Fünf In-Ear-Hörer im Test

Kabellos gehört zum guten Ton

Von Marco Dettweiler und Michael Spehr
 - 16:23
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Der Sommer kommt, das Leben spielt wieder draußen. Für Sport und Musik benötigt man natürlich die richtige Ausstattung. Möglichst klein und leicht, für die Radtour ebenso geeignet wie für den Kurztrip mit Handgepäck. In diesem Sommer stehen kabellose In-Ear-Ohrhörer hoch im Kurs. Mittlerweile kann man sicher sein, dass die Technik funktioniert. Besonders kleine Ohrenstöpsel, die allein per Bluetooth mit ihrem Zuspieler verbunden sind, guten Klang bieten und trotz kompakter Abmessungen eine lange Akkulaufzeit haben: Das ist nicht selbstverständlich, wie ein Blick auf die Geschichte dieser Gerätegattung zeigt. Als das Münchener Start-up Bragi im Jahr 2014 sein „Wunder-Gadget aus Deutschland“ vorstellte, hörten sich die Details der unter dem Namen „The Dash“ beworbenen Ohrhörer geradezu unglaublich an: In-Ear-Ohrhörer, drahtlos und zudem mit Hilfe integrierter Sensorik auch für Fitness-Tracking und Telefonie geeignet. Zur Verwirklichung der Idee sammelte Bragi in kürzester Zeit 3,4 Millionen Dollar auf Kickstarter ein, es war die bis dahin erfolgreichste Kampagne in Europa.

Als der smarte Ohrhörer deutlich später als angekündigt für 300 Euro auf den Markt kam, war die Begeisterung dahin: Die Bluetooth-Verbindung vom Smartphone zu den beiden Ohrenstöpseln brach immer wieder ab. Monatelang laborierte Dragi mit Software-Updates an den Schwierigkeiten herum, gelöst wurden sie nie. Akkulaufzeit und Akustik ernteten vernichtende Rezensionen. Inzwischen sind Nachfolgegeräte im Handel, aber in den Anfangszeiten der Bragi-Ohrhörer sagte mancher Fachmann, dass derartig kleine, autonome Bluetooth-Geräte schon deshalb nicht funktionieren würden, weil der Kopf des Trägers die Funkübertragung von einem Ohr zum anderen störe.

Diese Befürchtung erweist sich als unbegründet. Wir haben fünf kabellose In-Ear-Modelle ausprobiert, und dass man bauartbedingt mit gewichtigen Nachteilen rechnen müsste, hat sich nicht gezeigt. Alle arbeiten mit Bluetooth mit einer Reichweite von einigen Metern, eignen sich für die Musikwiedergabe und zum Telefonieren und nutzen die mitgelieferte Hülle als Ladestation. Die Minis sind nicht nur hinsichtlich von Klang, Komfort und Akkulaufzeit zu beurteilen. Die Handhabung macht den Unterschied: Wie einfach steckt man das Kleinteil ins Ohr, wie lässt es sich in seinem Etui verstauen, wie kompliziert ist die Bedienung? Gibt es Tasten, oder reicht ein Fingerklopfen aufs Gehäuse zur Steuerung der Musikwiedergabe aus?

Ein Bose Soundsport Free Wireless, groß, wuchtig, gegen Schweiß und Wasser geschützt und vom Hersteller als Sportbegleiter empfohlen, hat außer einer Bluetooth-Taste zwei weitere für die Einstellung der Lautstärke und eine vierte als Multifunktionstaste. Die Ohrhörer werden geradezu „ins Ohr geschraubt“, sitzen sehr fest, aber das Hineinlegen ins riesige Ladeetui lässt die Frage aufkommen, welcher Ohrhörer auf welche Seite gehört. Alles ist gut, aber kompliziert.

Das Gegenteil sind die oft belächelten Airpods von Apple, mittlerweile hat man sich an ihre ungewöhnliche Bauform gewöhnt. Sie haben nicht eine einzige Taste, Sensoren erkennen, dass sie ins Ohr gesteckt wurden, und sie werden induktiv in einem schmalen Etui geladen, das wiederum in die Hosentasche passt. Es sind Immer-dabei-Teile, den meisten Menschen passen sie gut ins Ohr, auch beim Sport. Aber nicht jedem.

Wer die Airpods wegen ihres Aussehens nicht mag, wird sich wohl mit den Xperia Ear Duo von Sony ebenfalls schwertun. Diese Ohrhörer haben die Form einer Spange, und ihr Gehäuse wird hinters Ohr geklemmt. Es könnte sich auch um klingonischen Ohrschmuck handeln. Die Gear Icon X und Elite 65t von Jabra ähneln The Dash von Bragi. Sie haben ein klassisches Gehäuse, sind indes etwas größer als die kabelgebundenen Modelle. Auffallen dürften sie nur, weil das Kabel fehlt. Eine elektronische Unterdrückung von Nebengeräuschen weist keines der erprobten Modelle auf.

Daumen schnipsen oder Fingernagel brechen

Erste Unterschiede bemerkt man schon vor dem Einsetzen. So ist die Schatulle von Bose fast viermal so groß wie das Etui von Apple und somit unpraktisch. Auch die runde Aufbewahrungskiste von Sony braucht mehr als doppelt so viel Platz. Sie passt gerade noch in die Hosentasche, ebenso die Kistchen von Samsung und Jabra. Öffnet man die Etuis, entdeckt man gleich die nächsten Punkte: Während die Airpods mit einem Daumenschnipser zur Verfügung stehen, bricht man sich an der Jabra-Schale fast den Fingernagel. Samsung setzt wie Bose auf eine Mechanik mit Knopf: Die Kästchen springen auf, was bei den Koreanern besonders gut gelingt, weil sich der Deckel komplett öffnet. Während des Telefonats die Ohrstöpsel aus ihrer Schale zu holen, gelingt am besten mit Apple und Samsung.

Nun setzen wir die Geräte ins Ohr. Das hört sich trivial an, ist es aber nicht. Apples Airpods sind so konstruiert, dass sie keine Hilfsmittel benötigen, um fest zu sitzen. Bose hat große und Samsung kleine Flügelchen am Gehäuse angebracht, die einen festen Sitz selbst beim Sport gewährleisten sollen. Jabras Konstruktion funktioniert ebenso zuverlässig, eine Mini-Spange verbindet Gehäuse und Ohr. Derweil lassen sich die Ear Duo nur mit Fingerakrobatik in Stellung bringen. Der eine Finger zieht am Ohrläppchen, der andere schiebt die Spange um den unteren Teil des Ohrs herum. Das ist umständlicher, doch sitzen die Sonys, lassen sie sich stundenlang tragen, ohne dass es sich unangenehm anfühlt. Der Eingang des Innenohrs bleibt frei. Diese Konstruktion hat Sony gewählt, um Außengeräusche bis zu einer bestimmten Lautstärke durchzulassen.

Doch nicht nur der Komfort limitiert die Tragedauer der In-Ear-Modelle. Der Akku hält bei allen Geräten vier bis fünf Stunden lang. Das ist nicht viel, dürfte den meisten Nutzern aber reichen. Da die Ohrhörer im Etui geladen werden, sobald sie dort verstaut sind, muss man das Netzteil nicht immer dabei haben.

Unterschiedliche Klangqualität bei Musik und Sprache

Was Musikhören und Telefonieren betrifft, dreht sich alles um den guten Klang. Dass die Technik die Akustik von beidem beeinflusst, hat der Test gezeigt. Mit einer Ausnahme lässt sich festhalten, dass guter Klang bei der Musikwiedergabe auch mit angenehmer Akustik während des Telefonierens einhergeht. Fangen wir auf den hinteren Plätzen an. Der Jabra Elite 65t (170 Euro) gefiel uns am wenigsten. Während der Telefongespräche empfand der Angerufene unsere Worte wie von einem Roboter gesprochen, immer wieder von Artefakten überlagert. Hört man mit dem Elite 65t Musik, bleibt der Klang dünn, er wirkt klingelig. Wie bei allen In-Ear-Hörern lässt sich das zwar ein wenig ändern, indem man das Gerätchen weiter ins Ohr drückt. Doch gut wurde die Klangqualität selbst auf diese Weise nicht.

Auch von Sony hatten wir uns mehr erwartet. Die Japaner haben große Erfahrung mit Kopfhörern. Doch vermutlich führt die Bauform des Ear Duo (280 Euro) dazu, dass Sony hier nicht die übliche Qualität liefert. Musik hört sich noch ganz ordentlich an. Meist vermitteln die Ohrhörer einen feinen Ausdruck, wohl aber ein mageres Bassfundament. Sie lassen sich zudem im Vergleich mit den Mitbewerbern nicht hinreichend laut aufdrehen. Das ließe sich noch entschuldigen, weil die Konzeption eher einem Headset mit integriertem Sprachassistenten gleicht. Doch selbst das Telefonieren macht keinen Spaß, der Angerufene nimmt Hintergrundrauschen, Artefakte und kaum Höhen wahr.

Samsung leistet sich kleine Schwächen. Die Icon X für 230 Euro taugen gut als Musikbegleitung beim Joggen oder in der U-Bahn. Auch deshalb, weil sich im Ohrhörer selbst knapp vier Gigabyte Musik speichern lassen, so dass das Smartphone zu Hause bleiben kann. Lieder aus verschiedenen Genres klingen ordentlich und ausgewogen. Die Klangqualität reicht jedoch für Genießer nicht aus. Dafür fehlt den Icon X ein tragendes Bassfundament. Mit ihnen zu telefonieren, macht Freude. Die Stimmen sind gut verständlich, sie könnten ein wenig voller klingen. Unterdurchschnittlich sind Akkulaufzeit und Bluetooth-Reichweite.

Bis auf das wuchtige Design und das überdimensionierte Etui hat Bose bei den Sound Sport Free (200 Euro) alles richtig gemacht. Weil die Amerikaner auch hier ihre gewohnte Klangphilosophie beibehalten, kann dieses In-Ear-Pärchen einen guten On-Ear- oder Over-Ear-Kopfhörer ersetzen. Der Klang ist gefällig, das Bassfundament präsent, aber nicht aufdringlich, die Musik öffnet sich schön in die Breite. Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Mitten justiert. Gitarren klingen manchmal etwas zu weich. Mit den Bose Musik zu hören ist ebenso ein Vergnügen wie mit ihnen zu telefonieren. Die Stimme ertönt klar und hell. Allerdings gibt es im Vergleich zu den anderen Modellen eine Einschränkung beim Telefonieren: Man hört das Gegenüber nur rechts.

Und schließlich die Airpods von Apple für 180 Euro. Sie klingen so ambitioniert, dass auch anspruchsvolle Hörer zufrieden sein dürften. Die Akustik ist verblüffend gut, ihr Klang reißt den Hörer mit, die Bässe sind knackig und differenziert. Lediglich in den Mitten wünscht man sich manchmal mehr Präsenz. Wer mit guter Mobilfunkabdeckung unterwegs ist oder über W-Lan spricht, erhält mit den Airpods einen Ohrhörer, der bei der Telefonie erstklassig ist. Die Höhen sind fein durchgezeichnet, fast scheint das Gegenüber im Raum zu sitzen. In Verbindung mit der eingängigen Bedienung kommt es schnell zu dem Effekt, dass man nur noch mit den „Öhrchen“ telefoniert.

Das beste Gerät für alle Zwecke gibt es jedoch nicht. Was in Zukunft kommt, steht bereits auf der Agenda der großen Hersteller: Wie der Samsung bereits jetzt im Nebenjob als Fitness-Coach arbeitet, werden die Mini-Ohrhörer der nächsten Generation vor allem mehr Intelligenz und zusätzliche Funktionalität mitbringen.

Quelle: F.A.Z.
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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