Moderne Stereoanlage

Klingt fein auf dem Polarstern

Von Marco Dettweiler
 - 10:56
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Es ist an der Zeit, eine Alternative zum marktdominierenden Sonos und anderen populären Lautsprechersystemen aufzuzeigen. Die gute alte Stereoanlage hat ausgedient, weil sie viel zu viel Platz wegnimmt, sterbende Medien schluckt und nicht ins Internet will. Doch der Wechsel zu Sonos & Co. ist nicht zwingend. Es gibt genügend Varianten, die für Musikhörer attraktiv sind, die Musik hören und nicht alles gleichzeitig tun wollen.

Die moderne HiFi-Anlage ist bei vielen Herstellern ähnlich aufgebaut. Als Vorverstärker nimmt sie Signale über digitale Eingänge an und gibt sie weiter. Weil Internetdienste wie Spotify, Qobuz oder Tidal populär sind, haben diese Geräte auch einen Streamer und Server eingebaut. Die Anlage kann Musik in Datenform über den Router kabellos empfangen und per App verwalten. Da sich der Weg von der Quelle zum Ausgang digital ausbreitet, ist ein Digital-Analog-Wandler notwendig. Und wer Passivboxen bevorzugt oder besitzt, kann auf eine Endstufe zugreifen, die genügend Leistung zur Verfügung stellen sollte.

Natürlich lassen sich all diese Komponenten einzeln kaufen, so dass Nostalgiker bei Bedarf ihren Turm bauen oder erweitern können. Doch der Clou an modernen Anlagen ist die All-in-one-Funktionalität. In einem Gehäuse, das nicht größer als ein klassischer CD-Spieler ist, sind alle Komponenten untergebracht. Exemplarisch für diese Gattung stand der Polaris von Auralic als Testgerät im Hörraum. Die Lautsprecher Contour 20 von Dynaudio produzierten die Schallwellen.

All-in-one-Gerät von Auralic

Auralic bietet mit dem Polaris sein erstes All-in-one-Produkt an. Das Multitalent Altair war es schon fast, ihm fehlte allerdings noch eine Endstufe. Jetzt bekommen Nutzer 120 Watt an acht Ohm und 180 Watt an vier Ohm. Das dürfte für die meisten passiven Lautsprecher genügen. Wie bei allen Produkten reizen die Chinesen die Technik aus. Die Eingangsarten beanspruchen mit AES, Coax, Toslink, USB, Cinch und sogar Phono-MM Vollständigkeit, insgesamt kommt man auf 17 Anschlüsse. Der Polaris liest DSD-Formate und versteht PCM bis 384 Kilohertz und 32 Bit. Eine SSD-Festplatte kann als Musikserver integriert werden. Die Arbeit übernimmt ein Cortex-A9-Prozessor.

Diese Ausstattung der Hardware ist anspruchsvoll, aber nicht einzigartig. Einige andere anspruchsvolle Hersteller bewegen sich auf ähnlich hohem Niveau. Auralic will jedoch auch mit seiner Software punkten: Die App Lightning DS wird von einem Team seit mehreren Jahren fortwährend weiterentwickelt. Sie ist die Universalfernbedienung für die meisten Auralic-Geräte. Die App ist ausgereift, aufgeräumt, durchdacht und nutzerfreundlich. Titel, Alben und Künstler lassen sich übergreifend suchen. Der Polaris ist einwandfrei verarbeitet, sieht hübsch aus und nimmt mit den Maßen von 33 × 26 × 6,5 Zentimeter wenig Platz weg. Da er sich im Vergleich zum Altair im Wesentlichen durch die Endstufe unterscheidet, fällt der Aufschlag von 2000 Euro etwas zu hoch aus.

Passivboxen von Dynaudio

Mit 4000 Euro hätte man nun für die hier zusammengestellte Stereoanlage etwa die Hälfte ausgegeben. 4500 Euro müsste man für das Paar Lautsprecher dazulegen, wenn die Contour 20 von Dynaudio der Spielpartner sein sollen. Um es vorwegzunehmen: Das lohnt sich für diese Kompaktlautsprecher. Die Contour 20 besteht aus einem Zwei-Wege-System. Dafür haben die Dänen den Tief-/Mitteltöner neu entwickelt. Er misst 18 Zentimeter Durchmesser, besteht aus einer Aluminiumschwingspule, einer komplexen Magnetkonstruktion, und Dynaudio setzt beim Material der Membran weiterhin auf Magnesium-Silikat-Polymer (MSP). Das eigentliche Pfund der Contour 20 ist der Gewebehochtöner Esotar 2, der in ähnlichen Variationen schon seit einigen Jahren bei Dynaudio seine Dienste tut. Diese Kalotte ist das Beste für hohe Frequenzen, was Dynaudio momentan zu bieten hat.

Vergleicht man das Gehäuse der Contour mit älteren Modellen, werden Kenner feststellen, dass das Design verspielter geworden ist und auf seine harte Formsprache verzichtet. Die Kanten sind runder, das Gehäuse verjüngt sich nach hinten. Sehr edel tritt die Contour 20 auf, in fünf Gewändern, darunter auch das sehr schicke White Oak.

Als der Polaris die Contour 20 zu den ersten Tönen bewegte, lösten die Schallwellen zunächst keine Begeisterung aus. Das entspricht auch nicht dem Wesen dieser Box. Dynaudio hat hier einen vornehmen, feinen und korrekten Lautsprecher geschaffen, der Hörer beeindruckt, die nicht von niederen Instinkten getrieben werden. Hier geht es um Nachhaltigkeit und Entdeckung feiner Strukturen. Rock-’n’-Rollern dürfte der schlanke und sehr präzise Bass etwas zu zurückhaltend sein. Dafür kann man sich hervorragend auf das Beckenspiel von Ian Paice in „Child in time“ von Deep Purple konzentrieren. Für Techno fehlt ihr manchmal der Bums, wenngleich die filigraneren Passagen optimal zur Geltung kommen. Alle, die gern klavierspielenden Frauen und Männern mit Akustikgitarre zuhören, werden die Contour 20 lieben. Die Instrumente klingen kristallklar und haben greifbare Konturen, die Stimmen klingen natürlich und dennoch präzise. Ob Diana Krall, Thom Yorke oder auch Gregory Porter: Die Dynaudio-Lautsprecher verleihen den Stimmen noch einmal einen besonderen Ausdruck.

Die Contour 20 sind in diesem Gespann die Feingeister. Die Arbeit erledigt der Polaris souverän im Hintergrund. Im Übrigen hat er auch Multiroom-Funktionalität, so wie Sonos und die anderen. Wer seine alte Stereoanlage durch eine moderne ersetzen will, könnte mit dieser Kombination glücklich werden.

Quelle: F.A.Z.
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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