Moderne Kunst

Als der Kunst ein Licht aufging

Von Brita Sachs
 - 16:41
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Dan Flavin hatte es satt: Nach drei Jahren frustrierender Malereiversuche legte er den Schalter um. Von sofort an würde er nur noch mit elektrischem Licht arbeiten. Als im Jahr 1961 die erste Neonarbeit des amerikanischen Künstlers aufleuchtete, der heute als einer der Väter der Lichtkunst gilt, durchlief die Kunst eine ihrer großen Umbruchphasen. Die junge Avantgarde fand, es sei in allen erdenklichen Varianten und somit erst einmal genug gemalt und gebildhauert worden. Sie ließ hergebrachte Genres und Techniken links liegen und suchte nach neuen Dimensionen. Happenings und Aktionskunst begannen das Kunstgetriebe aufzumischen. Statt Öl auf Leinwand kamen biologische Prozesse zum Zuge, wenn Schokolade und andere Lebensmittel in der Eat Art und in Dieter Roths Vitrinen schimmelten. Ebenfalls 1961 füllte Piero Manzoni seine Exkremente in Dosen mit dem Aufdruck „Merda D'artista“. So ironisch wie provokant standen die Konserven für das Ende eines Verdauungsvorgangs nicht immer leicht konsumierbarer (Konzept-)Kunst. Als würde sie dem Gebot dauernder Überbietung folgen, wirkt diese berühmte freche Geste zugleich wie eine Machbarkeitsstudie: Wie weit kann man gehen bei einem zwischen Faszination und Verunsicherung schwankenden Publikum?

Es war Zeit für eine neue Zeit, und voran marschierten die Land-Art-Künstler, die ganze Landschaften umformten. Und es war an der Zeit, die bis dahin außer acht gelassenen Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde für die Kunst nutzbar zu machen. Diesseits des Atlantiks besorgte das mit Verve die Gruppe Zero. Otto Piene brannte Bilder mit dem Flammenwerfer, blies Luftplastiken in Gestalt von Regenbögen auf und ließ – zum Beispiel auf der metallverkleideten Fassade eines Kölner Modehauses – Sonnen-und Scheinwerferstrahlen Lichtballett tanzen.

Bei Dan Flavin wird nicht getanzt. Er benutzte ausschließlich industriell gefertigte genormte Leuchtstoffröhren in zehn Farben und fünf Formen, installierte die Module einzeln, gebündelt oder gereiht im Raum, der durch diese farbigen Linien zugleich „bezeichnet“ wie auch durch die Reflektion des Raumkörpers mit farbiger Luft gefüllt wird. Nachhaltig schlägt die sublime Wirkung Besucher in ihren Bann, zumal wenn der Gang mit einem fast 40 Meter langen sattgrün leuchtenden Röhrengitter sein Auge veranlasst, im nächsten Raum alles ein Weilchen rosarot zu sehen. Nicht nur seine Kunst, auch Flavins Ruhm strahlt weit. Er bekam viele öffentliche Aufträge. Als eines seiner letzten Werke tauchte er 1996 die 300 Meter lange Glasarkade des Gelsenkirchener Wissenschaftsparks in ein spektakuläres Lichtmeer, das mit Einbruch der Dunkelheit grün, blau und gelb leuchtet. Mit seiner Feststellung „All Art Has Been Contemporary“, die in vielen Museen und Ausstellungen ihr farbiges Licht aus Neonbuchstaben verströmt, kann auch Maurizio Nannucci nichts dagegen ausrichten, dass Schokolade vergeht, Land-Art verweht und Performances nur auf wackligen Filmstreifen überleben. Kunst aber, die aus sich heraus leuchtet, ist im Vorteil. Hinter ihr lauert die Verführung, sie praktisch einzusetzen, also zu Beleuchtungszwecken, was wiederum manchmal die Grenze zum Design verwischt.

Die Lichtkunst steht auf solidem Boden

Lucio Fontana dürfte die Unterscheidung ohnehin nicht interessiert haben, als er 1959/60 für ein Kino, das Cinema Duse in Pesaro, aus weißen Neonröhren den gewaltigen „Cubo di Luce“ mit einer Kantenlänge von je 180 Zentimetern schuf. Heute fluoresziert der Kubus im Münchner Lenbachhaus, das eine stattliche Sammlung von Lichtkunst bewahrt - und ihren Zwittercharakter weidlich nutzt. Schon draußen erhellen Dan Flavins gelbe Röhren den Weg zum Eingang, über dem blau der Name des Hauses in Leuchtlettern nach einem Entwurf von Thomas Demand prangt. Beim Eintreten signalisiert Monica Bonvicinis grell gleißendes Kunstlichtstangenbündel „Blind Protection“ sogleich den Beginn eines Kunstsektors, und im Foyer stößt Olafur Eliassons gigantisches „Wirbelwerk“ aus Glühlampen und Spiegeln und farbigen Gläsern aus acht Meter Höhe mit scharfer Spitze in die Tiefe des Raums.

Ansonsten steht Lichtkunst auf solidem Boden, das zeigen die Marktchancen und der Erfolg jüngerer Künstler wie Eliasson. Seit ihrer Erfindung erlebt sie einen ungebrochenen Siegeszug durch Künstlergenerationen. Dabei stehen Werke der Protagonisten von einst bei Publikum und Sammlern immer noch hoch im Kurs. Allen voran der Star James Turrell, der Licht wie kein anderer physisch erfahrbar macht. Er ist der Zauberer, der mit dickem Licht Wände zieht, die Aufseher bewachen müssen, damit sich niemand dagegen lehnt, was zu Stürzen führen würde. Turrell öffnet Mauern zu Räumen, die endlos scheinen, tatsächlich aber nur ein paar Meter tief und farbluftgefüllt sind. Er schafft es, dass man orientierungslos auf sich selbst zurückgeworfen durch eine undefinierbare Substanz tappt, die nichts anderes ist als Licht.

Begehrt sind auch großformatige Kombinationen aus Farbflächen und Leuchtlinien des erst im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren gestorbenen François Morellet. Berühmt wurde er für Installationen, die aussehen, als hätte ein Riese Mikado mit Leuchtstangen gespielt. Oder die mit Neonzahlen und -kernsätzen besteckten Iglus von Mario Merz. Oder die Lichtskulpturen, die Keith Sonnier seit Jahrzehnten gelingen, schön bunt und mit allerlei Materialien angereichert. Den österreichischen Pavillon der diesjährigen Biennale in Venedig bespielte die 1957 geborene Künstlerin Brigitte Kowanz mit wunderschönen Interpretationen des virtuellen Datenraums, geformt aus den kühnen Schlingen einer Morseschriftlinie, die für die Geschichte des Internets wichtige Daten reiht: Google 15.09.1997, iPhone 09.01.2007 und so weiter.

Bruce Nauman nutzt Licht als eines unter vielen Medien. Munter blinkend wie Reklame führen sich Neonröhrenbilder wie seine „Five Marching Men“ aus dem Jahr 1985 auf: Fünf Männergestalten, die im Gleichschritt nicht nur Arme und Beine vorstrecken, sondern auch die Penisse und so Naumans witzig subversiven Kommentar zur Testosteronsteuerung männlichen Machtverhaltens illustrieren. Wie kühl und nüchtern bringt dagegen Jenny Holzer ihre politisch motivierten Textbotschaften unter die Leute. Prägnante und verunsichernde Sätze wie „I am afraid of the ones in power“ flimmerten schon in der ganzen Welt über LED-Leuchtbänder, riesenhaft im öffentlichen Raum. Der Alltagsästhetik der Werbung entstammt neben der Neonröhre und der LED-Technik auch der Dritte im Bund der Lichtkunstmedien: der Leuchtkasten, Ort großer Geschichtenerzähler wie der Kanadier Jeff Wall und Rodney Graham, die diese Lichtbühnen für minutiös inszenierte Fotografie einsetzen.

Unter Lichtkunst versteht man meist Werke mit künstlichem Licht, gespeist vom Stoff, der aus der Steckdose kommt. Kaum weniger Eindrückliches entsteht aber, wenn die Kunst der Natur das Feld überlässt, wie es buchstäblich Walter de Marias „Lightning Field“ von 1977 tut. 400 Stahlstäbe, auf einen Quadratkilometer Wüstenboden in New Mexico gesteckt, veranstalten, wenn sie bei Gewitter die Blitze anziehen, gewaltige Lichtspektakel mit Himmelsenergie, mit Urkraft also. Um das zu erleben, muss man Glück haben, das heißt in diesem Fall: schlechtes Wetter. Immer funktionieren hingegen die „Skyspaces“ von Turrell: In wohlproportionierten Räumen rahmen unverglaste, runde oder rechtwinklige Deckenöffnungen dem Blick ein Stück Firmament. Wer sich einmal mit Muße auf diese Sinneserfahrung einließ, wer den Himmel, zum Beispiel im „Open Sky“ auf der japanischen Kunstinsel Naoshima sitzend, als von Wind, Wolken und Tageszeiten gestaltetes Lichtbild erlebte, dem verblasst daneben so manches irdische Artefakt.

Mit seiner „Capri-Batterie“ wies Joseph Beuys in ähnliche Richtung, nämlich zurück zur Natur. Die Zitrone tritt da als Sonnenenergiequelle für die per Stecker angedockte gelbe Glühbirne auf. Auch ohne zu leuchten übermittelt sie ihre Botschaft: Sämtliche Formen der Energie entnehmen wir der Natur, will Beuys mit dieser Arbeit sagen, geht sorgsam mit ihr um. Sonst werdet ihr es irgendwann erleben, dass ihr den Schalter umlegt – und nirgends geht ein Licht an.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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