Musikreise durch Amerika

Wo Kommerz und Kunst nah beieinander liegen

Von Philipp Krohn und Ole Löding

Eine Reise nach Nashville lohnte sich früher eigentlich nur für hartgesottene Country- Fans. Dolly Parton, Garth Brooks, Taylor Swift und Nicole Kidmans Ehemann Keith Urban sind Repräsentanten eines kommerziell gefälligen Musikstils, der Millionenumsätze generiert. Countrymusik ist in Amerika so populär, dass Nashville nach New York und Los Angeles zum drittwichtigsten Ort der Musikindustrie geworden ist.

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Nashville
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Elektrischer Blues, House, Post Rock und der Chicago Soul: Virtuosität hat hier einen hohen Stellenwert.

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Auf der Music Row südwestlich der Innenstadt reihen sich Hunderte Musikstudios, Promotion-Agenturen und Plattenlabels aneinander. Doch die Stadt hat nicht nur Kommerzielles hervorgebracht. Bob Dylan hat mit seiner hier aufgenommenen Platte „Nashville Skyline“ einen seiner viel beachteten Stilwechsel vollzogen. Neil Youngs „Harvest“ steht nicht nur wegen „Heart of Gold“ in fast allen gut sortierten Sammlungen. Und Ryan Adams erholte sich hier im Jahr 2000 vom Ende seiner Band Whiskeytown und nahm mit „Heartbreaker“ ein Pionieralbum des Alternative Country auf.

Kommerz und Kunst liegen nah beieinander in „Music City USA“. Und um die Verwirrung noch größer zu machen: Die Grenzen verlaufen längst nicht mehr so wie früher. „Pro-Vietnamkrieg war Country, Anti-War war Rock“, sagt Kurt Wagner, der als Zweijähriger mit seiner Familie in die Stadt kam, also einer der wenigen Musiker ist, die wirklich von hier kommen. Die meisten sind nur auf Durchreise. Das ändert sich seit der Jahrtausendwende und seit Rock-Superstar Jack White vor ein paar Jahren nach Nashville zog. Indem er eine Platte von Country-Altstar Loretta Lynn aufnahm, riss er die Grenzen zwischen Alternative und Mainstream ein. Mit eigenem Studio, Plattenladen und Konzertsaal kann er heute binnen kürzester Zeit Musik einspielen, produzieren und verkaufen.

Musikhauptstadt
Nashville
© Philipp Krohn, Philipp Krohn

Zu Kurt Wagners Jugendzeiten gab es keine Independent-Kultur. „Wenn man in Nashville aufwuchs, ging es immer nur um Technik, Virtuosität und gutes Aussehen.“ An der Stadt mit Tausenden professionellen Musikern ging die Punk- und New-Wave-Revolution spurlos vorüber. Bis heute gibt es nur wenige kleine Bühnen, auf denen örtliche Bands auftreten. „Wir sind keine Live-Stadt“, sagt Tyler Glazer vom Plattenladen „Grimey’s“. „Gerade habe ich Bruce Springsteen für zwölf Dollar gesehen, weil die Leute keine Tickets gekauft haben. Wir sind so übersättigt.“ Alles andere aber sei großartig: Eine lebendige kreative Szene im Geist des Underground hat sich entwickelt.

Musiker aus allen Himmelsrichtungen zieht es derzeit nach Tennessee. Gerade diejenigen, die ihre Karriere professionell vorantreiben wollen, aber vor dem Moloch Los Angeles zurückschrecken. Und selbst das coolere New York sei für sie nicht unbedingt mehr das Ziel ihrer Wahl, sagt Tyler James, eine Hälfte des Duos Escondido. „In New York fragt man sich, in welchem coolen Laden oder welchem coolen Restaurant man abhängt. Hier existiert die Gemeinschaft bei Leuten zu Hause.“ Deshalb sei die Szene für Außenstehende nur schwer zu durchschauen. Man müsse Teil des Freundeskreises werden – oder darauf warten, bis der nächste Stern aus Nashville auf Konzertreise geht.

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Diese Artikelserie ist Teil des Projekts „Sound of the Cities“, das derzeit wächst. Weitere Veröffentlichungen wird es im Deutschlandfunk, der F.A.Z. und im Verlag Rogner & Bernhard geben. Wer beim Entstehen dabeisein will, kann die Autoren unter www.facebook.com/soundofcities besuchen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft.
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