Apps Katwarn und Nina

Warnung: Sie werden nicht gewarnt

Von Michael Spehr
 - 13:16

Es gab 100.000 Sirenen in Deutschland, zweimal jährlich wurden sie mit einem Probealarm getestet. Er fand stets an einem Mittwoch im März und September gegen 10 Uhr statt. Während dieses Probealarms wurde zuerst ein einminütiger Dauerton ausgestrahlt und dann Luftalarm, bestehend aus zwei Sirenen-Heulperioden von einer Gesamtdauer von acht Sekunden. Wer sich an die Sirenen und diese Alarmtöne erinnert, ist etwas älter. Denn das nach dem Zweiten Weltkrieg flächendeckend ausgebaute Alarmierungssystem mit Sirenen wurde nach dem Ende des Kalten Kriegs in den neunziger Jahren wieder ausgedünnt. Die Warnämter des Zivilschutzes wurden Geschichte. Die Städte übernahmen die Sirenen vom Bund und mussten fortan deren Unterhalt finanzieren. In vielen Gemeinden dienen sie noch der Feuerwehr-Alarmierung, aber es existiert kein flächendeckendes System der Alarmierung der Bevölkerung.

Für die Warnung bei Unglücksfällen und Katastrophen sind die Bundesländer zuständig. Heute gibt es noch rund 15 000 Sirenen und ein Bevölkerungswarnsignal, ein einminütiger Heulton. Warnsignale und Probealarme sind jedoch nicht bundesweit einheitlich geregelt. Im Fall eines Krieges wäre der Bund zuständig für die Erfassung der Gefahren, und die Länder müssten im Auftrag des Bundes mit den vorhandenen Warnmitteln die Bevölkerung informieren.

Das Ganze glitt in den Bereich des Skurrilen ab

Seit 1997 nutzen Bund und Länder Rundfunk und Fernsehen zur Ausstrahlung amtlicher Gefahrendurchsagen. Zur Jahrtausendwende wurde ein satellitengestütztes Warnsystem (Satwas) mit der Idee aufgebaut, dass der Bund die Rundfunkanstalten in kürzester Zeit mit Warndurchsagen versorgen könne. 2011 wurde daraus ein modulares Warnsystem namens Mowas. Das Ganze glitt in den Bereich des Skurrilen ab. Nicht nur, dass man damals schon lange tote Pagerdienste in die Warnkette einbeziehen wollte, man dachte auch ernsthaft darüber nach, als Signalgeber die Hupen von Autos aus der Ferne auszulösen, um einen Weckeffekt in der Bevölkerung hervorzurufen. Andere Ideen bestanden darin, Funkwecker und Telefone für Gefahrenmeldungen zu nutzen.

Heute fokussiert sich das Interesse auf den Mobilfunk. Warn-Apps sind in Mode, nicht nur für Unwetter, sondern auch für allgemeine Gefahrenlagen. Wer gewarnt werden will, benötigt also ein Smartphone mitsamt funktionierender Internetverbindung, muss selbst aktiv werden und die Software laden. Der Vorteil einer Smartphone-App besteht darin, dass dank Ortung der Geräte gezielt rund um den eigenen Standort informiert und gewarnt werden kann.

Man wolle die Warnungen selbst in der Hand haben

Zwei Apps sind populär: Nina wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe betrieben, eine zweite namens Katwarn wird von einem Unternehmen namens Combirisk und dem Fraunhofer-Institut Fokus entwickelt. Combirisk ist ein Gemeinschaftsunternehmen von zwei Versicherern. Gemeinsam ist beiden Apps, dass sie umstritten sind. Katwarn wurde von den Städten Frankfurt und Wiesbaden getestet, beide entschieden sich gegen die App. Man wolle die Warnungen selbst in der Hand haben, hieß es einerseits und andererseits: Die Verbindung von Sirenen-Netz, Radio und Internetdiensten wie Twitter und Facebook sei ausreichend.

Während des Amoklaufs in München vom Juli 2016 funktionierte Katwarn wegen überlasteter Server nur begrenzt – und viel zu spät. Um 17.50 Uhr wurde der Polizei eine Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum gemeldet. Um 18.16 Uhr gab es die erste Warnung im Bayerischen Rundfunk. Um 19.08 Uhr riet die Polizei auf Twitter, die Umgebung um das Einkaufszentrum zu meiden. Und erst um 20.03 Uhr versuchte sich Katwarn an einer ersten Push-Meldung auf dem Smartphone. Während des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 blieb Katwarn sogar stumm: Es gab nicht eine einzige Warnung. Der Berliner Polizeipräsident sagte während einer Pressekonferenz, man brauche Katwarn nicht, die vorhandenen Wege der Kommunikation genügten. Katwarn muss von den Behörden bezahlt werden.

Von der amtlichen App Nina hat man bisher noch nicht viel gehört, abgesehen davon, dass Menschen in München nachts von ihr geweckt wurden, als in Düsseldorf eine Bombenentschärfung stattfand. Die Standortermittlung arbeitet bei Nina erst seit dem Sommer vergangenen Jahres. Nina und Katwarn erreichen nur einige hunderttausend Menschen, als flächendeckendes umfassendes Warnsystem eignen sie sich nicht.

Beiden Apps ist ferner gemeinsam, dass ihre Systemarchitektur einer großen Krise nicht gewachsen ist. Wenn Katwarn davon spricht, dass man Kapazitäten erweitern wolle, wird das Problem subtil nur angedeutet. Ein effektives und leistungsfähiges Warnsystem, das selbst bei der größten Katastrophe sicher, stabil und schnell arbeitet, müsste direkt im Betriebssystem aller Smartphones und Handys sowie in den Protokollen des Mobilfunks verankert sein. Proprietäre Lösungen, die auf individuell programmierte Apps und privat betriebene Infrastruktur setzen, sind nicht geeignet, gleichzeitig Millionen von Menschen zu alarmieren und anschließend fortwährend zu informieren.

Sinnigerweise hat es solche Überlegungen schon beim Design des digitalen GSM-Mobilfunksystems gegeben. Die entsprechende Funktion heißt Cell Broadcast und bedeutet, dass jedes in einer Funkzelle eingebuchte Gerät Textnachrichten automatisch empfängt. Die Nachrichten werden also wie das Radioprogramm ausgestrahlt und nicht an einzelne Teilnehmer versendet. Cell Broadcast wird zudem automatisch neu gesendet, so dass niemand eine Meldung verpasst, wenn er sich in einem Funkloch befindet. Früher konnte jedes Handy die Cell-Broadcast-Nachrichten empfangen, in den heutigen UMTS- und LTE-Netzen ist die Funktion jedoch nicht mehr implementiert.

Bilder und Multimediales lassen sich nicht mitsenden

In den Vereinigten Staaten gibt es ein ähnliches System seit 2012. Mit den Wireless Emergency Alerts werden Warnmeldungen als SMS an alle Geräte in einer Funkzelle geschickt, darunter nicht nur Gefahrenmeldungen, sondern neuerdings auch erstmals ein Fahndungsaufruf. Die Meldungen bestehen aus maximal 90 Zeichen. Bilder und Multimediales lassen sich nicht mitsenden. „Nichts ist gruseliger, als wenn alle Handys in einer vollen U-Bahn losgehen, um auf einen gesuchten Straftäter hinzuweisen“, kritisierte die Journalistin Loren Gush den Fahndungsaufruf vom September 2016, und sie stand mit der Meinung nicht allein. In den vergangenen fünf Jahren wurden 21 000 Warnmeldungen über das System abgesetzt.

Der Fahndungsaufruf im vergangenen Jahr war eine Premiere. Denn es gibt eigentlich nur drei Szenarien für Wireless Emergency Alerts: Amber-Warnungen, wenn Kinder entführt werden. Ferner Hinweise auf Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit, Unwetter, Naturkatastrophen. Diese beiden Benachrichtigungstypen lassen sich auf dem Smartphone manuell deaktivieren. Ferner kann der amerikanische Präsident Push-Nachrichten senden und vor Notfällen warnen. Die Botschaft aus dem Weißen Haus ist nicht abschaltbar – und wurde noch nie ausgestrahlt.

Die Tendenz geht indes dahin, dass immer mehr Warnmeldungen von den amerikanischen Behörden über diesen Kanal ausgestrahlt werden. Es führt dazu, dass die Nachrichten ignoriert werden, wie eine Studie der University of Maryland belegt. In Deutschland würde wohl Ähnliches passieren. Man denke nur an die regelmäßigen Radio-Warnungen vor dem Spanngurt auf der Autobahn. Behörden scheint es immanent zu sein, sich mit Nichtigkeiten wichtig zu machen. So gesehen, ist zu überlegen, ob ein Smartphone-Warnsystem wirklich erstrebenswert ist.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
FacebookTwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandPolizeiTwitterUnwetter