Audio & Video
Vier In-Ear-Hörer im Vergleich

Den Klang ohne Umweg ins Ohr gebracht

Von Marco Dettweiler und Michael Spehr
© Frank Röth, F.A.Z.

Der einfachste Weg zum Hörgenuss scheint noch immer der Kopfhörer im Ohr zu sein. Man fällt damit kaum auf. In-Ear-Hörer lassen sich in der Hosen- oder Jackentasche verstauen. Zu Winterzeiten stören sie auch nicht beim Tragen einer Mütze. Die kleine Bauart könnte also ein großer Vorteil sein.

Doch die Entscheidung für ein bestimmtes Modell ist keineswegs einfach. Im Gegensatz zu den auf den Ohren sitzenden Varianten bestimmt der äußere Gehörgang des Nutzers, wie ein In-Ear-Modell klingt. Verschiebungen im Sitz von nur wenigen Millimetern können bereits dazu führen, dass die Geräte unterschiedlichen Sound haben. Das kann man anschaulich testen, wenn man den kleinen Schallgeber etwas tiefer in den Gehörgang drückt. Natürlich vorsichtig. Tiefere Frequenzen werden dann deutlich lauter, der Gesamteindruck ändert sich.

Der Sitz der In-Ear-Apparate wird auch durch die Bauform beeinflusst. So entlasten Modelle, die über den Nacken gelegt werden, etwas den Zug, der durch herunterhängende Kabel entstehen kann. Gleiches gilt für Produkte, bei denen die Kabelführung oberhalb des Ohrs verläuft oder die mit einer Art Spange ans Ohr geklemmt werden. Das Gehäuse selbst kann variieren. So gibt es einen Trend zur ovalen Bauform an der Seite, dort, wo der Schall austritt. Auf diese Weise sitzt das Gehäuse besser im Ohr, und die Membranfläche wird auch größer.

Neben der Bauform haben sich drei Verbindungswege für die Übertragung der Musik etabliert: 3,5-Millimeter-Klinke, Apples Lightning-Anschluss und Bluetooth. Die beiden zuletzt genannten Arten eignen sich insbesondere für das aktuelle iPhone 7, weil dieses keinen Klinken-Ausgang mehr hat. Die Zeiten, in denen man einen Kopfhörer kaufte, um ihn mit einem beliebigen Smartphone zu verbinden, sind also vorbei. Hier ist Aufmerksamkeit geboten.

Wenig verbreitet, aber zunehmend beliebt sind In-Ear-Modelle mit aktiver Geräuschunterdrückung. Obwohl die Geräte dieser Gattung ohnehin schon die Eigenschaft haben, die Außengeräusche gut abzuschirmen, setzen einige Hersteller zusätzlich Anti-Noise-Cancelling, also Gegenschall ein. Sie müssen dafür noch ein oder mehrere Mikrofone sowie einen kleinen Chip im Gehäuse unterbringen, um die unerwünschten Geräusche zu kompensieren.

Für unseren Test haben wir vier Modelle gewählt, die sich hinsichtlich Bauform, Konnektivität, Schallwandlerprinzip, Geräuschunterdrückung und Preis unterscheiden: Bose QC 30, Beats X, Audeze iSine 10 und Libratone Q Adapt.

Bose QC 30

Der Bose QC 30 für 250 bis 300 Euro hat die originellste Bauform: Elektronik und Akku befinden sich in einem starren Kragen, den man um den Hals legt. Die Ohrhörerchen baumeln an kurzen Kabeln, das übliche Wirrwarr entfällt auf diese Weise. Den Nackenbügel spürt man kaum. Wer öfter am Tag die Ohrenstöpsel einsetzt oder entnimmt, ist mit dieser Lösung gewiss zufrieden. Der Musikzuspieler lässt sich nur mit Bluetooth ankoppeln, und zum Laden des Akkus benötigt man ein Ladegerät mit Micro-USB-Anschluss, das nicht zum Lieferumfang gehört.

Bose QC 30: Kurze Kabel, guter Sitz, dazu kommt ein Nackenbügel
© Frank Röth, F.A.Z.

Ferner will der Ohrhörer mit App gesteuert werden. Der Hintergrund: Die Feineinstellungen für die aktive Nebengeräuschunterdrückung lassen sich am bequemsten per Fingerwisch in der Smartphone-Software vornehmen. Verzichtet man auf die Musikwiedergabe, kann man allein mit der Nebengeräuschunterdrückung interessante Experimente veranstalten. Unterhalb des Maximalpegels ist, wie bei allen Geräten mit Antischall, ein leichtes Rauschen zu hören. Aktiviert man das volle Programm, arbeitet die Nebengeräuschunterdrückung verblüffend gut, selbst ohne Musikbeschallung.

Wie immer gilt: Die Geräuschunterdrückung arbeitet um so besser, je gleichförmiger der Lärm ist. Flugzeugturbinen oder Automotoren werden besonders gut kompensiert. Im fahrenden Auto waren wir verblüfft, was der Bose ausrichten kann, man ist begeistert. Der Klang wurde von uns als warm und neutral wahrgenommen, Instrumente standen gut im Raum. Wie sein großer Bruder QC 35 wirkt er sehr gefällig.

Libratone Q-Adapt

Hier kann der Libratone nur mithalten, wenn die Stöpsel fest im Ohr sitzen. Dann spricht auch er ein Publikum an, das lieber kräftig aufträgt. Ansonsten bekommt man einen recht hellen und dünnen Klang. Indes ist die Nebengeräuschunterdrückung des Libratone bei weitem nicht so leistungsfähig wie die des Bose. Sie lässt sich ebenfalls per App in verschiedenen Stufen justieren, bleibt aber in der Wirkung eher schwach.

Libratone Q Adapt: Mit Kabel und elektronischer Unterdrückung der Nebengeräusche
© Frank Röth, F.A.Z.

Dass man in der App vor dem Musikgenuss zunächst eine E-Mail-Adresse angeben muss, verwundert. Der Libratone für rund 170 Euro wird allein mit einem recht starren Kabel und per Lightning angeschlossen.

Beats X

Der Beats X für 150 Euro punktet zunächst durch Tragekomfort. Wie eine dünne zweiköpfige Gummischlange wird er um den Nacken gelegt. Vor oder nach dem Hören kann man die beiden Enden mit den Ohrenstöpseln aneinander „kleben“, weil sie magnetisch sind. Wieder hat der Hersteller die Jugend im Blick: Beats X ist wie ein Halsschmuck, den man morgens an- und abends ablegt. Der Akku hält laut Hersteller bis zu acht Stunden und ist schnell wieder aufgeladen.

Beats X: Beim Tragen fällt er kaum auf, beim Klang auch nicht. Ungewöhnlich bassarm.
© Frank Röth, F.A.Z.

Hinsichtlich des Klanges zeigen Dr. Dre und Konsorten Einsicht mit den Ohren ihrer Kunden. Den Bass hat man zurückgenommen. Im Vergleich zu früheren Modellen treibt der X tiefe Frequenzen mit äußerster Vorsicht vor sich her. Nur nutzt der Ohrhörer nicht die dadurch gesparte Energie. Er klingt etwas dünn, den Stimmen fehlt mitunter die Kraft. Aus dem aggressiven Beats-Sound wird hier harmloser Klang, auch weil man vergeblich versucht, einigermaßen neutral und sauber zu klingen.

Audeze iSine 10

Der iSine 10 von Audeze für 470 Euro ist der erste In-Ear-Hörer mit einem magnetostatischen Schallwandler. Die Amerikaner haben die Technik ihrer mächtigen ohrumschließenden Modelle auf wenigen Quadratzentimetern untergebracht. Übrig geblieben ist immer noch ein auffälliger, großer Knopf im Ohr. Eine Spange über der Ohrmuschel sorgt für guten Halt. Weniger angenehm ist die Halterung, die nach ein paar Stunden am Ohr drückt. Audeze hat sich wie Libratone zu Apple bekannt, der iSine passt mit seinem besonderen Kabel nur an die Lightning-Schnittstelle des iPhone. Dieses Kabel enthält einen Controller mitsamt Digital-Analog-Wandler und digitalem Signalprozessor. Dadurch behalten die Amerikaner die Kontrolle über die Akustik.

Audeze iSine 10: Der erste magnetostatische In-Ear-Kopfhörer der Welt
© Frank Röth, F.A.Z.

Im Gegensatz zu Beats bleibt sich Audeze beim Klang treu. Er ist differenziert, ausgewogen, knackig, fein und bühnenfüllend. Wohl aufgrund der Bauform fehlt dem Sound das für Audeze typische füllige Bassfundament, zudem ist er insgesamt heller mit manchmal zu ausgeprägten Höhen abgestimmt. Das lässt sich entweder mit der App anpassen oder durch einen tieferen Griff in die Tasche. Für 700 Euro gibt es den iSine 20, der keine Schwächen zeigt – außer beim Preis.

Quelle: F.A.Z.
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