Apple iPad Pro 9.7 im Test

Das beste iPad hat nur einen Malus

Von Michael Spehr
 - 16:26
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Das ist der Trick des neuen, kleinen iPad Pro: Es hat die Bauform eines herkömmlichen iPad Air mit der weithin üblichen Displaydiagonale von 9,7 Zoll (24,6 Zentimeter), bringt aber die Vorzüge des großen iPad Pro mit, dessen Riesendisplay (12,9 Zoll) wiederum nicht jedermann gefällt.

Wir haben das iPad Pro 9.7 einige Zeit ausprobiert und mit dem iPad Air 2 verglichen. Der Käufer merkt sofort den ersten Unterschied: Das Air 2 gibt es schon von 440 Euro an, während für das iPad Pro mindestens 690 Euro aufgerufen werden. Eine provokante Ansage, selbst dann, wenn man den größeren Flash-Speicher des Pro von 32 Gigabyte schon in der kleinsten Variante berücksichtigt.

Der zweite Unterschied ist sichtbar, nicht auf den ersten, aber auf den zweiten Blick: Beide Anzeigen lösen mit 2048 × 1536 Pixel auf und erreichen eine Dichte von 264 dpi. Der Farbraum des iPad Pro 9.7 ist jedoch deutlich größer (P3 statt sRGB) und die Sättigung höher. Die Schwarzwerte sind besser, und die Anzeige wirkt heller. Nur hier gibt es die neue True-Tone-Funktion. Sie stellt die Farbtemperatur abhängig vom Umgebungslicht ein. In einem Raum mit warmem Kunstlicht werden die Farben auf dem Display erkennbar wärmer.

Bei Tageslicht wird die Farbtemperatur kühler, der eingebaute Sensor regelt in Sekunden nach. Anfangs ist der scheinbare Gelbstich bei Kunstlicht gewöhnungsbedürftig, aber nach einiger Zeit mag man die neue Automatik nicht mehr missen. Gefallen die warmen Farben beim Filmsehen nicht, lässt sich True Tone abschalten. Die Anzeige des teureren iPad spiegelt zudem weniger stark, und sie widersetzt sich auch den Fingerabdrücken besser. Das neue Display ist also ein starkes Argument für die hochwertigere Modellvariante.

Ein weiterer Pluspunkt ist hörbar. Wie das große iPad Pro hat auch das kleine vier Lautsprecher, die Bässe und Höhen getrennt betonen. Die Bässe kommen überwiegend von unten, unabhängig davon, wie man das Tablet gerade hält. Der Sound ist spektakulär.

Immer hinreichend schnell

Der Prozessor des iPad Pro 9.7 ist der hauseigene A9X von Apple - wie im großen iPad Pro. Allerdings wurde die Taktung geringfügig heruntergesetzt, und der Arbeitsspeicher beträgt nur zwei statt vier Gigabyte. Im Alltagseinsatz ist das kleine Pro immer hinreichend schnell und hat keine Probleme mit anspruchsvollen Apps. Die Hauptkamera des iPad Pro 9.7 ist gegenüber der im großen Modell verbessert worden. Statt mit 8 Megapixel löst sie wie im iPhone 6s und 6s Plus mit 12 Megapixel auf, die Anfangsblende liegt bei f/2.2. Erstmals ragt bei einem iPad das Objektiv der Kamera ein wenig aus dem Gehäuse heraus. Videos lassen sich in 4K-Auflösung bei 30 fps mitsamt Bildstabilisierung aufnehmen. Die Frontkamera für Selfies bietet fünf Megapixel und ist damit ebenfalls besser als im großen Pro-Modell.

Die LTE-Variante des iPad Pro enthält zudem nicht nur einen Steckplatz für die Nano-Sim-Karte, sondern hat zusätzlich die ganz neue E-Sim eingebaut, die es erlaubt, in vielen Ländern Prepaid-Datentarife zu nutzen, ohne eine Sim-Karte zu kaufen oder einen Vertrag abzuschließen. In den Systemeinstellungen gibt es ein neues Menü mit den verfügbaren Anbietern. In Deutschland sind dies neben der Telekom zwei unbekannte kleine. Die Tarife reichen von attraktiv (drei Euro für 500 Megabyte bei der Telekom) bis unanständig (15 Euro für 100 Megabyte bei Gigsky). In anderen Ländern gibt es andere Angebote, Reisende werden die E-Sim schnell zu schätzen wissen.

Sie wirkt nicht wie ein Apple-Produkt

Wie in der großen Variante unterstützt auch das iPad Pro 9.7 den Apple Pencil zum Zeichnen oder Schreiben und das Smart Keyboard, das magnetisch an das Gerät gesteckt wird und gleichzeitig als Halterung dient. Während der Stift eine sehr eindrucksvolle Erfahrung bietet und von Grafikern geschätzt wird, hält sich die Begeisterung über die Tastatur in Grenzen: Sie wirkt nicht wie ein Apple-Produkt, kennt nur einen Aufstellwinkel, und es fehlen die deutschen Umlaute, zumindest im Tastenaufdruck. Das deutsche Tastaturlayout ist in den Systemeinstellungen trotzdem wählbar. Dazu kommt der hohe Preis: 170 Euro verlangt Apple, eine vergleichbar gute Bluetooth-Tastatur ist für weniger als die Hälfte zu haben.

Inklusive Stift (110 Euro) und Tastatur liegt man bei mindestens 970 Euro für die günstigste Version des iPad Pro 9.7. Mit 256 Gigabyte Speicher sind es dann fast 1500 Euro. Der Preis eines guten Rechners ist allemal erreicht, aber das iPad Pro ist um so weniger ein Notebook-Ersatz, je produktiver und aktiver man damit arbeiten will. Zeichnen und schreiben, das geht, aber Komplizierteres erfordert dann doch wieder konventionelle Hardware. Das kleine iPad Pro kann man mit Fug und Recht als derzeit bestes iPad bezeichnen. Leistung, Displayqualität und Stift überzeugen. Aber es ist teuer, das ist der Haken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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