Digitaler Hörfunk

Sag dem Radio leise Servus

Von Wolfgang Tunze
 - 10:37
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Ende gut, alles gut? So könnte man die jüngsten Verkaufszahlen für digitale Radios lesen: Im letzten Jahr gingen 1,3 Millionen Empfänger für das Radiosystem DAB+ über deutsche Ladentische, sagt der Home Electronics Market Index, kurz Hemix. Das sind 11,1 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die analoge Konkurrenz dagegen schrumpfte im selben Zeitraum unübersehbar: Der Absatz von tragbaren UKW-Radios ging um 12,7 Prozent zurück, HiFi-Tuner mit UKW-Empfangsteil erlebten sogar ein fettes Minus von 35 Prozent.

Gerät die letzte analoge Bastion der Medientechnik nun also doch allmählich ins Wanken? Schafft das Radio am Ende den Übergang in die digitale Ära, ohne an Reichweite und Attraktivität zu verlieren? Lange Zeit gab es darauf nur pessimistische Antworten. Immerhin nahm DAB, damals das designierte digitale Nachfolgesystem für den UKW-Funk, schon 1997 den Regelbetrieb auf. Bis zum Jahr 2015, so die zeitgenössische Zielprojektion, sollte UKW aufs Altenteil – komplett beerbt von einem digitalen Übertragungssystem, das die geneigte Hörerschaft nicht nur mit besserer Tonqualität, sondern auch mit Texten, Bildern und anderen multimedialen Dreingaben beglücken sollte.

Einst kurz vor dem Aus

Doch das Projekt dümpelte vor sich hin, Empfangsgeräte blieben Nischenware. Kein Wunder eigentlich: Noch zur Jahrtausendwende kostete ein DAB-Tuner fürs Wohnzimmer zwischen 1500 und 2000 Mark, digitale Zusatzkomponenten fürs Autoradio schlugen mit 800 bis 2000 Euro zu Buche, Montagekosten kamen noch hinzu. So konnte keine Nachfrage entstehen, und folglich hielten sich viele Regionen mit dem Netzausbau zurück, besonders im Norden der Republik. Mecklenburg-Vorpommern etwa blieb ein DAB-Vakuum, die Niedersächsische Landkarte des Digitalempfangs zeigte viele weiße Flecken, in Hessen und einigen anderen Bundesländern stellten DAB-Programme ihre Dienste wieder ein.

Im Herbst 2009 schließlich stand DAB kurz vor dem Aus: Die privaten Hörfunkanbieter hatten schon im Sommer beschlossen, DAB nicht mehr zu nutzen. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, kurz Kef, legte daraufhin die Etats für den weiteren Netzausbau auf Eis, weil sie kein wirtschaftlich tragfähiges Konzept erkennen konnte. Erst Anfang 2011 entschloss sich eine „Allianz der Willigen“, wie sie sich selbst nannte, zum Neustart: Deutschlandradio, private Hörfunksender und der Netzbetreiber Media Broadcast legten einen Vertrag über die gemeinsame bundesweite Ausstrahlung eines Programm-Multiplexes vor und motivierten die Kef damit zur Freigabe weiterer Mittel. Gleichzeitig wurde die Technik aufgebohrt: Eine effizientere Tonkodierung sollte den Frequenzbedarf weiter verringern, aus DAB wurde DAB+, und der für 2015 geplante UKW-Abschalttermin verschwand ersatzlos von der Tagesordnung.

Von da an ging es mit dem Digitalradio langsam, aber stetig wieder bergauf. Das Sendernetz weist heute nur noch wenige Lücken in sehr entlegenen Regionen auf, ein zweiter, in ganz Deutschland ausgestrahlter Multiplex ermöglichte größere Programmvielfalt. Ein Nord-Süd-Gefälle ist allerdings geblieben. Bayern etwa, das sich von Anfang an für den digitalen Hörfunk engagiert hatte, hält mit 87 in DAB+ übertragenen Programmen einen einsamen Rekord. Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen bilden mit 21 Stationen die Schlusslichter, doch selbst dieses Angebot muss sich nicht hinter dem UKW-Repertoire verstecken. Das Sortiment an Empfangsgeräten hat sich ebenso sportlich entwickelt. Kleine Küchenradios kann man jetzt schon für 50Euro erstehen, für HiFi-Bausteine gehört der DAB+-Empfang immer mehr zu den Selbstverständlichkeiten, für die kein Hersteller mehr Mondpreise verlangen kann.

Die praktischen Vorzüge des Digitalempfangs haben sich immer mehr herumgesprochen: Umständliche Sendersuche mit anschließender Stationsspeicher-Belegung, eine lästige UKW-Pflichtübung, entfällt weitgehend: Der DAB+-Empfänger checkt im automatischen Suchlauf nur einmal, was seine Antenne einfängt, und fortan hat er die gesamte Ausbeute samt Sendernamen im Gedächtnis, um sie im Display zum Abruf aufzulisten. Die Tonqualität folgt dem digitalen Prinzip „ganz oder gar nicht“, also: entweder sauber und klar oder stumm. Rauschen, Knattern, Verzerrungen, die Untugenden schwächelnden UKW-Empfangs, gibt es in der digitalen Radiowelt nicht. Hinzu kommt: Der mobile Digitalempfang profitiert von Sendernetzen, die in Gleichwellentechnik arbeiten, also über verschiedene Antennenmasten einer Region auf derselben Frequenz funken. Denn anders als UKW-Empfänger stören sich DAB+-Radios überhaupt nicht daran, wenn sie Signale desselben Programms aus verschiedenen Richtungen einfangen. Während der Analogempfänger mit heftigen Verzerrungen reagieren würde, nutzt sein digitales Gegenstück den Mehrwege-Empfang sogar, um unterwegs für stabile Wiedergabe zu sorgen.

Die Hilfe kommt zu spät

Da überrascht es fast, dass die Politik den digitalen Radio-Zögling noch nicht so ganz unbegleitet ins mediale Erwachsenenleben entlassen mag. Im Koalitionsvertrag der künftigen Regierung etwa heißt es: „Wir werden die Regelungen zur Interoperabilität angesichts der veränderten Anforderungen an den digitalen Hörfunk weiterentwickeln, um das Digitalradio als niedrigschwelliges Medium zu stärken.“ Dies soll, wie ein weiterer Absatz verrät, auch auf der Ebene der EU passieren: „Wir setzen uns für eine Interoperabilitätsverpflichtung für Digitalradiogeräte auch auf europäischer Ebene ein.“ Interoperabilitätsverpflichtung bedeutet im Klartext, dass jedes künftig in der EU verkaufte Radiogerät über eine Schnittstelle zum digitalen Radioempfang, wozu ein DAB+-Tuner zählen kann, verfügen soll.

Das kommt, mit Verlaub, zu spät: In den kritischen Entwicklungsphasen des Digitalradios galten solche Regelungsinitiativen als ordnungspolitisch unerwünschte Eingriffe in den freien Markt. Hätten sie damals Bedeutung erlangt, stünde es heute vielleicht besser um die Einheitlichkeit der Radioentwicklung auf dem alten Kontinent. Norwegen etwa hat den Digitalfunk schon so weit entwickelt, dass UKW im vergangen Jahr aufs Altenteil konnte. Schweden, das Vereinigte Königreich und die Schweiz sind ebenfalls fleißige Digitalfunker. In Frankreich dagegen gibt es bisher nur Testausstrahlungen, in Italien kommen bisher vor allem die Südtiroler Hörer in den digitalen Radiogenuss. In Osteuropa funken polnische Sender digital, tschechische und slowakische Stationen dagegen nicht.

Das ist schade. Womöglich wird UKW als das letzte, nicht nur in ganz Europa, sondern fast überall auf dem Globus verfügbare Radiosystem in die Geschichte eingehen. Schade ist auch ein weiteres Detail: Die Automobilhersteller bauen immer noch in 60 Prozent aller Neuwagen nur analoge Radios ein. Die übrigen 40 Prozent verkünden sie in diesen Tagen zwar als digitale Erfolgsquote, doch damit machen sie sich lächerlich: Die digitale Hörfunktechnik verkaufen sie noch immer als Sonderausstattung für mehrere hundert Euro, obwohl es substantiell um nichts anderes geht als um einen winzigen Chip im Herstellungswert eines niedrigen zweistelligen Cent-Betrags. Es soll sogar Autokäufer geben, die sich ernsthaft um den Wiederverkaufswert Sorgen machen für den Fall, dass UKW dermaleinst tatsächlich vom Netz geht.

Doch das wird so bald nicht passieren: Für die neue Regierungskoalition stand dieser Punkt zwar zeitweilig auf der Verhandlungs-Agenda, schaffte es aber nicht in den Vertragstext, zumal sich die privaten Rundfunkanbieter vehement dagegen ausgesprochen hatten. Die digitale Gerätepopulation wird dennoch weiter wachsen und gedeihen, nicht zuletzt, weil sich viele moderne Empfänger heute nicht nur auf den DAB+-Empfang verstehen: Sie bringen auch Internet-Radio zu Gehör, spielen Spotify-Streams und andere, zapfen noch etliche Mediendienste aus dem World Wide Web, und wenn das nicht reicht, funkt via Bluetooth auch noch das Smartphone mit.

Quelle: F.A.S.
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