Auto & Verkehr
Fahrbericht Peugeot 3008 GT

Mit Kralleffekt auf frischer Fährte

Von Holger Appel
© Peugeot, F.A.Z.

Um zu wissen, woher der Wind auch in Frankreich weht, muss man nur Linda Jackson zuhören. Die Dame ist Chefin von Citroën und mit der nicht ganz leichten Aufgabe betraut, die Marke mit modernen Mitteln zu ruhmreichen Wurzeln zurückzuführen. Wie macht sie das? „Alle unsere nächsten Autos werden SUV sein“, sagt sie. Das mag angesichts der Geschichte verwundern, doch die Zukunft scheint ganz in dieser Fahrzeuggattung zu liegen. Die Kunden kaufen Geländewagen für die Straße, als gäbe es nichts anderes mehr. Und da ein jeder aus Wettbewerben wie der Formel 1 oder der Rallyemeisterschaft weiß, dass der erste Konkurrent der Teamkamerad ist, erscheint die Lage besonders vertrackt. Denn die Schwestermarke Peugeot ist schon weiter.

Dort fährt der neue 3008 heran, der einst als eine Art Minivan gestartet ist und nun als SUV aus dem Schatten treten soll. Was sich wie ein kleiner Schritt für die Menschheit anhört, ist für Peugeot geradezu eine Revolution. Der 3008 ist verglichen mit dem Vorgänger nicht wiederzuerkennen, er legt an Ausdrucksstärke zu. Innen ist der Fortschritt ebenso deutlich erlebbar. Weil sich Peugeot seiner Sache so sicher ist, trägt der Neue eine Bürde. Er soll nichts weniger werden als ein durchschlagender Erfolg und in das Revier von Volkswagen vordringen. Europachef Maxime Picat hat das als selbstbewusst einzuschätzende Verkaufsziel von 150 000 Stück im Jahr ausgegeben.

Sparsam sein, robust wirken und französische Finesse bewahren stand im Lastenheft. Der Peugeot reiht sich mit seinen 4,45 Meter Länge zwischen Nissan Qashqai und VW Tiguan ein und wirkt im richtigen Leben bulliger als beide zusammen. Das gilt natürlich besonders für die uns zugeführte GT-Version, die mit ihrem schwarz abgesetzten Krallenheck jegliche Zurückhaltung aufgibt. Manche meinen, das letzte Drittel der Karosserie wirke angeklebt, andere sehen Reminiszenzen an sportliche Erfolge, die freilich von flacheren Familienmitgliedern eingefahren wurden. Um wenigstens einen Hauch Leichtigkeit im Blick zu behalten, setzen die Franzosen das Dach farblich ab, der gewünschte Effekt glückt. Die Wahrheit aber schlägt spätestens in der ersten Baustelle zu, wo sich das mit Spiegeln 2,09 Meter breite Gefährt oft die rechte Spur mit Lastwagen teilen muss. Abstellen in Parkhäusern ist auch nur bedingt lustvoll, solcherlei Einschränkungen freilich teilt der Peugeot mit den meisten seiner Artgenossen.

Allen üblichen Transportaufgaben

Die erfreuliche Seite zeigt sich im Innenraum. Ausmaße und Radstand sorgen für angenehmes Raumgefühl. Der Komfort auf den vorderen Sitzen geht in Ordnung, hinten wirken sie etwas knapp geschnitten. Eine längs verschiebbare Rückbank wie im VW Tiguan oder im kleineren Renault Captur wird nicht angeboten. Der Kofferraum ist allen üblichen Transportaufgaben gewachsen, allein die Stehhöhe unter der geöffneten Heckklappe genügt kopfnussfrei nur bis 1,80 Meter Körpergröße.

Einen ganz und gar eigenständigen Weg beschreitet Peugeot in der Gestaltung seines Cockpits. Es blieb zwar bei der massiven Mittelkonsole, die allerlei praktische Ablagen bereithält und mit ihrem ausladenden Schwung den Beifahrer einschränkt. Die frische Gestaltung mitsamt ihrem die Formen stilsicher untermalenden Ambientelicht aber hat einen Sprung gemacht. Tasten rasten solide wie nie, einige sehen aus wie vom edlen Saxophon entliehen. Hier setzen die Franzosen unter jenen, die wie sie Bedienelemente aus Kunststoff fertigen, Maßstäbe. Ein störrischer Geselle allerdings ist der Startknopf, der stets mehrfach zur Ausübung seiner Tätigkeit aufgefordert werden möchte.

Manchmal ist er begriffsstutzig

Die digitalen Anzeigen erscheinen in einer neuen Dimension. Derart in die Sphären von Raumschiff Enterprise entführt sonst niemand. Die mit ihren gestochen scharfen Ziffern und Buchstaben leuchtende Anzeigetafel vor dem Fahrer sitzt oben auf dem Armaturenträger, wo sie bestens im Blickfeld liegt. Für die Anzeigen gibt es Standardeinstellungen und solche, die man nach persönlichen Vorlieben konfigurieren kann. Radio und Navigation werden über einen separaten, berührungsempfindlichen Bildschirm bedient. Manchmal ist er begriffsstutzig und erfordert einen zweiten Druck auf das jeweilige Feld. Fünf davon zeigen die voreingestellten Radiosender, das ist eine ebenso gute Lösung wie der Lautstärkeregler, ein simples Drehrad, richtig plaziert, praktisch.

Der Preis für die faszinierende Kommandozentrale ist ein besonders kleines Lenkrad, das tief aufgehängt ist und ungewohntes Fahrgefühl vermittelt. Nahezu immer liegt eine Hand oben auf dem abgeflachten Teil des Volants, statt dass beide Hände es seitlich umgreifen. Einer entspannten Haltung ist das trotz des kleinen Wendekreises und der erfreulichen Handlichkeit im Stadtgetümmel ebenso abträglich wie der Präzision. Es gibt freilich auch Fans dieser Lösung, sie entzweit das staunende Publikum, wir empfehlen vor dem Kauf eine Probefahrt.

Ihm fehlt ultimative Souveränität

Das Fahrwerk zeigt in kurvigen Abschnitten dynamische Gene und auf der Geraden einen stabilen Lauf. Es findet aber leise zitternd vor der nächsten Rille nie zur Ruhe, auf schräg angefahrenen Fugen versetzt schon mal der ganze Wagen. Das erscheint nicht gefährlich, aber störend. Ähnliches gilt für den Maschinenraum, der einen Teil der mit 180 PS angegebenen Leistung zu schlucken scheint. Die mit nur sechs Gängen schaltende Automatik holt beim Anfahren und Beschleunigen aus niedriger Drehzahl merklich Luft. Einmal in Schwung, wirkt die Gasannahme in bestimmten Lastzuständen nervös. Obwohl der Motor vibrationsarm ans Werk geht, fehlt ihm ultimative Souveränität. Zwischen den Stufen 1 und 2 und 3 ruckelt das Getriebe bisweilen. Kurzum: Dem Antriebsstrang täte peniblere Feinabstimmung gut. Und weil die sechste eben die höchste Stufe ist, muss die Maschine immer ein bisschen mehr drehen.

Kürzlich war ein 2,0-Liter-Mercedes hier zu Gast, der lümmelte mit 130 km/h um 1400/min herum, der Peugeot absolviert die gleiche Übung mit 500 Umdrehungen je Minute mehr. Die Verbrauchswerte sind mithin verbesserungsfähig. Der Benziner ist gleichwohl keine sinnvolle Alternative. Hybridantrieb wird es ebenso wie den daran gekoppelten Allradantrieb erst mit zwei Jahren Verzögerung geben. Ordentlich haben die Franzosen die Start-Stopp-Automatik hinbekommen, die weniger als andernorts schüttelt.

Schlicht albern ist der Sportmodus. Er verhärtet Lenkgefühl und Gasannahme, was mit einem Diesel in dieser Form von Fahrzeug schon fraglich genug ist. Der grummelige Klang aber wird nur über die Lautsprecher künstlich eingespielt, das hört sich an wie Raubtiere mit Magenverstimmung. Selbst die derartigen Gags aufgeschlossenere Jugend bat, sich krümmend vor Lachen, um Gnade. Der Knopf blieb fortan im Winterschlaf.

Sich über diesen 3008 lustig zu machen, führte indes auf die falsche Fährte. Er ist das derzeit interessanteste Auto in der Palette von Peugeot und bereichert den Markt der SUV. Wie aus den Tiefen der Entwicklung verlautet, wird an Fahrwerk und Getriebe schon gefeilt. Dann sollte einem größeren Löwenanteil nichts mehr im Wege stehen.

Stark: Einsteigen und staunen. Raumschiff Enterprise ist gelandet, die Mannschaft spielt Saxophon, so ein Cockpit hat sonst keiner. Es sieht richtig cool aus. Die erkennbare Ernsthaftigkeit, mit der Peugeot qualitativ nach oben will.

Schwach: Antrieb und Fahrwerk springen zu kurz. Die Automatik mit nur sechs Stufen findet nicht den richtigen Anschluss. Dämpfer und Federn sind so aufgeregt wie ein junger Löwe vor dem ersten Ausflug in die Wildnis.

Stimmbruch: Sportmodus per Lautsprecher? Mon Dieu, geht gar nicht.

Technische Daten und Preis

Empfohlener Preis 39 700 Euro

Preis des Testwagens 43 120 Euro

Vierzylinder-Dieselmotor, Hubraum 1997 Kubikzentimeter

Leistung 180 PS (133 kW) bei 3750/min, maximales Drehmoment 400 Nm bei 2000/min

Automatikgetriebe mit sechs Gängen

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,45/2,09/1,62, Radstand 2,68, Wendekreis 10,70 Meter

Leergewicht 1540, zulässiges Gesamtgewicht 2090, Anhängelast 1700 Kilogramm

Kofferraumvolumen 500 bis 1580 Liter

Reifengröße 235/50R19

Infotainment Berührungsempfindlicher 8-Zoll-Farbbildschirm, Telefon und Verkehrsinformationen in Echtzeit, Telematikdienst mit Not- und Pannenhilfe, digitaler Radioempfang DAB+, Audioanlage mit 6 Lautsprechern, MP3-fähig, Bluetooth-Freisprecheinrichtung

Assistenzsysteme Rückfahrkamera mit 360° Ansicht, Parkautomatik für Längs- und Querparklücken, 3D-Navigationssystem, Müdigkeitswarner, Spurhalteassistent

Höchstgeschwindigkeit 211 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 8,9 s

Verbrauch 6,2 bis 8,8, im Durchschnitt 7,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer, 124 g/km CO2 bei Normverbrauch von 4,8 Liter, Tankinhalt 52 Liter

Versicherungs-Typklassen HP 18, TK 24, VK 21

Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, Wartung alle 30 000 Kilometer

Quelle: F.A.Z.
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