Neue Häuser 2012: Projekt 2/3

Zen oder Die Kunst des Loslassens

Von Birgit Ochs
© Roeder, Jan, F.A.S.
Allein unter Fertighäusern: Projekt 2/3 ist auf dem Dorf ein Außenseiter. Das liegt nicht nur am Flachdach, sondern auch an der kompletten Vergalsung nach Süden...

Das Einfamilienhaus am Ortsrand des schwäbischen Dorfes Immenhausen Ochsen ist ein Ausreißer: In der Nachbarschaft finden sich nur Häuser aus dem Katalog - alle mit roten Satteldächern, oft auch mit Gauben. Der Neuling in der wenig anheimelnden Form einer Kiste fällt da sofort auf. „Ein Flachdach ist hier schon ungewöhnlich, damit eckt man an - auch wenn es begrünt ist“, weiß Hausherr Bernd Selbmann nach gut einem Jahr Dorfleben zu berichten.

Doch nicht nur seines rechteckigen Baukörpers wegen provoziert das Gebäude. Die rauhe Holzfassade - an der Nordseite hermetisch geschlossen - sorgt auf dem Land für Kopfschütteln. Obwohl, vielleicht aber auch gerade weil sie das Thema Höfe und Scheunen aufgreift. Die komplett verglaste Südseite dagegen verstört manchen Betrachter wegen der gnadenlosen Offenheit. Und die Tatsache, dass die Bewohner Vorplatz und Carport nicht gepflastert, sondern mit feinen Schottersteinchen angelegt haben und der Garten aus nichts als Rasen besteht, trägt ebenfalls zur Auseinandersetzung mit dem neuen Haus bei.

Ursula und Bernd Selbmann sind eher zufällig in der unmittelbaren Nachbarschaft von Maisfeldern und Dorfkirche gelandet. Eigentlich hätte das Ehepaar ein städtisches Umfeld mit kurzen Wegen bevorzugt - allein schon, um nicht immer auf das Auto angewiesen zu sein. In Tübingen aber, wo Selbmann arbeitet, fand sich kein bezahlbares Grundstück. So verschlug es das Ehepaar aufs Land. Eigentlich sieht der Bebauungsplan der Gemeinde keine Flachdächer vor. Doch die Bauherren hatten Glück und stießen auf eine Ausnahmeregelung: Die gilt, wenn das Dach begrünt wird.

Weniger Wohnraum, weniger Mobiliar, weniger Hausrat, dafür maximale räumliche Offenheit

Die beiden sind in ihrem Leben schon einige Male umgezogen. Ein eigenes Haus hatten sie aber noch nie, obwohl der 61 Jahre alte Hausherr selbst Architekt ist. Dass sie im reiferen Alter doch noch Bauherren wurden, lag an ihrer veränderten Lebenssituation. „Nachdem auch das jüngste unserer drei Kinder ausgezogen war, wollten wir einen Wohn- und Arbeitsraum, der unserem neuen Lebensabschnitt entspricht“, sagt Ursula Selbmann.

..sondern auch an der fensterlosen Nordseite. Doch die hat ihren Grund.
© Roeder, Jan, F.A.S.
..sondern auch an der fensterlosen Nordseite. Doch die hat ihren Grund.

Die Künstlerin und ihren Mann zeichnet ein starker Ordnungssinn aus. Sie lieben das Einfache und Klare. Die Neigung, Dinge zu horten, besitzen sie nicht. Nun wollen sie sich ganz auf das Wesentliche konzentrieren. Für die Selbmanns hieß das: weniger Wohnraum, weniger Mobiliar, weniger Hausrat, dafür maximale räumliche Offenheit. Gut ein Drittel ihres einstigen Besitzes haben sie vor dem Umzug aussortiert. Ein Jahr hat das gedauert. Von den Spielsachen der Kinder haben sie sich ebenso getrennt wie von anderen Erinnerungs- und auch Erbstücken. „Es ist ein bewusstes Nach-vorne-Sehen, wir wollen unseren letzten Lebensabschnitt aktiv gestalten und nicht inmitten von Erinnerungsstücken leben“, beschreibt stellvertretend für beide Bernd Selbmann ihre Einstellung.

Die radikale Haltung findet ihre Entsprechung in der Architektur des Neubaus, der in Anspielung auf das Lebensalter der Bauherren wie auch den verkleinerten Besitzstand den Projektnamen 2/3 trägt. Der Entwurf stammt nicht von Bernd Selbmann, sondern von Sohn Sebastian und dessen Freundin Daniela Walz. Die beiden hatten zur Zeit der Planung ihr Architekturstudium noch nicht abgeschlossen. Sie empfahlen sich aber für die Aufgabe, weil sie zum einen mit der Lebensweise der Bauherren sehr vertraut sind. Zum anderen hatten sie sich intensiv mit den Möglichkeiten des modernen Holzbaus auseinandergesetzt. Das gefiel den Auftraggebern, die sich ein Haus aus natürlichen und wiederverwertbaren Baustoffen wünschten.

Keine klassische Zimmeraufteilung

Die jungen Planer haben einen kompakten Baukörper entworfen, der auf der Bodenplatte als vorgefertigte Holzrahmenkonstruktion errichtet wurde. Die sechs Meter hohen Bretter aus heimischem Weißtannenholz an den Außenwänden sind senkrecht und nicht quer angebracht, damit Regenwasser besser ablaufen kann. Zudem verfügt das „sägerauhe“ Holz über den Lotuseffekt, das Wasser perlt also ab.

Bei aufmerksamer Betrachtung fällt auch auf, dass die Holzbretter unterschiedlich breit sind. Was ganz zufällig aussieht, folgt in Wahrheit einem ausgeklügelten und in der Umsetzung aufwendigen System. Denn die Anordnung geht auf einen künstlerischen Einfall Ursula Selbmanns zurück: Kodiert nach drei Buchstaben, bilden die Holzlatten den Text einer japanischen Zen-Meditation ab.

Wer das Haus erlebt, weiß, wie treffend das Thema gewählt ist. Projekt 2/3 steht für die Kunst des Loslassens. Das offene Raumkonzept verlangt von seinen Bewohnern Disziplin und Mäßigung. Zugleich verströmt das Gebäude Harmonie und Ruhe. Das gelingt, weil das Innenleben auf den beiden Etagen mit ihren insgesamt 180 Quadratmeter Fläche bis ins kleinste Detail durchgeplant ist: Im Norden des Hauses verläuft im Erdgeschoss ein etwa 13 Meter langer Flur, über den man das Haus von Osten betritt und der im Westen zur Küche wird. Garderobe, Gäste-WC, Haustechnik und Stauräume befinden sich gut verborgen hinter weißen, raumhohen Einbauschranktüren an der Nordseite. Von hier aus führt die Treppe ins Obergeschoss, wo sie in einen ebensolchen Flur mündet: Dort sind Bad, Dusche, eine Mini-Sauna, Kleiderschränke und auch die Waschmaschine im Wandschrank untergebracht.

Zum Süden hin erstreckt sich auf jeder Etage ein großer, heller Raum. Im Erdgeschoss füllen ihn der Esstisch und zwei kleine Sitzgruppen. Ein Schiebeelement sorgt dafür, dass sich der Raum bei Bedarf teilen lässt - wenn etwa ein kleines Gästezimmer gebraucht wird. Im Obergeschoss dient der große Raum zum Schlafen und Arbeiten - dort kann mittels der beweglichen Trennwand eine Ruhezone geschaffen werden. So entstehen Rückzugsmöglichkeiten, auch wenn die klassische Zimmeraufteilung fehlt.

Große Offenheit als Herausforderung

Alles ist am täglichen Bedarf ausgerichtet. Flächen für Ereignisse wie große Feierlichkeiten, den Weihnachtsbaum oder ungeborene Enkel gewissermaßen auf Vorrat einzuplanen kam für die Bauherren nicht in Frage. „Dann wird aus einem solchen Vorhaben schnell ein Großprojekt“, wehrt der Bernd Selbmann ab. „Und man kann ja gegenrechnen, wie viele Nächte man sich im Hotel für die Investition in ein Gästezimmer leisten kann.“

„Die Lebensräume sollten als leicht veränderbare, großzügige Freiräume nutz- und erlebbar sein“, beschreiben die jungen Planer das Raumprogramm. Dazu trägt maßgeblich auch die Glasfront bei, in deren Mittelteil sich die 3,20 mal 2,40 Meter großen Schiebetüren komplett öffnen lassen. Aus diesem Grund haben die Bewohner auf eine Terrasse verzichtet. „Die ist nicht mehr nötig, wenn innen und außen so ineinander übergehen“, findet Bernd Selbmann. Für die Schiebetüren wählten die Planer übrigens eine Zweifachverglasung, weil sie sonst zu schwer geworden wären. Die festen Fassadenteile, die direkt auf die tragenden Stützen geklemmt wurden, sind dagegen dreifach verglast.

Die große Offenheit nach außen sei für sie manchmal doch eine Herausforderung, gesteht Ursula Selbmann. „Man muss seine Grenzen finden“, sagt sie und schwärmt dann doch von der unmittelbaren Nähe zur Natur. „Dieser freie Blick ist für mich ganz wunderbar, den möchte ich nicht mehr missen.“

Die Glasfront war allerdings nicht ganz preiswert. Die Südfassade habe fast genauso viel gekostet wie der Rohbau, berichten die Bauherren. „Wie waren einerseits im VW Polo unterwegs, andererseits im Porsche“, beschreibt Bernd Selbmann die Mischung aus Luxus und Bescheidenheit. Apropos Kosten: Günstiger haben die verwandtschaftlichen Bande zwischen Planern und Bauherren das Vorhaben nicht gemacht. „Wir haben die Kinder nach der Honorarordnung für Architekten bezahlt“, weist Bernd Selbmann den Verdacht zurück.

Reichlich Schattenspender

Damit an strahlend hellen Tagen der Aufenthalt hinter Glas nicht ungemütlich wird, verfügt das Haus über Schattenspender: An der Südfassade hängt eine Stahlkonstruktion, die nicht nur als Putzbalkon dient, sondern in die auch Rollmarkisen integriert sind. Zudem trägt sie als festen Sonnenschutz einen Plexiglasrahmen, dessen milchig-weiße Farbe gut zum Ton des Holzes passt.

Dass auch die im rückwärtigen Teil des Hauses befindlichen Flächen nicht im Dunkeln liegen, dafür sorgen an Ost- wie Westfassade ein vertikales Fenster-Türen-Band sowie die durchgängig hellen Materialien. Den Fußboden bildet ein geschliffener Estrich in Hellgrau, die Einbaumöbel sind allesamt weiß, die Wände ebenso. Farbliche Akzente setzen neben den Büchern die wechselnden Kunstwerke Ursula Selbmanns, für die ihr Zuhause auch Atelier und Ausstellungsraum ist.

Das Haus kurz und knapp

Baujahr 2011

Bauweise Holzrahmenbau mit hinterlüfteter Fassadenverschalung aus heimischem Weißtannenholz; kein Keller

Energiekonzept Hochgedämmte Fassade (Zellulose), Holzpelletkessel mit 7 Kilowatt Leistung; die Pellets werden in einem Erdtank gelagert; Pufferspeicher mit 600 Liter Volumen; Fußbodenheizung

Grundfläche 90 Quadratmeter

Wohnfläche 140 Quadratmeter

Baukosten ohne Grundstück 348000 Euro

Standort Immenhausen Ochsen

Quelle: F.A.S.
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