Standortverfolgung von Android

Ich weiß etwas, was du nicht siehst

Von Michael Spehr
 - 15:58

Morgens joggen wir mit der Garmin-Sportuhr am Skyline Plaza in Frankfurt vorbei, mittags tragen wir die Uhr, als wir in diesem Einkaufszentrum essen. Was man anschließend als Läufer oder Spaziergänger in der Auswertung sieht, ist nicht viel. Obwohl die über Europa kreisenden Satellitensysteme mittlerweile eine sehr hohe Genauigkeit bieten, bleibt der mit GPS aufgezeichnete Kurs ein Fragment. Wie der Jogger am Gebäude vorbeigezogen ist, das lässt sich gut erahnen. Was er mittags im Innern gemacht hat, ist jedoch unklar. Einige schnurgerade Linien in der GPS-Aufzeichnung deuten es bereits an: Die Sportuhr kann die zurückgelegten Strecken zwischen tatsächlich erfassten Standorten nur interpolieren. Sie weiß es nicht genau.

Ganz anders das Bild, wenn man mit einem Google-Handy und dem Android-Betriebssystem durch das gleiche Gebäude läuft. Es ist gespenstisch. Wir hatten einen Salat gekauft, waren durch die Food Mall geschlendert und hatten uns zum Essen auf der Höhe eines Donut-Ladens niedergelassen. Dieser wiederum ist nun in unserer Google-Liste der besuchten Orte verzeichnet. Punktgenau der Donut-Laden, nicht der Bulettenbrater neben ihm. Woher weiß Google das? GPS allein reicht im überdachten Einkaufszentrum nicht aus.

Mitte November hatten Journalisten festgestellt, dass Google auch dann Standortdaten von Android-Smartphones erfasst, wenn der Nutzer die Standortdienste ausgeschaltet hat, also klar und deutlich widerspricht. Die Androiden senden an Google, sobald sie mit dem Internet verbunden sind; auch ohne App-Nutzung oder eingelegte Sim-Karte. Die heimliche Spionage betrifft alle Modelle, nicht nur bestimmte Gerätetypen oder Nutzer einer App. Google hat den Sachverhalt eingeräumt – und will das Ausspähen angeblich wieder abstellen.

Über die Ortung mit Mobilfunk-Sendestationen, Bluetooth und Wireless-Lan ist ein Google-Handy in der Stadt kaum noch auf die Satelliten angewiesen, wenn es um die Ortsbestimmung geht. Mehrere Mobilfunkstationen in der Umgebung erlauben die Ermittlung des Standorts auf einige hundert Meter. Die Feinjustage erledigen Bluetooth und W-Lan. Wohlwissend ist es mit Googles Android nicht möglich, den Abruf von W-Lan-Verbindungen in der Nähe sowie das Auslesen der W-Lan-Namen abzuschalten. Das war schon immer so. Über die verschiedenen Funksignale im Einkaufszentrum und mit dem Wissen, welches Netz wo sendet, gelingt Google eine metergenaue Erfassung der einzelnen Person. Mit Android hat Google ein einzigartiges Projekt gestartet: Jeder ist rund um die Uhr ortbar. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat es dergleichen gegeben.

Objekt der Begierde für alle Datenkraken

Der Standort und der Standortverlauf sind die wichtigsten und teuersten Digitaldaten. Sie sind das Objekt der Begierde für alle Datenkraken. Bewegungsdaten verraten am meisten über die Person und ihre Gewohnheiten, und sie haben gegenüber allen anderen ausspähbaren Informationen den immensen Vorteil, dass sie valide sind. Termine und Handy-Nummern sagen nicht viel aus. Aber das Bewegungsprofil eines Menschen mit Haus im noblen Kiez, täglichem Mittagessen in Westend-Restaurants, vielen Flügen zu angesagten Lokationen im Ausland und regelmäßige Stippvisiten auf Sylt lassen sich nur mit beträchtlichem Aufwand fälschen.

Wer einen winzigen Einblick erhalten will, was Google mit diesen Daten macht, der kann sich zumindest die Rohdaten ansehen. Nicht etwa, dass man sähe, welche Auswertungen Google vornimmt und welche Schlussfolgerungen der Konzern zieht. Aber schon die aggregierten Rohdaten sind verblüffend, bisweilen sogar erschreckend. Man wähle etwa im Web-Browser, eingebucht in Google, die Google-Maps und im Menü „Meine Zeitachse“.

152 von uns besuchte Orte protokolliert

Auf einen Blick ist erkennbar, wo man mit seinem Android-Handy in den letzten Jahren gewesen ist. Darunter die mehrtägigen Reisen geradezu Schritt für Schritt: 8 Uhr morgens Ankunft am Flughafen, eine Stunde und 51 Minuten im Flugzeug. 11.07 Uhr Landung in Zagreb, anschließend 16 Kilometer und 25 Minuten Autofahrt in die Innenstadt. Und von dort aus weiß Google absolut exakt, was wir Anfang Januar in der Hauptstadt Kroatiens gemacht und welche Orte wir besucht haben: 700 Meter Fußweg zum Museum of Arts and Crafts, Aufenthaltsdauer dort: 51 Minuten. Alles ist unfassbar detailliert aufgezeichnet. Für die vergangenen zwei Jahre hat Google 152 von uns besuchte Orte protokolliert, darunter lassen sich die meistbesuchten mit einem Mausklick aufrufen. Sogar der Stopp an Tankstellen und Rastplätzen ist vermerkt.

Noch erschreckender ist, dass Google für den Besuch in einem großen Kronberger Geschäftshaus zielsicher den zutreffenden Aufenthalt bestimmt hat. Wir waren nicht in der Sparkasse, nicht in der Apotheke und nicht zum Essen beim Italiener. Google weiß: Es war der Arzt. Zugriff auf den Kalender, in dem der Termin eingetragen war, hat Google übrigens nicht. Genau das Gleiche beim Zahnarzt. Google hatte mehrere Parteien in dem betreffenden Haus zur Auswahl. Einige wenige Zuordnungen sind jedoch falsch, längere Aufenthalte in der unmittelbaren Nähe von Gewerbebetrieben oder Hotels werden diesen zugerechnet, und bei anderen Orten fragt Google nach, ob die vermutete Zurechnung stimmt. Jedoch: Mit dem Google-Standortverlauf kann man jeden einzelnen Tag seines Lebens minutengenau zurückverfolgen. Man sieht, wie viele Minuten man für den Nachhauseweg benötigt hat und wie viele Minuten der Zwischenstopp beim Bäcker kostete. Jede kleine Marotte ist erkennbar. Das alles ist, wie gesagt, nur das Rohmaterial. Schon der erste Blick zeigt einem, wie regelmäßig der Beobachtete zwischen Arbeit und Zuhause pendelt, wie er oft er abends ausgeht und wohin, zum Sportverein oder in die Bar, wie oft er reist und welche Ziele er während des Urlaubs ansteuert.

Vor dem Ausspähen durch Google kann man sich nicht schützen, wenn man Google-Produkte einsetzt. Wer Android verwendet, ist automatisch und unwiderruflich mit dabei. Da hilft es auch nichts, ein Google-Konto unter falschem Namen zu führen. Man kann allerdings den Standortverlauf pausieren oder deaktivieren. Das bedeutet aber nur, dass die Daten nicht mehr mit dem eigenen Google-Konto synchronisiert werden. Dass sie trotzdem fortwährend erfasst und an Google gesendet werden, davon kann man getrost ausgehen, siehe oben. Was Google mit den Daten macht, bleibt vollständig im Dunklen.

Wer auf dem iPhone Google Maps verwendet, kann sich ein wenig schützen. Zum einen, indem man unter Einstellungen und Datenschutz der App das Recht entreißt, „immer“ auf den Standort zuzugreifen und stattdessen „beim Verwenden der App“ vorgibt. So lässt sich Google Maps nutzen, ohne dass es permanent die eigene Position überträgt. Zum anderen melde man sich in der App nicht an, selbst wenn Google wiederholt dazu auffordert. Tut man es trotzdem, erfolgt die Anmeldung über den Standardbrowser des iPhone, und dort ist man fortan ebenfalls mit seinem Google-Konto angemeldet. Aber das ist ein anderes Thema.

Quelle: F.A.Z.
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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