Affinity Photo im Test

Gut kopiert gibt kleinen Preis

Von Michael Spehr
 - 17:00

Als Softwarehersteller Adobe vor fünf Jahren damit begann, seine Kreativsoftware wie etwa den Photoshop und etliche andere Programme nur noch im Abonnement anzubieten, war der Aufschrei groß: Was man gekauft hat, gehört einem in alle Ewigkeit. Adobe hingegen wollte das Mieten von Software und Cloud-Speicher durchsetzen. Die Strategie ging jedoch bestens auf. Seit Jahren steht Adobe mit seinem Creative Cloud genannten Paket glänzend dar. Die Abonnements beginnen bei 12 Euro im Monat für die beiden Klassiker Lightroom und Photoshop, alle Programme zusammen kosten 60 Euro.

Vielen privaten Nutzern ist das zu viel Geld. Adobes Abo-Modell hat Bewegung in den Markt gebracht, dass günstige Alternativen zu Photoshop & Co. in den Blick gekommen sind. Nun erinnert sich wieder mancher an Gimp, die gratis bereitstehende Bildbearbeitungs-Software, die es seit 1998 für viele Betriebssysteme gibt. Gimp ist in der Linux-Welt sehr beliebt.

Eine spektakuläre Neuerscheinung ist Affinity Photo vom britischen Hersteller Serif. Es erschien 2015 für den Mac, ein Jahr später für Windows. Die gleichnamigen iPad-Apps wurden von Apple mehrfach ausgezeichnet. Das Unternehmen sitzt in Nottingham und hat ungefähr 200 Mitarbeiter, gegründet wurde es 1987. Wir waren von der iPad-App so angetan, dass wir nun die Windows-Version ausprobiert haben.

Oberfläche und Bediensystem orientieren sich eng am Vorbild

Man kauft sie auf der Internetseite des Herstellers, wo gleich der Hinweis „Keine Abos“ aufploppt. Für Windows kostet die Software 55 Euro, für den Mac ebenso viel, sie muss aber im Mac-App-Store erworben werden. Nach dem Kauf der Windows-Variante erhält man per E-Mail einen Produktschlüssel. Adresse und dieser Schlüssel sind für die Installation erforderlich, die Lizenz gilt für mehrere Windows-Rechner. Als Systemvoraussetzung werden nur zwei Gigabyte RAM genannt. Unser Rechner zum Ausprobieren hat acht Gigabyte und einen Core-i5-Prozessor, und damit lief Affinity Photo in der Version 1.6.4 zwar im Allgemeinen hinreichend schnell, aber Grenzen waren unschwer zu spüren.

Wer Photoshop kennt, kommt mit Affinity Photo sofort zurecht. Oberfläche und Bediensystem orientieren sich eng am Vorbild. Auch viele Tastenkombinationen wurden übernommen. Ungewöhnlich ist jedoch die Aufteilung in unterschiedliche Arbeitsbereiche, Persona genannt. Photo Persona enthält die wichtigsten Standardfunktionen und ist der vermutlich am häufigsten verwendete Bereich für allgemeine Bildbearbeitung. Liquifiy Persona dient dem Einsatz diverser Verzerrungseffekte für Menschen mit künstlerischer Ader. Develop Persona erlaubt den Import von Raw-Bilddateien und den Einsatz von Konvertierungstools. Tone Mapping Persona bietet ungezählte künstlerische Filter, und Export Persona ist für die Ausgabe der Bilder in alle nur denkbaren Formate vorgesehen, darunter natürlich auch PSD, das Photoshop-Format.

Eine weitere Besonderheit ist die nahezu durchgängig nichtdestruktive Bearbeitung. Sie erlaubt es, Änderungen an einem Bild vorzunehmen, ohne die ursprünglichen Bilddaten zu überschreiben. Durch die Bearbeitung verschlechtert sich die Bildqualität nicht, weil stets das Ursprungsbild zusammen mit der Abfolge der Modifikationen gespeichert wird. Hier geht Affinity Photo einen Schritt weiter als der Photoshop, der ebenfalls nichtdestruktive Bearbeitung in vielen, aber nicht allen Modulen erlaubt.

Wer mit dem Photoshop vertraut ist, wird Affinity Photo mögen. Unterschiede zeigen sich bisweilen in den Details. Das Menü sieht bekannt aus, aber man muss sich dennoch umgewöhnen. Die Fülle der Optionen und Möglichkeiten ist für den Laien erschlagend. Über einige Wochen hinweg war Affinity Photo für uns ein guter Photoshop-Ersatz mit faszinierenden Fähigkeiten. Die Software arbeitet stabil, es gibt nur kleine Minuspunkte. Im Grunde genommen haben wir nichts vermisst. Das Programm ersetzt aber selbstredend nicht den Lightroom von Adobe. Obwohl sich Photoshop und Lightroom in vielen Aufgabenbereichen überlappen, bleibt die massenhafte Fotobearbeitung und die Archivierung sowie Verschlagwortung des Bestands wie gehabt eine Domäne des Lightrooms.

Quelle: F.A.Z.
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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