Audio & Video
Sennheiser Ambeo Smart Headset

Mit Headset zum Kunstkopf

Von Wolfgang Tunze
© Hersteller, F.A.Z.

Die Idee ist größer als das Produkt, sagt Andreas Sennheiser, der Vorsitzende des gleichnamigen Unternehmens für alles, was mit Mikrofonen und Kopfhörern zu tun hat. Gemeint ist Ambeo, ein Konzept des Hauses, das für Tonaufnahmen und passende Wiedergabe in 3D entwickelt wurde. Wozu man das braucht? Nicht nur für 360-Grad-Filme oder Produktionen für die virtuelle Realität, findet Sennheiser. Erst Schallinformationen aus allen Richtungen das Raums, sagt er, machten die Aufnahme wirklich realistisch und lebensnah. Profis und Hobby-Tonmeister können dazu etwa das Spezialmikrofon VR Mic einsetzen, einen Schallsensor, der mit vier Kapseln rundum lauscht.

Es geht aber auch einfacher, und zwar nach dem Vorbild eines seit Jahrzehnten bewährten Pappkameraden, der auf den Namen Kunstkopf hört. In den Gehörgängen seiner Ohren sitzen Mikrofone, seine Ohrmuscheln, seine gesamte Form und seine Oberflächentextur leisten akustisch, was auch der natürliche Kopf bewirkt. Durch Reflexionen prägen sie den Schall in seiner Amplitudenstruktur, also in seinen subtilen Klangfarben, und auch in seinen zeitlichen Abläufen. Daran erkennt das Gehör, aus welchen Richtungen die Töne kommen, und sorgt somit für die Räumlichkeit des Klangeindrucks. So viel zur Theorie der binauralen Aufnahme, wie der Fachausdruck heißt, in der gebotenen Kürze.

Das ist die Idee zum Ambeo Smart Headset

Für plastische Klänge nach dem binauralen Prinzip soll jetzt ein Utensil sorgen, das aussieht wie ein Jogging-Ohrhörer, auch als solcher funktioniert, auf seinen Außenseiten jedoch zusätzlich Mikrofone trägt. Steckt man die kleinen Hörkapseln in die Gehörgänge, sitzen folglich auch die beiden Mikrofone in den Ohrmuscheln. Der lebendige Mensch wird so zum wandelnden Kunstkopf und kann den Mikrofonen damit zu sphärischer Hörweise verhelfen: Das ist die Idee zum Ambeo Smart Headset, wie Sennheiser es nennt. Wir haben unsere Ohrmuscheln für einschlägige Versuche mit einem Vorserienmodell zur Verfügung gestellt, wohlwissend, dass ein echter Kunstkopf seine Schallaufnehmer weiter innen trägt. Als Dummy ist der Mensch eben unvollkommen. Klappt das technische Richtungshören trotzdem?

Für sicheren Sitz des weißen Headsets sorgen elastische, verstärkte Kabelführungen, die man sich wie Brillenbügel hinter die Ohren klemmt. Am Ende des Anschlusskabels sitzt ein Lightning-Stecker für mobile Apple-Geräte; später soll auch eine Version mit USB-C-Anschluss für Android-Smartphones und -Tablets folgen. Eine spezielle App braucht man für den Apple-Einsatz nicht, vorausgesetzt, die jüngste iOS-Version ist installiert. Die Geräte erkennen das Headset automatisch und verbinden sich sowohl mit dem Kopfhörer-Teil als auch mit dem Mikrofon. Software, die Ton aufnehmen kann, etwa die zur Standard-Ausstattung gehörende Video-App, nutzt die Mikrofone des Headsets also ohne weitere Einstellungsschritte.

Ein Mono-Mikrofon zum Telefonieren

Ein paar Bedienelemente sind dennoch nötig. Sie sitzen in einem kleinen Kästchen am Headset-Kabel, das auch die Elektronik zur Analog-Digital-Wandlung enthält. Zwei Tasten stellen die Wiedergabe lauter und leiser, eine weitere hat abwechselnd die Funktionen „Start“ und „Pause“, eine Wippe und ein silbernfarbener Schiebeschalter sorgen für die Aussteuerung und regeln das direkte Mithören des vom Mikrofon eingefangenen Tons. Der Vollständigkeit halber: In einem weiteren winzigen Kästchen am Kabel versteckt sich noch ein Mono-Mikrofon zum Telefonieren.

Zunächst zu den reinen Wiedergabequalitäten des Hörer-Teils: Sein Klang hängt, wie das immer so ist, erheblich davon ab, wie gut die Silikon-Anpasstücke im Gehörgang sitzen. Schließen sie das Ohr luftdicht ab und tönen sie direkt in Richtung Trommelfell, machen sie ihre Sache sehr gut. Bemerkenswert kräftige Bässe untermalen dann ein ausgewogenes, nicht allzu brillantes, aber dennoch lebendiges und kräftiges Klangbild. Die Mikrofonsektion haben wir mit technischen Rauschsignalen, mit Sprache und mit Musik aus Stereo-Lautsprechern getestet, während der Aufnahme haben wir uns in Raum gedreht und bewegt, auch mal den Raum verlassen und von nebenan gelauscht. Tatsächlich fangen die Schallsensoren Richtungsinformationen gut ein. Drehungen und Wanderungen des Kameramanns etwa lassen sich nicht nur im Videofilm, sondern auch in der Tonspur gut nachvollziehen, sogar dann, wenn das Bild als primäre Informationsquelle ausgeschaltet wird und nur der Sound zur Orientierung dient.

Sennheisers kleine 3D-Lösung funktioniert also. Natürlich tut sie das nicht auf professionellem Niveau. Sie verleiht aber selbstgedrehten Videofilmen zusätzliche Würze. Das smarte Headset soll in der zweiten Jahreshälfte in die Läden kommen. Was es kosten wird, dazu lässt sich der Hersteller noch nichts entlocken.

Quelle: F.A.Z.
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