Apps für Audioaufnahmen

Mensch spricht, Maschine erkennt

Von Michael Spehr
 - 20:10
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Wer früher etwas zu sagen hatte, der hatte etwas zu sagen. Dass man sich von einer gewissen beruflichen Position an selbst an die Schreibmaschine setzte, war undenkbar. Vor 30 Jahren erledigte man morgens seine Korrespondenz mit dem Diktiergerät. Eine Stunde diktieren, und dann hatte die Sekretärin den ganzen Tag mit der Verschriftlichung zu tun. Es ging um Briefe, nicht um E-Mails.

Diktieren ist besonders effizient, wenn man es kann. Denn die meisten Leute sprechen schneller, als sie schreiben. Für Windows und die Mac-Rechner gibt es Spracherkennungsprogramme, welche die Transkription nahezu perfekt übernehmen. Am besten arbeitet die Dragon-Software für Windows vom Hersteller Nuance.

Für Diktat und Transkription unterwegs empfehlen sich Apps auf dem Smartphone. Sie arbeiten auf zweierlei Weise: entweder wie ein Diktiergerät, also fokussiert auf die Tonaufzeichnung. Oder als Spracherkenner, die Audio-Datei mit dem gesprochenen Text tritt in den Hintergrund. Ein schlichtes Diktiergerät bringen sowohl das iPhone wie auch die Androiden bereits in der Serienausstattung mit, jeweils ohne Spracherkennung und Transkription. Wer eine simple Spracherkennung sucht, wird ebenfalls mit Bordmitteln fündig: Das Mikrofonsymbol auf der Tastatur von Android und iPhone ist der erste Anlaufpunkt.

Für etwas mehr Luxus gibt es ungezählte Apps in beiden Betriebssystem-Welten. Als Apple-Freund werfe man einen Blick auf die Software Just Press Record. Sie kostet 5,50 Euro und läuft auf iPhone, iPad und Apple Watch. Der Name sagt schon alles: Sie ist ungemein schlicht gehalten. Aufnahme und Pause, viel mehr gibt es nicht. Aber der Charme liegt im Detail. Zum einen speichert sie die Sprachdateien in der iCloud von Apple, und damit sind jene auf allen angeschlossenen Geräten verfügbar. Zum anderen erfolgt auf Wunsch eine automatische Transkription, die ebenfalls schlichter nicht sein könnte, denn der Hersteller schickt das Diktat kurzerhand an Apple, wo sich Siris Kollegen um die Umsetzung kümmern. Audioaufnahme und Transkription werden nach Datum und Uhrzeit sortiert, auf dem iPhone und iPad hängen beide zusammen. Diktieren mit der Apple Watch ist witzig, abermals landet alles auf den Mobilgeräten. Dank iCloud-Anbindung muss man sich um die Synchronisation nicht kümmern.

Die gleichnamige Mac-Software hingegen, die weitere 5,50 Euro kostet, kann man sich getrost sparen, weil hier das Transkriptions-Modul fehlt. Wie ist die Güte der Textumsetzung? Weil sich daran Apple abarbeitet, entspricht sie dem Stand von Siri auf den Mobilgeräten. Wer diszipliniert spricht, wird zufrieden sein, Satzzeichen werden indes nicht automatisch eingefügt. Wenn man das Gerät bei einem Interview in ruhiger Umgebung auf den Tisch legt und sich nicht ins Wort fällt, gelingt in Grenzen sogar diese Transkription ungeachtet verschiedener Sprecher. Man erwarte aber nicht zu viel, wenn es um Eigennamen und Fachbegriffe geht. Korrekturen lassen sich nur dann vornehmen, wenn man den Text in eine andere Anwendung exportiert; eigene Begriffe lassen sich nicht erfassen, auch fehlt natürlich die Option, ein eigenes Vokabular anzulegen oder zu bearbeiten. Trotz der kleinen Einwände lohnt ein Blick auf diese App.

Diktate lassen sich sortieren, filtern und vieles mehr

Ist mehr Flexibilität gefragt, kann der Voice Recorder von Philips überzeugen. Die App gibt es gratis für Android und iOS, das Design wirkt etwas altbacken, aber die Funktionalität ist hier alles. Philips bietet verschiedene Qualitätsstufen für die Audioaufzeichnung, eine sprachaktivierte Aufnahme, viel Flexibilität beim Versand seiner Audiodateien und sogar deren Verschlüsselung. Diktate lassen sich sortieren, filtern und vieles mehr. Man merkt es gleich: Hier wird derjenige angesprochen, der viel diktiert und den Überblick bei Hunderten von Aufzeichnungen behalten muss.

Die App ist zudem auf perfekte Diktate getrimmt: Wie bei einem professionellen Diktiergerät kann man durch die Aufnahme manövrieren, nachträglich einfügen oder überschreiben. Die App regelt nur die Audio-Aspekte des Diktats. Für die Transkription gibt es drei verschiedene Optionen: Versand an das eigene Sekretariat oder zwei kostenpflichtige Philips-Angebote, nämlich die Speechlive-Spracherkennung oder den Speechlive-Schreibservice. Letzterer übernimmt manuell die Transkription mit dem Vorteil, dass auch Interviews oder kleine Konferenzen mit mehreren Sprechern transkribiert werden können. Die Preise beginnen bei 2,88 Euro je Diktatminute, mehrere Sprecher sind teurer. Die Speechlive-Spracherkennung kostet 35 Cent die Minute und ist eine rechnergesteuerte Transkription auf den Servern von Philips. Man muss sich also nicht um den Kauf und die Einrichtung einer entsprechenden Software kümmern, verzichtet aber auch auf deren Vorteile, etwa die Vokabularbearbeitung und -pflege. Die Philips-App ist also ein exzellentes Aufnahme-Tool, und für die Weiterbearbeitung hält man sich alle Optionen offen.

Geht es nur um die nackte Texterfassung, also Diktat und Transkription, und kann man auf Audiodateien verzichten, ist Dragon Anywhere eine faszinierende Lösung. Die App gibt es für Android und ioS. Sie kostet im Abonnement 12 Euro im Monat oder 127 Euro im Jahr. Sie lässt sich dann nach dem Flatrate-Modell ohne weitere Einschränkung nutzen. Man muss also nicht auf die Diktatminuten achten. Mit vorhandener Internetanbindung diktiert man direkt in die App und sieht sofort den erkannten Text, ein hinreichend schnelles Netz vorausgesetzt.

Die Transkription erfolgt auf Nuance-Servern. Technisch ähnlich arbeitet Apples Siri, aber der Unterschied besteht in der Vernetzung. Dragon Anywhere lässt sich mit Dragon für Windows oder Mac verknüpfen. Auf diese Weise stehen für das Mobilgerät alle jene Fachbegriffe und Eigennamen zur Verfügung, die man am Rechner dem eigenen Vokabular hinzugefügt hat. So lässt sich die Erkennungsgenauigkeit erheblich steigern. Aber nicht nur das: In Grenzen kann man auch mit den gewohnten Korrektur-Kommandos der PC-Software arbeiten. Wer Dragon für Windows kennt und schätzt, bekommt hier eine ideale Ergänzung. Dragon Anywhere sieht zudem in der App gleich etliche Wege der Weitergabe des Diktats vor: Versand als E-Mail oder E-Mail-Anhang, Weitergabe des Textes in andere Apps oder die Synchronisation mit den beiden Cloud-Diensten Evernote und Dropbox. Man kann an mehreren Dokumenten arbeiten, diese lassen sich nach Titel oder Aktualisierungsdatum in einer Dateileiste sortieren. Kurzum: Die teuerste Lösung ist am Ende die leistungsfähigste.

Quelle: F.A.Z.
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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