Kopfhörer im Vergleichstest

Nun gibt Apple den Takt vor

Von Marco Dettweiler
 - 10:52
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Es war bisher immer eine Leichtigkeit und Pflicht, die Kopfhörer von Beats niederzumachen und vom Kauf abzuraten. Das nun zu Apple gehörende Unternehmen gewöhnte das Gehör von Jugendlichen auf der ganzen Welt an einen Sound, der vor Bass nur so triefte, die Bühne in eine Rumpelkammer quetschte und durchweg aggressiv war. Den Käufern war es egal. Schließlich ist es wichtiger, das bekannte „b“ auf der Muschel als den klaren Klang in den Ohren zu tragen. Lange aushalten mussten manche Jugendliche den Sound nicht. Von Eltern, die ihren Kindern solche Kopfhörer schenkten, war häufiger zu hören, dass die Dinger auf dem Schulhof schneller kaputtgingen als gedacht. So landete in den vergangenen Jahren ein Beats-Kopfhörer nach dem anderen in der Redaktion mit dem immer gleichen Ergebnis: Bloß keinen Beats kaufen!

Plötzlich ist alles anders. Schuld daran ist der Studio 3 Wireless. Um schon mal Druck aus den Membranen zu nehmen: Dieses Beats-Modell für 350 Euro klingt ziemlich klasse, es ist unter den kabellosen Kopfhörern mit Geräuschunterdrückung einer unserer Favoriten. Fachleute und langjährige Gefährten unter den Beats-Kritikern werden nun einwenden: Aber es gibt doch noch den Bose QC 35, Sennheiser PXC 550, Sony MDR-1000 X und andere Kopfhörer, die gut klingen. Ja, das stimmt.

Aber nach einigen Tagen des Probehörens gilt weiterhin: Er ist mindestens genauso gut. Beats hat es geschafft, dem Modell einen ausgewogenen Klang mitzugeben, der gefällig und souverän ist. Männliche Stimmen packen uns ebenso wie weibliche, sie ertönen klar und fest. Überhaupt sind es die Mitten, die entscheidend überzeugen. Tiefere und höhere Frequenzen begleiten den Gesang maßvoll. Der Bass ist wohldosiert, dennoch hinreichend präsent. Es ist sicherlich ein Wohlfühl-Sound, doch analytische Schärfe wie bei anderen Kopfhörern kann mitunter anstrengend sein.

Grund für das Erwachsenwerden ist sicherlich Apple. Am Studio 3 Wireless haben die Ingenieure aus Cupertino mitgearbeitet. Das Unternehmen hatte Beats im Mai 2014 für drei Milliarden Dollar gekauft. Zentrales Element des neuen Kopfhörers ist der W1-Chip, den Apple auch in den Airpods einsetzt. Er übernimmt zwei wesentliche Aufgaben: Soundtuning und Geräuschunterdrückung. Die Geräuschunterdrückung funktioniert zunächst wie üblich. Mikrofone messen den Lärm der Umgebung, fügen das Signal in umgekehrter Phase zu der Musik hinzu, so dass es ausgelöscht wird. Beats spricht nun von „reinem adaptivem Noice-Cancelling“ (Pure ANC). Das soll zunächst heißen, dass die Stärke der Geräuschunterdrückung abhängig ist von der Art und Lautstärke des Lärms.

Diese Adaption hat Beats nicht exklusiv, auch Sennheiser benutzt sie beim PXC 550. Neu ist der konsequente Abgleich der Außengeräusche mit der Musik selbst. Normalerweise wirkt sich die Aktivierung der Geräuschunterdrückung pauschal auf den Klang aus. Der neue Beats vergleicht 50.000 Mal in der Sekunde, in „Echtzeit“, die Musik- und Geräuschquelle miteinander, um den Klang zu korrigieren. Dabei wartet der Algorithmus einige Sekunden, bis er eingreift, um nur dauerhafte Außengeräusche zu unterdrücken.

In der Praxis wirkt sich dies vor allem bei sehr lauten Schallquellen aus. Nach etwa fünf Sekunden sinkt der Lärm der störenden Schallquelle deutlich, gleichzeitig verändert sich der Klang des Liedes. Je nach Song und Außengeräusch ist das etwas gewöhnungsbedürftig.

VU-Meter in der Muschel

Beats weckt nicht nur Begehrlichkeiten bei Jugendlichen, sondern auch die der Konkurrenz. Das Marketing hat es geschafft, die Kopfhörer mit relativ hohen Preisen auf dem Markt zu etablieren, ohne anfangs eine entsprechende Qualität zu liefern. Einige Hersteller versuchten ihre Produkte mit einem ähnlichen Lebensgefühl zu verknüpfen und kopierten Sound und Style der Beats-Kopfhörer. Andere halten bewusst dagegen. Wie etwa Meters Music. Der deutsche Vertrieb geht in die Offensive, er schreibt: „Der OV-1 (340 Euro) ist ein Gegenentwurf zu den Vollplastikkopfhörern großer Konzerne mit bekanntem Namen – und allzu oft enttäuschender Klangqualität. Mit ihm lässt sich Musik auch unterwegs so erleben, wie es professionelle Musiker bevorzugen.“ Stimmt das?

Äußerlich ist der OV-1 schon auf den ersten Blick ein Gegenentwurf zum Studio 3 Wireless von Beats – und auch zu allen anderen Kopfhörern, die es auf der Welt gibt. Denn der Meters Music hat einen analogen VU-Meter (Aussteuerungsmesser) in beiden Muscheln integriert. Wie an Verstärkern aus vergangenen Zeiten zuckt ein Zeiger im Takt zur Musik, weil dieser die Lautstärke anzeigt. Ist das mehr als Spielerei? Für Meters Music ist es eher ernst. Durch den VU-Meter sei gewährleistet, dass Musikfreunde nicht zu laut hören. Denn im roten Bereich wird es für die Ohren kritisch. Das ist nett gemeint, hat allerdings aus mehreren Gründen wenig Nutzen. Wer sich dem roten Bereich nur ansatzweise nähert, ist ohnehin schon taub oder masochistisch. Unser Android-Smartphone als Zuspieler konnte die Zeiger selbst bei voller Lautstärke nicht dauerhaft in den roten Bereich drängen. Und man selbst sieht die Zeiger gar nicht, wenn man den Kopfhörer trägt.

Die Verarbeitung des OV-1 wirkt solide, die verwendeten Materialien wie Metall und Leder sind recht hochwertig. Der Designer hat sich Gedanken gemacht. Auf dem Kopf sitzend sind die Knöpfe für die Geräuschunterdrückung nicht zu sehen, die Micro-USB-Schnittstelle zum Aufladen versteckt sich hinter dem Kabel. Komfortabel ist das Design nicht. Mit einem Gewicht von 380 Gramm und etwas zu starkem Druck der Bügel mag man den OV-1 nicht allzu lange auf den Ohren haben. Und es dürfte immer schwieriger werden, ihn zu betreiben. Denn das Test-Modell transferiert die Audiosignale noch über ein Kabel (es gibt auch eine teurere kabellose Variante). Da fast alle neuen Smartphones auf den Klinkenanschluss verzichten, wird Bluetooth unentbehrlich. Eine Geräuschunterdrückung hat der Meters Music zwar auch, kann aber mit Bose, Sony, Sennheiser und eben Beats nicht mithalten. Während eines Transatlantikflugs in einer Boeing 747 nervten die Geräusche an Bord trotzdem. Zudem bringt die Technik hier ein deutliches Grundrauschen mit.

Bei einem anderen Kopfhörer von Meters Music durfte U2-Bassist Adam Clayton beim Feintuning mitbestimmen. Es scheint, als hätte er beim OV-1 auch seine Finger im Spiel gehabt. Wer gern Bassgitarre spielt oder hört, wird seine Freude haben. Die tiefen Töne heben sich deutlich ab, die Bassline lässt sich schön verfolgen. Doch der OV-1 hat davon eine Portion zu viel abbekommen. Manchmal brummt und dröhnt es, der Rest der Frequenzen wird unterdrückt. Männliche Sänger näseln zuweilen. Die Bühne ist so eng wie der Sitz des Bügels. Damit klingt der Meters Music mehr nach Beats als der Studio 3 Wireless. Das ist schade, denn wir haben uns so gefreut, dass Beats nun endlich erwachsen geworden ist.

Quelle: F.A.S.
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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