammenarbeiten? Chanel? Louis Vuitton? Hermès? „Mit allen.“ Lektion sieben: Ziele hoch ansetzen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Alfons Kaiser- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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