Android-Smartphones im Test

100, 250 oder 500 Euro?

Von Marco Dettweiler und Michael Spehr
 - 10:20
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Wie teuer darf ein Android-Smartphone sein? Wer direkt in China kauft, wo so gut wie alle Auftragsfertiger sitzen, kann schon für umgerechnet 100 Euro ein ordentliches Produkt erhalten. Natürlich mit etlichen Nachteilen, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Doch es bleibt wenig im Vergleich mit den europäischen Preisen. Wo liegen die Unterschiede zwischen billig und teuer?

Es ist nicht nur der Markenname, der eine Rolle spielt. Die Materialien, die Verarbeitungsqualität, die Kamera und das Display bestimmen ebenfalls den Preis. Man spürt es meist sofort, wenn man ein billiges Smartphone in der Hand hält, und man sieht die Unterschiede, wenn sich das Display mit geringer Auflösung und schwachen Farben einschaltet. Gute Fotos zu schießen, das ist bei allen Smartphones nach der Pflicht die wohl schwierigste Herausforderung der Kür. Dabei geht es nicht nur um Pixelzahl und Auflösung, sondern auch um die Detailzeichnung und die Leistungsfähigkeit bei schwachem Licht.

Doch nun gerät die Android-Welt ein wenig aus den Fugen: Android Go kommt in den Handel, und zwar für besonders günstige Geräte. Aus schwachen Ressourcen das Beste herausholen, lautet die Devise: Web-Technik statt Apps, und die Arbeit ins Netz verlagern, um Prozessor und Akku zu schonen. Der zweite Paukenschlag findet in der Mittelklasse statt. Geräte mit schickem Glasgehäuse und bester Verarbeitung wollen den Markt mit kleinen Preisen aufmischen. Und nicht zuletzt will sich ein Hersteller in die Oberklasse vorkämpfen.

Nokia 1

Doch fangen wir preislich ganz unten an. 100 Euro für ein Smartphone? Nokia kann diesen günstigen Preis anbieten, indem das Unternehmen sowohl Hardware wie auch Software abspeckt. So hat das Nokia 1 einen Akku, der vor der ersten Inbetriebnahme eingesetzt werden muss. Wie früher bei den ersten Handys ist er wechselbar, dazu muss man den Kunststoffrücken abnehmen. Das hört sich altbacken an, kann aber ein Vorteil sein. Die technischen Daten lesen sich ebenfalls wie aus einer anderen Zeit. Ein Vierkern-Prozessor mit 1,1 Gigahertz, der Arbeitsspeicher kommt gerade mal auf ein Gigabyte, dazu weitere acht Gigabyte Speicher. Die Hauptkamera schafft nur eine Auflösung von fünf Megapixel, und das Display hat eine Diagonale von 4,5 Zoll. Geladen wird der Akku über Micro-USB-Stecker.

Die hoffnungslos veraltete Hardware merkt man im täglichen Betrieb sofort. Alles dauert länger als mit hochpreisigen Smartphones. Das Öffnen der Apps, das Laden von Websites oder das Auslösen beim Fotografieren. Auch früher waren viele Geräte langsam, mag man einwenden. Aber wir haben uns an ein hohes Arbeitstempo gewöhnt, so dass dieses Nokia im Kriechgang sofort negativ auffällt. Doch müsste das Nokia 1 mit seinem alten Prozessor und kleinem Speicher noch viel langsamer laufen, wenn es mit einem Android 7 oder 8 bestückt wäre.

Aber es arbeitet mit Android Go. Das ist ein ganz frisches Android 8.1 in einer abgespeckten Version. Apps von Google wie die Suche, Maps und G-Mail sind als Go-Variante installiert. Weil die Apps mit vielen Weiterleitungen zum Betreiber laufen, verbrauchen sie wenige Ressourcen auf dem Gerät. Zwar können im Play Store alle anderen Apps installiert werden, doch die meisten großen Standard-Apps bringen das Nokia 1 ins Stolpern. Deshalb gibt es unter der Rubrik „Angesagte Apps für Android Go-Edition“ ein Facebook Lite oder den Browser Opera Mini. Die Go-Apps machen im täglichen Umgang keinen großen Unterschied, so dass man mit dem Nokia 1 wie mit einem normalen Androiden umgeht. Und der Trick bietet den Pluspunkt, von Google rasch mit Updates versorgt zu werden. Der Bildschirm des Nokia ist mit einer Diagonale von 4,5 Zoll sogar größer als der eines iPhone SE – wenngleich nicht so brillant. Zum Mailen und Surfen reicht es. Die mit dem Nokia 1 geschossenen Fotos taugen als optische Erinnerungshilfe, viel mehr nicht.

Motorola G6

Lohnt sich der Kauf? Mit nur 150 Euro mehr auf der Ladentheke sieht die Welt gleich ganz anders aus: Wer das Moto G6 von Motorola in die Hand nimmt, spürt Oberklasse: Das Gerät in der beliebten 18:9-Bauform mit einer Bildschirmdiagonale von 5,7 Zoll hat eine Glaseinfassung, die Vorder- und Rückseite verbindet ein Metallrahmen in Hochglanzoptik. Nichts knarzt, alles wirkt robust und zugleich elegant. Und das bei einem Gerät für nur 250 Euro. Auf der Rückseite ragt die Doppeloptik der Kamera aus dem Gehäuse heraus. Unterhalb der Anzeige sitzt der Fingerabdruck-Scanner, der wie ein kleines Touchpad auch verschiedene Gesten zur Steuerung unterstützt. Verzichten muss man auf ein staub- und wasserdichtes Gehäuse mit entsprechender IP-Zertifizierung. Allerdings sei das Gehäuse gegen Wasserspritzer mit einer „Nanobeschichtung“ geschützt, heißt es.

Das Display mit einer Auflösung von 2160 × 1080 Pixel überzeugt mit kräftigen Farben und guten Kontrasten. Es lässt sich auch im hellen Sonnenlicht gut ablesen. Es fehlt eine Status-LED zur Anzeige von Push-Nachrichten, indes gibt es eine Always-On-Funktion, die Nachrichten oder anstehende Termine auch im Ruhezustand anzeigt.

Der Snapdragon-Prozessor 450 mit acht Kernen deutet auf eine Mittelklasse-Ausstattung hin, ebenso die nur drei Gigabyte RAM und 32 Gigabyte Speicher. Von Letzterem bleiben nach der Inbetriebnahme 25 Gigabyte für eigene Daten übrig, indes kann man im Kartenschacht neben zwei Nano-Sim-Karten eine Micro-SD-Speicherkarte verstauen. In Benchmarks kommt das Moto G6 nicht an die Leistungsdaten der oberen Mittelklasse heran, Spiele mit hochauflösender Grafik ruckeln gegebenenfalls.

Als Betriebssystem fungiert das ältere Android 8, aktuell wäre 8.1. Der Sicherheitspatch trägt das Datum vom 1. März. Android ist weitgehend „unverbastelt“, es kommen einige Gemeinheiten von Motorola dazu, ferner nicht-deinstallierbare Apps etwa Linkedin oder Microsoft Outlook. Das Entsperren des Geräts erfolgt wahlweise über den Fingerabdruck-Sensor oder eine ordentlich und präzise funktionierende Gesichtserkennung.

Die rückwärtige Kamera löst mit 12 Megapixel auf und hat eine Blendenöffnung von f/1.8. Ein optischer Bildstabilisator fehlt. Die Zweitkamera soll für die Porträtfotografie hilfreich sein, der neuerdings beliebte Schärfentiefe-Effekt ist ebenfalls dabei. Die Bildqualität unter guten Lichtverhältnissen ist ordentlich. Der Autofokus arbeitet nur sehr langsam. Bei schwachem Licht sind die Defizite der Kamera unübersehbar, hier zeigen sich die Unterscheide zur Oberklasse sofort. Witzig ist die Option, Objekte im Blickfeld der Kamera über eine Internetverbindung identifizieren zu lassen.

Insgesamt leistet das Moto G6 viel, und der Preis ist heiß. Da kommt man nicht in Versuchung, auf das günstigere Nokia 1 zurückzugreifen. Aber vielleicht lohnt es sich, noch ein bisschen mehr Geld auszugeben?

Oneplus 6

Da gibt es zum Beispiel das Oneplus 6 ab 520 Euro. Nun sind die Geräte des chinesischen Herstellers Oneplus auch in Deutschland erhältlich. Die Nummer 6 hat die technischen Eigenschaften eines Oberklassegeräts: üppige 6 Gigabyte Arbeitsspeicher, ein schneller Prozessor 845 von Snapdragon, die Hauptkamera mit 16 Megapixel Auflösung – und der Bildschirm ist mit einer Diagonale von etwas mehr als 6 Zoll riesig. Im Unterschied zum Vorgänger besteht die Oberseite des Gehäuses aus Gorilla-Glas.

Oneplus verfolgt den Ansatz, die Funktionalität auf das Praktische zu reduzieren. Ein schönes Beispiel: der physische Stummschalter an der Seite, wie ihn Apple seit vielen Jahren an den iPhones einsetzt. Auch das Starten von Apps mit Fingermalerei auf dem Bildschirm ist praktisch. Man kennt die Funktion von Huawei. Beim Oneplus 6 hat sie den Vorteil, auch vom Sperrbildschirm aus zu funktionieren. Dieser lässt sich im Übrigen mit der Gesichtserkennung schnell und zuverlässig entsperren. Das Betriebssystem ist ebenfalls schlank, es heißt Oxygen, ist auf den ersten Blick kaum von Android zu unterscheiden – und machte im Herbst Schlagzeilen durch die heimliche Übertragung von Nutzerdaten an Oneplus.

Das Oneplus 6 wirkt in seiner Reduziertheit elegant, durchdacht, auf die Wünsche des Nutzers zugeschnitten. Ist es eine Alternative zu den Flaggschiffen von Huawei, Google, Samsung, Apple, Sony oder HTC, die mehrere hundert Euro mehr kosten? Nicht für diejenigen, die ein großartiges Display bevorzugen und ambitioniert fotografieren wollen. Die Full-HD-Anzeige des Oneplus 6 macht einen ordentlichen Eindruck, ist aber nicht brillant. Fotos und Videos gelingen durchaus gut, doch an die Qualität eines Oberklassegeräts wie etwa das Huawei P20 Pro reichen sie nicht heran. Auch ist schade, dass Oneplus trotz der Doppelkamera auf einen optischen Zoom verzichtet. Die drei Geräte lassen keine Fragen offen: Wer Oberklasse will, muss wie gehabt die Oberklasse bezahlen. Aber viel von der dünnen Luft an der Spitze strömt nun in Richtung Mittelklasse. Bleibt das Nokia 1 ein Exot, sind das Motorola und Oneplus sehr attraktive Geräte für einen kleinen Preis.

Quelle: F.A.Z.
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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