Chromebook Pixel im Test

Googles goldener Käfig

Von Marco Dettweiler
 - 06:00
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Eigentlich hat die Sache nur einen Haken. Doch dazu später. Fangen wir mit dem Auspacken an. Wer das Chromebook Pixel in den Händen hält, streichelt unweigerlich mit seinen Fingern über den in einem Stück gefrästen Alublock. Es ist nicht Liebe, aber Begierde auf den ersten Blick. Das mattsilbrige Gehäuse liegt mit seinen eineinhalb Kilo angenehm in den Händen und macht einen stabilen Eindruck.

Lediglich der hinten herausragende Akku unterbricht die strenge geometrische Form. Beim Öffnen zeigt das Chromebook sein funktionalistisches Gesicht. An das obere Ende der Tastatur, die bei Dunkelheit im Hintergrund leuchtet, hat Google eine Tastenreihe gesetzt, die konsequent auf die Nutzung des Browsers zugeschnitten ist. Die Feststelltaste wurde durch die Suchfunktion belegt.

Bevor man lange darüber nachdenken kann, was das Außergewöhnliche an der Software ist, hat sich diese schon automatisch gestartet und verlangt vom Nutzer sogleich den Clubausweis. Spätestens hier sollte man erwähnen, warum Googles Geräte Fluch und Segen zugleich sein können und die Sache einen Haken hat. Mit dem Kauf eines solchen Notebooks entscheidet man sich auch für das Betriebssystem Chrome und damit für Googles Welt.

Das Unternehmen entscheidet, welche Anwendungen installiert werden können - und in manchen Fällen muss man die Kreditkartendaten herausrücken, ohne dass man etwas bezahlen will. Apple gibt sich ebenfalls seit Jahren die größte Mühe, seine Nutzer in einem geschlossenen System zu halten. Doch im Vergleich zu Google ist das Unternehmen aus Cupertino liberaler. Die Idee ist bei beiden die gleiche: Entscheide dich nur für mich, und du wirst glücklich. Googles goldener Käfig hat keine offenen Stellen. Die freiwillige Gefangenschaft erfordert ein Google-Konto.

Grundlage und innovativer Ansatz dieses geschlossenen Systems ist der Einsatz des Browsers Chrome als Betriebssystem. Nahezu jegliche Aktivität in Chrome OS spielt sich auf Websites ab. Man benutzt also nicht Programme zum Schreiben, Mailen, Surfen oder Sichern von Daten. Man öffnet stattdessen Websites. Die Seite „drive.google.com“ (früher Google Docs) übernimmt als Office-Alternative Aufgaben wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation oder Folienpräsentation. Daten lassen sich dort ebenso sichern. Mit Gmail (mail.google.com) verwaltet man Mails, und unter www.google.com/calendar organisiert man Termine.

Im Chrome Web Store bieten Entwickler viele weitere Produkte an. Auf dem Bildschirm sieht man all diese Apps zwar in der unteren linken Ecke als Symbole, die wie Apps oder Programme erscheinen. Doch es sind meist bloße Verknüpfungen zu einer Website. Google nennt diese „Web-Apps“. Echte Apps, also eigenständige Anwendungen, wie der Rechner oder die Kamera, gibt es nur wenige. Die Symbole dienen vielmehr dazu, schneller zwischen den Tabs im Browser zu wechseln.

Der Unterschied zu Betriebssystemen wie Mac OS oder Windows wird klar: Chromebooks sollten am besten immer online sein. Google hat zwar für Zeiten ohne Netzverbindung vorgesorgt und bietet für die Drive-Anwendungen einen Offline-Modus an. Die Daten werden dann lokal zwischengespeichert, bis wieder eine Internetverbindung zur Verfügung steht. Diese Systematik funktioniert schon nicht mehr mit der Dropbox. Weil sie nur als aktive Website integriert werden kann, gibt es ohne Internet keinen Zugriff auf die eigenen Dateien.

Da das Chromebook auf das Arbeiten im Netz ausgelegt ist, hat die SSD-Festplatte einen mageren Speicherplatz von 32 Gigabyte. Dennoch ist ein Teil für das lokale Verwalten von Dateien freigestellt. Mit Hilfe der App „Dateien“ lassen sich Downloads, Dateien aus Google Drive und der Inhalt eines USB-Sticks oder einer SD-Karte speichern und verschieben. Video- oder Audiodateien werden dort direkt geöffnet und abgespielt. Bilder können zudem in einem Editor bearbeitet werden. Weil all diese Anwendungen nicht viel Leistung beanspruchen, arbeitet im Chromebook „nur“ ein i5-Prozessor von Intel mit einem Arbeitsspeicher von 4 Gigabyte. Rechenintensive Programme wie Photoshop oder Adobe Premiere scheiden sowieso aus, daher reicht dies völlig aus. Beim Display hat sich Google nicht zurückgehalten. Der knapp 13 Zoll große Bildschirm mit einer Auflösung von 2560 mal 1700 Pixel und einem 3:2-Format stellt Bilder und Videos äußerst scharf und farbenintensiv dar. Leider spiegelt er zuweilen recht stark. Das Gorilla-Glas ist berührungsempfindlich, das Chromebook kann also mit Fingergesten über den Bildschirm gesteuert werden. Das funktioniert erstaunlich gut. Die Gestensteuerung lässt sich effizient kombinieren mit dem Touchpad und den Funktionstasten. Das macht richtig Spaß.

Weniger Spaß hat man mit einigen Schwächen des Notebooks und Googles Forderungen an den Nutzer. So bildete sich ein glänzender Fleck auf dem Touchpad des Testgeräts, den das natürliche Fett des Fingers hinterlässt. Das Ladekabel mitsamt Netzteil wirkt billig, der Stecker sitzt im Gerät zu locker und wackelt bei leichter Berührung. Der Akku macht nach vier bis fünf Stunden etwas zu früh schlapp. Das ist ärgerlich, weil der Betrieb von Chrome recht ressourcenschonend ist. Der Lüfter könnte mitunter leiser sein.

Und da wären noch ein paar unschöne Aktionen, die sich in den Tiefen des Google-Kosmos zutragen. Dass man sich überhaupt auf Google einlassen muss und ein Konto notwendig ist, mag für viele schon der unüberwindbare Haken sein. Dieses Problem sehen wir grundsätzlich nicht, weil wir seit Jahren Google Drive nutzen und zufrieden sind. Was uns stört, ist die Aufdringlichkeit, mit der Google uns immer wieder in seinen Kosmos zieht. Da sind die ständigen Opt-out-Abfragen, ob man Informationen über Mail wünscht. Das Häkchen ist gesetzt, es muss entfernt werden. Will man das iTunes-Pendant Google Play Music nutzen - was notwendig ist, wenn man geordnet Musik hören will -, stößt man gegen die Google-Wallet-Schranke. Kreditkartendaten her, auch wenn du nichts kaufen willst. Darauf haben wir erst einmal verzichtet.

Wie auch immer: Wer mit seinem Google-Konto viele Anwendungen wie Chrome, Drive, Gmail oder Google Plus nutzt, wird mit diesem Chromebook Pixel viel Spaß haben - und viel Geld ausgeben müssen. In Amerika kostet die günstigste Variante 1300 Dollar, die Preise für Deutschland stehen noch nicht fest.

Quelle: F.A.Z.
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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