10 Jahre Jubiläum

Zeit für ein ganz besonderes iPhone

Von Michael Spehr
 - 10:01
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Zwei oder drei neue iPhone-Modelle wird Tim Cook an diesem Dienstag in Kalifornien vorstellen. Die alljährliche Veranstaltung in Amerika ist zu einem Ritual geworden. Bis zur letzten Minute steigt die Spannung, und wie immer brodelt es in der Gerüchteküche. Womit wird uns Apple in diesem Jahr überraschen? (Liveblog auf FAZ.NET ab 19 Uhr) Die Kult-Veranstaltung ist in diesem Jahr besonders spannend. Denn Apple feiert das zehnjährige Jubiläum des iPhone. Das erste iPhone wurde im Januar 2007 vorgestellt, es kam im Juni auf den amerikanischen und im November 2007 auf den deutschen Markt.

Apple hat das Smartphone nicht erfunden, aber das iPhone war ein Meilenstein. Seit 2007 wurden in aller Welt mehr als eine Milliarde Geräte verkauft. Es gilt als das Smartphone schlechthin, als Referenz, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Ob es das beste Gerät ist, sei dahingestellt. Aber es ist das wichtigste seiner Gattung und für rund zwei Drittel des Apple-Umsatzes verantwortlich.

Die Kalifornier haben mit ihrem ersten Smartphone den gesamten Markt durcheinander gewirbelt. Alteingesessene Marktführer wie Nokia, Blackberry und Motorola wurden Geschichte, und alle Mitbewerber, die fortan bestehen wollten, haben Apples Ideen kopiert. Jedes heute verfügbare Gerät, mit welchem Betriebssystem es auch immer läuft, ist maßgeblich vom iPhone geprägt.

Als Steve Jobs vor zehn Jahren das erste iPhone vorstellte, brachte er das Problem der bestehenden Produkte auf den Punkt: Mini-Tastatur und Stift in Verbindung mit einem kleinen Display boten nur rudimentären Bedienkomfort. Das war die Crux einer Technik, die es schon lange gab, seit Mitte der 90er Jahre. Was Internetbegeisterte faszinierte und antrieb, war vor allem die mobile E-Mail: Unterwegs auf seinen elektronischen Posteingang sehen, lautete der Traum. Communicator hieß bezeichnenderweise das seit 1996 von Nokia hergestellte Referenzgerät für solche Anwendungen; mit seinem Klappmechanismus sah es wie ein Mini-Notebook aus.

Die Smartphones kämpften an vielen Fronten: Man verwendete Flüssigkristall-Anzeigen mit geringer Auflösung in Schwarzweiß. Es gab noch keine paketvermittelten Datennetze im Mobilfunk, wie wir sie heute kennen, sondern man wählte sich für eine Online-Sitzung leitungsgebunden ein. Langsam flossen die Daten ins Telefon, teuer war das zudem. Erste Protokolle für das mobile Internet zeigten die Inhalte des WWW nur in rudimentärer Form, und an Multimedia dachte man kaum.

Das Hauptproblem der Smartphones vor 2007 war jedoch das Betriebssystem. Unternehmen wie Nokia sahen ihre Kernkompetenz in der Herstellung der Telefone in eigenen Fabriken. Die Hardware stand über der Software. Man schleppte alte Entwicklungen mit, viele Marotten waren nur historisch zu erklären. Mit einem Nokia und seinem Symbian-Betriebssystem konnte man 2007 nicht nahtlos vom heimischen W-Lan ins mobile Datennetz wechseln. Man musste manuell Zugangspunkte definieren und je nach Aufenthaltsort von einem zum anderen wechseln. Über ein ebenfalls mit Symbian laufendes Smartphone von Sony Ericsson hieß es hier in „Technik und Motor“: „Es ist total verbastelt, inkonsistent, umständlich in der Bedienung und langsam.“ Die Handhabung wechselte, wenn man die Klappe über dem Display öffnete oder schloss, Menü-Schaltflächen lagen auf verschiedenen Stellen der Anzeige, eine systemübergreifende Logik fehlte.

Jahrelang hatten Fachleute die umständliche Bedienung der damaligen Smartphones kritisiert, aber die Hersteller beschränkten sich auf wenige kosmetische Änderungen.

Niemand hatte den Mut für eine radikale Zäsur. Nokia plusterte sein Portfolio auf, es gab mehrere Dutzend unterschiedlicher Geräte in variierender Bauform. Andere wie LG setzten aufs Handy-TV mit der Idee, dass man mit den damaligen Kleinstbildschirmen unterwegs den Tatort oder das Sportereignis sehen würde.

Aus den Fehlern der Platzhirsche viel gelernt

Als Apple 2007 sein erstes Telefon vorstellte, hatten sie aus den Fehlern der Platzhirsche viel lernen können. Vor zehn Jahren waren zudem wichtige Hürden für das massentaugliche Jedermann-Smartphone überwunden: Es gab UMTS, also schnellen Mobilfunk, zumindest in den Ballungsgebieten. Viele Geräte hatten bereits Kameras mit einer Auflösung von zwei oder drei Megapixel; absehbar war, dass das Smartphone der Zukunft ein Rivale der Digitalkamera werden würde.

2007 war von Whatsapp und anderen Messaging-Diensten noch nicht die Rede, indes das Thema Schreiben und Texterfassung bei allen Herstellern virulent. Die Modelle mit Windows-Betriebssystem hatten häufig eine seitlich ausfahrbare Tastatur, Nokia brachte neben den großen und schweren Communicatoren auch kleinere Modelle mit Flügeltastatur. Musikhören mit dem Handy war weithin präsent, mit dem Walkman-Handy wollte Sony Ericsson an alte Erfolge zu Zeiten der Kassettenspieler anknüpfen. Noch wichtiger indes: 2007 war das Mobilgerät bereits zum unentbehrlichen Alltagsbegleiter geworden, die Umsätze der Hersteller kletterten jährlich um zweistellige Prozentzahlen in die Höhe. Man ging ohne Telefon nicht mehr aus dem Haus, in Deutschland gab es so viele Handy-Verträge wie Einwohner.

Nutzung des mobilen Internet so einfach wie nie

Der Verdienst des iPhone bestand darin, dass es die Nutzung des mobilen Internet so einfach wie nie machte. Es motivierte seine Besitzer, Dinge zu tun, die bis dahin nur ein Nerd mit seinem Telefon erledigt hatte: E-Mails abrufen, Nachrichten lesen, Fotos ansehen und teilen. Heute geht man ohne Smartphone nicht aus dem Haus, und man telefoniert nicht mehr mit ihm, sondern nutzt Apps.

Das schlichte und konsistente Bediensystem war 2007 revolutionär. Fast alles funktioniert von Anfang an reibungslos, schrieben wir damals, „hier herrscht der Primat des Designs und der Bedienung“. Die Multitouch-Gesten mit zwei oder mehr Fingern liefen so glatt und perfekt, dass hochrangige Entwickler von Blackberry, die damals Rim hießen, Motorola, Microsoft und Nokia in internen Diskussionen unmittelbar nach der Apple-Pressekonferenz das iPhone als Fake bezeichneten: Das könne nicht funktionieren, es sei technisch unmöglich.

Wer das iPhone kritisch beleuchtete, als es dann im Sommer 2007 in den amerikanischen und später in den europäischen Handel kam, entdeckte sofort etliche Minuspunkte: Es hakte an vielen Stellen, in den Details war die Konkurrenz leistungsfähiger. UMTS fehlte, das war den meisten Kritikern unverständlich. Man konnte noch nicht einmal auf die E-Mail von bestimmten Unternehmens-Servern zugreifen. Unser Fazit lautete damals: „Alles weglassen, was nicht schick oder kompliziert sein könnte: das ist die Maxime des iPhone. Was es kann, macht es gut. Aber viele selbstverständliche und bei jedem anderem Handy vorhandene Dinge fehlen. Nicht einmal die Fotos der eingebauten 2-Megapixel-Kamera lassen sich drahtlos an Freunde und Bekannte verschicken. Das iPhone ist ein geschlossenes System, ohne die iTunes-Software läuft nichts.“

2007 gab es noch keine Apps und keinen App-Store

Mit vier oder acht Gigabyte nicht erweiterbarem Speicher und einer Display-Auflösung von 480 x 320 Pixel ist das erste iPhone aus heutiger Sichtweise ein Gerät, mit dem man kaum noch etwas anfangen kann. 2007 gab es noch keine Apps und keinen App-Store. Erst im Sommer 2008 wurden mit der zweiten Version des Betriebssystems die Schnittstellen für Entwickler geöffnet. Indes: Die Verkaufszahlen von Apple spielten noch keine Rolle. Als 2009 das dritte Modell (3GS) an den Start ging, hatte sich jedoch die Multitouch- und Gestensteuerung bereits als so eingängig erwiesen, dass nun die ersten Plagiate mit Touchscreen-Bedienung auftauchten. Ein Nokia 5800 Xpress Music mit Symbian oder ein Samsung SGH-i900 mit Windows Mobile orientierten sich am iPhone, scheiterten als schlechte Kopie jedoch kläglich. Im Februar 2009 kam der erste Androide auf den Markt, und damit begann die „Google klaut von Apple“-Saga. Das heute marktbeherrschende Betriebssystem basiere „auf einem einzigen großen Diebstahl“, sagte Steve Jobs kurz vor seinem Tod 2011.

Wer den Blick nach vorn richten will, fragt nicht nach der Zukunft des iPhone. Das Thema Smartphone ist durch. Die Mitbewerber können heute mehr als nur kopieren. Sie setzen eigene Akzente und liefern für die Hälfte des Preises gute und attraktive Produkte, denen es an nichts fehlt. Außer am Namen. Apple hat zum passenden Zeitpunkt die richtigen Akzente gesetzt. Als Neueinsteiger konnten sie einen bis dahin unentschlossenen Markt formen und eine andere Richtung vorgeben. Sie schnitten viele alte Zöpfe ab und machten aus dem Smartphone ein Produkt für den Massenmarkt. Dazu kamen typische Tugenden wie das unverwechselbare Design, das Produkt aus einem Guss in guter Qualität mit hohem Wiederverkaufswert und nicht zuletzt die Geheimnistuerei, die zur Mythenbildung führt.

Apple war zudem disruptiv in vielerlei Hinsicht. Jahrelang gab es nur ein einziges iPhone, während alle anderen Hersteller auf die breite Auffächerung ihres Portfolios setzten. Die Geräte wurden in Kalifornien entworfen, aber von bis dahin namenlosen Auftragsfertigern in Asien gebaut. Nokia stellte in seinen besten Zeiten so gut wie alle Geräte in acht eigenen Fabriken her. Für das iPhone gibt es 190 Zulieferer an 790 Orten dieser Welt. Keine einzige Produktionsstätte gehört Apple. In vielen Ländern das meistverkaufte Smartphone, ist das iPhone doch nirgends marktbeherrschend. Selbst in den Vereinigten Staaten liegt der Marktanteil des hauseigenen Betriebssystems iOS nur bei 40 Prozent, in Europa sind es unter 20 Prozent. Aber Apple arbeitet so profitabel, dass es 90 Prozent der Gewinne einstreicht, welche die Smartphone-Industrie in aller Welt erwirtschaftet: Die Verkaufspreise werden maximiert, die Produktionskosten minimiert.

Die nächste spektakuläre Geschichte der Technik mit durchschlagender Dynamik und faszinierendem Fortschritt dreht sich weder um das iPad noch um die Smartwatch. Das ist allen Beteiligten klar, auch Apple. Gesucht ist ein Thema, dem bislang Schub und Begeisterung fehlen; ein Thema, das angelegt ist, aber noch nicht durchstarten kann, das auf den entscheidenden Impuls zum Abheben geradezu wartet. Für das nächste große Ding sind also Ideen und Innovatoren gefragt.

Eine ähnliche Fassung dieses Textes hatte FAZ.NET Anfang dieses Jahres veröffentlicht. Anlass war die Keynote von Steve Jobs am 9. Januar 2007, die sich damals zum zehnten Mal jährte.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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