Neue Produkte vorgestellt

Googles Offensive gegen Apple und Amazon

Von Marco Dettweiler
 - 21:27
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Es soll sich keiner beschweren, dass der Herbst eine triste und traurige Jahreszeit sei. Freunde der digitalen Welt erleben gerade heiße und strahlende Wochen. Nachdem Apple vor drei Wochen seine neuen iPhones vorgestellt hatte, folgte in der vorherigen Amazon mit einer beachtlichen Produktoffensive. Und nun legte an diesem Mittwochabend Google mit neuen Smartphones, Lautsprechern, Kopfhörern und Kameras nach.

Da Google als letztes Unternehmen seine Produkte präsentiert hat, kommt man nicht umhin, dem Konzern aus Mountain View zu unterstellen, dass sich seine Ingenieure stark an den Produkten von Apple und Amazon orientiert haben. Weil die Entwicklung sicherlich viele Monate dauert, sollte man aber davon ausgehen, dass sie alle parallel gearbeitet haben. Lässt man die Chronologie der Events außer acht, erlangt man die Erkenntnis, dass sich die Geräte in ihrer Funktionalität kaum noch unterscheiden. Das ist praktisch für die Kunden, weil sie kaum etwas falsch machen können.

Smartphones Pixel 2 und Pixel 2 XL

Ein für Google strategisch wichtiges Gerät ist das hauseigene Smartphone. Auch wenn der Marktanteil des Betriebssystems Android mehr als 84 Prozent in aller Welt beträgt, leistete sich das Unternehmen seit Anfang 2010 mit der Nexus-Reihe eigene Geräte und seit vorherigem Jahr mit dem Pixel ein Smartphone, das „made for Google“ ist. Auf diesen Smartphones spielt Google immer als erstes die neuen Versionen des Betriebssystems aus. Nur wer ein Nexus oder Pixel besitzt, hat garantiert das aktuelle Android. Wie alle anderen Hersteller auch, ist die Bereitschaft, in Design oder Funktionalität große Veränderungen einzuführen, auch bei Google gering.

So gibt es weiterhin ein normal großes Pixel und die Phablet-Variante. Das Pixel 2 hat eine Bildschirmdiagonale von 5 Zoll, das Pixel 2 XL kommt auf üppige 6 Zoll. In beiden arbeitet der aktuelle Snapdragon 835. Der Arbeitsspeicher hat mindestens 4 Gigabyte, beide sind nach IP67 zertifiziert, der Klinkenstecker ist nun auch bei Google Geschichte, dafür schallt die Musik in Stereosound aus der Vorderseite. Der Fingerprintsensor bleibt hinten auf der Rückseite. Wie die Smartphones der Konkurrenz hat auch das Pixel 2 eine Schnellladefunktion. Nach einer Viertelstunde aufladen, soll es wieder sieben Stunden halten. Ein deutlicher Unterschied macht der Akku aus: Der hat beim Pixel 2 2700 Milliamperestunden, beim Pixel 2 XL starke 3520 mAh.

Das neue Pixel sieht nahezu aus wie das alte. Google hat also die etwas gewöhnungsbedürftige Rückseite mit zwei Farben beibehalten. Lediglich das Kameraobjektiv ist größer geworden. Beim Pixel 2 XL bemerkt man bei genauerem Hinschauen einen deutlichen Unterschied zum Vorgänger. Weil der Bildschirm um ein halbes Zoll auf 6 Zoll gewachsen ist, hat sich der Rand reduziert. Auch Google zieht wie die Konkurrenz aus Korea den oberen und unteren Rand mit abgerundeten Ecken weiter nach oben und unten, sodass ein Seitenverhältnis von 18:9 entsteht. Dass LG das Pixel 2 XL produziert, überrascht daher nicht. Auch das G6 hat einen solchen Bildschirm. Das Pixel 2 wird übrigens von HTC gebaut. Für das Gerät haben die Chinesen ihre exklusive Funktionalität des U11 übernommen. Drückt man das Gerät etwas zusammen, wird eine Funktion ausgelöst. Beim Pixel ist es der Google Assistent.

Googles Stärke ist seine Software – in diesem Bereich gibt es nette neue Funktionen. Besitzer von Samsung-Smartphones wissen sofort, um was es geht, wenn der Begriff „Always-on-Display“ genannt wird. Im Standby-Modus zeigt das Pixel einige Informationen wie Uhrzeit, Wetter, Kalendereinträge an. Zudem identifiziert es die Musik, die gerade gespielt wird und nennt Titel und Interpreten. Etwas umfassender ist die Integration von Google Lens. Damit scannt der Nutzer Zettel, Bilder, Buchtitel, Filmcover oder Sehenswürdigkeiten. Pixel transkribiert die Mailadresse, nennt den Künstler, verlinkt mit Buch oder Film und informiert über den Kölner Dom, die Needle in Seattle oder die Akropolis in Athen. Samsungs Assistent Bixby kann und versucht ähnliches, das lang vergessene Firephone von Amazon hatte ähnliche Ambitionen.

Was natürlich nicht fehlen darf: Augmented Reality. Apple hat mit seiner Kamera und dazugehörigen Anwendungen vorgelegt, Pixel zieht nach mit seinen Apps, Spielen und AR-Stickers. Digitale Objekte können in ein Mini-Video eingebaut werden, das als Sticker verschickt werden kann. Die eigentliche Funktionalität der Kamera bleibt die Hauptaufgabe, denn das kann sie besonders gut. Das erste Pixel wurde für seine Aufnahmequalität hochgelobt, viele sprachen von der besten Smartphone-Kamera der Welt. Die soll es laut Google beim Pixel 2 bleiben. Um nochmal den Kreis zu schließen: Einen besonderen Porträtmodus, den das iPhone von Apple und das S8/Note8 von Samsung haben, hat das Pixel 2 natürlich auch.

Das Pixel 2 wird 650 Dollar kosten, die XL-Variante 850 Dollar. Gerade mit dem Phablet befindet sich Google auch preislich in der Oberklasse.

Vernetzt Lautsprecher Google Home Mini und Max

Google setzt weiterhin auf vernetzte Lautsprecher als Kommunikationszentrale für zu Hause. Damit konkurriert das Unternehmen direkt mit Amazon, das mit Echo und seiner Sprachassistentin Alexa in die Wohnzimmer in aller Welt vordringt. Gerade vorherige Woche hatte Amazon eine neue Produktoffensive gestartet und ein halbes Dutzend Geräte vorgestellt, in denen Alexa das Sagen hat.

Angefangen hatte Amazon mit dem Lautsprecher Echo und dem kurz darauffolgenden Dot. Das ist ein Echo in klein, dessen Lautsprecher nicht zum Musikhören taugen. So etwas hat Google jetzt auch. Home Mini ist die kleine Ausgabe von Google Home. Ihn gibt es in drei Farben, er wird nur 50 Dollar kosten. Dazu gibt es wieder Gemeinsamkeiten mit Amazon: So lässt sich über den Mini telefonieren, indem man einen Kontakt aufruft. Auch wurden Routinen eingeführt: Sagte man „Okay, Google, Gute Nacht“ werden einige Smart-Home-Befehle ausgeführt oder etwa der Kalendereintrag vom nächsten Tag vorgelesen. Und es gibt Unterschiede: Nur das Google-Gerät kann zwischen den Nutzern unterscheiden und somit die Antworten personalisieren.

Viel spannender – aber auch teurer – ist der Google Home Max. 400 Dollar kostet der neue Lautsprecher, der entsprechend des Namens ziemlich laut und hoffentlich klangvoll Musik von sich gibt. Denn Google Home hört sich überhaupt nicht gut an – was seine größte Schwäche ist. Home Max hat zwei 0,7 Zoll große Hochtöner und zwei 4,5 Zoll große Tieftöner. Von den technischen Daten her gesehen, könnte das mit dem Sound etwas werden. Sehr trickreich: Home Max hat eine automatische Raumkorrektur eingebaut. Der Lautsprecher „weiß“, wo er steht und reguliert digital den Sound nach. Weil er einen analogen Eingang und eine Bluetooth-Schnittstelle hat, finden viel Zuspieler Platz an ihm.

Pixelbook als High-End-Chromebook

Die Chromebooks – das sind die Notebooks mit Chrome OS als Betriebssystem – haben sich in Amerika längst etabliert. Meist sind sie günstig, dementsprechend mittelmäßig ausgestattet und für Schüler und Studenten gedacht. Microsoft will diesen Markt nicht Google überlassen und hat in diesem Jahr als Konkurrenzprodukt das Surface Laptop vorgestellt. Allerdings ist an diesem Notebook nur das Betriebssystem abgespeckt, der Preis ist es nicht, sodass es keine Alternative zu Chromebooks darstellt, die manchmal weniger als 300 Euro kosten.

An einer Edel-Variante hatte sich Google schon einmal vor vier Jahren versucht. Es hieß Chromebook Pixel – und schlug sich so im Test. Dies hat an diesem Abend ein Revival erlebt. Als Pixelbook soll es von nun an das Chromebook aus dem Hause Google sein. Das neue Gerät ist ein Convertible, sein Bildschirm lässt sich also so weit nach hinten klappen, dass daraus ein Tablet wird. Mit diesem Convertible kommt auch der Google Assistent für Chrome OS. Das Pixelbook wiegt lediglich ein Kilogramm und ist nur 10 Millimeter dünn. Sein Bildschirm ist 12,3 Zoll groß, hat eine Quad-HD-Auflösung und eine Pixeldichte von 235 ppi. Es kann mit bis 16 Gigabyte Arbeitsspeicher und einer SSD-Festplatte von bis zu 512 Gigabyte bestückt werden. Als Prozessor ist sowohl ein Intel i5 als auch ein i7 möglich.

Wieder sind es kleine Software-Features, die gefallen. So verbindet sich das Pixelbook automatisch mit dem Pixel-Smartphone und nutzt dieses als Hot Spot. Oder es reagiert auf Sprache, wenn die Tastatur weg geklappt ist, indem der Google Assistent aktiviert wird. Der kann jederzeit auch durch eine Taste gestartet werden. Der Pixelbook Pen, ein Stift zum Bedienen, ist tief in die Software integriert. Umkreist man ein Foto oder ein Wort, öffnet der Assistent die entsprechende Anwendung. Das Pixelbook kostet von 1000 Dollar an. Nach Deutschland kommt es erst einmal nicht.

Quelle: FAZ.NET
Marco Dettweiler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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