HDR-Allianz für Fernsehgeräte

Ein Plus für mehr Kontrast

Von Wolfgang Tunze
 - 10:40

Schwarze Bühne, gleißende Spotlights, im Vordergrund der dunkel gewandete Solist mit seinem golden strahlenden Saxophon – das ist ein klassischer Fall für HDR.

Das Kürzel steht für „High Dynamic Range“ und meint Techniken, mit denen sich Bilder wenigstens annähernd so einfangen und wiedergeben lassen, wie wir sie im wirklich wahren Leben sehen – nämlich mit einem gewaltigen Umfang an Helligkeitsabstufungen. In der Fotographie löst man das Problem mit mehreren Aufnahmen des Motivs in unterschiedlichen Belichtungsstufen, die am Ende zu einem Bild zusammengerechnet werden. Bewegte Bilder kann man nach diesem Prinzip nicht herstellen; hier gilt es, die Eigenschaften von Aufnahme- und Wiedergabegeräten so weit wie möglich auszureizen und passende Regeln für die gesamte Produktions- und Wiedergabekette zu definieren.

Ebendies geschieht derzeit mit hohem Marketing-Aufwand in den Welten von Videoproduktion und Fernsehgeräten. Gleich drei verschiedene Standards und Regelwerke waren bisher im Umlauf – Dolby Vision, HDR10 und Hybrid Log Gamma. Seit der IFA Anfang September wissen wir: Es könnte sich noch ein weiterer Standard etablieren, der auf den Namen HDR10+ hört. Samsung hat seine Spezifikationen entwickelt, seit der IFA ist auch Panasonic mit im Boot, ebenso das Filmstudio 20th Century Fox, und aus der Gerüchteküche ist zu hören, dass sich auch Philips dem vorerst noch überschaubaren Lager um HDR+ anschließen will. All dies klingt zunächst einmal verwirrend. Wie viel Medientechnik müssen wir lernen, um da noch durchzublicken?

Daraus leitet sich die Ziffer 10 im Standard HDR10 ab

Ein wenig Grundsätzliches vorab: Damit Bildschirme HDR-Bilder überhaupt angemessen in Szene setzen können, müssen sie eine bestimmte Spitzenhelligkeit erreichen; für klassische LCD-Bildschirme gelten 1000 Nits (das ist die Maßeinheit für Helligkeit) als untere Grenze. Und sie müssen die bewegten Bilder mit 10 Bits verarbeiten, um die nötigen Feinabstufungen auf der weiten Helligkeitsskala darstellen zu können. Daraus leitet sich auch die Ziffer 10 im Standard HDR10 ab. Nach seinen Vorgaben werden derzeit die meisten HDR-Filme auf Bluray Discs produziert, praktisch alle HDR-tüchtigen Fernsehgeräte unterstützen seine Spezifikationen.

Wozu braucht man solche Regelwerke überhaupt? Sie legen zum Beispiel fest, welche Helligkeitswerte von den einzelnen Bits repräsentiert werden, geben also den Fernsehern vor, wie sie die Bilddaten interpretieren sollen, um das Qualitätspotential des HDR-Films voll auszuschöpfen. HDR10 legt dazu Metadaten an, die den Video-Datenstrom begleiten und gemeinsam mit ihm über den HDMI-Anschluss ins Fernsehgerät gelangen. Auch dieses Detail ist eine Wissenschaft für sich: Der passende HDMI-Anschluss am Fernseher muss mindestens der Version 2.0a entsprechen; ältere Varianten kommen mit den Metadaten nicht zurecht.

Eine Alternative zu HDR10 ist Dolby Vision. Das Regelwerk der kalifornischen Kino-Spezialisten ist besonders komplex – und erhebt Anspruch auf höhere Zukunftssicherheit: Es bezieht auch künftige Geräte-Umgebungen mit Bildverarbeitung in 12 Bits ein, kann obendrein mit superhellen Zukunfts-Schirmen umgehen, die mit 10 000 Nits das Wohnzimmer erleuchten, und vor allem: Es beschreibt die ebenfalls in Metadaten kodierten Relationen von Signal-Bits und Bildhelligkeit dynamisch, also in Abhängigkeit vom Bildinhalt. Die Festlegungen von HDR10 dagegen gelten für den ganzen Film vom ersten bis zum letzten Bild. Dolby Vision ist somit weit anspruchsvoller, hat aber für Medienproduzenten und Gerätehersteller einen Haken: Es ist mit entsprechend sportlichen Lizenzabgaben verbunden.

Updates auch für die Top-Modelle des Jahrgangs 2016

Vor diesem Hintergrund ist Samsungs Vorstoß in Richtung HDR10+ zu verstehen. Die Plus-Variante soll für Systempartner lizenzfrei sein. Der wichtigste technische Unterschied zu HDR10: Die Samsung-Version kann, ebenso wie Dolby Vision, die digitale Bildbeschreibung dynamisch an die Szenerie anpassen. Samsung hatte es offenbar eilig, rechtzeitig zur IFA eine Alternative zu Dolby Vision zu präsentieren, denn so manches Detail ist noch nicht in trockenen Tüchern. Die Bluray Disc Association etwa hat den Standard der Filmscheibe noch nicht für HDR10+ aufgebohrt; das Verfahren kann noch ein paar Wochen, vielleicht auch Monate dauern. Unklar ist auch: Genügt die derzeit jüngste HDMI-Version 2.0b, um die Metadaten von HDR10+ zu transportieren? Oder müssen erst Anschlüsse der Folgeversion 2.1 in Fernsehgeräten und Bluray-Playern stecken? Klar dagegen ist offenbar: Aufrüstungen von Fernsehgeräten auf HDR10+ lassen sich mit Software-Updates bewerkstelligen. So hat Samsung angekündigt, nicht nur seine IFA-Neuheiten mit HDR10+ auszustatten; Updates sollen auch die Top-Modelle des Jahrgangs 2016 auf das Plus-Niveau heben.

Und wie steht es mit Hybrid Log Gamma? Dieses System ist nicht in die beschriebenen Wettbewerbsszenarien verwickelt. Es entstand in der Rundfunkwelt und kommt ohne Metadaten aus, braucht also keine Standard-Erweiterungen von Transportwegen und Schnittstellen und ist insofern unkompliziert. Hybrid Log Gamma wird derzeit für Fernseh- und Streaming-Produktionen eingesetzt, Panasonic bietet für seine Top-Kamera Lumix GH5 sogar ein Software-Update an, das Hybrid Log Gamma unterstützt.

Was macht aber König Kunde, wenn er sich von all diesen Technik-Debatten überfordert fühlt? Er bewahrt am besten die Ruhe. Allein schon mit dem etablierten HDR10 hat man eine tragfähige Lösung; viele Geräte bieten zusätzlich noch Dolby Vision an, und manche, die aktuellen TV-Flaggschiffe von LG zum Beispiel, unterstützen gleich drei Standards.

Schließlich: Wenn die Metadaten-Interpretation mit dem einen oder anderen Film nicht funktioniert, kann der Fernseher die Konserve trotzdem zeigen. Dann gelingt ihm sicher nicht die perfekte Interpretation nach allen Regeln der Kunst; viele der HDR-tauglichen Fernseher-Modelle haben aber automatische Helfer an Bord, die ohnehin drauf achten, dass der hohe Kontrastumfang des Bildschirms möglichst sehr gut ausgenutzt wird, auch wenn die Video-Bilder nur in Standard-Dynamik an den HDMI-Eingang gelangen.

Quelle: F.A.Z.
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