Ergonomie am Arbeitsplatz

Schmerzfrei im Büro arbeiten

Von Marco Dettweiler
 - 11:19
zur Bildergalerie

Es fing mit einem Tennisarm an. Oder Golfer-Ellenbogen. Mediziner würden das Leiden RSI-Syndrom nennen. Einfache Bewegungen und Griffe mit der Hand führen zu Schmerzen im Unterarm. Die Ursache war Krafttraining. Doch die Klimmzugstange für ein paar Wochen loszulassen brachte wenig Heilung. Zu sehr beschäftigt die tägliche Arbeit am Computer das Gelenk. Am Ende wurde es also ein Mausarm.

Auf der Suche nach einem besseren Eingabegerät öffnete sich das ganze Spektrum des ergonomisch günstigen Arbeitsplatzes. Wenn schon eine richtige Maus, dann auch eine geeignete Tastatur. Und wenn beides angepasst ist, sollte auch ein anderer Bildschirm für gute Haltung sorgen. Denn der Nacken leidet ebenfalls. Fehlt also noch ein dynamischer Stuhl und ein höhenverstellbarer Schreibtisch für den Rücken. Dann wäre die Arbeitsplatz-Ergonomie perfekt.

Die Maus wird häufig als Hauptschuldige für das RSI-Syndrom ausgemacht. Herkömmliche Produkte führen dazu, dass der Nutzer das Gelenk leicht nach innen dreht und anwinkelt. Vertikale Mäuse, sie heißen wirklich so, versuchen die Hand zu entlasten, indem die Auflagefläche mit Tasten und Rollrad an der Seite sitzt. Unter den Testgeräten waren kabellose Mäuse von Penclic, Jenimage, HE, Evoluent, Microsoft und Logitech. Häufig bieten die Hersteller ihre Produkte auch für Linkshänder und in verschiedenen Größen an.

Der Verbesserungseffekt hielt sich in Grenzen. So spielt die Größe der vertikalen Maus in unserem Fall kaum eine Rolle, weil die leidende Hand die Tendenz hat, die Maus nicht zu umschließen, sondern mit den Fingerspitzen zu bewegen. Das hat den Vorteil, dass Mittel- oder Ringfinger nicht vollständig auf der rechten Taste liegen und aus Versehen darauf drücken. In unserem Einsatz stellte sich heraus, dass die gemäßigte Bauform der Logitech-Maus des MK 850-Performance-Sets (120 Euro) und die Microsoft-Maus des Sculpt Ergonomic Keyboards (130 Euro) für einen armschonenden Alltag hinreichend gut sind.

Nur der Ball bewegt sich bei dieser Maus

Ein anderes Konzept wird mit dem Wireless Trackball M570 von Logitech (90 Euro) verfolgt, weil die Maus selbst nicht bewegt wird: Der Mauszeiger findet seine jeweilige Position auf dem Bildschirm, indem der Daumen den Ball entsprechend dreht. Weil die Daumenmuskulatur für diese Bewegungen kaum trainiert ist, strengt die Methode schon nach wenigen Minuten an. Vielleicht gewöhnt man sich daran.

Ausgeschieden ist bei uns die Penclic Maus D3. Sie sieht aus wie ein Füller, der in einem flachen Ständer steckt. Ein Kugelgelenk hält beides zusammen, sodass der Nutzer quasi eine Mini-Maus mit einem Stift bewegt. Geklickt wird am unteren Ende des Stifts auf zwei parallel plazierten Flächen, dazwischen sitzt ein Rollrädchen. Das Problem: Wenn man die rechte Taste drücken will, unterstützt man die Bewegung des Zeigefingers unwillkürlich mit dem Daumen, so dass dieser auf die andere Taste drückt.

Die Maus breitet sich vor der Tastatur aus

Innovativ und durchdacht erscheint die Rollermouse Free 3 von Contour (300 Euro). Nur der Name hat mit einer Maus zu tun. Das Produkt wird wie eine Handballenauflage ans untere Ende der Tastatur gelegt. In der Auflage sind vier kleine sowie drei große Tasten und ein breites Rollrad angebracht. Die Tasten sind mit Funktionen belegt. Oberhalb der Auflage befindet sich ein Stab, der sich hin und her schieben lässt, um die Maus zu bewegen.

Die Free 3 fordert vom Nutzer Geduld und Training. Dafür unterscheiden sich die Bewegungen grundsätzlich von den üblichen. Folgt man der Anleitung, wird die flache Hand so auf die Unterlage gelegt, dass Mittel- oder Zeigefinger den Rollstab bewegen. Alternativ kann dies der gestreckte Zeigefinger tun, während die anderen vier Finger eingezogen sind.

Tastaturen von Microsoft und Logitech

Auch das Sculpt Ergonomic Keyboard von Microsoft fällt sofort auf. Die Tastatur ist in der Mitte geteilt, die linke und rechte Hälfte sind zur Mitte hin gewölbt, beide nähern sich oben an. Dadurch liegen die Hände beim Zehn-Finger-Schreiben nicht mehr parallel, sondern in einer Linie mit Schulter und Arm. Die neueste Version heißt Surface Ergonomic Keyboard, unterscheidet sich im Wesentlichen nur durch die Farbe und das Material der Handballenauflage. Leider hat Microsoft die zugehörige Maus in ihrer Form geändert, so dass sie sich kaum von einer gewöhnlichen unterscheidet.

Auf der Tastatur zu tippen ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Wer seit vielen Jahren auf gewöhnlichen Tastaturen mit zehn Fingern unterwegs ist, verfehlt am Anfang manche Taste. So reicht der übliche Heber mit dem rechten kleinen Finger nicht, um das „ß“ zu treffen, der ganze Arm muss die Bewegung mitmachen. Das „b“ auf der linken Hälfte wäre besser genauso breit angelegt wie das „n“ als Pendant auf der anderen Hälfte. Der Druckpunkt ist sehr angenehm, die Tastatur äußerst leise.

Beim Sculpt Ergonomic Keyboard liefert Microsoft eine ergonomische Maus mit, die ebenfalls gute Dienste tut. Sie liegt ähnlich angenehm in der Hand wie die Maus von Logitech. Das Fazit nach mehreren Wochen: Man gewöhnt sich daran, es macht Spaß, doch die Produkte haben keine so große Auswirkung wie zunächst angenommen. Nicht so visionär ist die MK 850-Performance-Tastatur von Logitech konzipiert. Die Tasten verlaufen wie gewohnt in einer Linie, jedoch erhebt sich die Tastatur zur Mitte hin leicht. Es ist ein Kompromiss, der für all jene interessant ist, denen das Microsoft-Produkt zu ungewohnt ist und die dennoch etwas Neues ausprobieren wollen. Die Tasten an sich können allerdings mit denen von Microsoft nicht ganz mithalten. Sie reagieren etwas schwerfälliger und lauter.

Ein richtig schöner breiter Monitor

Außer Maus und Tastatur kann auch der Monitor den Computerarbeiter zur richtigen Haltung zwingen. Es kommt vor allem darauf an, wie der Monitor auf dem Schreibtisch ausgerichtet ist. Um ihn richtig zu positionieren, braucht er ein Scharnier, damit der obere Rand etwas nach hinten gekippt werden kann. Zudem muss er höhenverstellbar sein. Für den Test des optimalen Arbeitsplatzes stand bei uns ein riesiger Monitor von LG auf dem Schreibtisch. Der 38 UC 99 hat eine Bildschirmdiagonale von 38 Zoll, mit 3840 × 1600 Pixel eine Ultra-HD-Auflösung und ist gebogen. Mit einem Seitenverhältnis von 21:9 konnte er die beiden kleineren Monitore, die normalerweise zu unserem Arbeitsplatz gehören, gut ersetzen. Der LG ist kein ausgewiesen ergonomisches Produkt. Er fügt sich in das Ensemble jedoch gut ein, weil aufgrund der hohen Auflösung mehrere Windows-Fenster problemlos nebeneinander Platz finden, zudem unterstützt die gebogene Form den Blick auf die seitlichen Ränder. Der Monitor lässt sich mit wenigen Handgriffen schnell justieren.

Höhenverstellbare Tische ziehen immer mehr in Deutschlands Büros ein. Viele Unternehmen meinen, dass dadurch Bewegung an den Arbeitsplatz kommt, ohne dass ihn die Angestellten gleich verlassen. Der Aufbau solcher Tische ist stets ähnlich. Ein kleiner elektrischer Motor, der über ein Bedienelement an der Vorderkante bedient wird, hebt die Platte mit einem Knopfdruck. Computer und andere Gerätschaften sind so angebracht, dass sie den Weg unversehrt mitgehen.

Ein Stuhl für Aktive

Nun gibt es Menschen, die nicht gerne frei am Tisch stehen, weil sie sich anlehnen wollen. Für diese Situation hat der Hersteller Håg eine Lösung: den Capisco, von zirka 1000 Euro an. Zwei Funktionen sollen überzeugen: Capisco lässt sich so weit ausfahren, dass er auf die Höhe eines Barhockers kommt. Die Sitzfläche hat zudem die Form eines Sattels. Denn die Sitzfläche hat ebenfalls eine wichtige Auswirkung auf die Haltung. Menschen können nicht Platz nehmen, indem sie sich hinfläzen.

Capisco ist eher eine Stütze, damit der Körper nicht umfällt. Das hat ein aktives Körpergefühl zur Folge. Wer darauf sitzt, ist ständig in Bewegung. Am Anfang kann das anstrengend sein, weil bestimmte Muskelpartien beansprucht werden, die der Sitzende eher während des Sports spürt. Doch nach ein paar Tagen möchte man ihn nicht mehr missen. Håg hat ihn zudem so konzipiert, dass sich der Capisco auf zwei Arten nutzen lässt. Eine Drehung um 180 Grad, und die Brust lehnt gegen die Lehne, während die Ellbogen auf den gespreizten Teilen der Lehne liegen. Um 90 Grad gedreht, lehnt man lässig zur Seite.

Damit hält man die Stellung

Etwas konventioneller, aber nicht weniger anregend ist der Sofi Mesh von Håg für zirka 800 Euro. Er sieht aus wie ein moderner Schreibtischstuhl mit Netzlehne, hat aber eine ausgeklügelte Technik unterhalb der Sitzfläche. Weil er sofort auf Schwerpunktverlagerungen reagiert, verstärkt er die Richtung, in die sich der Körper bewegt. Rutscht der Sitzende also mit dem Rücken nach hinten und mit dem Gesäß nach vorn, muss er diese Haltung aufgeben und korrigieren. Der Sofi Mesh zwingt einen zum aufrechten Sitzen.

Nach mehreren Wochen bleibt eine unbefriedigende Erkenntnis: Ob die Produkte angenehm sind, Hand und Arm entlasten und für den Dauereinsatz taugen, muss jeder selbst entscheiden, indem er sie ausprobiert. Viel mehr als bei anderen technischen Produkten ist hier der subjektive Faktor entscheidend.

Quelle: F.A.Z.
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
FacebookTwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenLGLogitechMicrosoftArbeitsplatz