© Wolfgang Eilmes

Google und Sony sehen es anders

Von MARCO DETTWEILER

25.10.2016 · Weil das Samsung Note 7 als Top-Modell auf dem Markt fehlt, rücken nun zwei Smartphones neu in den Fokus.

Als Android-Nutzer hat man es nicht leicht. Die Auswahl guter Smartphones ist groß. Weil die Konkurrenz so stark ist, setzt sich kein Modell wirklich ab. Um das richtige Produkt zu finden, hilft es, den Fokus auf eine einzelne Funktion zu legen, die einem wichtig ist. Das dürfte bei vielen Kaufwilligen die Kamera sein. Da bietet es sich momentan an, das Sony Xperia XZ und das Pixel von Google miteinander zu vergleichen, weil sie gerade frisch auf den Markt gekommen sind und mit dieser Funktion werben. Die Japaner reden schon seit ihrem Z5 von der „weltweit besten Kamera in einem Smartphone“. Mit dem aktuellen Modell könnten sogar „Fotos nahezu in Profiqualität gemacht werden“. Die Amerikaner wiederum werben damit, dass ihr Pixel, das erste Modell „made by Google“, die „am besten bewertete Smartphone-Kamera“ habe, und berufen sich auf den „von Dxo Labs durchgeführten Dxomark Mobile Test“. Dort wurde im Übrigen auch das Xperia X, also der Vorgänger des XZ, getestet. Mit 88 von 100 möglichen Punkten liegt das Sony-Smartphone genau einen Punkt hinter dem Pixel.

  • © Hersteller Das Google Pixel gleicht dem iPhone vorne sehr
  • © Hersteller Der individuelle Rücken mit dem auffälligen Gorilla-Glas-Überzug
  • © Hersteller Das Sony Xperia XZ mit in sich ruhender Gestalt
  • © Hersteller Nur unten musste die Fläche für die Antenne unterbrochen werden

Also haben wir uns mit beiden Produkten in den Händen aufgemacht, um viele Aufnahmen zu machen. Dabei galt es, zunächst die beiden Geräte in der Standard-Einstellung zu benutzen. Sony nennt das „überlegene Automatik“ im Unterschied zu der Einstellung „manuell“. Google unterscheidet gar nicht zwischen zwei Ebenen, sondern bietet direkt verstellbare Parameter an. Das ist von der Handhabung her ein Vorteil. Während man sich bei Sony erst entscheiden muss, ob man bewusst Hand anlegt, bearbeitet man bei Google die Parameter bei Bedarf sofort. Für diesen Zweck ist die App vorbildhaft gestaltet. Am oberen Rand warten Selbstauslöser, HDR, Rasterhilfslinien, Weißabgleich und Blitz darauf, verändert zu werden. An der rechten Seite ist stets die Belichtungskorrektur eingeblendet. Mit einem Wisch nach unten oder oben wird das Bild heller oder dunkler. Dafür hat Sony mehr Kamera-Apps wie Augemented-Reality-Effekt, kreativer Effekt oder Porträtstil zur Auswahl. Einiges davon ist Spielerei, weil es die Bilder zum Teil stark verfremdet und an Ergebnisse von Apps wie Vsco-Cam oder Instagram erinnert.

Andere Effekte können nützlich sein, wie zum Beispiel das nachträgliche Bräunen von Gesichtern zu dieser Jahreszeit. Jenseits dieser Algorithmen hat das Xperia XZ eine handfeste Funktion, die wir nicht mehr missen möchten: den Kamera-Knopf. Er sitzt wie schon bei den Vorgängermodellen am unteren rechten Rand. Drückt man ihn etwas länger, während das Gerät im Standby schlummert, wird man direkt zur Kamera-App durchgeschleust. Im aktiven Modus hat er die gleiche Funktion wie der große Knopf einer Kompaktkamera: Erst drückt man ihn leicht, um den Fokus scharfzustellen, dann fester, um die Kamera auszulösen. Am liebsten hätten wir also das Beste aus den zwei Welten: den Knopf des Xperia XZ und das App-Menü des Pixel mit dessen Geschwindigkeit bei der Verarbeitung.

© F.A.Z. Der Video-Vergleich bestätigt, was sich bei den Fotos andeutet: Objekte werden von beiden unterschiedlich belichtet

Denn die Sony-Software dreht für knapp eine Sekunde am Rad, bevor das Bild in der Vorausschau erscheint. In beiden Smartphones steckt im Übrigen ähnliche Kamera-Hardware, nämlich ein Sensor von Sony. Über den Look der Bilder entscheiden jedoch die Entwickler, wenn sie die Software programmieren, welche die Daten des Sensors verarbeitet. Nach einigen Aufnahmen im Freien bei schönstem Wetter wird schnell klar, welchen ästhetischen Ansatz die Japaner und welchen die Amerikaner verfolgen. Beide sind im Ergebnis gut, treffen jedoch jeweils einen anderen Geschmack. Sony steht weiterhin für klare, helle, realistisch wirkende Bilder. Google wählt wie Apple und Samsung die gefällige Variante. Über den Bildern liegt stets ein leichter Gelbstich, der ihnen einen warme Erscheinung gibt, die Farbsättigung ist hoch, die Bilder kommen knackiger rüber. Die Aufnahmen des XZ hingegen wirken wie bei den Vorgängermodellen der Xperia-Reihe immer leicht bläulich und somit kühler als die der Konkurrenz. Dafür sind sie natürlicher und neutraler.

© Marco Dettweiler Die Bilder des Sony-Smartphones erkennt man meist an den Lichtern, wie aber der Pulli und der geflieste Boden zeigen, kann das Sony auch dunkel

Der große Unterschied zwischen beiden Kameras ist das Spiel mit Tiefen und Lichtern. Sony manipuliert die Daten des Sensors eher wenig. Die Gradationskurve verläuft recht linear in der Diagonalen. Zwischen Tiefen und Lichtern finden sich viele Helligkeitsstufen mit einem großen Kontrastumfang. Diesen hat das Pixel ebenso, zieht aber Lichter und Tiefen häufiger mal etwas dunkler, sodass stärkere Kontraste entstehen, weil die Übergänge zurücktreten. Dadurch wirken die Bilder haptischer, Strukturen treten mehr hervor. Sie klingen eher nach Sonos oder Bose, wohingegen das XZ den Sound von Beyerdynamic oder Genelec hat. Sonys Algorithmus zeigt ab und zu ganz leichte Schwächen. Werden Objekte von der Sonne direkt angestrahlt, entstehen gelegentlich Schlaglichter, reißen Bereiche unschön aus. Dafür sind die Xperia-Geräte wiederum bei Lowlight-Situationen unschlagbar. In nahezu komplett dunklen Räumen fangen sie noch Licht ein. Die Software schraubt dafür die ISO-Empfindlichkeit und Belichtungszeit automatisch hoch.

Marco Dettweiler Ungewöhnliche Umkehrung: Die Tabaktüte wirkt beim Pixel eher bläulich und beim Sony wärmer. Beim Rasen sind die üblichen Verhältnisse wieder hergestellt.

Auch jenseits der Kamerafunktion unterscheiden sich die beiden Smartphones in ihrem ästhetischen Ansatz. Sony verfolgt seit Jahren mit der Xperia-Linie die gleiche Design-Idee, das Äußere wird von Modell zu Modell nur behutsam verändert. Nachdem die Japaner in dieser Reihe das Z5 mit dem X abgelöst hatten, war nur die neue Bezeichnung die radikalste Änderung. Das ist gut so. Das XZ hat nun seine optimale Form gefunden. Es setzt sich wohltuend von der Designsprache der anderen Hersteller ab. Durch das neue Metall hat unser schwarzes Testgerät eine erhabene Erscheinung bekommen. Technisch ist das XZ auf dem Stand der Technik: Qualcomm-Prozessor Snapdragon 820, USB Typ C, wasser- und staubgeschützt nach IP68, Micro-SD-Slot bis 256 Gigabyte, drei GB Arbeitsspeicher und ein Akku mit 2900 Milliamperestunden. Sonys Android-Betriebssystem ist funktional und optisch nahe am Original. Das Xperia XZ strahlt eine Ruhe und Reife aus, seine Proportionen sitzen, und die Formgebung ist von Erfahrung vorangetrieben.

© Marco Dettweiler Unschöner Reißaus des XZ bei der Hausfront, dafür ein echter blauer Himmel. Bei der Litfaßsäule trifft das Pixel eher den Ton.

Das Pixel von Google ist der Gegenentwurf. Es feiert Premiere, weil es das erste Smartphone ist, welches das Unternehmen aus Mountain View selbst gebaut hat. Die äußere Ähnlichkeit mit dem iPhone ist frappierend. Auf dem Rücken sieht es etwas anders aus. Doch dieser kann nicht entzücken, weil das obere Drittel mit gefärbtem Gorilla-Glas überzogen ist, was technisch sinnvoll sein mag, um das Antennensignal zu stärken, ästhetisch aber in Frage zu stellen ist. Beim Design hat Google also geschlampt. Bei der Ausstattung war man hingegen konsequenter. Der Snapdragon 821 von Qualcomm ist einer der schnellsten Prozessoren, das Amoled-Display überzeugt mit knackigen Farben, auch wenn es nicht ganz so hell erstrahlt wie das des Sony-Geräts. USB Typ C ist an Bord, der Arbeitsspeicher von 4 Gigabyte ist üppig, der interne mit 32 GB gerade so hinreichend. Die Akkuleistung von 2770 Milliamperestunden ist ordentlich. Ins Wasser oder in staubige Umgebung sollte es nicht. Was kein anderes Smartphone hat, ist der neue Assistent von Google. Der Nutzer fragt, die Maschine antwortet und lernt. Wer Google Now kennt und nutzt, wird den Assistenten mögen.

© Marco Dettweiler Der Hang des Xperia zu Schlaglichtern ist hier unverkennbar. Hin und wieder sollte man deshalb mit der Belichtungskorrektur beim Fotografieren manuell nachhelfen.

Beide Geräte haben etwa gleiche Ausmaße, das Sony-Display ist mit 5,2 Zoll größer als der 5-Zoll-Bildschirm des Pixel. Vom XZ gibt es mit dem Compact eine kleine Ausgabe, die günstiger ist, einen schwächeren Prozessor hat, aber die gleiche Kamera mitbringt. Das Pixel bietet Google in XL an: höherer Preis, mehr Akkuleistung, üppigere Bildschirmauflösung. Unser Favorit ist beim Xperia XZ das „große“, beim Pixel das „kleine“. Und auch bei diesen Android-Smartphones muss die Entscheidung für Sony oder Google Geschmacksache bleiben. Es sind beides Top-Modelle.

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Quelle: F.A.Z.