Neue Vielfalt

Wie sollte Unterwäsche heutzutage aussehen?

Von Celina Plag
 - 14:26
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Ein leichtes Frösteln durchzuckt sie. Es ist frisch hier in den repräsentativen, aber zugigen Räumen mit den einfach verglasten alten Fenstern. „Ein typischer Pariser Altbau“, sagt Martina Brown und rollt mit den Augen. Es ist ein kalter Nachmittag im März in der Firmenzentrale der französischen Dessous-Marke Aubade an der Rue du Colonel Drian. Seit 1958 werden hier aufwendig gearbeitete, feine Dessous entworfen, allen voran ein Halbschalen-BH mit extra viel Spitzenverzierung - die Ikone des Hauses und ein Stück französischer Geschichte.

Eigentlich gibt es die Marke sogar schon seit 1875. Damals handelte es sich um ein Unternehmen für orthopädische Korsetts und Mieder. Es war die Zeit der französischen Korsetterie, die dann spätestens in den sechziger Jahren zu Ende ging. Seither geht es hier um Verführung. Jahrzehntelang konnte man mit diesem Versprechen ganz gut Unterwäsche verkaufen. Im Jahr 2017 erzielte Aubade immerhin einen Umsatz von 55,5 Millionen Euro, ein Plus von 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings werden rund drei Viertel davon in Frankreich umgesetzt - im Rest der Welt hapert es mit der Verführung à la française.

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum es Martina Brown etwas fröstelt. 2015 wurde die Deutsche für die neugeschaffene Rolle der stellvertretenden Geschäftsführerin ins Unternehmen geholt, um den internationalen Ausbau voranzutreiben. Keine leichte Aufgabe, denn mit der Verführung ist das bei Unterwäsche so eine Sache. Einst verschwand die Korsetterie, weil sich die Ansprüche an Unterwäsche verändert hatten. Jetzt könnte es ebenfalls wieder Zeit für einen Wandel sein.

Wer an weibliche Verführung denkt, hat schnell ein Bild von Aktion und Reaktion im Kopf, zwei miteinander agierende Menschen. Sie sexy und lasziv. Er beobachtend und beurteilend. Aber ist das noch zeitgemäß? Wollen Frauen, wenn sie in Unterwäsche schlüpfen, immer gleich die Reaktion des Manns mitdenken, oder scheren sie sich darum längst nicht mehr? Stehen sie vielleicht eher zu einer größeren oder einer kleineren Brust, statt die natürliche Form aufwendig zu modellieren? Auch Martina Brown muss sich jetzt mit diesen Fragen beschäftigen: Was wollen Frauen heute eigentlich, wenn es um Unterwäsche geht?

Richtig wohl fühlt man sich in Plus-Size-Läden selten

Vielleicht kommt man der Antwort darauf im Ausschlussverfahren näher. Was immer weniger Frauen wollen, sind zum Beispiel Push-up-BHs, die Brüste optisch vergrößern. Das Marktforschungsunternehmen Edited hat im vergangenen Jahr drei Monate lang die Verkaufszahlen von 80 Wäschehändlern in den Vereinigten Staaten und Europa mit den Zahlen des Vorjahrs verglichen. Die Verkäufe von stark polsternden Modellen gingen dabei um 50 Prozent zurück, die von bequemeren Entwürfen stiegen hingegen um 120 Prozent. Oder der String: „Der wurde ursprünglich erfunden, damit sich die Wäsche nicht unter der Oberbekleidung abzeichnet“, sagt Martina Brown. „Dank der Nahtlos-Technologien ist man da heute weiter. Gerade junge Frauen tragen lieber Hipster oder Panties.“ Das Sortiment in den Wäscheabteilungen der Kaufhäuser, in kleinen Fachgeschäften und in Online-Shops spiegelt das wider.

Treffen mit Lydia Maurer in ihrem Atelier im Berliner Bezirk Wilmersdorf. Die Jungunternehmerin hat eine mögliche Antwort auf die Frage, was Bekleidung eigentlich leisten kann, wenn sie den Körper nicht so einschnüren soll wie im 19. Jahrhundert und nicht so sexy modellieren wie im 20. Jahrhundert. Bei Lydia Maurer hängt ein besonderes Ausstellungsplakat an der Wand, eine ungewöhnliche Interpretation des in der Kunstgeschichte so beliebten Sujets des Picknicks im Freien, bei der die auf der Decke liegende Dame besonders drall und üppig proportioniert wurde. Das Bild stammt von dem kolumbianischen Maler Fernando Botero, der dafür bekannt ist, Frauen stets mit Rundungen zu malen. Kaum ein Künstler würde besser in diese Räume passen, in denen die Designerin seit drei Jahren an Phylyda arbeitet.

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Es ist kein Unterwäsche-, sondern ein Bademode-Label. Die Farben sind satt und leuchtend, die Modelle sollen Frauen mit den Kleidergrößen XS und XL tragen können. Der Ansatz ist erstaunlicherweise unpopulär. „Bislang funktioniert der Markt so, dass Frauen ab einer gewissen Größe nicht mehr im gleichen Geschäft kaufen können wie ihre Freundinnen“, sagt Maurer. „Das macht aus ihnen Außenseiter. Den Plus-Size-Läden haftet oft etwas Medizinisches an, richtig wohl fühlt man sich dort selten.“ Von Anfang an wollte sie deshalb eine Modemarke aufbauen, die keine Frau wegen ihrer Körperformen ausschließt.

Ob dick oder dünn, große Brüste, kleine oder keine: Wenn Frauen heute als Designerinnen kleiner Nischenlabels für Frauen entwerfen, dann kann man ihre Arbeit auch als Reaktion auf vorherrschende Schönheitsideale sehen, die etwa zum Schlankheitswahn führen. Dem sah sich Maurer viele Jahre lang selbst ausgesetzt, besonders in Paris. „Der Genuss steht in der französischen Kultur ganz oben. Aber zugleich hungern sich Frauen lieber in eine kleine Größe, als etwas zu kaufen, das ihnen eher entspricht.“

„Große Größen existieren einfach nicht“

16 Jahre lang hat Maurer in Paris gelebt. Sie war bei Marken wie Saint Laurent und Givenchy tätig, ging dann zu Paco Rabanne und wurde dort 2013 Kreativ-Direktorin. „Gerade als Designerin hat man immer zwei Jobs“, sagt sie. „Es reicht nicht, nur gut in dem zu sein, was man tut. Man muss gleichzeitig perfekt aussehen.“

Lydia Maurer selbst war zu der Zeit gerade 30 Jahre alt und merkte, wie sich der Körper veränderte. Das System des Prêt-àporter kam ihr obendrein immer absurder vor: das Tempo, die Idee, Mode für die Körper von 20 Jahre alten Frauen zu entwerfen, obwohl die Kundin, die sich diese teuren Stücke leisten kann, oft schon ein paar Jahrzehnte älter ist. Und: „Große Größen existieren einfach nicht.“

Auch Gabriele Meinl und Bianca Renninger vom Karlsruher Label Aikyou litten lange unter ihren Größen, für die es wenig Angebote gab. „Wir haben beide kleine Brüste. Dafür gab es früher nur fade Bustiers oder Sport-BHs, aber nicht die hübschen Designs, die unsere Freundinnen trugen“, sagt Meinl. Und Renninger fügt hinzu: „Wenn es etwas nicht gibt, denkt man automatisch, etwas sei falsch an dir.“ Es gebe zwar Push-up-BHs, die eine Körbchengröße hinzu schummeln. „Aber was ist denn eigentlich so falsch an kleinen Brüsten? Wir finden die super!“

Die beiden bieten auch einen Prothesen-BH an, für Frauen nach einer Brustkrebsoperation. Warum sollte schöne Unterwäsche nur einem bestimmten Kreis an Frauen vorbehalten sein?

Das Stichwort der Stunde für diesen Ansatz ist Body Positivity. Ein gesundes Verhältnis zu sich und seinem Körper zu haben, das weit über das hinausgeht, was in der Werbung seit mehr als einem Jahrzehnt propagiert wird, gilt heute als cool. Lydia Maurer spricht von einem „neuen weiblichen Selbstbewusstsein“. Wäsche war schon immer eng mit dem Körpergefühl von Frauen verknüpft, und sie diente genau so lange als Symbol für ihre Rolle in der Gesellschaft: erst die Frau, eingezwängt im Korsett, dann die Frau, die ihren BH auszieht, als Zeichen der sexuellen Befreiung; Jahrzehnte später die Frau, die sich in knallenge Shapewear, also Spanx, presst.

Steht ein neuer Wandel bevor?

Vielleicht steht jetzt wieder ein Wandel bevor. Denn in Zeiten, da sich Bewegungen wie #MeToo über die sozialen Medien viel schneller verbreiten, da man immer mehr Bilder sieht, steigt auch die Vielfalt der Abgebildeten. Gut und schön, könnte man einwenden, das mag dem eigenen Selbstbewusstsein helfen - aber reicht es, um von einem neuen Feminismus zu sprechen, der sich auch über Mode definiert?

Andi Zeisler würde an dieser Stelle mit den Augen rollen. Die amerikanische Autorin und Medienkritikerin widmet in ihrem vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Buch „Wir waren doch mal Feministinnen“ (Rotpunktverlag) den oft als „feministisch“ bezeichneten neuen Modeerscheinungen, besonders der Unterwäsche, ein eigenes Kapitel. Den um sich greifenden „Marktplatz-Feminismus“ kritisiert sie harsch. Hinter der vordergründigen Achtsamkeit für den Körper und die Bedürfnisse der Frauen verbergen sich demnach schlicht marktwirtschaftliche Überlegungen: Die Hersteller böten Produkte, die sich mit einer feministischen Denkhaltung schmücken, eben nicht an, weil ihnen die Frauen so am Herzen liegen, sondern um ihren Umsatz zu steigern und ihre Marktmacht zu behalten.

Gut möglich. Wenn Marken unter dem Vorwand des Feminismus ein größeres Angebot machen, mag das die Rechte von Frauen vielleicht nicht weiter stärken - aber ein Nachteil für die Konsumentinnen ist es auch nicht. Im Gegenteil: Wenn nichts mehr zwickt, wenn man sich nicht eingeengt fühlt, ist das ein Fortschritt. Es ist vielleicht sogar fortschrittlich, wenn Marken nicht mehr damit werben, dass Frauen in ihrer Wäsche verführen können, sondern damit, dass sie darin einfach bequem durch den Tag kommen.

Denn es gibt noch einen weiteren Grund für die Größenerweiterungen von Marken wie Aubade oder Phylyda. „Die weibliche Brust wird hormonell bedingt immer größer“, sagt Martina Brown. Schon deshalb sollten die Hersteller für mehr Vielfalt sorgen.

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BelgradFrostiger Unterwäsche-Lauf

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Quelle: F.A.Z. Magazin
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