Neue Häuser 2013

Schwarz auf Weiß in der Oberpfalz

Von Birgit Ochs
© Roeder, Jan, F.A.S.
Es provoziert und verwirrt: Doch so abweisend, wie das Haus auf den ersten Blick scheint, ist es nicht.

Was, bitte, ist das denn? Ein kleines, schmales Häuschen, mit einer Fassade von so dunklem Grau, dass sie schon fast schwarz wirkt. Ein Haus mit spitzem Dach und ohne Fenster und Türen. Der Neubau, der an der steilen Straße steht, die sich von der oberpfälzischen Gemeinde Wenzenbach hinauf Richtung Schloss Schönberg schraubt, ist eine Provokation. Nicht einmal einen sichtbaren Dachüberstand gönnt er dem Betrachter.

Ein düsterer Archetyp von Haus, der felsengleich vorzüglich in die Natur passt und dabei jedwedes Landhausklischee vermeidet. Nicht mal von Scheunenoptik kann hier die Rede sein. Kein Wunder, dass der kleine, so spektakulär unspektakuläre Bau meist Kopfschütteln und Unverständnis der Passanten erntet. Zugleich weckt er aber auch Neugier, manchmal so stark, dass sie den einen oder anderen über den hellen Granitschotter hinunter auf das Hanggrundstück treibt, um dort des Rätsels Lösung zu suchen.

Überrumpelnde Offenheit

Thomas Jäger kennt das. Der Bauherr des eigenwilligen Wohnhauses, das im Umland von Regensburg steht, ist erst im vergangenen Sommer eingezogen. Seitdem sieht er immer mal wieder ungebetene Gäste über sein Grundstück schleichen, die die Rückansicht des minimalistischen Neubaus betrachten wollen - und eine ziemliche Überraschung erleben. Denn der grauschwarze Baukörper mit Satteldach, der so rein gar nichts von seinem Innenleben preiszugeben scheint, sitzt auf einer leicht weggedrehten weißen Kiste.

Damit nicht genug: Was abweisend wirkte, ist mit einem Mal dank großer Glasfassaden von geradezu überrumpelnder Offenheit. Jedenfalls treten die Fremden, die sich jäh vor Jägers Schlaf- und Badezimmer im Untergeschoss wiederfinden, meist angesichts so viel unverhüllter Privatheit rasch den Rückweg an. Der Hausherr bleibt darob gelassen. „Bei mir gibt’s nichts Besonderes zu sehen“, sagt er, grinst und deutet durchs Fenster seines Schlafzimmers auf die eigentliche Sensation: die unverbaute Aussicht, die er vom Bett wie von der Dusche aus genießt, den Blick über das enge Tal, durch das sich der Wenzenbach schlängelt, auf den bewaldeten Hügel gegenüber.

Weder Fenster, noch Türen: Zur Straße hin gibt sich das Haus ganz verschlossen...
© Roeder, Jan, F.A.S.
Weder Fenster, noch Türen: Zur Straße hin gibt sich das Haus ganz verschlossen...

Auch die obere Etage bietet solch ein Panorama. „Ich komme mir fast wie im südamerikanischen Urwald vor“, sagt Jäger und klingt beinahe ein wenig schwärmerisch. Der Fünfundvierzigjährige, der beruflich mit Inneneinrichtung und Beleuchtung zu tun hat, hatte das Grundstück, auf dem einst ein zum Schloss gehörendes Wärterhäuschen stand, schon seit geraumer Zeit im Auge. Wenige Jahre zuvor hatte er in einem nahen Neubaugebiet gebaut. Das nicht einmal 300 Quadratmeter große, steile Hanggrundstück in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss hatte es ihm jedoch angetan, und so griff er zu, als sich die Gelegenheit zum Kauf bot.

„Ich wollte schon länger Wohnen und Arbeiten verbinden und ein Refugium schaffen“, erzählt er. Als sich seine Lebensumstände durch eine Trennung änderten, nahm er das Bauprojekt in Angriff. Jäger wollte ein Minimalprogramm: einen einzigen Raum zum Arbeiten, Wohnen und Kochen, einen weiteren zum Schlafen. Mehr nicht. Es ist ein Single-Haus, das weder Museum des schon gelebten Lebens ist noch Raum für zukünftige Eventualitäten bereithält. Ist es praktisch? Durchaus.

Altengerecht mit Einschränkung

Dafür sorgt schon das klare Raumkonzept und der reichlich vorhandene Stauraum. Altengerecht? Mit Einschränkung. Alte Menschen wohnen heute ja angeblich am besten in der Stadt, und mit der freischwingenden Treppe, die die beiden Etagen verbindet, müsste man sich etwas einfallen lassen. Ist das Vorhaben vernünftig? Vermutlich nicht. Darauf kommt es aber zum Glück nicht immer an, sonst gäbe es auch keine Experimente. Thomas Jäger jedenfalls hat sich zum Bau eines Hauses entschieden, von dem eigentlich klar ist, dass er es wohl nicht auf Dauer bewohnt.

In ihm findet nur Platz, was den Bewohner im Hier und Jetzt interessiert, so wie auf dem großen Sideboard im Obergeschoss, das zugleich die Treppe abschirmt. Dort stehen Sammelobjekte aus der Welt des Designs: Schreckliches, Hässliches, Witziges - Objekte, die bei Jäger ein temporäres Bleiberecht genießen, bis er sie austauscht. „Man muss einen Planer finden, der versteht, wo man hinwill“, sagt der Bauherr. Er sah sich im Internet um - und stieß auf Fabi Architekten aus Regensburg. Für deren Kopf Stephan Fabi war rasch klar, dass dies keine leichte Bauaufgabe werden würde.

Ihn faszinierten jedoch die Genügsamkeit des Bauherren, was das Raumprogramm anbelangt, und gleichzeitig dessen hoher Anspruch an Gestalt und Ausführung. „Es war klar, dass bei diesem Auftrag Arbeitsaufwand und Verdienst in einem Missverhältnis stehen würden, aber die Aufgabe war reizvoll und der Kontakt zum Bauherren hat gepasst“, erzählt der Architekt, räumt allerdings ein, dass er und seine Mitarbeiter während der Planungs- und Bauphase dann und wann an ihre Grenzen stießen. Vor allem der Standort hatte Tücken.

„Untiefen für den Bauherren“

Eine Weile sah es sogar so aus, als würde das Vorhaben scheitern, da sich kein Unternehmen fand, das den kleinen, aber schwierigen Bauauftrag am steilen Hang annehmen wollte. Jäger hatte schon damit gerechnet, sein Bauprojekt zurückstellen zu müssen, als schließlich doch noch ein Unternehmen Interesse zeigte. Doch schon bald nach Beginn der Bauarbeiten traten Schwierigkeiten auf, als die Arbeiter im Zuge der Erdarbeiten auf Fels stießen. Mit dem üblichen Gerät kamen sie nicht weiter. Eine Spezialfräse musste her, um den Stein zu schneiden.

Weil aber der Raum auf der Baustelle knapp war, mussten schon bestellte Gerätschaften erst einmal wieder weggeschafft werden. „Das sind die Untiefen für den Bauherren“, sagt Architekt Fabi. Überhaupt schlugen die Schwierigkeiten, die das Gelände bereitete, finanziell zu Buche. Allein 50.000 Euro sind nach Angaben des Bauherren in die Hangsicherung geflossen.
Zu den Vorgaben gehörte, dass der Neubau sich an dem Vorgängergebäude, einem kleinen Bauernhof, orientieren musste.

Nicht zuletzt diesem Umstand verdankt der zur Straße hin liegende, rund 12 Meter lange Baukörper sein spitzes Dach und die Ausrichtung nach Süden. Ursprünglich hatten Jäger und Fabi ein T-förmiges Gebäude erwogen. „Das hätte mehr Volumen gehabt, aber nicht mehr sinnvolle Fläche, und unser Ziel war ja: so wenig wie möglich“, berichtet der Planer. Irgendwann kam dann die Idee, die beiden Baukörper versetzt anzuordnen. Auf diese Weise passt sich der obere der Straße, der untere dem Hang an, aus dem er sich herauszuschieben scheint.

Zudem öffnen sie sich in unterschiedliche Richtungen, weshalb die Etagen einen jeweils anderen Ausblick auf die Umgebung bieten. Praktisch ist überdies, dass das Obergeschoss über die Kiste hinausragt und so den Eingang überdacht. Diesen beschreibt Fabi als eine Art Höhle. Tatsächlich fühlt man sich ein wenig, als würde man in den Hügel hineingehen. Innen erwartet einen ein Empfangs- und Garderobenraum, der angenehm und hell ist und so überraschenderweise nichts von einer Durchgangsstation hat. Jäger hat ein Minisofa in Blickrichtung der gläsernenen Haustür aufgestellt, ein schöner Platz zum Lesen.

Rechter Hand führt von hier aus ein Flur in das Schlafzimmer mit integriertem Bad. Die Treppe hinauf geht es in einen einzigen großen Raum. Jäger beauftragte einen lokalen Schreiner mit dem Innenausbau. Die Vorgabe: Keines der Einbaumöbel im oberen Teil des Hauses sollte die Hüfthöhe übersteigen, damit das Raumgefühl nicht zerstört wird. Daher hat der Bauherr auch auf von der Decke herabhängende Leuchten verzichtet. Dafür stehen eine Menge eigenwilliger Stehlampen im Raum. „Ich sammle hässliche Leuchten“, gibt Jäger zu.

Dezent ist dagegen die eigentliche künstliche Lichtquelle, die bei Dunkelheit das Obergeschoss des Hauses erhellt: An der fensterlosen Nordwand verläuft ein eingelassenes Lichtband, mittels dessen sich ein angenehm helles Licht über die Decke werfen lässt. Thomas Jäger hat auf die Beleuchtung besonders viel Wert gelegt. Sehr schön sind unter anderem die illuminierten Stufen der schwebenden Treppe. „Hier steckt überall wahnsinnig viel Technik drin“, sagt Jäger. Er ist beruflich viel unterwegs, hat noch eine Bleibe in München, verbringt aber meist drei Tage die Woche in Wenzenbach. „Dann fühle ich mich wie im Urlaub.“

Quelle: F.A.S.
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